Plan der Königlichen Abtei Chelles (17. Jh.); vorn rechts die erhaltene Doppelkapelle.
Die Abtei Notre-Dame de Chelles (manchmal auch Chelles-Saint-Berthour nach ihrer Stifterin genannt) war ein königliches Kloster in Chelles östlich von Paris. Das 658 neben der Villa Cala, einer Königspfalz der Merowinger aus dem 6.Jahrhundert, gestiftete Kloster blieb ein Hauskloster der fränkischen, dann westfränkischen, dann französischen Könige von den Merowingern bis zu den Bourbonen. Die Äbtissinnen entstammten häufig dem Königshaus. In der Französischen Revolution wurde das Kloster aufgelassen und – bis auf geringfügige Reste – zerstört.
Geschichte
Die Doppelkapellen St. Croix und St. Gorges
Keimzelle der Abtei war die merowingischeVilla Cala (oder Kala). Königin Chrodechild († 544), die Ehefrau von Chlodwig I., hatte ihr bereits eine dem heiligen Georg geweihte Kirche gestiftet. König Chilperich I. († 584) und Königin Fredegunde († 597) residierten hier häufig. Chilperich wurde bei der Jagd in der Nähe der Villa ermordet. Etwa im Jahr 658 wurden die Georgskirche und die Villa Cala durch die Königin Bathilde, Witwe von Chlodwig II., um das Nonnenkloster erweitert. Dabei half eine Bertilla aus der Abtei Notre-Deme de Jouarre. Später trat Bathilde in das Kloster ein und starb im Jahr 680 in Chelles.
Lange Zeit waren fast alle Äbtissinnen Witwen, Töchter oder Schwestern von Kaisern oder Königen, was auf Dauer zum Nachteil der monastischen Disziplin gereichte. Étienne de Senlis und Louis de Beaumont, Bischöfe von Paris, versuchten vergebens, das Kloster zu reformieren, der eine 1134, der andere 1483. Erst 1499, zur Zeit von Bischof Jean Simon, gelang dies durch einen Beschluss des Parlement de Paris: Ab dem Jahr 1500 wurden die Äbtissinnen auf drei Jahre gewählt mit möglicher Wiederwahl. Aber schon 1559 schaffte der König die Wahl wieder ab und ernannte von nun an die Äbtissinnen selbst.
Das Kloster der Benediktinerinnen bestand bis zur Französischen Revolution. Die Abtei Chelles wurde 1790 geschlossen, 1796 als Nationaleigentum verkauft und zerstört. Die Reste des Klosters sind heute Bestandteil der Mairie von Chelles.
Skriptorium
Die Abtei produzierte bereits unter der ersten Äbtissin Berthild Bücher von herausragender Qualität. Sie gehören zu den ältesten und großartigsten Zeugnissen schreibender Nonnen. Das Kloster nahm angelsächsische Schülerinnen auf welche Bücher schrieben die wiederum nach England gingen. Im 7. bis 9. Jh. lieferte die Abtei Bücher an das ganze fränkische Reich. Heute stehen in Paris, Köln, Oxford, St. Gallen und in 17 weiteren Sammlungen 22 Bände und 18 Fragmente aus dem Skriptorium.
Äbtissinnen
Der Kelch von Chelles, der im 7. Jahrhundert von Eligius (Saint Eloi) für die Abtei Chelles angefertigt worden sein soll; er ging in der Revolution verloren (Illustration nach einer Zeichnung, offenbar von André de Saussay, Bischof von Toul († 1627)).Reste des Kreuzganges im heutigen RathausRekonstruktionszeichnung des Dormitoriums der Abtei Chelles im 13. Jahrhundert (Viollet-le-Duc)
Rothild, 912/922 als Äbtissin bezeugt, † 928/929, Tochter von Karl dem Kahlen
Der Versuch Karls des Einfältigen im Jahr 922, die Abtei seiner Tante Rothild zu entziehen und sie seinem Günstling Hagano zu geben, führte zur Absetzung Karls nach einem Aufstand des Adels wohl unter Führung Hugos des Großen, der wiederum der Schwiegersohn Rothilds war.
Über rund 170 Jahre hinweg sind keine Äbtissinnen bekannt
Stele der letzten Äbtissin Anne de Clermont-Chaste
Literatur
Honoré Fisquet: La France pontificale (Gallia Christiana). Paris 1864, Band 2, S. 345–349
Abbé Clément Torchet: Histoire de L’Abbaye Royale de Nôtre-Dame de Chelles. 3 Bände, Paris 1889–94, Nachdruck 2010.
Jean-Pierre Laporte: Le trésor des saints de Chelles (= Bulletin de la Société Archéologique et Historique de Chelles. N. S., Band 8/9). Société Archéologique et Historique de Chelles, Chelles 1989, ISBN 2-9503561-0-9.
Jean-Pierre Laporte:Les reliques de Chelles, une sépulture royale mérovingienne. In: Bulletin de la Société nationale des Antiquaires de France. Nr.1987. Èdition-Diffusion de Boccard, Paris 1989, S.290–303 (persee.fr).
Einzelnachweise
↑Harald Horst, Karen Straub (Hrsg.):Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen. München 2021, S.36–47.
↑Frauen: Weibliche Lebenswelten im Mittelalter: Sommerausstellung 21. April bis 8. November 2026. 1. Auflage. Verlag am Klosterhof, St. Gallen 2026, ISBN 978-3-7965-5638-8, S.43.Fehler in Vorlage:Literatur–*** Parameterproblem: Dateiformat/Größe/Abruf nur bei externem Link
↑„Rothildis, amitæ suæ [regis Karoli], socrus autem Hugonis“ (Flodoard 922, MGH SS III, S. 370), Erläuterung online bei Medieval Lands, gedruckt bei Christian Settipani, La Préhistoire des Capétiens (1993), S. 410