Adele Sandler

Adelheid „Adele“ Sandler (hebräisch אדלה סנדלר; * 23. Februar 1883 in Karlsruhe als Adelheid Straus; † 2. September 1946 in Jerusalem) war eine im Deutschen Kaiserreich geborene und später im Völkerbundsmandat für Palästina lebende Illustratorin, Verlegerin und Unternehmerin.

Kindheit und Jugend

Adele Straus wurde als viertes von neun Kindern von Isabella, geborene Feuchtwanger (1853–1893), und dem Karlsruher Bankier Samuel Straus (1843–1904) geboren. Ihre Geschwister waren Elias „Eli“ (1878–1933), Judith (1877–1881), Gertrude (1879–1940), Fanny (1880–1921), Isak (1881–1933), Albert (1884–1918), Raphael (1887–1947) und Gabor (1888–1914). Ihr Vater engagierte sich in der jüdischen neo-orthodoxen Austrittsgemeinde von Karlsruhe, die 1869/70 als Gegengewicht zur Reformgemeinde gegründet worden war, und unterstützte die Gründung eines Lehr-, eines Armen- sowie eines Krankenhauses. Den Geschwistern wurde von klein auf eine zionistische Grundhaltung vermittelt. 1893 starb die Mutter unerwartet. Die weitere Erziehung und Beaufsichtigung der Kinder übernahm die verwitwete Volksschullehrerin Ida Goitein, geborene Löwenfeld, deren Tochter Rahel bei Familie Straus bereits seit Kindesjahren oft zu Besuch gewesen war. Die Familie Goitein bewohnte ab 1893 die obere Etage im Elternhaus von Adele Straus. Rahel Goitein war eng befreundet mit Adele und deren älteren Schwestern Gertrude und Fanny. Nach dem Tod von Samuel Straus 1904 kümmerte sich der älteste Sohn Eli um seine jüngeren Geschwister Adele, Albert, Raphael und Gabor. Sie siedelten nach Frankfurt am Main über, wo Adeles mittlerweile verheiratete älteste Schwester Gertrude mit ihrem Ehemann Jacob Rosenheim wohnte und Adele eine gute Malschule besuchen konnte. Als Eli und Rahel 1905 heirateten, zog sie mit ihnen nach München.

Weiterer Werdegang

Beim siebten Zionistenkongress in Basel lernte Adele Straus 1905 den aus Breslau stammenden Arzt Aron Sandler (1879–1954) kennen. Dieser hatte erst am Rabbinerseminar zu Berlin studiert und danach Medizin in Königsberg, Berlin und Würzburg, wo er sich um 1900 einem Kreis junger Zionisten anschloss. Nach der Verlobung im November 1906 und ihrer Heirat im Februar 1907 wählten Adele und Aron Sandler Palästina als Ziel ihrer Hochzeitsreise, begleitet von Eli und Rahel, und besuchten dabei auch Ägypten, den Libanon, Smyrna, Konstantinopel, Budapest und Breslau.

Leben in Breslau und Berlin

Adele Sandler und ihr Mann lebten zunächst in Breslau und bekamen drei Kinder. Sohn Raphael wurde 1908, Tochter Judith 1910 und Sohn Ludwig 1913 geboren. Privat beschäftigten sie eine Lehrerin aus Palästina, damit ihre Kinder fließend Hebräisch lernten. 1911 veröffentlichte Adele Sandler ein deutsch-jüdisches Kinderbuch.

Im Jahr 1912 zog das Ehepaar Sandler nach Berlin. Sie gehörten „der zweiten Generation zionistischer Aktivistinnen und Aktivisten im Kaiserreich“ an, pflegten Kontakte und Freundschaften zu Gleichgesinnten und Künstlern, darunter zum Maler Hermann Struck, und führten ihr sozialpolitisches und zionistisches Engagement weiter. Aron Sandler war als Dezernent für Bibliotheks- und Kunstwesen tätig, im Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins und Mitglied des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Adele Sandler setzte ihre bereits in Frankfurt begonnene Sammlungstätigkeit zur Unterstützung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen und Projekte in Palästina fort. Zudem engagierte sie sich im „Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina“. In dem von ihr an ihrer Wohnadresse Droysenstraße 6 in Berlin-Charlottenburg gegründeten Verlag Hajeled veröffentlichte sie mit dem Palästina-Quartett 1922 und einem Palästina-Reisespiel 1921 zwei eigene Kinderspiele sowie ein „Purim-Theaterpiel“ von A. Lessle im Jahr 1925.

Leben im Exil

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 und aufgrund des zunehmenden Antisemitismus emigrierte das Ehepaar 1934 in das Völkerbundsmandat für Palästina und zog in eine Wohnung in Jerusalem. Adele Sandler veröffentlichte nichts mehr, war aber künstlerisch tätig und malte etwa ihre Familienmitglieder. Sie starb im September 1946.

Künstlerische Arbeit und Verlagstätigkeit

Adele Sandlers Arbeiten waren geprägt von der Idee des Zionismus. Sie veröffentlichte ein Bilderbuch, über das die Kritik schrieb:

„Diese Veröffentlichung wird zweifellos einem in vielen jüdischen Familien lebhaft empfundenen Mangel abhelfen. Ein jüdisches Bilderbuch wird da unsern Kindern geboten. ‚Bilder, Verse mancherlei, auch viel Jüdisches dabei!‘ dies ist das Motto des Bilderbuches. Und die Bilder sind gut, die Verse lustig und munter, das Jüdische ist nicht aufdringlich und gibt dem ganzen doch einen Ton von Heimatluft. Und wenn es da in einem Verslein heißt:

Wir bauen uns Jerusalem
Aus bunten Steinen auf…

so kann man hoffen, daß die Kinder, denen unser Judentum in so liebenswürdiger Weise eingeimpft wird, dereinst wirklich helfen werden, unser Volkstum aufzubauen… So sei denn Adele Sandlers jüdisches Bilderbuch unseren Eltern herzlich empfohlen!“

– Jüdische Volksstimme vom 27. September 1911

Ferner gründete Adele Sandler um 1921 ihren eigenen Verlag hebräischer Kinderspiele „Hajeled“, in dem sie zwei eigene Kinderspiele und ein weiteres Spiel verlegte. Als Verlegerin förderte sie einerseits Kinder in ihrem jüdischen Selbstbewusstsein, andererseits auch „eine spielerische, aber doch bewusste Auseinandersetzung mit der problematisch gewordenen, antisemitisch geprägten Gegenwart der Weimarer Republik“. Sie gab „im frühen 20. Jahrhundert wesentliche Impulse zur Entwicklung einer anspruchsvollen und vielschichtigen deutsch-jüdischen Kinderkultur“:

Im Jahr 2025 zeigte das Jüdische Museum Berlin die von Michal Friedlander kuratierte Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne, in der auch Adele Sandler vertreten war. Ihr Kartenspiel Palästina-Quartett befindet sich in den Sammlungsbeständen des Museums.

Publikationen

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Gedenkbuch München. In: Stadtportal München. Abgerufen am 9. Dezember 2025
  2. 1 2 3 4 5 Manja Herrmann: Zionismus und Authentizität. Gegennarrative des Authentischen im frühen zionistischen Diskurs. De Gruyter 2018, S. 179–180
  3. 1 2 3 4 5 6 Julia Schweisthal: Adele Sandler, Künstlerin, Autorin, Verlegerin. Chilufim, Heft 27, 27. Jahrgang 2020, S. 28–33. In: Universität Salzburg. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
  4. 1 2 3 4 Julia Schweisthal: Adele Sandler, Künstlerin, Autorin, Verlegerin:. Chilufim, Heft 27, 27. Jahrgang 2020, S. 34–36. In: Universität Salzburg. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
  5. 1 2 3 Manja Herrmann: Zionismus und Authentizität. Gegennarrative des Authentischen im frühen zionistischen Diskurs. De Gruyter 2018, S. 14
  6. 1 2 3 4 5 6 Julia Schweisthal: Adele Sandler, Künstlerin, Autorin, Verlegerin. Chilufim, Heft 27, 27. Jahrgang 2020, S. 47–56. In: Universität Salzburg. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
  7. 1 2 3 4 Julia Schweisthal: Adele Sandler, Künstlerin, Autorin, Verlegerin. Chilufim, Heft 27, 27. Jahrgang 2020, S. 36–46. In: Universität Salzburg. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
  8. ↑ Adele Sandler: Bilderbuch. In: Jüdische Volksstimme, 27. September 1911, S. 6 (online bei ANNO).
  9. 1 2 Sandler, Adele. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
  10. 1 2 Sandler, Adele, illustrator. In: Leo Baeck Institute. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
  11. ↑ Manja Herrmann: Zionismus und Authentizität. Gegennarrative des Authentischen im frühen zionistischen Diskurs. De Gruyter 2018, S. 214–215
  12. ↑ Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
  13. ↑ Kartenspiel: Palästina-Quartett. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
Personendaten
NAME Sandler, Adele
ALTERNATIVNAMEN Straus, Adelheid; אדלה סנדלר
KURZBESCHREIBUNG Illustratorin, Verlegerin und Unternehmerin
GEBURTSDATUM 23. Februar 1883
GEBURTSORT Karlsruhe
STERBEDATUM 2. September 1946
STERBEORT Jerusalem