Afantasie

Afantasie: Apfel-Test

Afantasie ist die Bezeichnung für das Phänomen eines fehlenden willentlichen bildlichen Vorstellungsvermögens, also für den Zustand, in dem keine mentalen Bilder visualisierbar sind. Es wird jedoch diskutiert, ob sich der Begriff auf andere Sinnesmodalitäten (z. B. auditive Aphantasie) ausweiten lässt. Afantasie kann anhand eines Fragebogens, dem Vividness of Visual Imagery Questionnaire (VVIQ), festgestellt werden, wo das Testergebnis auf einer Skala von 16–80 Punkten aufzufinden ist. Im Allgemeinen wird ein Ergebnis unter 32 Punkten als Afantasie und ein Ergebnis von 16 Punkten als totale Afantasie beschrieben. Ein Ergebnis von 75–80 wird als Hyperfantasie eingestuft.

Der Begriff Afantasie (von griechisch α- a- [Verneinungspartikel] und φαντασία phantasía „Erscheinung“, „Vorstellung“, „Traumgesicht“, „Gespenst“) geht auf Adam Zeman von der Universität Exeter zurück. Schätzungsweise sind ca. vier Prozent der Bevölkerung von Afantasie betroffen.

Afantasie ähnelt anderen nicht sichtbaren Behinderungen, wie beispielsweise der Gesichtsblindheit, Alexie und Amusie. Anders als diese wurde Afantasie jedoch bisher nicht mit Leidensdruck oder stärkeren Funktionsdefiziten in Verbindung gebracht, weswegen es als kognitive Normvariante eingestuft wird.

Geschichte und Forschung

Das Phänomen wurde 1880 erstmals von Francis Galton beschrieben. Galton beabsichtigte, „die verschiedenen Grade der Lebendigkeit zu definieren, mit denen verschiedene Personen die Fähigkeit haben, sich an vertraute Szenen unter der Form von geistigen Bildern zu erinnern“. Zu diesem Zwecke bat er seine Kollegen, an ihren Frühstückstisch zu denken und die Lebhaftigkeit ihrer Eindrücke zu beschreiben. Er fand heraus, dass die Fähigkeiten dazu sehr unterschiedlich waren; einige Einzelpersonen konnten sich ein geistiges Bild absolut realistisch und detailliert vorstellen, während andere nur ein sehr schwaches oder überhaupt kein Bild sahen.

Im Jahr 1897 berichtete der Psychologe Théodule-Armand Ribot von einer Art „typografischer visueller Vorstellung“, bei der Ideen gedanklich in Form der entsprechenden gedruckten Wörter gesehen werden. Wie Jacques Hadamard es paraphrasierte:

Ribots erste Entdeckung dieser Art betraf den Fall eines Mannes, den er als bekannten Physiologen bezeichnet. Für diesen Mann waren selbst die Wörter „Hund, Tier“ (obwohl er unter Hunden lebte und täglich an ihnen experimentierte) nicht mit einem Bild verbunden, sondern wurden von ihm als gedruckt wahrgenommen. Ebenso sah er, wenn er den Namen eines engen Freundes hörte, diesen gedruckt vor sich und musste sich anstrengen, um das Bild dieses Freundes zu sehen... Darüber hinaus können Menschen, die laut Ribot dem typografisch-visuellen Typ angehören, sich nicht vorstellen, wie die Gedanken anderer Menschen anders ablaufen können.

2010 veröffentlichte Adam Zeman den Fall eines Mannes, der sein bildliches Vorstellungsvermögen nach einer Operation verloren hatte. Danach wurde er von einer Reihe weiterer Personen angesprochen, die behaupteten, ihr gesamtes Leben lang nie diese Fähigkeit besessen zu haben.

Im Jahr 2015 veröffentlichten Zeman und seine Kollegen den namensgebenden Artikel zur sogenannten angeborenen Afantasie. Sie fanden unter anderem heraus, dass manche Menschen mit Afantasie in Bildern träumen können. Dies legt den Schluss nahe, dass nur das willentliche Vorstellungsvermögen betroffen ist. In deren Publikation verwendeten sie den "Vividness of Visual Imagery Questionnaire (VVIQ)", welches im Jahr 1973 von David Marks entwickelt wurde für die Messung des Qualität der Bildlichen Vorstellung.

Im Jahr 2017 wurde in einer Studie die sensorische Kapazität mentaler Bilder mithilfe von binokularer Rivalität (BR) und bildbasiertem Priming gemessen. Dabei zeigte sich, dass bei der Aufforderung, sich einen Reiz vorzustellen, die selbstberichteten Afantasiker fast kein Wahrnehmungspriming erlebten, im Gegensatz zu denjenigen, die höhere Werte bei der Bildvorstellung angaben und bei denen das Wahrnehmungspriming eine Wirkung zeigte.

2018 ergab eine Studie zur Analyse des visuellen Arbeitsgedächtnisses einer Person mit Afantasie, dass mentale Bilder eine „funktionale Rolle in Bereichen der visuellen Kognition spielen, zu denen auch das hochpräzise Arbeitsgedächtnis gehört“, und dass die Person mit Afantasie bei Tests des visuellen Arbeitsgedächtnisses, die ein Höchstmaß an Präzision erforderten, deutlich schlechter abschnitt als die Kontrollgruppe und keine metakognitive Einsicht in ihre Leistung hatte.

In Deutschland hat sich seit 2020 das Aphantasia Research Project Bonn unter Leitung von Merlin Monzel an der Universität Bonn etabliert. Dieses konnte unter anderem Auswirkungen von Afantasie auf Aufmerksamkeitsprozesse, das Gedächtnis, die Gesichtserkennung und die emotionale Reaktivität auf verbale Reize feststellen. Eine geringere emotionale Reaktivität auf verbale Reize zeigt sich zudem auch in physiologischen Parametern wie der Hautleitfähigkeit.

Stand 2022 existieren mehrere Erklärungsmodelle für die Ursache von Afantasie. Eines geht von einer Kommunikationsstörung zwischen dem Frontallappen (vorderer Teil des Gehirns) zum Okzipitallappen (hinterer Teil des Gehirns) aus. Der Wille, sich etwas bildhaft vorzustellen, entsteht im Frontallappen, das vorgestellte Bild entsteht im Okzipitallappen. Eine andere Theorie vermutet eine Überaktivierung im Okzipitallappen, die andere Signale überdeckt. Das Signal aus dem Frontallappen ist in diesem Fall nicht ausreichend, um die Grundaktivierung zu übertönen. Afantasie kann zudem durch Operationen, Hirnverletzungen oder Traumata ausgelöst werden.

Menschen mit Afantasie arbeiten eher in mathematisch-naturwissenschaftlichen und IT-Berufen. Sie haben ein stärkeres räumliches Vorstellungsvermögen, aber weniger Erinnerungen an ihre Lebensgeschichte und sind seltener synästhetisch.

Im Jahr 2024 untersuchte ein Forschungsteam unter der Leitung von Jonathan Rhodes von der University of Plymouth die Vorstellungskraft von über 300 Sportlern und identifizierte dabei eine kleine Gruppe von 27 Personen, die an Afantasie litten oder über eine geringe Vorstellungskraft verfügten. Die Forscher entwickelten ein sechswöchiges Trainingsprogramm zur Verbesserung der Vorstellungskraft und stellten fest, dass diese bei der Mehrheit der Teilnehmer deutlich gesteigert werden konnte. Darüber hinaus bestätigte die Folgestudie von Keogh und Pearson mit über 50 Teilnehmern das Fehlen sensorischer Vorstellungskraft bei Aphantasie und lieferte damit weitere Belege für dieses Forschungsgebiet. Zeman schlägt zudem vor, dass Veränderungen in der Konnektivität zwischen dem frontoparietalen und dem visuellen Netzwerk die neuronale Grundlage für extreme Unterschiede in der visuellen Vorstellungskraft bilden könnten. Einige Menschen mit Aphantasie haben nach der Einnahme von Psychedelika wie Ayahuasca oder Psilocybin visuelle mentale Bilder entwickelt. Es gibt auch Forschungen zur multisensorischen Aphantasie, bei der Menschen ein Defizit an mentalen Bildern in anderen Bereichen wie Hören, Tasten, Riechen, Schmecken, Bewegung usw. aufweisen.

Weitere Studien zu Afantasie sind in Planung.

In der Popkultur

Im April 2016 veröffentlichte der Softwareentwickler Blake Ross auf Facebook ein Essay, in dem er seine eigenen Erfahrungen mit Afantasie beschreibt sowie seine Erkenntnis, dass nicht jeder diese Erfahrungen teilt. Seine Darstellung erfuhr weite Verbreitung in den sozialen Medien.

Edwin Catmull ist der Co-Gründer von Pixar und ehemaliger Präsident der Walt Disney Animation Studios. Catmull befragte 540 Kollegen bei Pixar zu ihrer mentalen Visualisierung und stellte fest, dass die Produktionsleiter tendenziell über eine ausgeprägtere Vorstellungskraft verfügten als die Künstler.

Lynne Kelly ist eine australische Autorin zum Thema Gedächtnisstützen und Gedächtnistechniken. Kelly hat berichtet, dass sie an Aphantasie leidet, merkt jedoch an, dass sie dennoch persönliche Gedächtnistechniken wie den Gedächtnispalast anwendet, von denen man gemeinhin annimmt, dass sie auf dem visuellen Gedächtnis beruhen.

Aldous Huxley ist ein englischer Schriftsteller und Philosoph, der in seinem Werk „Die Pforten der Wahrnehmung“ beschrieb, dass ihm zeitlebens fast jegliche visuelle Vorstellungskraft fehlte – ein Bild, das weitgehend mit modernen Beschreibungen von Aphantasie übereinstimmt.

Derek Parfit ist ein britischer Philosoph. Seine Aphantasie könnte sein langjähriges Interesse an der Fotografie beeinflusst haben.

Die Protagonistin im 2017 erschienenen Roman All Things New von Lauren Miller ist eine junge Frau, die Afantasie nach einer traumatischen Hirnverletzung nach einem Autounfall bekam.

2020 gab die Moderatorin und Schauspielerin Bonnie Strange bekannt, dass sie von Afantasie betroffen ist.

2022 hat Merlin Monzel, Leiter eines Forschungsprojektes zum Thema an der Universität Bonn, berichtet, selbst von der Afantasie betroffen zu sein. Er realisierte es zum ersten Mal an einer Hausparty in 2016. Er schreibt, er ist ohne Vorstellungsvermögen auf die welt gekommen.

Siehe auch

Literatur

Commons: Afantasie – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Andrew J. Larner: A Dictionary of Neurological Signs. Fourth Edition Auflage. Springer, 2016, ISBN 978-3-319-29821-4 (englisch).
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  6. 1 2 3 Adam Zeman, Michaela Dewar, Sertio Della Sala: Lives without imagery – Congenital aphantasia. In: Cortex. Nr. 73, 3. Juni 2015, ISSN 0010-9452, S. 378–380, doi:10.1016/j.cortex.2015.05.019, PMID 26115582 (englisch).
  7. ↑ C.J. Dance, A. Ipser, J. Simner: The prevalence of aphantasia (imagery weakness) in the general population. In: Consciousness and Cognition. Band 97, Januar 2022, S. 103243, doi:10.1016/j.concog.2021.103243 (englisch, Online [abgerufen am 24. August 2023]).
  8. ↑ Louis Wolcher: The Ethics of Justice Without Illusions. 2016, ISBN 978-1-317-51834-1 (englisch).
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  12. ↑ Théodule Ribot: L'évolution des idées générales: 1897 (= Encyclopédie psychologique). Reproduction en fac-similé Auflage. l'Harmattan, Paris Budapest Kinshasa [etc.] 2006, ISBN 978-2-296-02334-5, S. 143 (französisch).
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  15. ↑ Adam Zeman, Sergio Della Sala, Lorna A. Torrens, Viktoria-Eleni Gountouna, David McGonigle, Robert H. Logie: Loss of imagery phenomenology with intact visuo-spatial task performance: A case of ‘blind imagination’. In: Neuropsychologia. Band 48, Nr. 1, 1. Januar 2010, S. 145–155, doi:10.1016/j.neuropsychologia.2009.08.024 (englisch).
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