Agroforstwirtschaft

Kulturbaumpark mit Anabäumen und Borassus akeassii nahe Banfora in Burkina Faso (2004)

Agroforstwirtschaft (englisch agroforestry oder agroforesting) bezeichnet ein (teils mehrstöckiges) landwirtschaftliches Produktionssystem, das Elemente des Ackerbaus und der Tierhaltung mit solchen der Forstwirtschaft kombiniert.

Sowohl mehrjährige Bäume wie Obstbäume, Palmengewächse oder Nutzhölzer als auch einjährige landwirtschaftliche Nutzpflanzen werden auf derselben Fläche integriert.

Agroforstwirtschaftliche Systeme werden insbesondere in Gebieten, die natürlicherweise von tropischem Regenwald bewachsen sind, als ökologisch vorteilhaft gegenüber einer kompletten Rodung angesehen. Sie sind artenreich, stabilisieren den Wasserhaushalt und schützen den Boden vor Erosion und Degradation. Allerdings ist die Vermarktung der Produkte aufgrund ihrer Vielfalt und der eher geringen Erträge oft schwierig, was die Wirtschaftlichkeit solcher Systeme beeinträchtigt.

Definition und Merkmale

Agroforstwirtschaft ist die bewusste Einbeziehung von Bäumen und Sträuchern in der Landwirtschaft. Dabei fokussiert sich die Landnutzung auf mehrjährige Holzpflanzen und landwirtschaftliche Nutzpflanzen oder Tiere.

Als wesentliches Kriterium für die Qualifizierung eines Landnutzungssystems als Agroforstsystem wird zumeist die gleichzeitige Nutzung einer Kombination von Gehölzen mit Acker- oder Tierhaltung und die hierdurch gezielte Erzeugung von für die landwirtschaftliche Produktion vorteilhaften Wechselwirkungen zwischen den Einzelkomponenten herangezogen.

Darüber hinaus werden Agroforstsysteme nach Nair (1985) entsprechend ihren Haupt-Komponenten unterteilt in:

Vorteile der Agroforstwirtschaft

Nachteile der Agroforstwirtschaft

Forschung in Europa

Ein Forschungsprogramm der Europäischen Union hat sich in den letzten Jahren auch für Europa mit der Möglichkeit der Kombination einjähriger Ackerkulturen und Baumkulturen (mit sehr langen Umtriebszeiten) beschäftigt. Die Forscher kamen zum Ergebnis, dass durch die Agroforstwirtschaft erhebliche Mehrerträge von bis zu 30 % realisiert werden können. Die Produktion einer mit einer Mischung aus Pappeln und Weizen kultivierten Fläche von einem Hektar entspricht der Produktion, die im getrennten Anbau nur bei einem Flächenverbrauch von 1,3 Hektar möglich würde (0,9 ha Weizen und zusätzlich 0,4 ha Pappeln). Erfolgreich wird dabei das kombinierte Agrarforstsystem beim gleichzeitigen Anbau von Stickstoff bindenden Gehölzpflanzen und Ackerpflanzen. Teilweise werden dabei die Bäume in Reihen gepflanzt (mit drei, vier oder auch zehn Meter Abstand); in den Zwischenräumen werden bei einem solchen Alley cropping die landwirtschaftlichen Nutzpflanzen angebaut.

Das World Agroforestry Centre wurde 1978 gegründet (damals International Centre for Research in Agroforestry: ICRAF), um Forschung und Informationsaustausch zum Thema Agroforstwirtschaft zu fördern. Es verfolgt das Ziel, zu Armutsreduzierung und Ernährungssicherung durch ökologisch angepasste Produktionsweisen beizutragen. Auch beim französischen Institut national de la recherche agronomique ist eine Forschungsgruppe angesiedelt. Im Vereinigten Königreich ist insbesondere der Agroforestry Research Trust und dessen Direktor Martin Crawford zu nennen. In Deutschland befinden sich Forschergruppen an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Georg-August-Universität Göttingen und der TU Dresden.

Im Rahmen des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) wird die Ersteinrichtung von Agrarforstsystemen auf landwirtschaftlichen Flächen gefördert.

Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft (DeFAF)

Um das Potential der Agroforstwirtschaft in Deutschland besser zu nutzen, wurde 2019 der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft e. V. als eingetragener Verein gegründet.

Der Verband sieht seine Aufgabe darin, die administrativen und politischen Rahmenbedingungen für die Agroforstwirtschaft in Deutschland zu verbessern. Als gemeinnütziger Verband möchte diese Organisation agroforstwirtschaftlich interessierte Akteure aus allen Lebensbereichen untereinander und mit Landwirten, Wissenschaftlern und Vertretern der Verwaltung und anderer Verbände vernetzen und über die Agroforstwirtschaft in Deutschland informieren. Die Arbeit des Verbandes ist an keine bestimmte landwirtschaftliche Bewirtschaftungsweise gebunden.

Ein Ziel ist die Verankerung einer eindeutigen Definition für Agroforstwirtschaft in Gesetzen und die daraus resultierende Möglichkeit für Förderungsprogramme und Unterstützung durch den Bund.

Siehe auch

Literatur

Fachzeitschrift:

Commons: Agroforstwirtschaft – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ waldwissen.net
  2. ↑ Volkart Wildermuth: Ackern unter Bäumen: Das Konzept der Agroforstwirtschaft. In: Deutschlandfunk.de. 15. Juli 2012, abgerufen am 14. Juni 2019.
  3. ↑ https://www.worldagroforestry.org/. Abgerufen am 16. März 2021 (englisch).
  4. ↑ Judith Vogt: Agroforstwirtschaft – eine mögliche Bereicherung der Landnutzungsformen in zwei ausgewählten Regionen. 1999.
  5. ↑ Vgl. auch Burkhard Kayser: Definitionen zur Agroforstwirtschaft. In: agroforst.de, 23. Mai 2018, abgerufen am 15. Juni 2020.
  6. ↑ Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft e. V. (DeFAF): Offizielle Website. Abgerufen am 15. Juni 2020.
  7. ↑ P. K. R. Nair: Classification of Agroforestry Systems. In: Agroforestry Systems. Band 3, Nr. 2, 1985, S. 97–128.
  8. ↑ Reinhard Hüttl (Hrsg.): Zum Stand der Humusversorgung der Böden in Deutschland (= Cottbuser Schriften zur Ökosystemgenese und Landschaftsentwicklung. Band 7). Forschungszentrum Landschaftsentwicklung und Bergbaulandschaften, Cottbus 2008, ISBN 978-3-937728-09-4, S. 95.
  9. ↑ Daniel Bakir: "Kilometerweite Agrarwüste": Warum die moderne Landwirtschaft schlecht für den Menschen ist. In: Stern. 24. September 2020, abgerufen am 24. Januar 2021.
  10. ↑ W. Amelung, D. Bossio, W. de Vries, I. Kögel-Knabner, J. Lehmann: Towards a global-scale soil climate mitigation strategy. In: Nature Communications. Band 11, Nr. 1, 27. Oktober 2020, ISSN 2041-1723, S. 5427, doi:10.1038/s41467-020-18887-7 (nature.com [abgerufen am 24. Januar 2021]).
  11. ↑ Einführung: Introduction à l'Agroforesterie. In: Inra.fr, ohne Datum, abgerufen am 14. Juni 2019 (französisch).
  12. ↑ Homepage: The Agroforestry Research Trust. Abgerufen am 14. Juni 2019 (englisch).
    Autorenporträt: Martin Crawford. (Memento des Originals vom 29. Mai 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. In: greenbooks.co.uk, 2019, abgerufen am 14. Juni 2019 (englisch).
  13. ↑ Heinrich Spiecker: Multifunktionale Bewertung von Agroforstsystemen. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, abgerufen am 2. Januar 2024.
  14. ↑ Selbstdarstellung: Wir über uns – Lin2value. In: http://lin2value.uni-goettingen.de./ Ohne Datum (2015?), abgerufen am 14. Juni 2019.
  15. ↑ Siehe Artikel 23 der Verordnung (EU) Nr. 1305/2013 vom 17. Dezember 2013 über die Förderung der ländlichen Entwicklung durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER), abgerufen am 14. Juni 2019.
  16. ↑ Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft: Webseite des Verbandes Ein Jahr danach. In: agroforst-info.de. Abgerufen am 27. August 2020.
  17. ↑ Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft: Leitbild und Ziele. In: agroforst-info.de. Abgerufen am 27. August 2020.
  18. ↑ Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft: Sechs Punkte: Strategische Ziele des Verbandes vom 5. Mai 2020. In: agroforst-info.de. Abgerufen am 27. August 2020.