Agroforstwirtschaft (englischagroforestry oder agroforesting) bezeichnet ein (teils mehrstöckiges) landwirtschaftliches Produktionssystem, das Elemente des Ackerbaus und der Tierhaltung mit solchen der Forstwirtschaft kombiniert.
Agroforstwirtschaftliche Systeme werden insbesondere in Gebieten, die natürlicherweise von tropischem Regenwald bewachsen sind, als ökologisch vorteilhaft gegenüber einer kompletten Rodung angesehen. Sie sind artenreich, stabilisieren den Wasserhaushalt und schützen den Boden vor Erosion und Degradation. Allerdings ist die Vermarktung der Produkte aufgrund ihrer Vielfalt und der eher geringen Erträge oft schwierig, was die Wirtschaftlichkeit solcher Systeme beeinträchtigt.
Definition und Merkmale
Agroforstwirtschaft ist die bewusste Einbeziehung von Bäumen und Sträuchern in der Landwirtschaft. Dabei fokussiert sich die Landnutzung auf mehrjährige Holzpflanzen und landwirtschaftliche Nutzpflanzen oder Tiere.
Als wesentliches Kriterium für die Qualifizierung eines Landnutzungssystems als Agroforstsystem wird zumeist die gleichzeitige Nutzung einer Kombination von Gehölzen mit Acker- oder Tierhaltung und die hierdurch gezielte Erzeugung von für die landwirtschaftliche Produktion vorteilhaften Wechselwirkungen zwischen den Einzelkomponenten herangezogen.
Darüber hinaus werden Agroforstsysteme nach Nair (1985) entsprechend ihren Haupt-Komponenten unterteilt in:
Agrosilvopastorale Systeme – Bäume mit Ackerkulturen und Tierhaltung
Vorteile der Agroforstwirtschaft
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Verringerung des Nährstoffaustrags, der sich dadurch erklärt, dass über die – im Vergleich zu kurzlebigen Ackerkulturen – über die Bäume und Sträucher eine große Menge Wurzelexudate ausgeschieden werden, die die Bodenorganismen nähren und ihrerseits Dauerhumus aufbauen, der mit seinen zahlreichen Poren – diese tragen auch zum Gasaustausch im Boden bei, was wiederum den aeroben Bodenorganismen zugutekommt – die Nährstoffe gut speichern kann.
Lebensraum für Tiere (Nützlinge und Schädlinge; je größer die Artenvielfalt, desto weniger störanfällig ist ein Ökosystem häufig).
Verringerung der Bodenerosion eines Feldes durch den Windwiderstand der Bäume (damit auch gleichzeitig Verdunstungsverringerung; mehr Wind in Bodennähe führt zu stärkerer Verdunstung).
Bäume und ihre Wurzeln erleichtern das Eindringen von Wasser in den Boden und erhöhen so die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens. Sie tragen zur Verminderung von Wassererosion und Gewässerverschmutzung durch landwirtschaftliche Düngemittel sowie zur Überschwemmungsprävention bei, indem sie den Oberflächenabfluss nach Regenfällen minimieren.
Erhöhte Beschattung durch Bäume
dient bei kombinierter Tierhaltung (z.B. Weideland mit Bäumen) dem Schutz und Wohlbefinden der Tiere,
kühlt im Sommer den Boden, was die Verdunstung verringert (vor allem bei größeren Bäumen; wichtiger Faktor in trockenen Gebieten) und Bodenorganismen vor Hitze schützt.
Über die Wurzeln transportieren Bäume Bodenwasser zu den Blättern, wo es verdunstet. Die Verdunstungskälte kühlt die Luft ab und verringert sommerlichen Hitzestress. Das verdunstete Wasser trägt zur Wolkenbildung bei.
Die Wurzeln der Bäume nehmen Nährstoffe aus dem Boden auf, die anschließend mit abfallendem Laub in die Humusschicht gelangen, von Destruenten (Remineralisierern) freigesetzt und von den Nutzpflanzen aufgenommen werden können. Der von den Blättern assimilierte Kohlenstoff gelangt umgekehrt in den Boden und ernährt die Mykorrhizapilze, die Bodenmineralien und Stickstoff für die Pflanzen nutzbar machen. Dieser Nährstoffkreislauf düngt den Bodens ersetzt Kunstdünger.
Neben Nährstoffkreislauf und Humusbildung durch Laubfall und Totholz dienen Bäume und Humus auch als Kohlenstoffspeicher.
Der Verkauf des Holzes als Furnier-, Brenn- oder Bauholz verschafft dem Landwirt zusätzliche Einnahmen gegenüber einer reinen landwirtschaftlichen Nutzung. Bäume in Agroforstsystemen sind wesentlich leichter zugänglich als in reinen Waldgebieten und können dadurch einfacher gepflegt und geerntet werden.
Aufwertung des Landschaftsbildes – Bäume sind ein charakteristischer Bestandteil der traditionellen Kulturlandschaften.
Nachteile der Agroforstwirtschaft
Die Vielzahl der Pflanzenarten und der daraus gewonnenen Produkte bei jeweils verhältnismäßig kleinen Mengen erschwert die Vermarktung und erhöht die Transaktionskosten für die Produzenten.
Landwirte benötigen zusätzlich forst- und waldwirtschaftliches Wissen (Aufzucht, Baumschnitt, Fälltechnik, Vermarktung). Dies kann auch von Vorteil sein, wenn etwa auf Veränderungen reagiert werden muss.
Die Aufzucht der Bäume erhöht den Arbeitsaufwand pro Hektar Feldfläche und Jahr. Dazu zählt auch ein gesteigerter Rangieraufwand für die Erntemaschinen wegen der Bäume.
Forschung in Europa
Ein Forschungsprogramm der Europäischen Union hat sich in den letzten Jahren auch für Europa mit der Möglichkeit der Kombination einjähriger Ackerkulturen und Baumkulturen (mit sehr langen Umtriebszeiten) beschäftigt. Die Forscher kamen zum Ergebnis, dass durch die Agroforstwirtschaft erhebliche Mehrerträge von bis zu 30% realisiert werden können. Die Produktion einer mit einer Mischung aus Pappeln und Weizen kultivierten Fläche von einem Hektar entspricht der Produktion, die im getrennten Anbau nur bei einem Flächenverbrauch von 1,3Hektar möglich würde (0,9ha Weizen und zusätzlich 0,4ha Pappeln). Erfolgreich wird dabei das kombinierte Agrarforstsystem beim gleichzeitigen Anbau von Stickstoff bindenden Gehölzpflanzen und Ackerpflanzen. Teilweise werden dabei die Bäume in Reihen gepflanzt (mit drei, vier oder auch zehn Meter Abstand); in den Zwischenräumen werden bei einem solchen Alley cropping die landwirtschaftlichen Nutzpflanzen angebaut.
Der Verband sieht seine Aufgabe darin, die administrativen und politischen Rahmenbedingungen für die Agroforstwirtschaft in Deutschland zu verbessern. Als gemeinnütziger Verband möchte diese Organisation agroforstwirtschaftlich interessierte Akteure aus allen Lebensbereichen untereinander und mit Landwirten, Wissenschaftlern und Vertretern der Verwaltung und anderer Verbände vernetzen und über die Agroforstwirtschaft in Deutschland informieren. Die Arbeit des Verbandes ist an keine bestimmte landwirtschaftliche Bewirtschaftungsweise gebunden.
Ein Ziel ist die Verankerung einer eindeutigen Definition für Agroforstwirtschaft in Gesetzen und die daraus resultierende Möglichkeit für Förderungsprogramme und Unterstützung durch den Bund.
Johanna Jacobi, Monika Schneider, Stephan Rist: Agroforstwirtschaft als ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Landnutzungsform: Fallbeispiel Kakaoanbau in Bolivien. In: Elemente der Naturwissenschaft. Nr. 100, 2014, S. 4–25 (PDF: 4MB, 22Seiten auf elementedernaturwissenschaft.org).
Burkhard Kayser, Martina Mayus, Georg Eysel-Zahl: Agroforstwirtschaft in Mitteleuropa: Potenziale einer neuen Landnutzungsform für Landwirtschaft und Naturschutz. In: Lebendige Erde. Nr. 3, 2005 (online auf lebendigeerde.de (Memento vom 3. Dezember 2006 im Internet Archive)).
Hans-Jürgen von Maydell: Agroforstwirtschaft: Lexikon und Glossar (deutsch-englisch = Agroforestry). Mitteilungen der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft Hamburg, Nr. 173. Wiedebusch, Hamburg 1993, S. 175.
Wolfgang Zech: Tropen: Lebensraum der Zukunft? Eine Analyse zur Rolle des Bodens aus der Sicht der Geoökologie. In: Geographische Rundschau. Nr. 1, 1997, S. 15.
↑Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft e.V. (DeFAF): Offizielle Website. Abgerufen am 15. Juni 2020.
↑P. K. R. Nair: Classification of Agroforestry Systems. In: Agroforestry Systems. Band 3, Nr. 2, 1985, S. 97–128.
↑Reinhard Hüttl (Hrsg.): Zum Stand der Humusversorgung der Böden in Deutschland (= Cottbuser Schriften zur Ökosystemgenese und Landschaftsentwicklung. Band 7). Forschungszentrum Landschaftsentwicklung und Bergbaulandschaften, Cottbus 2008, ISBN 978-3-937728-09-4, S. 95.
↑W. Amelung, D. Bossio, W. de Vries, I. Kögel-Knabner, J. Lehmann:Towards a global-scale soil climate mitigation strategy. In: Nature Communications. Band11, Nr.1, 27.Oktober 2020, ISSN2041-1723, S.5427, doi:10.1038/s41467-020-18887-7 (nature.com[abgerufen am 24.Januar 2021]).