Akathisie

Klassifikation nach ICD-10
G25.8 Sonstige näher bezeichnete extrapyramidale Krankheiten und Bewegungsstörungen
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Mit Akathisie, auch Tasikinesie (Stehunruhe), Tachykinesie oder Sitzunruhe genannt, wird eine extrapyramidale Hyperkinesie bezeichnet, die sich in einer allgemeinen motorischen Unruhe – bis hin zur Unfähigkeit, still sitzen zu können – äußert. Sie wird zu den Dyskinesien gerechnet. Der durch Medikamente (vor allem Neuroleptika) oder die Parkinson-Krankheit ausgelöste Drang führt zu periodischen Bewegungen, welche die Symptome der Störung jedoch nur kurz zu lindern vermögen. Der Begriff wurde 1901 von dem tschechischen Neuropsychiater Ladislav Haškovec (1866–1944) geprägt.

Symptome

Klassifikation nach ICD-11
8A07.1 Akathisie durch Arzneimittel; Akathisie nicht bedingt durch Arzneimittel
ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion)

Die Akathisie äußert sich subjektiv in einer inneren Unruhe und einem nicht bezwingbaren Bedürfnis, sich zu bewegen. Dies verhindert es, dass die Patienten eine Körperhaltung für längere Zeit beibehalten können. Insbesondere sitzende oder stehende Positionen sind betroffen. Mit Fortschreiten der Krankheit werden stilles Sitzen, Stehen, Liegen oder Schlafen unmöglich. Stattdessen werden repetitive Bewegungen mit Händen oder Füßen bzw. der Gesichtsmuskulatur ausgeführt, die das Bewegungsbedürfnis jedoch nur kurz befriedigen können. Weitere Entlastungshandlungen sind Umherlaufen, Trippeln, wechselndes Beinekreuzen, ständige Gewichtsverlagerungen usw.

Im Stehen kann eine charakteristische Trippelmotorik auftreten. Außer den Bewegungsstörungen können Patienten unter Angst, Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen leiden.

Einordnung

Im AMDP-System (System zur Erstellung des psychiatrischen Befundes) findet sich die Akathisie unter Nr. 137.

Ursache

Akathisie kann insbesondere als Nebenwirkung bei der Gabe von Neuroleptika auftreten, dann typischerweise in der ersten bis siebten Woche. Mit höherer Dosis steigt das Risiko, auch bei schneller Dosissteigerung. Bei dem Antipsychotikum Aripiprazol wird es als häufigste Nebenwirkung angegeben (mehr als drei Prozent der Patienten).

Auch bei Drogenmissbrauch von GHB (Szenename Liquid Ecstasy) ist Akathisie beschrieben. Weiterhin kann sie Folge einer neurologischen Erkrankung sein, insbesondere im frühen Stadium der Parkinson-Krankheit.

Man unterscheidet eine akute, chronische und tardive Form. Eine Pseudoakathisie liegt vor, wenn der Patient trotz entsprechender Symptomatik subjektiv keine Beschwerden, also keine innere Unruhe, verspürt.

Abgrenzung (Differentialdiagnose)

Das Restless-Legs-Syndrom tritt im Gegensatz zur Akathisie vor allem im Liegen auf.

Akathisie, bei der die Patienten gequält und sehr unruhig wirken können, darf nicht mit einer Verschlechterung der Grundkrankheit verwechselt werden (die dann ärztlicherseits mit einer Dosiserhöhung behandelt wird).

Behandlung

Es wird eine Umsetzung des Neuroleptikums auf ein anderes Medikament aus dieser Stoffgruppe empfohlen, v. a. Clozapin. Auch eine Verringerung der als möglicherweise auslösend wirkenden Neuroleptika-Dosen kann die Symptome bessern, falls nicht ganz auf die Neuroleptika verzichtet werden kann. Die zusätzliche Gabe eines Anticholinergikums wie z. B. Biperiden wird in der Praxis ebenfalls angewendet (vor allem bei gleichzeitig bestehender Parkinson-Krankheit), hat jedoch eine schwächere Wirkung.

Die beste Evidenz und klinische Erfahrung sprechen derzeit für niedrig dosierte 5-HT2A-Rezeptorantagonisten wie Mirtazapin, Mianserin und Trazodon oder Betablocker. Mit Rücksicht auf das Nebenwirkungs- und Wechselwirkungsprofil ist niedrig dosiertes Mirtazapin zu empfehlen.

Zur Akutbehandlung können Benzodiazepine gegeben werden (keine Dauertherapie). Die tardive Form ist nur sehr schwer therapierbar, daher spielt die Prophylaxe hier eine große Rolle: langdauernde Neuroleptika-Therapien müssen sorgsam geplant werden.

Etymologie

Akathisie leitet sich vom altgriechischen Verb καθίζειν kathízein „sich setzen“, „sitzen“ ab, dem ein die Bedeutung umkehrendes Alpha privativum vorangesetzt ist. Wörtlich bedeutet Akathisie also die Unfähigkeit zu sitzen.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1 2 Dieter Ebert: Psychiatrie systematisch. 10. Auflage. Uni-Med, Bremen 2021, ISBN 978-3-8374-1617-6, S. 352.
  2. ↑ Martin Brüne, Perminder S. Sachdev: Ladislav Haškovec and 100 Years of Akathisia. In: American Journal of Psychiatry. 159, 2002, S. 727, doi:10.1176/appi.ajp.159.5.727.
  3. ↑ Pavel Mohr, Jan Volavka: Ladislav Haskovec and akathisia: 100th anniversary. In: British Journal of Psychiatry. 181, 2002, S. 537, doi:10.1192/bjp.181.6.537-a.
  4. ↑ Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System. Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes. 11. Auflage. hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3157-1, S. 189
  5. 1 2 3 4 Matthias J. Müller, Francesca Regen (Hrsg.): Benkert/Hippius Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie. 15. Auflage. Springer, Berlin 2026, ISBN 978-3-662-72451-4, S. 349.
  6. ↑ Peter P. Urban: Klinisch-neurologische Untersuchungstechniken. Thieme, Stuttgart/New York 2012, ISBN 978-3-13-159901-8, S. 198.
  7. ↑ Dieter Ebert: Psychiatrie systematisch. 10. Auflage. Uni-Med, Bremen 2021, ISBN 978-3-8374-1617-6, S. 182.
  8. ↑ Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München/Wien 1965.