Akephalie (von griechisch ἀκέφαλος aképhalos „ohne Haupt“) bezeichnet in der Politikethnologie eine politische Organisationsform traditioneller menschlicher Gesellschaften ohne dauerhaft institutionalisierte zentrale Herrschaftsinstanz. Politische Entscheidungen werden dabei häufig im gemeinsamen Diskurs gefunden und durch Konsens getroffen. Akephalie bezeichnet insofern Herrschaftsfreiheit im Sinne des Fehlens einer solchen Zentralinstanz, bedeutet aber weder Führungslosigkeit noch notwendigerweise soziale Gleichheit: Auch akephale Gesellschaften können anerkannte Führungsrollen sowie Unterschiede hinsichtlich Macht, Prestige oder Besitz aufweisen.
Kennzeichnend für akephale Gesellschaften ist, dass politische Macht nicht dauerhaft in einer übergeordneten Person oder Institution mit verbindlicher Befehls- und Erzwingungsgewalt konzentriert ist. Einfluss können dennoch beispielsweise Älteste, Vermittler oder aufgrund besonderer Fähigkeiten angesehene Personen besitzen; Führungsrollen sind häufig situationsbezogen und beruhen eher auf persönlicher Autorität und Überzeugungskraft als auf formalisierten Herrschaftsrechten. Nach der Definition des deutschen Ethnologen und Soziologen Christian Sigrist sind segmentäre Gesellschaften eine Form akephaler Gesellschaften: Sie sind in gleichrangige, sich weiter untergliedernde Gruppen gegliedert und „politisch nicht durch eine Zentralinstanz organisiert“; für diese Form gesellschaftlicher Ordnung prägte Sigrist den Begriff der regulierten Anarchie. Der deutsche Soziologe Thomas Wagner beschreibt entsprechende konsensorientierte Organisationsformen am Beispiel des Irokesenbundes als egalitäre Konsensdemokratie.
Für den weitaus größten Teil der Menschheitsgeschichte lebten Menschen vermutlich in kleinen, politisch nicht zentralisierten Gesellschaften, deren Organisationsformen im weiteren Sinne als akephal bezeichnet werden können.
Akephalie ist nicht mit einer egalitären Gesellschaftsordnung gleichzusetzen. Während Akephalie in erster Linie das Fehlen einer dauerhaft institutionalisierten zentralen politischen Autorität bezeichnet, beschreibt eine egalitäre Gesellschaft eine soziale Ordnung, in der dauerhafte Unterschiede insbesondere hinsichtlich Macht, Status oder Zugang zu Ressourcen begrenzt sind. Beide Merkmale treten häufig gemeinsam auf, bedingen einander jedoch nicht notwendig.
Akephale Organisationsformen sind bei vielen Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften (Wildbeutern) belegt, die traditionell in kleinen, flexiblen Horden lebten. Geringe Gruppengröße, enge persönliche Beziehungen und bei vielen dieser Gesellschaften geringe Unterschiede im materiellen Besitz begünstigen eine Verteilung politischer Einflussmöglichkeiten. Wildbeutertum führt jedoch nicht zwangsläufig zu Akephalie oder sozialer Gleichheit; zwischen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften können erhebliche Unterschiede hinsichtlich politischer Führung und gesellschaftlicher Schichtung bestehen.
Akephale politische Organisationsformen sind aus unterschiedlichen Weltregionen dokumentiert. In Nordamerika werden unter anderem traditionelle Gesellschaften der Inuit als akephal beschrieben; der Ethnographic Atlas klassifiziert außerdem die politische Organisation der Makah an der nordamerikanischen Nordwestküste für die Zeit um 1860 als akephal, obwohl dort zugleich soziale Rangunterschiede bestanden.
Aus Südamerika sind beispielsweise die Shuar des ecuadorianischen Amazonasgebiets bekannt, deren traditionelle politische Organisation vor der Bildung ihrer Föderation ausdrücklich als akephal beschrieben wird. Auch die Tehuelche Patagoniens werden im Ethnographic Atlas für das 19. Jahrhundert als ohne überlokale politische Autorität klassifiziert. Bei den Xavante Zentralbrasiliens wurden politische Entscheidungen traditionell in Räten und über ein System von Altersgruppen organisiert, ohne eine zentrale politische Führungsinstanz.
Zu den klassischen afrikanischen Beispielen gehören die Nuer im heutigen Südsudan, deren segmentäre politische Ordnung Edward Evan Evans-Pritchard als System ohne zentrale Regierung beschrieb, sowie die Tallensi im heutigen Ghana. Auch die vorkoloniale politische Organisation vieler Igbo-Gemeinschaften im heutigen Nigeria beruhte auf dezentralen Versammlungen und verschiedenen, sich überschneidenden sozialen Gruppen ohne zentrale Herrscherposition. Bei verschiedenen San-Gesellschaften des südlichen Afrika sind ebenfalls Formen diffuser, akephaler Führung dokumentiert, wobei zwischen den einzelnen San-Gruppen erhebliche Unterschiede bestanden.
Auch aus Asien sind entsprechende Organisationsformen bekannt. Der Ethnographic Atlas klassifiziert die Jukagiren am oberen Kolyma in Nordostsibirien für die Mitte des 19. Jahrhunderts als akephal, also ohne politische Autorität oberhalb der lokalen Gemeinschaft. Für die Nenzen Westsibiriens wird ebenfalls eine traditionell akephale politische Organisation beschrieben, die sich deutlich von stärker hierarchischen Strukturen benachbarter Gruppen unterschied. Eine historische Vergleichsstudie der University of Oxford klassifiziert zudem die im 19. und frühen 20. Jahrhundert dokumentierte politische Organisation der indigenen Andamaner als weitgehend auf autonome lokale Gemeinschaften beschränkt.
In Ozeanien und Australien sind ebenfalls unterschiedliche akephale Organisationsformen dokumentiert. Für weite Teile des vorkolonialen Melanesiens, insbesondere Papua-Neuguineas, beschrieb die ethnologische Forschung politische Systeme ohne formale erbliche Häuptlingsämter; einflussreiche sogenannte Big Men erlangten ihre Stellung durch persönliche Fähigkeiten, Prestige und die Organisation von Austauschbeziehungen, verfügten aber nicht über eine mit einem Häuptlingsamt vergleichbare institutionalisierte Befehlsgewalt. Zu den vielfach untersuchten Beispielen gehören die Ekari im westlichen Neuguinea, bei denen einflussreiche „Big Men“ keine formalen politischen Ämter mit Erzwingungsgewalt innehatten. Auch traditionelle Gesellschaften der australischen Aborigines werden in der vergleichenden Ethnologie als Beispiele weitgehend akephaler politischer Organisation herangezogen; Autorität konnte insbesondere bei älteren und rituell erfahrenen Personen liegen, ohne dass daraus eine zentrale politische Herrschaftsinstanz entstand.
Die Kategorie „akephal“ beschreibt vor allem das Fehlen einer übergeordneten zentralen politischen Autorität und fasst dadurch sehr unterschiedliche politische Systeme zusammen. Die Bezeichnung sagt für sich genommen wenig darüber aus, wie Entscheidungen tatsächlich getroffen, Konflikte geregelt oder Macht und Autorität innerhalb einer Gesellschaft verteilt werden. In der neueren vergleichenden Forschung wird deshalb darauf hingewiesen, dass akephale Gesellschaften komplexe horizontale Organisationsformen wie segmentäre Abstammungsgruppen oder Bündnisse besitzen können und nicht lediglich durch das Fehlen staatlicher Institutionen charakterisiert werden sollten.