Alexander Patschovsky besuchte von 1950 bis 1959 Gymnasien in Einbeck und Hannover. Er legte 1959 das Abitur an der Lutherschule in Hannover ab. Anschließend studierte er von 1960 bis 1966 an den Universitäten Göttingen, Wien und München die Fächer Geschichte, Germanistik und Klassische Philologie. Im Jahr 1966 wurde er promoviert an der Universität München bei Herbert Grundmann mit einer Arbeit über einen Dominikaner der Diözese Passau (Passauer Anonymus) und sein um 1260/61 entstandene Sammelwerk, das „Argumentations- und Tatsachenmaterial [...] gegen Juden, Heiden und Ketzer“ bereitstellen soll. Von 1966 bis 1988 war Patschovsky als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica in München tätig. Seine Habilitation erfolgte 1978 in München.
Von 1988 bis zu seiner Emeritierung 2005 lehrte er als Nachfolger von Arno Borst als Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Konstanz. Er war 1990/91 Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Konstanz. Patschovsky pflegte engen Kontakt zu tschechischen Wissenschaftlern. Er war ab 1991 Beauftragter des Rektors für die Partnerschaft mit der Karls-Universität in Prag. Er war 1992/93 Fellow am Institute for Advanced Study in Princeton und 2000/01 Fellow am Institute for Advanced Studies der Hebräischen Universität Jerusalem.
Er ist seit 1993 Mitglied des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte. Mit Harald Zimmermann führte er im Herbst 1994 eine Tagung des Konstanzer Arbeitskreises zu „Toleranz im Mittelalter“ durch. Im Oktober 2007 organisierte er zusammen mit Ivan Hlaváček eine Reichenautagung zu Böhmen und seine Nachbarn in der Přemyslidenzeit im mitteleuropäischen Vergleich. Erstmals widmete sich der Konstanzer Arbeitskreis eine seiner Reichenau-Tagungen dem mittelalterlichen Böhmen. Das Ziel der Beiträge war es, „das Böhmen der Přemyslidenzeit [...] länderübergreifend im internationalen Kontext [...] in ein schärferes und aus größerer Distanz geworfenes Licht“ zu stellen.
Seit 2007 widmete er sich intensiv der Concordia Novi ac Veteris Testamenti des Joachim von Fiore. Seine 2017 vorgelegte Neuedition mit umfangreichem Apparat umfasst rund 2000 Seiten in vier Bänden. Bis dahin war die Concordia, die 1519 in Venedig gedruckt wurde, in einer wenig befriedigenden Teiledition aus dem Jahr 1983 von dem amerikanischen Gelehrten Emmett Randolph Daniel zugänglich. Patschovsky brachte mit seiner Ausgabe auch die unvollendet gebliebene Concordia-Edition seines Doktorvaters Herbert Grundmann aus den dreißiger Jahren zu einem Abschluss. Für seine Ausgabe hat Patschovsky nicht nur fast alle der insgesamt 43 bislang bekannten Handschriften der Concordia beachtet, sondern auch das fünfte Buch des Werkes erstmals bearbeitet und herausgegeben (Bd. 3). Seine Editionsentscheidungen hat er als Herausgeber in einer 2013 vorausgeschickten Klassifikation der Handschriften erläutert.
Im Jahr 2018 machte er in einer Edition die Dokumente zum kurialen Ketzerprozess in Avignon im Jahr 1354 zu den beiden italienischen Franziskanerspiritualen Giovanni di Castiglione und Francesco d’Arquata in einer kritischen Edition erstmals vollständig zugänglich. Den Prozess gegen die beiden Franziskanerspiritualen nicht der örtlichen Ketzergerichtsbarkeit zu überlassen, sondern am päpstlichen Hof durchzuführen, war ungewöhnlich, „denn einen förmlichen Ketzerprozeß hat die Kurie vor Etablierung der Römischen Inquisition [...] 1542 in der Regel vermieden“.
Schriften (Auswahl)
Aufsatzsammlung
Matthias Kaup, Pavlína Rychterová, Thomas Wünsch (Hrsg.): Ketzer, Juden, Antichrist. Gesammelte Aufsätze zum 60. Geburtstag von Alexander Patschovsky. CD-ROM, Konstanz 2000 (online).
Quellenedition
Joachim von Fiore, Concordia Novi ac Veteris Testamenti (= Monumenta Germaniae Historica. Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters. Band 28). 4 Bände. Harrassowitz, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-447-10679-5.
mit Kurt-Victor Selge: Joachim von Fiore, Expositio super Apocalypsim et opuscula adiacentia. Teil 1: Expositio super Bilibris tritici etc. (Apoc. 6, 6) — De septem sigillis — Praefatio super Apocalypsim — Enchiridion super Apocalypsim — Liber introductorius in Expositionem Apocalypsis (= Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters. Band 31). Harrassowitz, Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-447-11376-2.
mit Kurt-Victor Selge: Joachim von Fiore, Expositio super Apocalypsim et opuscula adiacentia. Teil 2: Expositio Apocalypsis (= Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters. Band 35). Harrassowitz, Wiesbaden 2024, ISBN 978-3-447-11973-3.
Der Antichrist-Traktat im Sammelwerk des Passauer Anonymus (= Studien und Texte. Band 73). Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2026, ISBN 978-3-447-12584-0.
Monografien
Ein kurialer Ketzerprozeß in Avignon (1354). Die Verurteilung der Franziskanerspiritualen Giovanni di Castiglione und Francesco d’Arquata (= Monumenta Germaniae Historica. Studien und Texte. Band 64). Harrassowitz, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-447-10968-0.
Die Concordia Novi ac Veteris Testamenti Joachims von Fiore († 1202). Klassifikation der Handschriften (= Monumenta Germaniae Historica. Hilfsmittel. Band 28). Hahn, Hannover 2013, ISBN 978-3-7752-1135-2.
Die Anfänge einer ständigen Inquisition in Böhmen. Ein Prager Inquisitoren-Handbuch aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (= Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters. Band 3). De Gruyter, Berlin u. a. 1975, ISBN 3-11-004404-8.
Der Passauer Anonymus. Ein Sammelwerk über Ketzer, Juden, Antichrist aus der Mitte des 13. Jahrhunderts (= Monumenta Germaniae Historica. Band 22). Hiersemann, Stuttgart 1968 (Zugleich: München, Universität, Dissertation, 1966).
Herausgeberschaften
mit Ivan Hlaváček: Böhmen und seine Nachbarn in der Přemyslidenzeit (= Vorträge und Forschungen. Band 74). Thorbecke, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7995-6874-6 (online).
Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore. Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Thorbecke, Ostfildern 2003, ISBN 3-7995-0130-4.
Eschatologie und Hussitismus. Internationales Kolloquium Prag 1.–4. September 1993 (= Historica. Supplementum. Band 1). Historisches Institut, Prag 1996, ISBN 80-85268-48-5.
mit Horst Rabe: Die Universität in Alteuropa (= Konstanzer Bibliothek. Band 22). Universitäts-Verlag, Konstanz, Konstanz 1994, ISBN 3-87940-450-X.
Quellen zur böhmischen Inquisition im 14. Jahrhundert (= Monumenta Germaniae historica. Band 11). Böhlau, Weimar 1979, ISBN 3-7400-0461-4.
Literatur
Eintrag Alexander Patschovsky. In: Jürgen Petersohn (Hrsg.): Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Die Mitglieder und ihr Werk. Eine bio-bibliographische Dokumentation (= Veröffentlichungen des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte aus Anlass seines fünfzigjährigen Bestehens 1951–2001. Band 2). Thorbecke, Stuttgart 2001, S. 319–323, ISBN 3-7995-6906-5 (Digitalisat).
František Šmahel: Konstanzer und Prager Begegnungen. Zwei Vorträge Alexander Patschovsky gewidmet (= Konstanzer Universitätsreden. Band 228). UVK, Konstanz 2007, ISBN 3-87940-809-2.
↑Alexander Patschovsky: Der Passauer Anonymus. Ein Sammelwerk über Ketzer, Juden, Antichrist aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Stuttgart 1968, S. 1. Vgl. dazu die Besprechungen Pierre Courcelle in: Bibliothèque de l'École des chartes 127, 1969, S. 497–498; Hilary S. Offler in: The Journal of Theological Studies 20, 1969, S. 338–340.
↑Vgl. dazu die Besprechungen von Peter Schuster in: Historische Zeitschrift 271, 2000, S. 725–727; Rebecca Moore in: Church History 69, 2000, S. 881–883; Lenos Mavrommatis in: The Journal of Ecclesiastical History 52, 2001, S. 521–583.
↑Ivan Hlaváček, Alexander Patschovsky: Einleitendes zum Thema. In: Dies. (Hrsg.): Böhmen und seine Nachbarn in der Přemyslidenzeit. Ostfildern 2011, S. 9–15, hier: S. 11 (online).
↑Vgl. dazu die Besprechungen von František Šmahel in: Český časopis historický 116, 2018, S. 205–206 (online); Matthias Heiduk in: sehepunkte 19, 2019, Nr. 6 [15. Juni 2019] (online); Ralf Lützelschwab in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 68, 2020, S. 465–467; Dan Siserman in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 130, 2019, S. 406–407.
↑Vgl. dazu die Besprechungen von Sabine Schmolinsky in: Francia-Recensio 2014/1 (online); Roberto Paciocco in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 94, 2014, S. 469–470 (online); Julia Eva Wannenmacher: Edieren zwischen Gestern und Morgen: Vor einer Neuedition der Concordia Novi ac Veteris Testamenti Joachims von Fiore. In: Historische Zeitschrift 303, 2016, S. 472–485.
↑Vgl. dazu die Besprechungen von Jan-Hendryk de Boer in: H-Soz-Kult, 23. Januar 2019 (online); Ansgar Frenken in: Francia-Recensio 2018/3 (online); Kathrin Utz Tremp in: Historische Zeitschrift 309, 2019, S. 739–740; Reima Välimäki in: sehepunkte 21, 2021, Nr. 1 [15. Januar 2021] (online); Reima Välimäki in: Mirator 20, 2020, S. 64–66 (online); Frances C. Kneupper in: Renaissance Quarterly 73, 2020, S. 1074–1075.
↑Alexander Patschovsky: Ein kurialer Ketzerprozeß in Avignon (1354). Die Verurteilung der Franziskanerspiritualen Giovanni di Castiglione und Francesco d’Arquata. Wiesbaden 2018, S. 1.