Alexander Selchow († 1. Januar 1991 in Rosdorf) war ein 21-jähriger Wehrdienstleistender aus dem Landkreis Göttingen, der in der Neujahrsnacht 1990/1991 von zwei Neonazis erstochen wurde. Die rechtliche Einordnung der Tat ist bis heute Gegenstand von regionaler sowie bundesweiter Berichterstattung. In Rosdorf erinnert seit 2022 ein von Politik und Stadtgesellschaft eingerichteter Erinnerungsweg an ihn.
Alexander Selchow war in der Neujahrsnacht 1990/1991 zusammen mit einem Freund auf dem Weg von einer Silvesterfeier in Rosdorf zurück nach Hause. In der Friedensstraße trafen sie auf zwei 17- oder 18-jährige Skinheads, die in denselben Häuserblocks wohnten wie Selchow. Die beiden betrunkenen und vermummten Neonazis schlugen auf Selchow ein. Danach zückte einer der beiden Täter ein Messer und stach fünfmal auf Selchow ein. Der 21-Jährige starb am frühen Morgen des Neujahrstags an seinen Verletzungen.
Die beiden Täter wurden in den darauffolgenden Tagen festgenommen, anschließend wurde ihnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gemacht. Das Landgericht Göttingen verurteilte den Haupttäter wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu sechs Jahren Jugendstrafe, der zweite Täter wurde zu vier Wochen Dauerarrest verurteilt. Laut dem niedersächsischen Innenministerium und dem niedersächsischen Justizministerium lag in dem Fall eine Täter-Opfer-Beziehung vor, weshalb die Tat als Beziehungstat gilt. Demgegenüber zählt eine gemeinsame Langzeitrecherche von Zeit und Tagesspiegel aus dem Jahr 2020 Alexander Selchow zu den gesicherten Todesopfern von rechter Gewalt. Die Bundesregierung führte den Fall im Jahr 1993 ebenfalls als tatsächliches oder zu vermutendes rechtsextremes Tötungsdelikt. Die Diskussion um die rechtliche Einordnung der Tat hält auf politischer sowie gesellschaftlichere Ebene sowohl regional als auch bundesweit bis heute an.
Die Tat bildete den Höhepunkt einer Reihe von Übergriffen durch Neonazis in der Region Göttingen. Dabei kam es zu mehreren Angriffen auf Ausländer und Linke sowie zu Brandanschlägen. Mehrere Wehrsportgruppen waren in der Region aktiv. Eine besondere Rolle wird dabei ab 1986 Karl Polacek zugesprochen. Der Landesvorsitzende der Freiheitlichen deutschen Arbeiterpartei (FAP) umgab sich in einem zur Festung ausgebauten Holzhaus in Mackenrode mit jungen gewaltbereiten Neonazis. Nach der Tötung von Alexander Selchow verhöhnte er das Opfer gegenüber der Zeit, indem er Selchow unter anderem selbst für dessen Tod verantwortlich machte. Die beiden Täter im Fall Selchow waren ebenfalls Mitglieder der von Polacek angeführten Partei FAP.
Von offizieller Seite war die Bedrohungslage rechtsextremer Gewalt Mitte der 1980er Jahre im Raum Göttingen nicht festgestellt worden. So urteilte der niedersächsische Verfassungsschutz im Jahr 1987, dass „die rechtsradikalen Aktivitäten im Raum Göttingen hinter dem Landesmaßstab“ zurückblieben. Laut Verfassungsschutz spielte sich die Szene „als Zirkelwesen überwiegend im stillen Kämmerlein“ ab. Die Polizei Göttingen schätzte die Szene in Göttingen im Jahr 1988 auf vier bis fünf Personen ein.
Die Tötung Alexander Selchows ist bis heute Gegenstand medialer und kultureller Erinnerungsarbeit. Bereits wenige Tage nach der Tat nahmen rund 5000 Personen in Rosdorf an einer Gedenkkundgebung teil. Zum 20. Todestag fand 2011 eine weitere Gedenkveranstaltung statt. In Rosdorf wurde 2022 von Politik und Stadtgesellschaft ein Erinnerungsweg mit zehn Gedenktafeln und Zeitzeugen-Interviews eingerichtet. 2023 widmete sich eine Ausstellung in Rosdorf dem Fall Selchow und weiteren Todesopfern rechter Gewalt aus Niedersachsen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Selchow, Alexander |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Wehrdienstleistender |
| GEBURTSDATUM | 1969 |
| STERBEDATUM | 1. Januar 1991 |
| STERBEORT | Rosdorf |