Alice Hawkins

Statue der Alice Hawkins auf dem Leicester Market
Eingang zu den Equity Works der Leicester Cooperative Boot & Shoe Manufacturing Society Ltd., wo Hawkins arbeitete.
Kautionsbescheid für Hawkins nach der einer Verhaftung am 1. Februar 1907
Plakette auf dem Leicester Walk of Fame

Alice Hawkins (* 4. März 1863 in Stafford, Staffordshire; † 1946 in Leicester, Leicestershire) war eine englisch-britische Suffragette und Gewerkschafterin.

Leben

Hawkins war das zweitjüngste von elf Kindern von Henry Riley (1822–1901), einem Schuhmacher für Kinderschuhe, und Ellen, geborene Shaw (1822–1882), die als Schuhmachergehilfin arbeitete.

Die Familie zog nach Leicester, wo Hawkins ab dem 13. Lebensjahr in der Schuhindustrie arbeitete. 1884 heiratete sie Alfred Hawkins, der in der nächsten Straße wohnte und der ebenfalls in der Schuhindustrie arbeitete.

Das Paar bekam sechs Kinder, Alice Riley (* 1885), Arthur Francis (* 1887), Alfred Henry (* 1889), Bertie Cecil (* 1891), Violet Hlde (* 1894) und Thomas Blatchford (* 1896). Hawkins arbeitete dabei weiterhin als Maschinenarbeiterin in den Equity Works der Leicester Cooperative Boot & Shoe Manufacturing Society Ltd. Die Fabrik ermutigte zu Bildung und politischer Betätigung. Hawkins trat 1894 der Independent Labour Party bei und lernte über diese Organisation Sylvia Pankhurst kennen. 1896 trat sie der neu gegründeten Women’s Co‑operative Guild der Fabrik bei, wo sie mit Themen wie dem Sozialismus und Bildung wie den Schriften von Thomas Mann vertraut wurde. Hawkins trat der Women’s Social and Political Union (WSPU) bei und 1907 kam Pankhurst nach Leicester, und Hawkins stellte Kontakte her. Bald stieß Mary Gawthorpe dazu, und sie etablierten eine Präsenz der WSPU in Leicester.

Im Februar 1907 beteiligt sich Hawkins an der ersten Großdemonstration der Suffragetten im Hyde Park in London, dem sogenannten Mud March. Sie war dabei, als am 13. Februar 1907 die WSPU ihr hielten erstes, sogenanntes „Frauenparlament“ in der Caxton Hall abhielt, von wo aus sie anschließend mit 300 anderen Frauen zum Parlament marschierten, nachdem sie erfahren hatten, dass das Frauenwahlrecht nicht in der Thronrede am Vortag enthalten gewesen war. Hawkins gehörte mit Pankhurst und Gawthorpe zu den 29 Frauen, die nach einem brutalen Angriff von 20 berittenen Polizisten und einer handfesten Auseinandersetzung ins Holloway Prison gebracht wurden. Ihr Anwalt schrieb an Ramsey MacDonald, den örtlichen Abgeordneten, dass „in keinem anderen zivilisierten Land Frauen auf diese Weise behandelt würden“. Die Kaution wurde wegen ordnungswidrigen Verhaltens und Widerstands gegen die Polizei (disorderly conduct, resisting police) wie für alle Verhafteten auf 2 Pfund festgesetzt und von Frederick Pethick-Lawrence ausgelegt. Im Westminster Magistrate am folgenden Tag entschied sie sich wie alle anderen für eine Haftstrafe. Unterstützerinnen aus der Suffragettenbewegung standen vor dem Gefängnis, jubelten bei der Entlassung der Frauen nach zwei Wochen Haft und marschierten anschließend zu einem Feierstühstück. Hawkins las die Antwort von MacDonald vor, wonach das Verhalten der Frauen „der Sache keinen Nutzen bringe und die WSPU nun die öffentliche Unterstützung verloren habe“. Sie kehrte nach Leicester zurück, gründete eine Ortsgruppe der WSPU, lud Emmeline Pankhurst zu einem Vortrag ein und gewann die ersten 30 Mitglieder.

Zur Mitgliedergewinnung und für Veranstaltungen auch in der Umgebung von Leicester wurden Fahrräder als Verkehrsmittel genutzt. 1909 initiierte Hawkins mit Unterstützung von Gladice Keevil von der Birmingham‑WSPU eine Fahrradkampagne zur gezielten Ansprache außerhalb der Stadtgrenzen. Der Erfolg war so groß, dass genügend neue Mitglieder gewonnen wurden, um einen neuen WSPU‑Zweig in Loughborough zu gründen. Während der Parlamentswahl von 1911 kleideten sich Hawkins und die anderen Radfahrerinnen in Suffragettenfarben und radelten nach Loughborough, um dort anti‑liberale Flugblätter zu verteilen.

Im Juni 1908 mietete Flora McKinnon Drummond ein Boot, damit sie sich dem Palast von Westminster von der Flussseite der Themse her nähern konnte, um den Parlamentsmitgliedern, die auf der Flussterrasse saßen, eine Ansprache halten zu können und für den sogenannten Women’s Sunday zu werben: „Cabinet Ministers Specially Invited.“ Drummond lud Hawkins ein, zu sprechen und die Pankhursts schickten ein Auto mit Chauffeur, um sie abzuholen.

1909 wurde Hawkins ein zweites Mal inhaftiert, als sie versuchte, sich Zutritt zu einer öffentlichen Versammlung zu verschaffen, bei der der damalige Innenminister Winston Churchill in Leicester sprach und von der Suffragetten ausdrücklich ausgeschlossen worden waren. Ihr Ehemann Alfred Hawkins meldete sich freiwillig, das Frauenwahlrecht anzusprechen. Er wurde aus der Versammlung hinausgeworfen, nachdem er Churchill mit der Frage konfrontiert hatte: „Warum verschaffen Sie den Frauen im Land nicht das Wahlrecht? Wie wagen Sie es, auf einer demokratischen Plattform zu stehen?“ Die Suffragetten belagterten die Türen und das Ehepaar Hawkins wurde zusammen mit Violet Key Jones, Nellie Crocker, Grace Chappelow, Helen Kirkpatrick Watts und Mary Rawson verhaftet. Alfred Hawkins zahlte die Geldstrafe, doch die Frauen entschieden sich erneut für eine 14-tägige Haftstrafe. Sie wurden im Gefängnis von Leicester inhaftiert, traten in den Hungerstreik und wurden vorzeitig entlassen. Dafür erhielt Hawkins am 4. September 1909 von der WPSU sie sogenannte „Hungerstreik-Medaille“ For Valour.

Alfred Hawkins verteidigte seine Frau und unterstützte offen die Sache. Bei einer Suffragettenaktion am 26. November 1910 erlitt er einen Beinbruch, wofür er letztlich 100 Pfund Entschädigung erkämpfen konnte. Sein Fall war von der Men’s Political Union for Women’s Enfranchisement aufgegriffen worden, nachdem er bei einer Versammlung der Liberal Party in Bradford nach einem weiteren Protest gegen Winston Churchill eine Treppe hinuntergestoßen worden war. Der Richter entschied, dass er ohne Vorwarnung allein wegen einer Frage hinausgeworfen worden sei und dass dies eine Körperverletzung darstelle.

Im 18. November 1910, dem sogenannten Schwarzen Freitag wurde sie bei einer weiteren Suffragetten-Demonstration in London verhaftet und musste vor dem Bow Street Magistrate erscheinen.

Bei der Volkszählung von 1911 beteiligte sich Hawkins am Suffragetten‑Zensusboykott, in dem sie in der Zählnacht am 2. April 1911 bewusst nicht zu Hause war. Votes for Women vom 24. März 1911 berichtet, dass die Leicester‑WSPU in ihrem Hauptquartier unter dem Motto No vote, no census eine die ganze Nacht dauernde Veranstaltung mit etwa 20 Frauen im Alter zwischen 17 und 50 Jahren organisierte.

Ende November 1911 wurde Hawkins erneut verhaftet und beim Bow Street Magistrate vorgeführt, nachdem sie in voller Sicht eines Polizisten einen Ziegelstein durch ein Fenster des Innenministeriums geworfen hatte.

1913 wurde Hawkins noch zweimal inhaftiert, zunächst wegen des Einwerfens von Tinte in einen Briefkasten in Leicester und zuletzt, weil sie nachts den Slogan „No votes, no golf“ in einen Golfplatz gegraben haben sollte; dies konnte jedoch nicht bewiesen werden.

Hawkins ist in der sogenannten Roll of Honour of Suffragette Prisoners der Suffragette Fellowship aufgeführt. Sie gehörte zu den Gefangenen, die eine Beziehung zu den weiblichen Gefängnisaufseherinnen aufbauten, die ebenfalls Arbeiterinnen waren und die Gefangenen trösteten, während es zugleich zu ihren Aufgaben gehörte, sie beim Zwangsernähren festzuhalten.

1913 gehörte Hawkins zu den Vertreterinnen, die ausgewählt wurden, mit den liberalen Politikern Schatzkanzler David Lloyd George und Außenminister Edward Grey zu sprechen. Das Treffen war von Annie Kenney und Flora Drummond unter der Bedingung arrangiert worden, dass Arbeiterinnen ihre Klasse vertreten konnten. Die Schuhindustrie war besonders ungerecht in der Behandlung von Frauen, die genau dieselbe Arbeit wie Männer verrichteten, jedoch ungleich entlohnt wurden, in schlechterer Wohnqualität lebten und unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen arbeitet mussten. Alle Vertreterinnen erklärten, dass ihre Hoffnung zur Verbesserung der schlechten Lohn‑ und Arbeitsbedingungen darin liege, durch das Wahlrecht Frauen in die Lage zu versetzen, den Status quo auf demokratischem Wege in Frage zu stellen. Hawkins erläuterte, dass ihre männlichen Kollegen einen Mann zu ihrer Vertretung wählen konnten, während die Frauen ohne Vertretung blieben.

Hawkins stellte wie viele andere Suffragetten mit Kriegsausbruch 1914 ihre militanten Aktivitäten ein, nachdem die Regierung mit der WSPU eine Generalamnestie gegen ein Stillhalten vereinbart hatte. Berichte des Innenministeriums vermerkten, dass über die Jahre hinweg 1.300 Frauen in dieser Sache festgenommen worden waren, ebenso wie etwa 100 Männer wie Alfred Hawkins. Drei von Hawkins Söhnen traten im Ersten Weltkrieg in die Armee ein, in unterschiedlichen Regimentern, und trafen sich zufällig zehn Meilen hinter den feindlichen Linien, wo ein örtlicher Fotograf sie festhielt. Als mit dem Representation of the People Act 1918 einigen Frauen das Wahlrecht gewährt wurde, war Hawkins stolz auf die Rolle, die Frauen während des Krieges in Fabriken und in der Landwirtschaft übernommen hatten, und erklärte zugleich, dass auch die Aktionen der Suffragetten zu diesem Recht geführt hätten. Aufgrund der Eigentumsvoraussetzungen des Gesetzes war sie jedoch selbst weitere zehn Jahre lang bis zum Representation of the People (Equal Franchise) Act 1928 vom Wahlrecht ausgeschlossen und konnte erst im Alter von 63 Jahren wählen. Hawkins engagierte sich weiter in der Gewerkschaft.

Alfred Hawkins starb 1928, und Hawkins musste aufgrund von Armut bei ihren Kindern und deren Familien leben. Als Hawkins 1946 im Alter von 83 Jahren starb, musste ihre Beisetzung vom Staat finanziert werden; sie wurde in einem „Armenbegräbnis“ auf dem Welford Road Cemetery beerdigt. Erst seit 2012 ist ein Grabstein zu ihrem Gedenken errichtet.

Nachleben

Ruth Pownall als Alice Hawkins beim Edinburgh Fringe Festival, 2023

Bereits 1992 wurde an den Equity Works eine Blue Plaque zur Würdigung ihres Beitrags zur Geschichte angebracht.

2018 endete eine fünfjährige Spendenkampagne mit der Enthüllung einer zwei Meter hohen Statue auf dem Market Square. Entworfen vom Bildhauer Sean Hedges-Quinn stellt sie Hawkins so dar, wie sie 1912 auf dem Höhepunkt ihres Engagements für die WSPU ausgesehen haben könnte. Der Zeremonie wohnten Helen Pankhurst, Dutzende ihrer Verwandten und Hunderte von Menschen bei; sie fand im Rahmen der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Jubiläum der Erlangung des Frauenwahlrechts statt.

Ihr Urenkel Peter Barratt belebte das Andenken an Hawkins mit Vorträgen in Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen zur Gleichstellung von Frauen und zur Wichtigkeit des Wählens. Er fand in den National Archives Nationalarchiv das Protokoll der Delegation zu Schatzkanzler Lloyd George aus dem Januar 1913 2023 konzipierte und spielte er gemeinsam mit der auf historische Reenactments spezialisierten Schauspielerin Ruth Pownall eine Aufführung beim Edinburgh Festival Fringe, Alice Hawkins Suffragette – A Sister for Freedom, in der er sowohl Material aus dem Familienarchiv als auch öffentlich zugängliche Quellen einbrachte.

Ebenfalls 2023 ließ der Leicester City Council an 18 Mantle Road, Leicester, im Stadtteil Newfoundpool, wo Hawkins zwischen 1905 und 1910 gelebt hatte, eine weitere Blue Plaque anbringen.

Commons: Alice Hawkins – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Elizabeth Crawford: Hawkins, Alice, Mrs (1863–1947). In: The Women's Suffrage Movement: A Reference Guide 1866–1928. Routledge, London 2003, ISBN 0-7484-0379-5, S. 281 f.
  2. 1 2 Kiran Parmar: The story of Alice Hawkins. In: Stories from the collection. The National Archives, abgerufen am 19. April 2026.
  3. 1 2 3 Peter Barratt: Alice's Life. In: Alice Hawkins. Website des Urenkels von Hawkins, 2011, archiviert vom Original am 9. Juli 2011; abgerufen am 19. April 2026.
  4. 1 2 3 4 5 6 7 Peter Barratt und Ruth Pownall: Alice Hawkins Suffragette – A Sister for Freedom. Edinburgh Fringe Festival, Edinburgh August 2023.
  5. 1 2 3 4 Suffragettes: Amnesty of August 1914: index of people arrested, 1906-1914. In: HO 45/24665. The National Archives, abgerufen am 20. Dezember 2025.
  6. ↑ June Purvis: Christabel Pankhurst: A Biography. Routledge, London 2018, ISBN 978-0-8153-7149-6, S. 126 ff. (google.de).
  7. 1 2 3 4 Sheila Hanlon: Alice Hawkins: Leicester's Working Class Suffragette Cyclist. In: Women's cycling. Private Website, abgerufen am 19. April 2026.
  8. 1 2 Richard Whitmore: Alice Hawkins and the Suffragette Movement in Edwardian Leicester. Breedon Books Publishing, Derby 2007, ISBN 978-1-85983-554-8.
  9. ↑ John Simkin: Grace Chappelow. In: Women's Suffrage. Spartacus Educational, März 2024, abgerufen am 19. April 2026.
  10. ↑ Fiona Simpson: Suffragette's 'inspirational' life story revealed as belongings go on display. The Standard, 17. Juni 2018, abgerufen am 19. April 2026.
  11. 1 2 3 4 Sally Peck: My great-grandfather was a suffragette, too. The Telegraph, 5. Februar 2018, abgerufen am 19. April 2026.
  12. ↑ Jill Liddington: Vanishing for the Vote: Suffrage, Citizenship and the Battle for the Census. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-7190-8748-6, S. 54 f., 240, 336.
  13. ↑ Emma Pietras: My ancestor was just a poor factory worker but she fought for women's rights. Daily Mirror, 2. Oktober 2015, abgerufen am 19. April 2026.
  14. ↑ Suffragette Alice Hawkins' family praise Leicester statue. BBC News, 24. Januar 2018, abgerufen am 22. April 2026 (englisch).
  15. ↑ Suffragette Fellowship: Roll of Honour of Suffragette Prisoners 1905-1914. In: London University: London School of Economics, The Women's Library, Papers of Annie Lacon. The National Archives, 1950, abgerufen am 19. April 2026.
  16. ↑ Caitlin Davies: From prison to parliament: Suffragettes & Holloway. Museum of London, 27. März 2018, abgerufen am 19. April 2026.
  17. ↑ Krista Cowman: Let's not forget the working class suffragettes. New Statesman, 6. Februar 2018, abgerufen am 19. April 2026.
  18. ↑ Alice Hawkins in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 18. April 2026.
  19. ↑ Dan Martin: Watch 7ft statue of suffragette Alice Hawkins being installed. Leicester Mercury, 2. März 2018, abgerufen am 19. April 2026.
  20. ↑ Leicester suffragette Alice Hawkins commemorated on International Women’s Day. Leicester City Council, 28. Februar 2023, archiviert vom Original am 14. März 2023; abgerufen am 19. April 2026.
  21. ↑ Sali Shobovale: Blue plaque in honour of Leicester suffragette Alice Hawkins unveiled on International Women's Day. Leicester Mercury, 9. März 2023, abgerufen am 19. April 2026.
Personendaten
NAME Hawkins, Alice
ALTERNATIVNAMEN Riley, Alice (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG englisch-britische Suffragette und Gewerkschafterin
GEBURTSDATUM 4. März 1863
GEBURTSORT Stafford, Staffordshire, England, Vereinigtes Königreich
STERBEDATUM 1946
STERBEORT Leicester, Leicestershire, England, Vereinigtes Königreich