Alice Shalvi

Alice Shalvi (2013)

Alice Shalvi (hebräisch אליס שלוי‎; geboren als Alice Margulies am 16. Oktober 1926 in Essen; gestorben am 2. Oktober 2023 in Jerusalem) war eine israelische Professorin für Englische Literatur, Pädagogin, Feministin und Friedensaktivistin. Sie war eine bedeutende Feministin in Israel, die sich für die Gleichstellung von Frauen in der Bildung, Religion, Politik und dem öffentlichen Leben einsetzte.

Leben

Kindheit, Emigration und Studium

Alice Margulies wurde als Tochter des polnisch-jüdischen Verbandsfunktionärs Benzion Margulies und von Perl Margulies geboren. Sie kam im Jahr 1926 in Essen als jüngstes drei Kinder zur Welt; als Alice zwei Jahre alt war starb eine ältere Schwester. Ihr Vater, der sich für den religiösen Zionismus einsetzte, verließ 1933 Deutschland; der Rest der Familie war vorübergehend bei Verwandten in Mannheim untergebracht, konnte im Mai 1934 dem Vater aber ins Vereinigte Königreich folgen. Während des Zweiten Weltkriegs lebte die Familie in Buckinghamshire und Shalvi war dort auch antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt.

1944 begann sie am Newnham College der Universität Cambridge Englische Literatur zu studieren. Sie brachte sich dort in den Verband jüdischer Studierender ein und wurde zur Vorsitzenden des Verbandes gewählt. Ein zusätzliches Studium der Sozialarbeit nahm sie auch deshalb auf, weil sie 1945 jugendlichen Überlebenden nationalsozialistischer Konzentrationslager begegnet war. Sie vertrat 1946 beim 22. Zionistenkongress in Basel jüdische Studierende aus dem Vereinigten Königreich. Sie erwarb einen B.A. in Cambridge (1947) und später einen M.A. sowie einen Abschluss in Sozialarbeit an der London School of Economics. 1949 machte sie Alija und wanderte nach Israel aus.

Akademische Laufbahn

Shalvi konnte nach ihrer Einwanderung zunächst keine ihrer Ausbildung entsprechendeh Stelle als Sozialarbeiterin finden, weswegen sie 1950 eine Lehrtätigkeit an der Hebräischen Universität Jerusalem aufnahm. Sie unterrichtete dort vier Jahrzehnte lang englische Literatur und promoviert im Jahr 1962. Ihre Dissertation schrieb sie über Shakespeare (The World & Art of Shakespeare, 1966).

Shalvi wurde 1969 mit dem Aufbau und der Leitung des Fachbereichs für englische Literatur an der Negev-Universität in Beʾer Scheva (heute: Ben-Gurion-Universität des Negev) betraut. Später leitete sie auch das Institut für Sprache und Literatur an der Hebräischen Universität; 1990 wurde sie emeritiert. Trotz ihrer fachlichen Eignung für die Position als eine Dekanin in Beʾer Scheva wurde sie bei der Besetzung übergangen, was ein wichtiges Ereignis ihrer Hinwendung zum Feminismus darstellte. In Gesprächen mit Kolleginnen erkannte sie fortan die Verbreitung beruflicher Benachteiligung und sexueller Belästigung von Frauen im israelischen Hochschulsystem und dass diese Probleme kaum thematisiert wurden.

1950 heiratete sie Moshe Shelkowitz, der seinen Nachnamen später in Shalvi änderte. Das Paar hatte sechs Kinder (drei Töchter und drei Söhne). Moshe Shalvi unterstützte die Tätigkeit seiner Frau und übernahm einen Großteil der Familienarbeit; er verstarb im Jahr 2013.

Wirken

Reformpädagogik an der Pelech-Schule

Shalvi übernahm 1975 die Leitung der Jerusalemer Pelech-Schule ehrenamtlich; an dieser religiösen Mädchenschule lernten zu diesem Zeitpunkt auch zwei ihrer Töchter und sie blieb dort bis zum Jahr 1990. Unter ihrer Leitung entwickelte sich Pelech zu einer experimentellen religiösen Schule und zielte auf die Schaffung eines den Jungen vergleichbaren Zugangs für Mädchen zu religiöser Bildung. Den Schülerinnen wurde es dadurch ermöglicht, den Talmud und andere religiöse Texte zu studieren, die traditionell zumeist Jungen vorbehalten waren; religiöse und weltliche Fächer wurden zudem gemeinsam unterrichtet und das Angebot um Philosophie und Kunst erweitert. Shalvi förderte darüber hinaus demokratische Formen der Schulorganisation und ermutigte junge Lehrkräfte zur Erprobung innovativer Unterrichtsmethoden und -inhalte.

Zu den Bestandteilen des pädagogischen Konzeptes gehörten Familienplanung sowie Begegnungsarbeit mit Schülerinnen aus säkular-jüdischen und palästinensischen Schulen. Unter der Leitung Shalvis entwickelte sich Pelech zu einer Modellschule für eine moderne religiöse Bildung von Mädchen; zahlreiche Absolventinnen übernahmen wichtige Funktionen in religiös-feministischen Initiativen und weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens Israels.

Shalvis Dialog mit Palästinenserinnen führte zugleich zu Konflikten mit Teilen des religiösen Umfelds der Schule. Ende der 1980er-Jahre nahm Shalvi an einer Konferenz israelischer und palästinensischer Frauen in Brüssel teil und sie setzte sich generell für einen israelisch-palästinensischen Dialog ein. Es kam zu Beanstandungen ihrer politischen und feministischen Tätigkeiten durch das israelische Bildungsministerium, woraufhin sie im Jahr 1990 die Leitung von Pelech aufgab.

Frauenbewegung und Israel Women’s Network

Shalvis feministisches Engagement entwickelte sich in den 1970er-Jahren zunächst aus ihren Erfahrungen im Hochschulbereich und in der religiösen Bildung. Sie gehörte 1984 zu den Gründerinnen des Israel Women’s Network (IWN) und sie wurde dessen erste Vorsitzende. Über viele Jahre war sie Leiterin des Netzwerkes und entwickelte sie zu einer überparteilichen Interessenvertretung für Frauen aus verschiedenen politischen Lagern.

Das Netzwerk betrieb Lobbyarbeit, strengte Gerichtsverfahren an, machte politische Bildungsarbeit und führte Kampagnen für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen durch. So stärkte das Netzwerk die Stellung von Frauen im Militär, im Ehe- und Familienrecht, auf dem Arbeitsmarkt, in der Politik sowie im Gesundheitswesen. Das IWN unterstützte etwa Alice Miller bei ihrem letztlich erfolgreichen Einsatz für die Zulassung von Frauen bei der Pilotenausbildung in der israelischen Luftwaffe und das IWN setzt sich für eine bessere Vertretung von Frauen in Leitungsgremien und Medien ein. Zudem förderte das Netzwerk Frauen bei ihrer Kandidatur für politische Ämter und koordinierte die parteiübergreifende Zusammenarbeit weiblicher Abgeordneter bei Gleichstellungsthemen.

Religiöser Feminismus

Einen Schwerpunkt von Shalvis Engagement bildete die Stellung von Frauen im Judentum. Seit den 1970er-Jahren befasste sie sich in besonderem Maße mit der Situation von Agunot und Frauen, denen von der für eine religiöse Scheidung erforderliche Get von ihre Ehemänner verweigert wurden. Das Israel Women’s Network und anderen Frauenorganisationen setzten sich auf diesem Gebiet für Reformen ein und Shalvi kritisierte, dass die israelischen Rabbinatsgerichte ausschließlich von Männern besetzt waren. Bei einer Protestaktion war sie Teil einer Aktivistinnengruppe, die restriktive religiöse Eheverträge verbrannte und damit auf die Lage von Frauen aufmerksam machte, denen eine Scheidung verweigert wurde.

Shalvi war in einem modern-orthodoxen Elternhaus aufgewachsen und lebte weiterhin religiös, entfernte sich aber zunehmend vom orthodoxen Institutionengefüge. Als ein Schlüsselerlebnis nannte sie ihre erste Alija zur Tora in einer konservativen Synagoge in Milwaukee, bei der sie erstmals eine Torarolle aus unmittelbarer Nähe sah, obwohl sie bereits 53 Jahre alt war. Sie wurde in den 1990er-Jahren Anhängerin der konservativen Masorti-Bewegung, da diese Frauen sowohl beim Gebet und im Gemeindeleben weitgehend gleichberechtigte religiöse Rollen ermöglichte. Sie vertrat die Auffassung einer individuellen Neuauslegung der Halacha in jeder Generation und sie plädierte für eine Trennung von Religion und Staat und von Religion und Parteipolitik.

Shalvi übernahm an 1997 vier Jahre lang das Amt als Rektorin am der Masorti-Bewegung angehörenden Schechter-Institut für Jüdische Studien in Jerusalem.

Friedens- und Dialogarbeit

Neben ihrem Einsatz für Frauenrechte engagierte sich Shalvi für jüdisch-arabischen und israelisch-palästinensischen Dialog. Während ihrer Pelech-Zeit organisierte sie bereits Begegnungen zwischen jüdischen und palästinensischen Schülerinnen aus Ostjerusalem. Ende der 1980er-Jahre nahm sie neben der späteren palästinensischen Politikerin Hanan Aschrawi in Brüssel an Gesprächen zwischen israelischen und palästinensischen Frauen teil und erarbeitete Grundzüge eines möglichen friedlichen Zusammenlebens. Ihr Einsatz für einen Dialog zwischen Israelis und Palästinensern brachte sie in Konflikte mit ihrer Tätigkeit an der Pelech-Schule.

Shalvi unterstützte aber weiterhin Organisationen, die sich für eine friedliche Koexistenz von Juden und Arabern einsetzten. Ihre Gleichstellungsarbeit bezog die Stellung palästinensischer Bürger Israels und sexueller Minderheiten ausdrücklich mit ein.

Auszeichnungen und spätere Jahre

Alice Shalvi wurde für ihre wissenschaftliche, pädagogische und gesellschaftspolitische Arbeit mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1989 mit dem Emil-Grünzweig-Menschenrechtspreis und 2001 mit dem Alice-Salomon-Award.

Im Jahr 2007 erhielt sie für ihr Lebenswerk und ihren besonderen Beitrag zur israelischen Gesellschaft den Israel-Preis. Das Preiskomitee würdigte dabei ihre Reformen in der religiösen Mädchenbildung und ihren Einsatz für Frauenrechte und den jüdisch-arabischen Dialog. Für ihre 2018 erschienene Autobiografie Never a Native erhielt sie 2019 einen National Jewish Book Award.

Shalvi starb zwei Wochen vor ihrem 97. Geburtstag am 2. Oktober 2023 in ihrem Haus in Jerusalem.

Am 18. Oktober 2026 wurde ihr zum Gedenken im Universitätsquartier der Universität Duisburg-Essen im Essener Nordviertel die Alice-Shalvi-Straße gewidmet.

Literatur

Commons: Alice Shalvi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 Keren David: Pioneering Jewish feminist Alice Shalvi dies aged 96. In: The Jewish Chronicle. 2. Oktober 2023, abgerufen am 16. Oktober 2026 (englisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 7 Jane Eisner: Alice Shalvi, Hailed as a Mother of Feminism in Israel, Dies at 96. In: The New York Times. 2. Oktober 2023, abgerufen am 16. Oktober 2026 (englisch).
  3. ↑ Margulies, Benzion, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München: Saur 1980, S. 476.
  4. 1 2 3 Jane Eisner: Alice Shalvi Is Still The Queen Of Israeli Feminism At 92. In: The Forward. 24. Oktober 2018, abgerufen am 16. Oktober 2026 (englisch).
  5. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Aviva Lori: A soldier for sexual equality. In: Haaretz. 8. Juli 2011, archiviert vom Original am 11. Juli 2011; abgerufen am 16. Oktober 2026 (englisch).
  6. 1 2 3 4 5 6 7 Jessica Steinberg: Alice Shalvi, trailblazing feminist and educator, dies at 97. In: The Times of Israel. 2. Oktober 2023, abgerufen am 16. Oktober 2026 (englisch).
  7. ↑ Charlotte Wishlah, Elana Sztokman: Alice Hildegard Shalvi. In: The Encyclopedia of Jewish Women / Jewish Women’s Archive. 23. Juni 2021, abgerufen am 2. Oktober 2023 (englisch).
  8. 1 2 3 4 5 6 7 8 Tamar Sela: פרופ' שלוי: לפסול מפלגות שרוצות מדינת הלכה. In: Ynet. 24. April 2007, abgerufen am 16. Oktober 2026 (hebräisch).
  9. ↑ Ora Coren, Tamara Traubmann: Alice Shalvi, Dov Lautman win Israel Prize for Lifetime Achievement. In: Haaretz. 26. März 2007, abgerufen am 2. Oktober 2023 (englisch).
  10. ↑ Terminvorschau des Oberbürgermeisters - essen.de. Abgerufen am 16. Oktober 2026.