Rätoromanische Sprachen

Rätoromanische Sprachen

Gesprochen in

Italien, Schweiz
Sprecher ca. 1.000.000
Linguistische
Klassifikation
Verbreitungsgebiete der rätoromanischen Sprachen, wo deren Anteil mindestens 30 % beträgt

Als rätoromanische Sprachen – auch Ladinisch, Räto-Friaulisch oder Alpenromanisch – wird eine Gruppe romanischer Sprachen in der Schweiz und Italien bezeichnet, nämlich Bündnerromanisch (im Schweizer Kanton Graubünden), Dolomitenladinisch (im Dolomitengebiet) und Friaulisch (in Friaul).

Die Frage, ob diese drei Sprachen, die kein zusammenhängendes Sprachgebiet besitzen, eine genetische Einheit innerhalb des Romanischen bilden, wurde lange diskutiert und ist bis heute nicht entschieden. Von den Gegnern dieser Einheit wird meist auch die Bezeichnung „rätoromanisch“ als zusammenfassende Bezeichnung der drei Sprachen abgelehnt, stattdessen verwenden sie diese Bezeichnung ausschließlich für das Bündnerromanische. Der Begriff „Rätoromanisch“ wurde im späten 19. Jahrhundert vom Romanisten Theodor Gartner bekannt gemacht, wo er im Titel seiner Raetoromanischen Grammatik von 1883 und seines Handbuchs der rätoromanischen Sprache von 1913 erscheint. Verwendet wurde er allerdings schon Jahrzehnte vorher, zum Beispiel in Otto Carischs Grammatischen Formenlehre von 1851, wo von der «rhätoromanischen Sprache» die Rede ist. Er geht auf den Namen der römischen Provinz Raetia zurück.

Innerhalb der Romania werden die rätoromanischen Sprachen den galloromanischen Sprachen beziehungsweise innerhalb dieser den galloitalischen Sprachen zugeordnet.

Questione Ladina

Die Diskussion über Art und Grad der Verwandtschaft dieser drei Sprachen bildet den Kern der Questione Ladina. Vereinfachend lassen sich die beiden gegensätzlichen Positionen wie folgt beschreiben:

Man kann die drei rätoromanischen Idiome, die kein zusammenhängendes Sprachgebiet besitzen, also als Restdialekte des Lateins der römischen Provinz Raetia ansehen, die sich keiner anderen romanischen Sprache zuordnen oder nicht als deren Dialekt einstufen lassen (Französisch, Italienisch). In der Tat entwickelten sich die rätoromanischen Mundarten weitgehend unabhängig von den benachbarten romanischen Kultursprachen und standen mit diesen seit der Römerzeit nur wenig oder gar nicht in Wechselwirkung.

Im nichtlinguistischen Sprachgebrauch der Schweiz bezieht sich „Rätoromanisch“ ausschließlich auf das Bündnerromanische, wobei die alpinlombardischen Dialekte der Bündner Südtäler Bergell, Puschlav, Misox und Calanca nicht mitgemeint sind. In diesem Artikel werden die rätoromanischen Sprachen jedoch im weiteren Sinne der Romanistik betrachtet, ohne damit eine Entscheidung in der Frage ihrer genetischen Einheit zu treffen.

Gliederung

Verbreitungsgebiet der einzelnen romanischen Idiome im Kanton Graubünden in der Ostschweiz

Die drei rätoromanischen Sprachen weisen – unabhängig von der Frage ihrer genetischen Einheit – folgende dialektale Gliederung auf:

Bündnerromanisch (in der Schweiz)

Ladinisch (in Italien)

Furlan(isch) oder Friaulisch (in Italien)

Eine vorläufige phylogenetische Klassifizierung, die auf einer Grundwortschatzanalyse beruht, identifiziert eine primäre Aufspaltung in Bündnerromanisch in der Schweiz und Ladinisch in Italien. Des Weiteren zeigt die Analyse eine sekundäre Trennung innerhalb der Schweiz zwischen Engadinisch und den übrigen bündnerromanischen Sprachen. In Italien zeigt sich ebenfalls eine sekundäre Trennung, und zwar offensichtlich bedingt durch das Dolomitengebirge, das Ladinisch in einen nördlichen und einen südlichen Zweig unterteilt, wobei Friaulisch dem südlichen Zweig zugeordnet wird.

In dieser Studie beträgt die Divergenz der rätoromanischen Sprachen von ihrem rekonstruierten lexikalischen Vorfahren im Durchschnitt etwa 7 %. Dieses entspricht einer Zeittiefe von etwa 500 Jahren, wenn die umstrittene glottochronologische Zerfallsrate von 14 % pro Jahrtausend zutrifft. Jedoch ist der früheste vorhandene alpinromanische Text etwas älter und wird auf etwa 1200 datiert.

Siehe auch

Literatur

Allgemein

  • Ladinien (Karte aller rätoromanischen Sprachen)

Bündnerromanisch

Dolomitenladinisch

Friaulisch

Einzelnachweise

  1. 1 2 Horst Geckeler, Dieter Kattenbusch: Einführung in die italienische Sprachwissenschaft (= Romanistische Arbeitshefte. Band 28). 2. Aufl., Max Niemeyer, Tübingen 1992, S. 1 f.
  2. 1 2 Ricarda Liver: Rätoromanisch. Eine Einführung in das Bündnerromanische. Gunter Narr Verlag, Tübingen 1999, ISBN 3-8233-4973-2, 7. Das Bündnerromanische in der Romania, S. 165 (google.de).
  3. ↑ Krefeld 2003, S. 198.
  4. ↑ Georg Bossong: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung. Buske, Hamburg 2008, S. 174.
  5. ↑ Otto Carisch: Grammatische Formenlehre der deutschen Sprache und der rhätoromanischen im Oberländer und Unterengadiner Dialekte für Romanische. Buchdruckerei von G. Hitz, Chur 1851.
  6. ↑ Peter Forster, Alfred Toth, Hans-Jurgen Bandelt: Evolutionary Network Analysis of Word Lists: Visualising the Relationships between Alpine Romance Languages. Journal of Quantitative Linguistics 5: (1998) 174–187, doi:10.1080/09296179808590125.
  7. ↑ Theodor Gartner: Handbuch der rätoromanischen Sprache und Literatur. Niemeyer, Halle 1910.