Alphabetum Romanum

Römisches Alphabet von Felice Feliciano, in: Ephemeris epigraphica

Als »Alphabetvm Romanvm« (RŒMISCHES ALPHABET) wird eine Handschrift von Felice Feliciano (aus Verona) bezeichnet, die um 1460 erstellt wurde. Sie hat für die Geschichte der Schrift eine besondere Bedeutung. Es ist die erste Abhandlung über die Konstruktion von antiken römischen Majuskeln (Capitalis monumentalis) innerhalb eines Quadrates mit eingezeichnetem Kreis und Diagonalen.

Fundort und Inhalt

Als der Altertumsforscher Theodor Mommsen für sein Werk Corpus Inscriptionem Latinarum Unterlagen suchte, stieß er in der Biblioteca Apostolica Vaticana auf ein Manuskript, das die Signatur »Vat.Lat.6528« trug. Es handelte sich um das Werk eines ihm bisher unbekannten Veroneser Kalligraphen aus dem 15. Jahrhundert, Felice Feliciano. Mommsen überließ die Auswertung des Fundes seinem Freund Rudolf Schöne, der 1872 die Konstruktionsbeschreibungen der Handschrift transkribierte. Samt einer Tafel mit verkleinerten Majuskeln (Umrisslinien und schraffierte Flächen) veröffentlichte er dies lateinisch in den Ephemeris epigraphica: FELICIS FELICIANI VERONENSIS OPVSCVLVM INEDITVM (Eine unveröffentlichte Abhandlung von Felice Feliciano aus Verona).

Inhalt der Handschrift

Diese erste humanistische Abhandlung über die Konstruktion römischer Großbuchstaben enthält:

Giovanni Mardersteig hat das Alphabetum Romanum von F. Feliciano wissenschaftlich untersucht und 1960 als bibliophile Ausgabe mit einer umfangreichen „Einführung“ und Konstruktionszeichnungen veröffentlicht. Eine Faksimile Ausgabe des Codex »Vat.Lat.6528«, mit dem gekürzten „Kommentar“ von G. Mardersteig, hat der Belser Verlag 1985 herausgegeben.

Das Alphabet

Das Büchlein beginnt ohne Titel und Vorbemerkung, ohne Ort und Jahr. Die Buchstaben und Konstruktionsbeschreibungen sind auf der Vorder- und Rückseite der (etwas durchsichtigen) Pergamentbögen so exakt positioniert, wie es für einen Codex „üblich“ war: um einen einheitlichen Schriftspiegel zu erzielen, wurden vor der Linierung alle Bögen übereinandergelegt und an den vier Ecken des Schriftspiegels und der Quadrate durchstochen.

Die Konstruktionen

Mehrfarbige Variante (mit U) des ALPHABETUM ROMANUM

Gleich auf der ersten Seite, unter dem Buchstaben A, beschreibt Feliciano die wichtigsten geometrischen Figuren und Proportionen für die Konstruktionen: „Es war ein antiker Brauch den Buchstaben aus Kreis und Quadrat abzuleiten, deren Summe LII (52) ergeben, und aus dem Quadrat gewinnt man die vollkommene Zahl, die X (10) ist. Und so soll die Stärke (des Hauptstrichs) deines Buchstabens der x• (10.) Teil der Höhe sein und damit ebenso viel vom Kreis wie vom Quadrat haben; und der oben gezeichnete Buchstabe soll da entstehen, wo sich die Diagonalen mit dem Umkreis schneiden …“

Der Urheber und Schriftforscher

Initial-S (zweifarbig) mit Flechtwerk und Ranken; das S von SOCRATIS

Felice Feliciano, der das Alphabetum Romanum entwarf, stammte aus Verona (1433–1479). Er erhielt eine „humanistische Ausbildung“ und lernte Latein, hatte aber nicht die Mittel, um als unabhängiger Gelehrter leben zu können. Der Erforschung des Altertums, vor allem dem Sammeln und Kopieren antiker Inschriften, galt sein Interesse als Schriftkünstler und Buchmaler. Er nannte sich deshalb selber einen „Scriptor“ und „Antiquarius Felix“.

Feliciano hat die römische Capitalis monumentalis intensiv studiert, „indem er ihren Aufbau und ihre Konstruktion untersucht und nachgemessen hat, Detail für Detail“. Mit dieser „messenden Analyse“ wollte er als Schriftkünstler „dahinter kommen“, warum die Lapidarschrift so „überzeugend und ruhig“ wirkte. Die Schriftgeschichte vor Feliciano war durch vielfaches Abschreiben und „Augenmaß“ bestimmt. Er wollte diese klaren römischen Buchstabenformen („De formis litterarum Latinarum“) rational erforschen, statt sie nur zu imitieren. In seinem Manuskript hat er diese Majuskeln sowohl künstlerisch als auch sachlich dargestellt. Unter dem Buchstaben A erklärt Feliciano: „Es war ein antiker Brauch, den Buchstaben aus Kreis und Quadrat abzuleiten … Und dies, wie ich, Felice Feliciano, es durch Nachmessen in den antiken Schriftzeichen (auf Marmortafeln) wiedergefunden habe … so im erhabenen Rom wie an anderen Stätten.“

Mit seinem Alphabetum Romanum war Feliciano vielen nachfolgenden Kalligrafen und Stempelschneidern ein Vorbild, wie es sich 1481 Paolo Ramusio in seinem Epigramm (Nachwort) dieses Büchleins (libellum) gewünscht hat: „Wie eine Seite mit alten Schriftbildern geschrieben wird, kündet dieses Werk... Dies Büchlein möge daher still im Sinne behalten, wer römische (Schrift-)Zeichen zu handhaben begehrt.“

Felix Titling
MAJUSKEL-Schriftart

Siehe auch

Quelle und Faksimile-Ausgaben

Commons: Felice Feliciano – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ DigiVatLib: Manuscript – Vat.lat.6852
  2. ↑ Rudolf Schöne: Tafel II – Alphabet von Felix Felicianus (zwischen Seite 268 und 269)
  3. ↑ Belser-Kommentarband: Transkription und Übersetzung, Seite 37.
  4. ↑ Belser: Kommentarband, G. Mardersteig, Seite 9–12
  5. ↑ Belser: Beiband von Willberg, Seite 10 und 16
  6. ↑ Belser-Kommentarband: Transkription und Übersetzung, Seite 25.
  7. ↑ Übersetzung von Giovanni Mardersteig
  8. ↑ Schriftinformation zu Felix Titling bei Microsoft