Amalekiter

Die Amalekiter (hebräisch עֲמָלֵק ʿᵃmālēq) gelten in der Hebräischen Bibel als räuberisches Nomadenvolk, das im Süden der Region Palästina lebte und ein Erbfeind der Israeliten war. In Gen 36,12 EU werden sie durch die Nennung Amaleks als Enkel Esaus in die Nachkommenschaft Isaaks und den Konflikt mit Jakob als Stammvater der Juden gestellt. Historisch lässt sich über das Volk der Amalekiter wenig sagen.

In der Zeit des rabbinischen Judentums wurden immer wieder Gruppen und Personen, die sich durch ihre Judenfeindschaft hervortaten, als "Amalek(iter)", d.h. "Feind(e) schlechthin" oder "Inkarnation des Bösen" (Kabbala), angesehen. In der Haggada wurde Amalek mit Rom, in späterer Literatur sogar mit dem Christentum gleichgesetzt.

Auch noch in der Moderne werden vielfach Feinde und Gegner Israels bzw. der Juden mit den Amalekitern gleichgesetzt; so während des Israel-Gaza-Krieges ab 2023 die Palästinenser und die militant-islamistische Hamas seitens israelischer Politiker und Medien. Einige der Aussagen wurden vor dem Internationalen Gerichtshof seitens des Anklägers Südafrika in einer Klage gegen Israel als „Völkermordabsichten gegen das palästinensische Volk“ gewertet.

Lokalisierung

Aufgrund der fehlenden archäologischen Zeugnisse und der uneindeutigen biblischen Angaben lässt sich der Lebensraum der Amalekiter nicht eindeutig lokalisieren. In Num 14 werden Amalek und Kanaan als benachbarte Völker genannt, jedoch widersprechen sich die Angaben, da die Völker zunächst in der Ebene (Num 14,25 EU) dann im Gebirge (Num 14,39–45 EU) lokalisiert werden.

Ri 1,16 EU (nach plausibler Konjektur) und 1 Sam 15,6 EU sehen die Amalekiter und Keniter (hebr.: קינים) als Nachbarn, was zur Lokalisierung Amaleks im Negev passt (Num 13,29 EU). Auch die Abfolge des vermutlich alten Völkerspruchs in Num 24,20f EU, wo die Keniter den Amalekitern unmittelbar folgen, deutet möglicherweise auf die Nachbarschaft der Völker hin. Dass die Amalekiter im edomitischen Gebiet lebten, legen auch die Geschlechterliste Esaus (Gen 36,12 EU und 1 Chr 1,36 EU) und die Liste der edomitischen Häuptlinge (Gen 36,16 EU) nahe.

In Ps 83,7 f EU werden die Amalekiter unter den transjordanischen Völkern verortet. Ri 5,14 EU und Ri 12,15 EU bezeugen Erinnerungen Amaleks an den Stamm Ephraim.

Lebensweise

Über die Lebensweise der Amalekiter lassen sich kaum gesicherte Aussagen treffen. Für gewöhnlich wird in Amalek ein im Negev umherziehender Nomadenstamm vermutet. Dem Nomadentum widerspricht jedoch die Angabe in 1 Sam 15 EU, dass Amalek eine Stadt bewohne und König Agag an seiner Spitze stehe.

Gemäß Ri 6,3–5 EU, 1 Sam 15,3 EU und 1 Sam 30,17 EU besaßen die Amalekiter Kamele. 1 Sam 30 EU sowie die Erwähnungen in Ri 6,3 EU, 6,33 EU und 7,12 EU zeichnen ein Bild von Amalek als räuberischem Volk.

Biblischer Bericht

Mose werden die Arme hochgehalten, Miniatur aus einer Weltchronik (14. Jh.)

Die vertrauenswürdigsten Überlieferungen des AT zur Auseinandersetzung zwischen Israel und den Amalekitern sind die aus der Zeit Davids. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Feindschaft in seine Zeit zu datieren ist. In späteren Traditionen wird die Feindschaft immer weiter in die Frühgeschichte zurückverlagert und dabei Amalek mit ostjordanischen Feinden verknüpft. Der Name des amalekitischen Königs Agag wird schließlich zum neuen Synonym für einen Erzfeind.

Wüstenwanderung

Aaron und Hur stützen Mose beim Gebet, Bildfeld an der großen Knesset-Menora

Mit Ausnahme einer kurzen Notiz über die Verwüstung des Gebiets der Amalekiter durch einen Zusammenschluss von Königen (Gen 14,7 EU), sind die Amalekiter in Ex 17,8–16 EU zum ersten Mal von Bedeutung. Nach seinem Auszug aus Ägypten griff Amalek Israel in Refidim an. Mose übertrug Josua, dem Sohn Nuns, die militärische Führung im Kampf, während er selbst die Hände zum Gebet erhoben hielt.

„Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker.“

– Ex 17,11 EU

Israel konnte den Sieg erringen, da Aaron und Hur die Hände Moses stützten (Ex 17,12 f EU).

Die Erzählung gipfelt in einer göttlichen Zusage der Vernichtung der Amalekiter: „Denn ich will die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel austilgen.“ (Ex 17,14 EU). So begründet sie die Erzfeindschaft zwischen den beiden Völkern und „zeigt als theologische Lehrerzählung die Kraft des Gebets“.

Die Erzählung in Num 14,39–45 EU stellt ein negatives Gegenstück zu Ex 17,8–16 EU dar: Israel unterliegt Amalek in einem eigenmächtig und gegen den ausdrücklichen Willen JHWHs unternommenen Kriegszug.

Amalekitergesetz

Das Amalekitergesetz in Dtn 25,17–19 EU nimmt die Vernichtungszusage aus Ex 17,14 EU auf und überführt sie in einen Auftrag, das Volk der Amalekiter auszurotten, wenn Israel nach der Landgabe Frieden gefunden hat. Begründet wird das Banngebot mit dem Angriff der Amalekiter während der Wüstenwanderung. Die Verwerfung Sauls in 1 Sam 15,18 f EU hat ihre Ursache in der Missachtung dieses Gebots insofern, als er zwar an den Menschen den Bann vollziehen ließ, d. h. „Mann und Frau, Kinder und Säuglinge“ getötet wurden, aber deren König Agag verschonte und duldete, dass sich sein Volk „die besten Schafe und Rinder, das Mastvieh und die Lämmer und alles, was von Wert war“ aneignete. „Was aber nichts taugte und gering war, daran vollstreckten sie den Bann.“ (1. Samuel 15,9).

Richter- und Königszeit

In der Richter- und Königszeit kommt es häufiger laut biblischem Bericht zu wiederholten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Amalekitern und Israeliten.

Ri 3,13 EU erzählt von einem Eroberungszug der Amalekiter und Ammoniter unter moabitischer Führung gegen Israel. Gemäß Ri 6,3 EU, 6,33 EU und 7,12 EU führten die Amalekiter gemeinsam mit den Midianitern und den „Leuten des Ostens“ Beutezüge durch. Auch Ri 10,12 EU zählt Amalek als eines der Völker auf, die Israel in vorstaatlicher Zeit bedrängten.

Der Übergang zu 1 Sam 15 EU wird durch eine Notiz geschaffen, die von einem Schlag Sauls gegen Amalek berichtet (1 Sam 14,48 EU). 1 Sam 15 nennt insgesamt zwölfmal die Amalekiter (zehnmal עֲמָלֵק ʿᵃmālēq, zweimal עֲמָלֵקִי ʿᵃmālēqî). Gemäß dem o. g. Amalekitergesetz muss Saul den vollständigen Bann vollziehen, jedoch führt er den Befehl nicht korrekt aus. Dies führt zu seiner Verwerfung. Auch 1 Sam 28,18 EU begründet den Verlust von Sauls Königtum mit dem nicht vollstreckten Bann.

Die Notiz in 1 Sam 27,8 EU, die von Überfällen Davids auf Amalek berichtet, bereitet die große Erzählung 1 Sam 30 EU vor: Nach einem Überfall der Amalekiter auf seine Residenzstadt Ziklag führt David einen Rachefeldzug durch. 2 Sam 1,1–16 EU beschreibt, wie der Amalekiter, der David die Königsinsignien Sauls überbringt, vorgibt, Saul getötet zu haben und dafür niedergestochen wird. 2 Sam 8,12 EU und 1 Chr 18,11 EU zählen die Amalekiter als eines der Fremdvölker auf, die David besiegte und plünderte.

Ps 83,7 f EU nennt Amalek in einer Aufzählung transjordanischer Völker, die die feindliche Völkerwelt bzw. die Chaosmächte repräsentieren. Sie planen Israel derart zu vernichten, dass sich niemand mehr an Israel erinnern wird.

Historizität

Ein historischer Kern kann nicht mit genügend Sicherheit aus Ex 17,8–16 EU, 1 Sam 15 EU und 1 Sam 30 EU isoliert werden, was die historische Rekonstruktion verhindert. Die Erzählungen dienen dem Zweck, Amalek als den Feind schlechthin darzustellen – keine Bannforderung erreicht dieselbe Schärfe wie die gegen Amalek.

Auch die übrigen Berichte lassen kein eindeutiges Bild erkennen. Vermutlich handelte es sich bei Amalek in vorstaatlicher Zeit um einen hartnäckigen Feind, der an Judäas Südgrenze zu lokalisieren ist und mit dem Israel immer wieder wegen Weide- und Quellenrechten in Konflikt geriet. Später blieb nur die rudimentäre Erinnerung an einen nicht mehr existierenden Feind, die Amalek zum Synonym jeglicher Feindschaft gegen Israel werden ließ.

Amalek in der Halacha am Beispiel Maimonides

Am Ende des 14. und letzten Buchs seiner Mischne Tora (Sefer Schoftim - "Buch der Richter") greift Maimonides in einem eigenen Kapitel, den Hilchot Melachim u-Milchamotehem ("Gesetze(n) zu den Königen und ihren Kriegen"; abgekürzt: MEL), das Königsrecht mit Anteilen kriegsrechtlicher Art auf. Das letzte Kapitel der Mischne Tora schließt so mit Überlegungen und Bestimmungen zum Messias-König. Es beginnt mit der Aufzählung von drei Geboten, die den Israeliten vor ihrem Einzug ins gelobte Land Kanaan als Bestandteile der (schriftlichen) Tora von Mose selbst übergeben worden sein sollen (MEL I,1):

„Drei Gebote sind Israel zur Zeit des Eintritts ins Land befohlen worden:
(1) Sich einen König zu ernennen, denn es heißt (Dtn 17,15a): Du sollst über dich setzen einen König;
(2) die Nachkommenschaft Amaleks auszurotten, denn es heißt (Dtn 25,19c): Du sollst austilgen das Andenken Amaleks;
(3) einen Tempel ('Haus der Erwählung') zu bauen, denn es heißt (Dtn 12,5d.e): um dort (Seinen Namen) wohnen zu lassen. Dorthin sollst du kommen.“

Maimonides greift hier die bereits in seinem Sefer ha-Mitzwot ("Buch der Gebote"; abgekürzt: ShM) erwähnten und kommentierten Toragebote 20 (an 3. Stelle), 173 (an 1. Stelle) und 188 (an 2. Stelle) auf und bringt sie, unter Berufung auf den Bavli-Traktat Sanhedrin, in eine bestimmte Reihenfolge, deren Schriftgemäßheit er im unmittelbar folgenden Abschnitt (MEL I,2) nachzuweisen versucht: „Die Ernennung eines Königs geht den Kriegen gegen Amalek voran; denn es heißt (1 Sam 15,1.3): Mich hat der H(err) gesandt, um dich zum König zu salben, nun geh hin und schlage Amalek. Und die Ausrottung Amaleks geht dem Tempelbau voran, denn es heißt (2 Sam 7,1-2): Und es geschah, als der König in seinem Palast saß, und der H(err) ihm Ruhe verschafft hatte vor all seinen Feinden ringsum, da sagte der König zum Propheten Natan: Ich sitze in einem Zedernhaus...“

Die drei – in ShM bereits erwähnten und kommentierten – Amalek betreffenden Gesetze fasst Maimonides in der Mischne Tora (MEL V,5) folgendermaßen zusammen: „Desgleichen ist es ein Gebot, das Andenken Amaleks auszutilgen, denn es heißt (Dt 25,19): Du sollst bestimmt austilgen das Andenken Amaleks [ShM, Gebot 188]. Und es ist ein Gebot [ShM, Gebot 189], ständig an seine bösen Taten zu denken und an seine Hinterhältigkeit, um seine Feindschaft [die Feindschaft gegen ihn] wach zu halten, denn es heißt (Dt 25,17): Denke daran, was dir Amalek angetan hat. Aus der Überlieferung lernte man: denke - mündlich, vergiss nicht - im Herzen. Denn es ist verboten [ShM, Verbot 59], seine Feindschaft und seinen Hass [= die Feindschaft gegen ihn und den Hass gegen ihn] zu vergessen.“

Sowohl „der Krieg gegen die sieben Völker (Kanaans)“ als auch „der Krieg gegen Amalek“ und „die Errettung Israels aus der Hand eines Bedrängers, der sie [sic] überfällt“, werden von Maimonides (MEL V,1) als „Pflichtkrieg“ bezeichnet. MEL VI,1 zufolge darf „gegen keinen Menschen in der Welt Krieg“ geführt werden, „bevor man ihn nicht zur Ergebung [zum Frieden] aufgerufen hat, ob bei Wahlkrieg oder Pflichtkrieg...“ „Wenn sie sich ergeben“, führt Maimonides weiter aus, „und die sieben Gebote auf sich genommen haben, die den Söhnen Noahs befohlen wurden, tötet man von ihnen keinen, und sie werden zu Hörigen [Dienstabhängigen]; denn es heißt (Dt 20,11): sie sollen dir fronpflichtig sein und dir unterworfen sein.“ „Ergeben sie sich nicht oder ergaben sie sich, ohne die sieben Gebote auf sich zu nehmen“, fährt er in MEL VI,4 fort, „führt man gegen sie Krieg, tötet alle erwachsenen Männlichen, und man nimmt all ihr Vermögen und ihre Kinder als Beute. Man tötet keine Frau und kein Kind... Worauf beziehen sich diese Worte? Auf den Wahlkrieg mit den anderen Völkern. Aber die sieben Völker und Amalek, die sich nicht ergeben hatten, von ihnen lässt man keine Seele am Leben, denn es heißt (Dt 20,15): So sollst du verfahren mit allen [Städten, die sehr weit von dir entfernt liegen], (Dt 20,16) doch von den Städten dieser Völker[, welche dir der Herr, dein Gott, als Erbbesitz geben will,] sollst du keine Seele am Leben lassen. [ShM, Verbot 49] Und desgleichen heißt es in Bezug auf Amalek (Dt 25,19): Du sollst austilgen das Andenken Amaleks. Woher, dass sich das nur auf diese bezieht, die sich nicht ergeben hatten? Weil es heißt (Jos 11,19-20): Es gab keine Stadt, die sich den Israeliten ergab, außer den Hiwitern, den Bewohnern Gibeons. Alle nahmen sie im Kampf, denn es geschah vom H(errn) her, dass ihr Herz verstockt wurde zum Krieg gegen Israel, um sie dann (selber) zu bannen. Daraus ergibt sich, dass man ihnen die Ergebungsmöglichkeit (Frieden) angeboten hat, sie das aber nicht angenommen haben.“

Auch in seinem einflussreichen religionsphilosophischen Hauptwerk Führer der Unschlüssigen erwähnt Maimonides die Amalekiter und führt, auf das letzte Buch seiner Mischne Tora (siehe oben) verweisend, Folgendes über sie aus (III, 41): „Wie nämlich der einzelne Mensch bestraft wird, so muss auch manchmal ein Geschlecht oder ein Volk bestraft werden, damit die übrigen Geschlechter es hören und sich fürchten und sich nicht an diese Verderbtheit gewöhnen, sondern sich sagen: 'Es könnte auch uns so wie diesen ergehen', so dass ein unter ihnen auftretender böser Mensch, der Unheil stiftet, ohne sich um das schlimme Los zu kümmern, das er sich selbst bereitet, und ohne Rücksicht auf das Böse, das er anderen antut, bei seinem Geschlechte keinen Helfer finde, der ihm in seinen Gesinnungen, die er zur Tat machen will, beistehe. Darum hat Gott befohlen, das Andenken Amaleqs [sic] durch das Schwert zu vertilgen, weil dieses zuerst versucht hat, Israel mit dem Schwerte zu bekämpfen.“

Das Amalek(iter)bild Maimonides’ kann mit dem ehemaligen Professor für Judaistik Johann Maier (1933 - 2019) zusammenfassend wohl folgendermaßen charakterisiert werden: „In der rabbinischen Tradition erscheint Amalek keineswegs nur als Figur bzw. Volksstamm der fernen Vergangenheit, sondern als jeweils bösartigste Ausprägung der gottfeindlichen und israelfeindlichen Weltmacht. Auch für das mittelalterliche Judentum und Maimonides handelte es sich also um einen Typus, der jederzeit auch die aktuelle Politik repräsentieren kann. Maimonides erörtert im ShM zu den Geboten +187 und +188 die Frage der Aktualität dieser Vorschriften und erläutert den Unterschied zu dem Sachverhalt der tatsächlich sieben [kanaanäischen] Völker. Die sie betreffende Ausrottungsforderung der Torah ist seinerzeit bei der Landnahme erfüllt worden, Amalek hingegen blieb in Überresten erhalten. Ferner ist zu beachten, dass auch die biblischen Personen, die als 'Agagiter' bezeichnet werden, als Amalek-Nachkommen gelten, so dass z.B. Haman, der Bösewicht des Esterbuches, im Bereich des persischen Reiches, also im Orient, Amalek repräsentiert. Nicht Zeit und Ort sind hierbei die entscheidenden Kriterien, sondern der jeweilige Charakter. Konsequenterweise schließt Maimonides im ShM den Passus, der Amaleks Ausrottung fordert, mit der Formel 'wie es geschehen möge rasch in unseren Tagen'. (...) Die Übertragung des Amalek-Feindbildes auf den jeweiligen Hauptfeind Israels ist nun von hoher politischer Brisanz, weil auch kriegsrechtlich von Gewicht, wird damit doch auch die Ausrottungsforderung als niemals historisch erledigte eingestuft, sondern als Gebot von bleibender Verpflichtung umgedeutet. Diese Amalek-Typologie hat nicht bloß eine polemische Spitze, sie dient auch einer Kompromissfindung. Denn die traditionelle Gegenüberstellung zwischen 'Jakob' (Israel) und 'Esau'/'Edom' (römische und christliche Weltmacht) oder 'Ismael' (islamische Weltmacht) konnte ohne Existenzgefährdung nicht in aller Schärfe mit allen Konsequenzen durchgehalten werden. Die Abspaltung des Esau-Nachkommen Amalek von Esau erlaubte eine Differenzierung zwischen der zwar usurpierten, aber noch erträglichen Fremdherrschaft und ihrer aktiv feindseligen Ausprägung.“

Entsprechend beschließt der katholische Professor für Altes Testament Thomas Elßner den Abschnitt über „Die Mishneh Tora und de(n) JHWH-Krieg“ in seinem Buch Josua und seine Kriege in jüdischer und christlicher Rezeptionsgeschichte mit folgenden Worten: „Auch wenn Maimonides punktuell Abmilderungen dem biblischen Befund gegenüber vornimmt oder Interpretationen anführt, die sich deutlich vom biblischen Text entfernen, so lässt er keinen Zweifel darüber aufkommen, dass die Kriegsgesetze nach wie vor gelten.“

"Amalek(iter)" als Verkörperung der "Feinde der Juden schlechthin"

Als Beispiele für entsprechend apostrophierte Einzelpersonen wären der Kosakenführer Bohdan Chmelnyzkyj (1595–1657) oder auch Adolf Hitler zu nennen. Entsprechend galten natürlich auch die Nationalsozialisten insgesamt prominenten Juden wie Simon Dubnow, Arthur Szyk oder Raul Hilberg als Amalekiter. Solche Überlieferungen hängen möglicherweise auch mit Vorstellungen über Reinkarnation zusammen, die auf Hebräisch Gilgul genannt wird (wörtlich: „Rollen“ – gemeint ist eine Drehbewegung – hier der Seele).

Tatsächlich gehen bis heute manche Rabbiner sogar so weit, ganze Völker mit den Amalekitern zu identifizieren, wie beispielsweise der Gaon von Wilna, auf den sich wiederum Rabbi Joseph Chaim Sonnenfeld berief, als er sich 1898 weigerte, Kaiser Wilhelm II. bei seinem Palästinabesuch zu begrüßen, da die Deutschen von den Amalekitern abstammten. Rabbi Joseph Ber Soloveitchik und andere Rabbiner lehren, dass alle Judenhasser von der Saat Amaleks stammten, so die Nationalsozialisten, die Sowjets, Nasser und der Mufti Mohammed Amin al-Husseini. Wiederum andere, wie Rabbi Jack Riemer, sehen in islamischen Fundamentalisten Amalekiter. Rabbi Shammai Engelmayer bezeichnete den russischen Präsidenten Wladimir Putin und den Russischen Überfall auf die Ukraine 2022 als Nachahmung Amaleks.

Verwendung für Araber und Palästinenser

1974 wurden die Palästinenser als Volk erstmals mit Amalek gleichgesetzt, als Rabbi Moshe Ben-Tzion Ishbezari aus Ramat Gan sie so bezeichnete. 1980 schloss sich Rabbi Israel Hess dieser Ansicht an. Hess war Rabbi am Campus der Bar-Ilan-Universität und veröffentlichte im Februar 1980 einen Artikel mit dem Titel „Die Aufforderung zum Völkermord in der Torah“. Nach seinem Tod im November 2004 wurde Jassir Arafat von der etwa 200 Mitglieder starken Rabbinervereinigung „Pikuach Nefesh“, die sich u.a. gegen territoriale Zugeständnisse durch Israel einsetzt, als „Amalek unserer Generation“ bezeichnet und der Vorschlag gemacht, seinen Todestag als Freudentag zu feiern.

Der jüdisch-rechtsextreme Terrorist Baruch Goldstein, der am 25. Februar 1994 in Hebron bei einem Massaker in der Abraham-Moschee 29 Palästinenser tötete und 150 verletzte, rechtfertigte seine Tat unter anderem damit, dass er die Palästinenser als Amalekiter der Gegenwart betrachtete.

Robert Eisen, Professor für Judaistik an der George Washington University in Washington D.C, befand, dass die Neigung rechtsnationaler israelischer Siedler, die Palästinenser mit den Amalekitern zu identifizieren, mitunter für diese tödliche Konsequenzen habe.

Regelmäßig werden bis heute entweder Araber oder Palästinenser von Juden als Amalek bezeichnet. So zitierte der amerikanische Journalist Jeffrey Goldberg 2004 aus Interviews mit israelischen Siedlern im Westjordanland und Gazastreifen. In einem der Interviews bezeichnete der damalige Vorsitzende des Siedlungsrats (Council of Settlements), Benzi Lieberman, die Palästinenser als Amalek. Man habe zwar nicht vor, sie alle umzubringen, doch werde man „den palästinensischen Nationalismus zerstören“. Goldberg, der die Amalekiter einen „mysteriösen kanaanitischen Stamm“ nannte, vertrat in diesem Zusammenhang die Ansicht, das Gebot, die Amalekiter auszurotten, sei das von den prägenden Gestalten des rabbinischen Judentums wohl am meisten ignorierte Gebot der Bibel. Die Rabbiner hätten das mit ihm einhergehende moralische Problem dadurch gelöst, dass sie lehrten, die Amalekiter existierten nicht mehr. Der Likud-Politiker Mosche Feiglin meinte einmal feststellen zu müssen, die Araber (!) trügen ein „typisch amalekitisches“ Verhalten an sich.

Während des Israel-Gaza-Krieges ab 2023 setzten israelische Politiker und Medien die Palästinenser bzw. die Hamas vielfach mit den Amalekitern gleich. Einige der Aussagen wurden als „Völkermordabsichten gegen das palästinensische Volk“ in einer Klage Südafrikas gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof gewertet.

Verwendung des Begriffs durch israelische Politiker

  • Benjamin Netanjahu, israelischer Ministerpräsident - In einer Rede am 28. Oktober 2023 bezeichnete Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Hamas als eine Wiederholung der biblischen Amalekiter. Netanjahu zitierte aus dem Alten Testament Deuteronomium 25,17: „Du sollst daran denken, was Amalek dir angetan hat.“, wobei er die nachfolgenden Passagen, die zur Ausrottung der Amalekiter aufrufen (Vers 19, „Du sollst das Andenken an Amalek unter dem Himmel auslöschen. Vergiss nicht!“), ausließ. Joshua Krug kritisierte Netanjahu dazu in den Jewish News in Northern Carolina scharf: es sei taktisch, strategisch und moralisch falsch, die Hamas mit Amalek gleichzusetzen. Das Wort, das im heutigen Sprachgebrauch dafür steht, was der antike Text befiehlt, sei „Völkermord“. Netanjahus Sprachwahl sei „zynisch, manipulativ und gefährlich in einer Zeit des Krieges, in der Menschen weltweit seinen Worten zuhören und diese als Munition für die Behauptung hinzufügen, dass Israel einen Völkermord begehe.“ Der israelische Genozidforscher Omer Bartov bezeichnete Netanjahus Aussage sowie ähnliche Aussagen ranghoher israelischer Politiker als „im Kern genozidal“. Nachdem Südafrika im Januar 2024 Israel vor dem Internationalen Gerichtshof des Völkermordes in Gaza beschuldigte und in der Klageschrift Netanjahus Amalek-Aussage als Aufruf zum Genozid auslegte, ließ Netanjahus Büro im Januar 2024 verkünden, dass diese „falsche und lächerliche Behauptung“ von „großer historischer Unwissenheit“ zeuge.
  • Boaz Bismuth, Knessetabgeordneter der rechtsnationalen Likud-Partei - Am 16. Oktober 2023 behauptete Boaz Bismuth in einem Beitrag auf X, dass die Zivilbevölkerung in Gaza sich aktiv an Taten der Hamas vom 7. Oktober beteiligt habe. Bismuth erklärte: „Es ist verboten, grausamen Menschen Barmherzigkeit zu erweisen, es gibt keinen Platz für irgendeine humanitäre Geste – die Erinnerung an Amalek muss protestiert (sic!) werden!“
  • Aryeh King, stellvertretender Bürgermeister von Jerusalem - King äußerte sich im Dezember 2023 zu Fotos von durch Israel gefangen genommene und entkleidete Palästinenser, die dazu gezwungen wurden, sich in eine Sandgrube zu setzen. King erklärte, hätte er die Entscheidungsgewalt, hätte er die Gefangenen mit Bulldozern lebendig begraben; sie seien keine Menschen oder menschliche Tiere, sondern Untermenschen. Jede Erinnerung an die Amalekiter müsse, so King, „ausgelöscht werden“.

Verwendung durch israelische Militärs

  • Mitte Dezember 2023 bestätigte die israelische Armee die Echtheit eines am 7. Dezembers publizierten Videos, in dem Dutzende israelische Soldaten singen: „Wir kennen unser Motto: es gibt keine unbeteiligten Zivilisten (in Gaza)“ und dass sie (die Soldaten) „die Saat Amaleks tilgen werden“. Die Armeeführung teilte mit, dass das Verhalten der Soldaten nicht im Einklang mit den Werten der israelischen Armee stünde.

Verwendung des Begriffs durch israelische Medien

  • Die Israel National News schrieb am 15. Oktober 2023 in einem Artikel: „Amalek hat wieder sein Haupt erhoben, und dies ist die Botschaft, was wir ihnen antun sollen, wie es in 1. Samuel, 15 in Übereinstimmung mit Devarim 25 geschrieben steht. Lasst dies eine Warnung – und eine Richtlinie – für unsere Führer sein, die uns schon viel zu lange im Stich gelassen haben.“ Es folgte die biblische Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Samuel und Saul vor dem Hintergrund von Samuels Völkermordbefehl an den Amalekitern.
  • Aviel Schneider, Redakteur des deutschsprachigen israelischen Online-Mediums Israel heute, setzte die Hamas mit Amalek gleich und fragte, warum man sie nicht vernichten dürfe, wenn Gott doch die Ausrottung Amaleks geboten habe. Ryan Jones schrieb in einem Artikel desselben Mediums: „Israel ist endlich bereit, Amalek zu vernichten, aber die Christen (die USA und Europäer) lassen es nicht zu.“

Amalek-Begriff in der Klage gegen Israel wegen Völkermord vor dem Internationalen Gerichtshof

Ende Dezember 2023 erhob Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Israel Anklage wegen „Völkermordes“. In der 84-seitigen Klageschrift werden Äußerungen israelischer Politiker, Staatsbediensteter und anderer als Belege für „Völkermordabsichten gegen das palästinensische Volk“ gewertet. Hierbei aufgeführt werden auch Zitate, die den Amalek-Begriff enthalten, darunter die Aussage von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vom 28. Oktober 2023, die Aussage von Boaz Bismuth vom 16. Oktober 2023 und das Video vom 7. Dezember 2023 mit den israelischen Soldaten.

Literatur

Monografien:

Aufsätze und Lexikonartikel:

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Hans Andreas Tanner: Amalek / Amalekiter. In: WiBiLex. Deutsche Bibelgesellschaft, 1. Mai 2008, abgerufen am 14. Oktober 2022.
  2. ↑ Heinz-Martin Döpp: Amalekiter. In: Julius H. Schoeps (Hrsg.): Neues Lexikon des Judentums, Gütersloh 2000, S. 45.
  3. 1 2 Stefan Timm: Amalekiter. In: Hans Dieter Betz, Don S. Browning, Bernd Janowski, Eberhard Jüngel (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart. 4. Auflage. Band 1. Mohr Siebeck, Tübingen 1998.
  4. ↑ Vgl. Johann Maier, Kriegsrecht und Friedensordnung in jüdischer Tradition, Stuttgart 2000*, S. 215, und Thomas R. Elßner, Josua und seine Kriege in jüdischer und christlicher Rezeptionsgeschichte, Stuttgart 2008, S. 172 (mit hebräischem Originaltext). Seine Ausführungen zur Stelle (S. 172-174) fasst Elßner auf S. 174 folgendermaßen zusammen (Rechtschreibung angepasst): „Da Maimonides die (...) drei Forderungen im Königsrecht und damit im letzten Kapitel des letzten Buches der Mishneh [sic] Tora aufstellt, kommt diesen Forderungen nicht nur eine historische, sondern eine ebenso künftige, aber stets normative Bedeutung zu. Das heißt, dass der jüdischen Communitas, wann immer sie in das Land Israel zurückkehren wird, auch diese Gebote fortgesetzt aufgegeben bleiben. Dazu gehört ebenso, die Nachkommenschaft Amaleks auszurotten... Die Brisanz einer solchen zeitlos gültigen Forderung äußert sich vor allem darin, dass zwar davon ausgegangen wird, dass das einstmalige Volk der Amalekiter aus biblischer Zeit so nicht mehr existiert, dass es aber in anderen Nachkommenszweigen noch fortbesteht. Diese sind deshalb zu töten. Zudem verkörpert Amalek israelfeindliche Mächte in der Welt, so dass für Maimonides Amalek 'jederzeit auch die aktuelle Politik repräsentieren kann' [Maier, Kriegsrecht, S. 120].“
    • Der gesamte dritte Teil der Monografie Maiers (S. 99-251) war bereits 1993 als eigene Monografie unter dem jetzt als Überschrift verwendeten Titel „Friedensordnung im mittelalterlichen Judentum. Dargestellt auf der Basis der Schriften des Maimonides“ (= Beiträge zur Friedensethik 16) beim Institut für Theologie und Frieden, Barsbüttel, erschienen.
  5. ↑ Elßner (Josua, S. 172 Fn. 685) stellt zwar richtig fest, dass auch die von Johann Maier, der fälschlicherweise Ex 24,8 als Referenz angibt, mutmaßlich intendierte Stelle Ex 25,8 hierfür aufgrund ihres abweichenden Wortlauts nicht in Frage kommt, sondern ausschließlich Dtn 12,5. Merkwürdigerweise übernimmt er dann aber trotzdem Maiers Schriftzitat: „Und sie sollen mir ein Heiligtum machen...“ (Ex 25,8).
  6. ↑ Sanhedrin 20b; vgl. L. Goldschmidt, Babylon. Talmud, Band 8, Frankfurt am Main 1996, S. 535: „Es wird gelehrt: R. Jose sagte: Drei Gebote wurden den Jisraéliten bei ihrem Einzuge in das Land auferlegt: einen König einzusetzen, die Nachkommen Amaleqs auszurotten und den Tempel zu bauen.“
  7. ↑ Vgl. Maier, Kriegsrecht, S. 216; Elßner, Josua, S. 174 (ohne Schriftzitate, jedoch mit hebräischem Originaltext). Dies scheint insbesondere deshalb nötig gewesen zu ein, da Maimonides in ShM bei allen drei Geboten den Kommentar des Midrasch Sifre Deuteronomium (§ 67) zu Dtn 12,10 („Wenn ihr aber über den Jordan gezogen seid und euch in dem Lande niedergelassen habt, welches euch Jahwe, euer Gott, zum Erbbesitz geben will...“) angeführt hatte, in dem die Ausrottung der Amalekiter und die Erbauung des Tempels in umgekehrter Reihenfolge stehen.
  8. ↑ Wie der israelische Historiker Kalman Neuman in einem Aufsatz anmerkt, setzen die traditionellen Quellen zwar einen König als gesetzeskonforme Autorität voraus. Neuere Gesetzeskundige ("halakhists"), die versuchten, die Quellen auf die moderne Wirklichkeit anzuwenden, hätten allerdings erklärt, dass die Macht, Krieg zu führen, in Abwesenheit eines Königs auf das Volk übergehe und jeder demokratisch legitimierte Herrscher den halachischen Status des Königs einnehmen könne. "Locus classicus" für diese Ansicht sei Rabbi A.I.H. Kook, Mishpat Cohen, Jerusalem: Mossad Harav Kook, 1985, p. 337 (hebräisch). Vgl. Kalman Neuman: The law of obligatory war, in: Yigal Levin, Amnon Shapira (Hrsg.): War and Peace in Jewish Tradition. From the biblical world to the present. London - New York 2019 (Erstauflage 2012), S. 186-199, hier S. 194 En. 4.
  9. ↑ Vgl. Maier, Kriegsrecht, S. 224-225 (Rechtschreibung angepasst).
  10. ↑ Damit sind die in Dtn 7,1 und an zahlreichen anderen Stellen des Alten Testaments erwähnten Hethiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter gemeint.
  11. ↑ Maier, Kriegsrecht, S. 224; Elßner, Josua, S. 176 (mit hebr. Originaltext). Ein vom König zu führender Pflichtkrieg habe Vorrang vor jedem „Wahlkrieg“, „den er gegen die anderen Völker führt, um das Gebiet Israels zu erweitern und um seine Größe und seinen Ruhm zu mehren.“ (Ebd.)
  12. ↑ Maier, Kriegsrecht, S. 227; Elßner, Josua, S. 180-181 (mit hebr. Originaltext); Louis Feldman (Remember Amalek! 2004, S. 50) weist auf den offensichtlichen Widerspruch zum kategorischen biblischen Vernichtungsgebot hin und vermutet Dtn 24,16 [„Väter sollen nicht um der Kinder willen und Kinder nicht um der Väter willen mit dem Tode bestraft werden. Ein jeder soll (nur) wegen seiner (eigenen) Schuld getötet werden“] als Hintergrund für die offenkundige Abweichung Maimonides' vom (früh)rabbinischen "Mainstream".
  13. ↑ Maier, Kriegsrecht, S. 227.
  14. ↑ Maier, Kriegsrecht, S. 228; Elßner, Josua, S. 181 (mit hebr. Originaltext).
  15. ↑ Maier, Kriegsrecht, S. 228 (Zitat aus Jos korrigiert, da es u.a. eine falsche doppelte Verneinung enthielt; Rechtschreibung angepasst).
  16. ↑ Vgl. Elßner, Josua, S. 180-184, Abschnitt 2.1.4: „Das Austilgen der sieben Völker und Amaleks (MEL VI,4)“.
  17. ↑ Mose ben Maimon: Führer der Unschlüssigen. Ins Deutsche übertragen und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Dr. Adolf Weiss. Drittes Buch. Felix Meiner, Leipzig 1924, S. 261; Rechtschreibung angepasst.
  18. ↑ Maier, Kriegsrecht, S. 120-121 (Rechtschreibung und Zeichensetzung angepasst).
  19. ↑ In Anbetracht der Tatsache, dass in der Septuaginta Haman meistens (Est 3,1; 8,5; 9,10) Βουγαῖος/Bugaios, das entweder als Herkunftsangabe "Bugäer" (A New English Translation of the Septuagint, 2007) gedeutet oder mit "Prahlhans" (Septuaginta Deutsch, 2009) übersetzt wird, in Est 9,24 (LXX) und dem apokryphen Ester-Zusatz 5,10 sogar Μακεδών/Makedōn, d.h. „Makedone“, genannt wird, ist es einerseits umstritten, ob Haman im ursprünglichen Text überhaupt „Agagiter“ genannt wurde, andererseits, ob bereits der Verfasser des Esterbuchs in Haman einen Nachfahren Amaleks und/oder dessen Repräsentanten gesehen hat. Vgl. hierzu H. A. Tanner: Amalek, Zürich 2005, S. 359-363; M. J. Fretz, Art. Agagite, in: The Anchor Bible Dictionary, New York 1992, Bd. 1, S. 89-90.
  20. ↑ Da Maier den Inhalt der beiden Gebote nur sehr gerafft wiedergibt, seien hier der Anfang und eine zentrale Passage aus dem Text des Gebots 187 (Dtn 20,17), wie er in Maiers Buch auf S. 143 abgedruckt ist, angeführt (Rechtschreibung angepasst): „Das 187. Gebot besteht in dem Befehl, dass uns aufgetragen wurde, die sieben Völker zu töten und sie auszurotten, da sie die Wurzel des Fremdkults und dessen erstes Fundament darstellen. Das ist es, da Er - Er werde erhoben! - gesagt hat: Bestimmt sollst du sie bannen [Dtn 20,17]. Und Er legte uns ausdrücklich dar (Dt 20,18), dass der Sinn der Sache darin besteht, dass wir nicht von ihrem Unglauben [ihrer Leugnung] lernen. Zahlreich sind die Schriftstellen, welche in Bezug auf ihre Tötung ermahnen und bekräftigen, und der Krieg gegen sie ist ein Pflichtkrieg (milchämät miçwah). Es könnte jemand meinen, dieses Gebot sei nicht anwendbar auf (alle) Generationen, weil die sieben Völker schon untergegangen sind. Sowas meint nur einer, der die Bedeutung der Anwendung auf (alle) Generationen nicht erfasst hat. Sie besteht darin, dass der Sachverhalt, welcher durch das Erreichen des Ziels abgeschlossen wird, ohne dass die Sache an eine bestimmte Zeit gebunden ist, nicht als etwas bezeichnet werden kann, das nicht für (alle) Generationen Anwendung findet, weil er ja in jeder Generation gilt, in der jene Sache möglich ist. Du siehst ja: Wenn der H(ERR) den Samen Amaleks in seiner Gesamtheit austilgt und ihn ausrottet bis zum Letzten - wie es geschehen möge rasch in unseren Tagen! - entsprechend dem, was Er - Er werde erhoben! - verheißen hat (Ex 17,14): Dass ich bestimmt tilgen werde das Andenken Amaleks, sollen wir da sagen (Dt 25,19): Du sollst austilgen das Andenken Amaleks [ShM +188] wurde gesagt als nicht anwendbar auf (alle) Generationen? Das kann man nicht so sagen, vielmehr ist es anzuwenden in jeder einzelnen Generation; zu jeder Zeit, da sich ein Nachkomme Amaleks vorfindet, soll er ausgetilgt werden. Und so auch die Tötung der sieben Völker und deren Ausrottung, sie ist ein Befehl, durch den uns dies aufgetragen wurde, und das ist ein Pflichtkrieg (milchämät miçwah). Und uns ist aufgetragen, sie zu entwurzeln und sie zu verfolgen in jeder einzelnen Generation, bis sie auf den letzten Mann verschwunden sind. So verfuhren wir auch bis zur Vollendung ihrer Austilgung durch David, aber was übrigblieb, wurde zerstreut und ging auf in den Völkern, so dass man (schließlich) nichts mehr darüber wusste. Wegen der Tatsache, dass sie bereits untergegangen sind*, wird das Gebot, durch das uns in Bezug auf sie aufgetragen wurde, sie zu töten, nicht ein Gebot, welches nicht für (alle) Generationen gilt, so wie wir nicht in Bezug auf den Krieg gegen Amalek sagen, er gelte nicht für (alle) Generationen, und zwar selbst nach ihrer Austilgung und Ausrottung, denn dieses Gebot hängt nicht ab von einer (bestimmten) Zeit und auch nicht von einem bestimmten Ort, wie jene Gebote, die sich speziell auf die Wüste oder auf Ägypten beziehen, sondern es hängt ab von dem, in Bezug auf den sie befohlen sind. Allezeit, da er existiert, wird an ihm jener Befehl ausgeführt.“ *) Für den Rabbiner Dr. Charles B. Chavel, der den ShM ins Englische übersetzt und kommentiert hat, spricht bereits die Tatsache, dass Maimonides dieses Gebot in die Liste der 613 Mitzvot aufgenommen hat, dafür, dass er es keinesfalls für ausgemacht hielt, dass die sieben Völker längst untergegangen sind, wie es die Übersetzung von Maier nahelegt. Entsprechend übersetzt er hier weitaus vorsichtiger: „they have disappeared“ (The Commandments. Sefer Ha-Mitzvoth of Maimonides. Vol. I: The Positive Commandments. 3. Auflage, The Soncino Press, London - Jerusalem - New York 1976, S. 200; vgl. ebd. Fn. 3).
  21. ↑ Elßner, Josua, S. 170-197.
  22. ↑ Ebd. S. 197; Rechtschreibung angepasst.
  23. ↑ David Golinkin: The First Word: Are Jews still commanded to blot out Amalek? In: jpost.com. 11. März 2006, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 16. März 2006; abgerufen am 7. Juni 2025 (englisch).
  24. ↑ Shammai Engelmayer: Remembering Amalek means opposing Putin. In: timesofisrael.com. 17. März 2022, abgerufen am 14. Dezember 2023 (englisch).
  25. ↑ Nur Masalha: The Bible and Zionism: Invented Traditions, Archaeology and Post-Colonialism in Palestine-Israel. Zed Books (englisch).
  26. ↑ Robert Eisen: The peace and violence of Judaism: from the Bible to modern Zionism. Oxford University Press, 2011, S. 152 (englisch).
  27. ↑ Yisrael Hess: Mitzvot Hagenocide Batorah. In Bat Qol. Bar-Ilan-Universität, 26. Februar 1980 (englisch).
  28. ↑ Nur Masalha: The Bible and Zionism: Invented Traditions, Archaeology and Post-Colonialism. Zed Books, 2007, S. 150 f. und 199 (englisch).
  29. ↑ Elliott S. Horowitz: Reckless Rites: Purim and the Legacy of Jewish Violence. Princeton, University Press, 2006, S. 3 (englisch); ISBN 978-0-691-13824-4.
  30. ↑ Genocide case against Israel: Who were the Amalek, whose mention by Netanyahu came up at the ICJ | The Indian Express, 12. Januar 2024, abgerufen am 16. Januar 2024.
  31. ↑ Robert Eisen: The Peace and Violence of Judaism: From the Bible to Modern Zionism, Oxford University Press, Oxford 2011, S. 105.
  32. ↑ „Among the Settlers: Will they Destroy Israel?“, in: New Yorker vom 31. Mai 2004.
  33. ↑ Horowitz: Reckless Rites, S. 1-3.
  34. 1 2 3 4 OPINION: Comparing Hamas to Amalek, our biblical nemesis, will ultimately hurt Israel (jweekly.com), 2. November 2023, abgerufen am 14. Dezember 2023.
  35. ↑ Genozidforscher über Gaza: Jeder Genozid ist andersin: TAZ, 19. Januar 2024, abgerufen am 21. Januar 2024.
  36. 1 2 Klageschrift Südafrikas beim Internationalen Gerichtshof gegen Israel wegen Völkermords: Application instituting proceedings. 28. Dezember 2023, S. 60.
  37. ↑ Zitatquelle: Israeli PM's Office Defends Use Of Biblical Reference Cited In Genocide Claim At ICJ - I24NEWS, 16. Januar 2024, abgerufen am 16. Januar 2024
  38. 1 2 Zitiert in Klageschrift Südafrikas beim Internationalen Gerichtshof gegen Israel wegen Völkermords: "Application instituting proceedings" (englisch), S. 66. Boaz Bismuths Beitrag im Original auf X (hebräisch), 16. Oktober 2023.
  39. 1 2 Gaza: Bilder von entkleideten Gefangenen sorgen für Kritik, Neue Zürcher Zeitung, 8. Dezember 2023, abgerufen am 14. Dezember 2023.
  40. 1 2 Klageschrift Südafrikas beim Internationalen Gerichtshof gegen Israel wegen Völkermords: Application instituting proceedings. 28. Dezember 2023, S. 65.
  41. 1 2 3 Fact Checking Claims About Israeli Soldiers and the ‘Seed of Amalek’ - The Dispatch, 14. Dezember 2023, abgerufen am 14. Dezember 2023
  42. 1 2 Amalek has lifted its head again (israelnationalnews.com), 15. Oktober 2023, abgerufen am 14. Dezember 2023.
  43. ↑ Hamas ist das neue Amalek - Israel Heute, 13. Dezember 2023, abgerufen am 15. Dezember 2023.
  44. ↑ Israel ist endlich bereit, Amalek zu vernichten, aber die Christen lassen es nicht zu - Israel Heute, 30. November 2023, abgerufen am 15. Dezember 2023.
  45. ↑ Klageschrift Südafrikas beim Internationalen Gerichtshof gegen Israel wegen Völkermords: Application instituting proceedings. S. 59.