Amber Reeves

Amber Reeves, verheiratete Blanco White (* 1. Juli 1887 in Christchurch; † 26. Dezember 1981 in St. John’s Wood, London) war eine in Neuseeland geborene britische Feministin, Politikerin und Autorin.

Leben

Reeves war das älteste von drei Kindern der Feministin Maud Pember Reeves (1865–1953) und des neuseeländischen Politikers und Sozialreformers William Pember Reeves (1857–1932).

Die Familie zog 1896 nach Kensington, London, wo ihr Vater Neuseelands Agent-General wurde (entspricht einem Botschafter). Reeves besuchte die Kensington High School bis 1904 und reiste anschließend auf den Kontinent, wo sie unter anderem fließend Französisch lernte. Ihr Vater war der höheren Bildung von Frauen gegenüber nicht vollständig aufgeschlossen; als er ihr aber die Wahl zwischen einer Einführung am Hof und einem Studium an der Universität Cambridge ließ, entschied sie sich für Cambridge. Reeves begann 1905 am Newnham College ein Studium in Moral Sciences (Philosophie). Ihr Vater sprach im Weiteren stets sehr anerkennend über ihre akademischen Leistungen.

Während ihrer Zeit in Cambridge begann Reeves, sich mit anderen jungen Frauen zu verbinden, die ihre intellektuellen Interessen und sozialistischen politischen Neigungen teilten, und schloss eine lebenslange Freundschaft mit der Pädagogin Eva Spielmann. Sie engagierte sich in einer Reihe von Vereinigungen, darunter die Debattiergesellschaft. 1907 leitete sie die interkollegiale Debatte mit dem Girton College, bei der sie argumentierte, „die sozialistische Lebensauffassung ist die edelste und die fruchtbarste, sowohl für den Staat als auch für den Einzelnen.“ 1906 gründete sie gemeinsam mit Ben Keeling, einem Mitglied der Fabian Society, die Cambridge University Fabian Society (CUFS). Die CUFS war die erste Gesellschaft in Cambridge, die von Anfang an Frauen aufnahm. Junge Frauen trafen sich regelmäßig gleichberechtigt mit Männern und diskutierten alles von religiösen Überzeugungen über soziale Missstände bis zu Sexualität, was in der konventionellen Atmosphäre ihrer Elternhäuser unmöglich gewesen wäre.

Sie zeichnete sich in ihrem Studium aus und erwarb 1908 in zwei Fächern einen First-class-honours-Abschluss. Gilbert Murray schrieb über einen Vortrag, den sie vor der Newnham Philosophical Society gehalten hatte: „Er scheint mir die bei Weitem beste College-Arbeit zu sein, die ich gelesen habe – ich meine, wie sie von einer jungen Person und aus einem nicht‑metaphysischen Blickwinkel behandelt wurde.“ Eine Kommilitonin beschrieb sie nach einem Vortrag vor der Philosophical Society als „personfizierten Intellekt“.

H. G. Wells war ein Freund von Reeves’ Eltern und einer der beliebtesten Redner bei Veranstaltungen der CUFS. Dann kursierte das Gerücht, Wells, der diverse Affären hatte, und Reeves seien für ein romantisches Wochenende nach Paris gefahren. Die Beziehung bestätigte ein gemeinsames Auftreten bei einem Abendessen zu Ehren von Sydney Olivier, 1. Baron Olivier. Wells behauptete, Reeves habe auf sein Bedürfnis nach „abenteuerlicher Erotik“ und auf die „sexuelle Fantasie“ reagiert, mit der seine Frau Catherine Wells, genannt „Jane“, nicht zurechtkäme. Wells bestand darauf, die Beziehung geheim zu halten, während Reeves dafür keinen Grund sah. Als die Beziehung allgemein bekannt wurde, gab es zahlreiche Versuche, sie zu beenden, insbesondere seitens Reeves Mutter und von George Rivers Blanco White, einem Juristen. Reeves war darauf bedacht, Wells’ Ehe nicht zu zerstören, wurde jedoch im Frühjahr 1909 schwanger. Familie Reeves war schockiert und das Paar floh nach Le Touquet-Paris-Plage. Beide kamen mit der plötzlichen Häuslichkeit nicht gut zurecht; Einsamkeit und Angst im Zusammenhang mit ihrer Schwangerschaft sowie verfahrene Situation machten Reeves depressiv. Nach drei Monaten brachte Wells sie nach Boulogne-sur-Mer zur Fähre nach England, während er zurückblieb, um weiter zu schreiben. Am 7. Mai 1909 heiratete Reeves Blanco White und im Dezember 1909 kam eine Tochter, Anna-Jane, zur Welt, die erst mit 18 Jahren erfuhr, dass ihr leiblicher Vater H. G. Wells war. In späteren Jahren schrieb sie: „Ich habe nicht geplant, Rivers zu heiraten; er hat es mit H. G. arrangiert, aber ich war stets der Meinung, es war das Beste, was überhaupt hätte geschehen können.“ Wells schrieb den Schlüsselroman Ann Veronica, der auf seiner Beziehung zu Reeves basierte. Der Roman wurde von seinem Verleger FrederickMacmillan wegen des möglichen Schadens abgelehnt; T. Fisher Unwin veröffentlichte ihn jedoch im Herbst 1909, als die Gerüchte über die Beziehung bereits weit verbreitet waren. Wells schrieb später, dass zwar die Titelfigur auf Reeves basiere, die Figur, die ihr seiner Meinung nach am nächsten komme, jedoch „Amanda“ in seinem Roman The Research Magnificent sei. Am 31. Dezember 1909 brachte sie eine Tochter, Anna‑Jane, zur Welt.

Reeves wurde im Ersten Weltkrieg im Arbeitsministerium beschäftigt und leitete dort eine Abteilung, die sich mit der Beschäftigung von Frauen befasste. Ein Teil ihrer Aufgabe bestand darin, Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeber dazu zu ermutigen, Frauen mehr Aufgaben und Verantwortung zuzugestehen. Später übernahm sie im Ministry of Munitions die Verantwortung für die Entlohnung von Frauen. 1919 wurde sie in den Whitley Council berufen, doch noch im selben Jahr wurde ihre Ernennung wieder beendet. Der Ministerialbeamte Humbert Wolfe schrieb an den Sekretär des Councils, Matthew Nathan, dass Reeves Entlassung hauptsächlich damit begründet worden sei, dass sie eine verheiratete Frau sei, und dass es „ernsthaft dumm“ sei, sie aus dem öffentlichen Dienst zu vertreiben. Trotzdem wurde ihr 1922, im Zuge einer Entlassungswelle von ihm Krieg angestellter Frauen, gekündigt.

Reeves begann mit der Arbeit an ihrem Buch Give and Take, das 1923 veröffentlicht wurde. Reeves tat sich schwer mit der Rolle als Hausfrau; an einer Stelle schrieb sie:

“The life of washing up dishes in little separate houses and being necessarily subordinate in everything to the wage-earning man is I think very destructive to the women and to any opinion they may influence. It is humiliating and narrowing and there is nothing to be said in its favour […] Oh how I should like some hard work again that brought one up against outside life.”

„Das Leben des Abwaschens von Geschirr in kleinen Einzelhäusern und der notwendigen Unterordnung in allem unter den lohnverdienenden Mann, ist zerstörerisch für Frauen und für jegliche Meinung, die sie beeinflussen könnten. Es ist demütigend und einengend, und es gibt nichts, was zu seinen Gunsten gesagt werden könnte […] Oh, wie sehr wünschte ich mir wieder eine harte Arbeit, die einen mit dem äußeren Leben konfrontiert.“

– Amber Reeves

Ihre Ehe mit George Rivers Blanco White war von Spannungen geprägt, die Einstellungen zur „freien Liebe“, die beide Partner in ihrer Jugend hatten und die in der literarischen, intellektuellen und linken Gesellschaft jener Zeit verbreitet waren, änderten sich. Über die Ehe schrieb Reeves in ihrem Buch Worry in Women, dass Menschen, die sich entschieden, ethische Normen zu brechen, bereit sein müssten, mit Schuldgefühlen umzugehen. Sie erklärte außerdem, dass eine Ehefrau, wenn sie untreu sei, es ihrem Mann nicht sagen solle, und schrieb: „Wenn es jemals einen Anlass für eine glatte Lüge gibt, dann ist es dieser.“ Das Paar hatte zwei weitere Kinder, Thomas Blanco White, einen Patentanwalt, und Justin Blanco White, eine Architektin. Letztere heiratete den Biologen Conrad Hal Waddington und hatte zwei Töchter, die Mathematikerin Dusa McDuff und die Anthropologin Caroline Humphrey.

Reeves blieb immer in der Fabian Society aktiv. In den Wahlkämpfen bei den Wahlen 1924 und einer Nachwahl 1929 unterstützte sie ihren Mann als Kandidat der Labour Party für den Wahlkreis Holland with Boston. Sie neigte zu der Zeit zunehmend zu Labour, weil sie wie viele Fabier zu der Zeit der Ansicht war, dass es notwendig sei, über das Parlament für soziale Themen zu wirken. Reeves versuchte, ihre später in ihrem Buch The Nationalisation of Banking zusammengefassten Währungstheorien von der Labour Party übernehmen zu lassen, und sie und ihr Mann wurden für eine Parteipublikation mit dem Titel Womens Leader verantwortlich. Blanco White konnte den Sitz allerdings beide Male knapp nicht gewinnen. Reeves selbst kandidierte ohne Aussicht für Labour bei den Wahlen 1931 und 1935 im Wahlkreis Hendon, der überwältigend konservativ wählte.

Über längere Zeit lehrte Reeves am Morley College in London. Ursprünglich von ihrer Freundin aus Cambridge, Eva Hubback, gebeten auszuhelfen, wurde sie 1928 Teil eines Dozententeams und hielt zweimal wöchentlich Kurse zu Ethik und Psychologie. Sie unterrichtete 37 Jahre lang am Morley College und überarbeitete ihre Kurse regelmäßig, um einen wachsenden Bestand psychologischer Erkenntnisse einzubeziehen. 1946 wurde sie nach Hubbacks Tod kommissarische Leiterin. Als 1947 ein neuer Leiter ernannt wurde, kehrte sie zur Lehrtätigkeit zurück und schrieb ihr Buch Ethics for Unbelievers.

Blanco White erlitt im Juli 1960 erlitt Rivers einen Schlaganfall, der ihn auf der rechten Seite lähmte. Reeves war verzweifelt, machte sich in den letzten Jahren seines Lebens große Sorgen und geriet in eine Depression. Er starb am 28. März 1966 und Reeves versuchte, ihr Leben so normal wie möglich fortzusetzen. Sie erhielt Besuch vom neuseeländischen Historiker Keith Sinclair, der eine Biografie über ihren Vater schrieb, sowie zweimal von Interviewern der BBC. Ein 40‑minütiges Interview mit Denys Gueroult wurde im September 1970 von BBC Radio 4 ausgestrahlt. Obwohl sie es genoss, über Politik und Weltangelegenheiten zu sprechen, war sie von den sozialistischen Hoffnungen ihrer Jugend desillusioniert und unterstützte bei der Wahl 1970 die Konservativen. Sie war der Ansicht, dass die falschen Leute die Linke führten und dass nur Unbelehrbare noch für sie stimmen würden.

Im Dezember 1981 wurde Reeves in ein Krankenhaus in St. John’s Wood eingeliefert und starb am 26. Dezember im Alter von 94 Jahren.

Werke

Reeves veröffentlichte vier Romane und vier Sachbücher, die sich mit einer Vielzahl von Themen befassten, jedoch alle eine gemeinsame sozialistische und feministische Kritik der kapitalistischen Gesellschaft teilten. Es handelt sich um:

Sie schrieb außerdem Buchbesprechungen für Queen und Vogue sowie Artikel für die Saturday Review. Zeitweise war sie Herausgeberin der Zeitschrift der Townswomen’s Guild mit dem Titel Townswoman.

Reeves arbeitete mit Wells an The Work, Wealth and Happiness of Mankind (1931) zusammen. In diesem Buch recherchierte und stellte sie Material über die Verwüstungen des Kautschukhandels an der indigenen Bevölkerung des Departamento de Putumayo in Peru sowie des Belgisch-Kongo zusammen. Sie trug außerdem zu einem Abschnitt darüber bei, wie privater und persönlicher Reichtum angehäuft wird. Das Kapitel The Role of Women in the World’s Work wurde von Wells auf Anregung von Reeves hin aufgenommen, doch nachdem sie das Kapitel gelesen hatte, bat sie ihn, einen Vorbehalt aufzunehmen, dass sie nicht notwendigerweise allem zustimme, was er darin ausführte.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Sally Alexander: White, Amber Blanco [née Amber Reeves] (1887–1981). In: Henry Colin Gray Matthew, Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography, from the earliest times to the year 2000 (ODNB). Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 0-19-861411-X; doi:10.1093/ref:odnb/63956 (Lizenz erforderlich), Stand: 8. Januar 2015.
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 Ruth Fry: Maude & Amber. University of Canterbury Press, 1992, S. 35, 44–58, 82–91, 99–121
  3. ↑ Elizabeth Darling: White [married name Waddington], (Margaret) Justin Blanco (1911–2001). In: H. C. G. Matthew und Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography. Oxford 11. Juli 2019, doi:10.1093/odnb/9780198614128.013.112261.
  4. ↑ Amber Blanco White. In: The Radio Times. BBC, 17. September 1970, S. 41, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 27. Dezember 2024; abgerufen am 14. April 2026 (Nummer 2445).
  5. ↑ Bill Cooke: Amber Blanco White (1887–1981). In: Humanist Heritage. Humanists UK, 2026, abgerufen am 14. April 2026.
  6. ↑ Margaret Drabble: A room of her own. The Guardian, 2. April 2005, abgerufen am 14. April 2026.
Personendaten
NAME Reeves, Amber
ALTERNATIVNAMEN Reeves, Amber (Geburtsname); Blanco White, Amber
KURZBESCHREIBUNG britische Feministin, Politikerin und Autorin
GEBURTSDATUM 1. Juli 1887
GEBURTSORT Christchurch, Neuseeland, Britisches Weltreich
STERBEDATUM 26. Dezember 1981
STERBEORT St. John’s Wood, London, England, Vereinigtes Königreich