Andreas J. Obrecht

Andreas Johannes Obrecht (* 1961 in Wien) ist ein österreichischer Soziologe, Entwicklungsforscher, Schriftsteller und ORF Ö1-Moderator.

Wissenschaft

Obrecht studierte Völkerkunde (Kultur- und Sozialanthropologie) und Soziologie an der Universität Wien und begann seine wissenschaftliche Karriere 1984 als Assistent und ab 1988 als Lektor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Erste Feldforschungen führten ihn 1986 nach Simbabwe. Ab 1990 leitete er das mehrjährige Forschungsprojekt „Akkulturation und sozialer Wandel in ehemals segmentären Gesellschaften im Hochland von Papua-Neuguinea“, das durch Ethnographien auf den melanesischen Inseln ergänzt wurde. Bei diesen Forschungen ging es um die kulturellen Veränderungen der indigenen Gesellschaften auf unterschiedlichen Dimensionen – Werte, Glaubenssysteme, Initiation, Geschlechtsrollen, soziale Identität, Ökonomie (Geld als neues Tauschäquivalent) etc.

Es folgten zahlreiche Studien zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen, zur kulturellen Globalisierung und zu den Konsequenzen entwicklungspolitischer Interventionen für nationale und internationale Organisationen und Forschungseinrichtungen – unter anderem in Tansania, Südafrika, Nepal und Bhutan. Neben grundsätzlichen kulturwissenschaftlichen Fragestellungen, insbesondere zu Themen wie Zeit, Raum, Epistemologie und Wissenskonstruktion, waren seine wissenschaftlichen Arbeiten zusehends von entwicklungspolitischen Fragestellungen geleitet – etwa: Wie lassen sich Armut und Marginalisierung vor dem Hintergrund dynamischer gesellschaftlicher Veränderungsprozesse reduzieren?

1988 promovierte er mit einer kultursoziologischen Studie zur zeitgenössischen bildenden Kunst und Musik an der Universität Wien. 1998 habilitierte er sich im Fach Soziologie mit spezieller Berücksichtigung der Entwicklungssoziologie mit seinen südpazifischen Forschungen an der Johannes Kepler Universität Linz und leitete das Interdisziplinäre Forschungsinstitut für Entwicklungszusammenarbeit als Projekt-Manager bis 2009. Zwischen 1998 und 2013 war er zudem Lehrbeauftragter und Gastprofessor für die Geschichte des Südpazifiks und des subsaharischen Afrika am Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz. In dem FWF-Projekt „Die Welt der Geistheiler“ übertrug er zwischen 1996 und 1998 kulturanthropologische Methoden qualitativer Feldforschung auf religionssoziologische Fragestellungen in Österreich. Die Auseinandersetzung mit magischen Weltbildern, die Kritik an eurozentrischen Aspekten des Reisens und der Kulturwissenschaft durchzieht sein wissenschaftliches Werk.

Seit 2010 leitet er das Hochschulkooperationsprogramm der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit APPEAR – Austrian Partnership Programme in Higher Education and Research for Development – und seit 2020 das österreichisch-afrikanische Hochschulnetzwerk Africa UniNet in der Agentur für Bildung und Internationalisierung (OeAD). Diese Programme fördern wissenschaftliche Kooperationen in Forschung und Lehre zwischen österreichischen Hochschulen und wissenschaftlichen Institutionen in Afrika, am Westbalkan, im Kaukasus, in der Schwarzmeerregion und in Himalaya-Staaten. 2017/18 hat Obrecht seine universitäre Lehrtätigkeit beendet.

Obrecht hat seine ethnographischen Erfahrungen und sein soziologisches Interesse an menschlichen Schicksalen und Kulturen auch in ein umfangreiches literarisches Werk einfließen lassen. Neben Gedichten, Erzählungen, Kurzgeschichten und Romanen entstand auch ein Opernlibretto.

Radio ORF Ö1

Schon bei seinem ersten Projekt in Neuguinea – beginnend 1989 – hat Obrecht für den Österreichischen Rundfunk (ORF) akustische Feldforschungstagebücher geführt und reichhaltig ethnographisches Audio-Material gesammelt und kommentiert. Entstanden sind Radio-Dokumentationen für den Sender Ö1 über Melanesien, afrikanische und karibische Länder, Nepal, Bhutan etc. Von September 2004 bis April 2017 hat er 350 Ö1-Livesendungen „Von Tag zu Tag“ und von Mai 2017 bis dato rund 150 Ö1-Livesendungen „Punkt Eins“ gestaltet und moderiert. Zudem moderiert er seit Februar 2018 regelmäßig die Ö1-Sendung „Im Gespräch“.

Werke

Literarische Bücher

Monografien

Herausgeberschaften

Andere künstlerische Projekte (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. ↑ Geburtsdaten gemäß DNB.
  2. ↑ Andreas J. Obrecht: Akkulturation und sozialer Wandel in Zimbabwe. In: Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft(SWS)-Rundschau. Heft, Nr. 4, 1988, S. 484–495.
  3. ↑ Andreas J. Obrecht: Panoptismus in Papua Neuguinea: Akkulturation und sozialer Wandel in ehemals segmentären gesellschaften. P. Lang, Frankfurt am Main Berlin New York 1995, ISBN 978-3-631-46569-1.
  4. ↑ Andreas J. Obrecht: Ethnosoziologische Akkulturationsforschung in Papua Neuguinea. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie. Heft, Nr. 4, 1990, ISSN 1011-0070, S. 99–103.
  5. ↑ Andreas J. Obrecht: Die Wiederbelebung der Milchwirtschaft in der Mara-Region/Tanzania. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie. Heft, Nr. 3, 1996, ISSN 1011-0070, S. 66–69.
  6. ↑ Andreas J. Obrecht: ÖsterreicherInnen in Südafrika. In: Gerda Neyer, Traude Horvath (Hrsg.): Auswanderungen aus Österreich: von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart mit einer umfassenden Bibliographie zur österreichischen Migrationsgeschichte. Böhlau, Wien / Köln / Weimar 1996, ISBN 978-3-205-98565-5, S. 629–664.
  7. ↑ Andreas J. Obrecht: Entwicklungssoziologisches Monitoring in der Sagarmatha Zone in Ostnepal. Entwicklungs- soziologisches Monitoring eines Projektes zur Armutsbekämpfung und Verbesserung der Infra- struktur in der Sagarmatha-Zone in Ostnepal (südlicher Solu Khumbu und nördlicher Khotang Distrikt) unter besonderer Berücksichtigung der aktuellen politischen Situation. In: IEZ-Forschungsbericht für den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank. Wien / Linz 2004.
  8. ↑ Andreas J. Obrecht: Impacts of recent rural electrification in the Kingdom of Bhutan – A case study in international development studies. In: Helmut Konrad, Stefan Benedik (Hrsg.): Mapping contemporary history II: exemplary fields of research in 25 years of contemporary history studies at Graz University. Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2010, ISBN 978-3-205-78518-7, S. 87–95.
  9. ↑ Andreas J. Obrecht: Im Fadenkreuz der neuen Zeit - Weltzeitsysteme, Mobilitätskultur und Widerstände. In: Widerspruch - Beiträge zur sozialistischen Politik. Nr. 36, 1998, ISSN 1420-0945, S. 4–18.
  10. ↑ Andreas J. Obrecht: Das Denken über das Denken/Thinking about Thinking. Eine historische und wissenssoziologische Spurensuche über die Zusammenhänge von Körper, Gehirn, Bewußtsein, Erkenntnis, Denken und Maschine. In: Helmut Konrad, Richard Kriesche (Hrsg.): Kunst - Wissenschaft - Kommunikation: Band II: Leben, Sterben, Denken. Springer, Wien / New York 2000, ISBN 978-3-211-83497-8, S. 40–65.
  11. ↑ Andreas J. Obrecht: Soziologische Ansätze zur Erklärung fremder Wirklichkeiten. In: Klaus Zapotoczky, H. Griebl (Hrsg.): Die Welt im Umbruch: fremde Wirklichkeiten als gesellschaftliche Herausforderung (= Wissen & Praxis). 1. Auflage. Nr. 47. Brandes & Apsel [u. a.], Frankfurt a. M 1994, ISBN 978-3-86099-247-0, S. 10–32.
  12. ↑ Andreas J. Obrecht: Wozu forschen? Wozu entwickeln? Möglichkeiten und Grenzen der soziologischen Forschung für eine partizipative Entwicklungszusammenarbeit (= wissen & praxis). 1. Auflage. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3-86099-322-4.
  13. ↑ Andreas J. Obrecht: Kunst als symbolische Wirklichkeitskonstruktion. Verlag der wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs, Wien 1990, ISBN 3-85369-772-0.
  14. ↑ Teamseite IEZ. Abgerufen am 5. November 2023.
  15. ↑ Andreas J. Obrecht: Die Klienten der Geistheiler: vom anderen Umgang mit Krankheit, Krise, Schmerz und Tod (= Edition Böhlissimo). Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2000, ISBN 978-3-205-99232-5.
  16. ↑ Andreas J. Obrecht: Kampf und Magie. In: Hermann Mückler, Manfred Kremser, Werner Zips (Hrsg.): Ethnohistorie: Empirie und Praxis (= Wiener Beiträge zur Ethnologie und Anthropologie). Band, Nr. 14. WUV Universitätsverlag/Facultas, Wien 2006, ISBN 978-3-85114-335-5, S. 251–274.
  17. ↑ Andreas J. Obrecht: Ethnotourismus - und die Suche nach dem "Authentischen" in den Kulturen. In: H. Baumhackl, G. Habinger, F. Kolland, K. Luger (Hrsg.): Tourismus in der "Dritten Welt": zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. (= Historische Sozialkunde Internationale Entwicklung). Nr. 25. Promedia [u. a.], Wien 2006, ISBN 978-3-85371-256-6, S. 76–98.
  18. ↑ Webseite APPEAR. Abgerufen am 26. Dezember 2023.
  19. ↑ Africa-UniNet Office. Abgerufen am 8. November 2023 (britisches Englisch).
  20. ↑ Webseite OeAD. Abgerufen am 5. November 2023.
  21. ↑ Soziologie und Sozialversicherung. In: faz.net. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Januar 2008, abgerufen am 26. Dezember 2023.
  22. ↑ Eintrag der Oper auf Musikverlag Alexander Mayer. Abgerufen am 8. November 2023.
  23. ↑ Andreas J. Obrecht: Im Studio AR1 – Gäste und Idealtypologien. In: Gerhard Ruiss, Ulrike Stecher (Hrsg.): Funkhaus Anthologie. Festschrift anlässlich des 50. Geburtstages von Ö1. Autorensolidarität, Wien 2017, S. 120–121.
  24. ↑ Franz Schubert: Rezension in "der Standard". Abgerufen am 21. Oktober 2023.
  25. ↑ Rezension in "der Standard". Abgerufen am 21. Oktober 2023.
  26. ↑ Rezension in "Südwind Magazin". Abgerufen am 21. Oktober 2023.
  27. ↑ Rezension in "der Standard". Abgerufen am 21. Oktober 2023.
  28. ↑ Knowledge goes nature. Abgerufen am 21. Oktober 2023.
  29. ↑ Beschreibung des Werks im ORF-Shop. Abgerufen am 21. Oktober 2023.
  30. ↑ Video der Uraufführung. Abgerufen am 21. Oktober 2023.
  31. ↑ Eintrag auf Discogs. Abgerufen am 21. Oktober 2023.
Personendaten
NAME Obrecht, Andreas J.
ALTERNATIVNAMEN Obrecht, Andreas Johannes (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG österreichischer Soziologe, Entwicklungsforscher, Schriftsteller und ORF Ö1-Moderator
GEBURTSDATUM 1961
GEBURTSORT Wien