Angela Davis entstammt einer Mittelschichtfamilie. Aufgrund ihrer Begabung bekam sie als fünfzehnjährige Schülerin ein Stipendium des American Friends Service Committee für die private Elisabeth Irwin High School (auch bekannt als Little Red School House) in New York. Hier kam sie zum ersten Mal mit dem Marxismus in Berührung und schloss sich dem kommunistischen Zirkel an ihrer Schule an.
Ihr elterlicher Wohnbezirk in Birmingham wurde ab den 1960er-Jahren Ziel zahlreicher Bombenanschläge gegen schwarze Bürgerrechtler („Dynamite Hill“). 1963 starben bei einem Brandanschlag des Ku-Klux-Klan auf die Baptist Church – dem sogenannten 16th-Street-Baptist-Church-Bombing – in Birmingham vier Mädchen, die Davis kannte.
An der Brandeis University besuchte Davis Vorlesungen von Herbert Marcuse, schloss ihr Erststudium 1965 magna cum laude ab und wurde bei der Studentenverbindung Phi Beta Kappa aufgenommen. Auf Marcuses Vermittlung studierte sie ab September 1965 in Frankfurt am Main Philosophie und Soziologie, unter anderem bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. In Frankfurt schloss sie sich dem SDS an und nahm an Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg teil. Davis folgte Marcuse an die University of California, San Diego und schloss ihren Masterstudiengang 1968 ab.
Lehre und politische Aktivitäten
Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Kämpfe der schwarzen Bürgerrechtsbewegung trat sie nach ihrer Rückkehr aus Frankfurt im Sommer 1967 dem Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) bei und wurde kurzzeitig Mitglied der Black Panther Party. Im Juni 1968 wurde Angela Davis Mitglied im Che-Lumumba-Club, einem Kreis afroamerikanischer Mitglieder der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA). Den SNCC verließ sie, da dort ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei zum Problem wurde.
Ab 1969 war sie als Dozentin an der University of California, Los Angeles, beschäftigt, doch wurde ihr Vertrag 1970 gekündigt, als ihre Mitgliedschaft in der CPUSA bekannt wurde.
1980 und 1984 bewarb Davis sich für das Amt der US-Vizepräsidentin mit dem kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Gus Hall. Beide erreichten 0,05 bzw. 0,04% der Stimmen.
Davis übersetzte das 1983 auf Deutsch erschienene Lichtblicke von Wolfgang Schivelbusch für die amerikanische Ausgabe Disenchanted Night.
Davis ist emeritierte Professorin an der University of California in Santa Cruz in den Abteilungen History of Consciousness und Feminist Studies.
In ihrem Wohnort Oakland (Kalifornien) unterstützte Davis seit Herbst 2011 die Occupy-Bewegung, so mit einer Rede anlässlich des Generalstreiks vom 2. November 2011. Anlässlich ihres Aufenthaltes in Berlin zur Verleihung des Preises zum Blue Planet Award am 18. November 2011 besuchte sie das Camp der Occupy-Bewegung am Bundespressestrand. Außerdem ist sie Sprecherin der Kampagne gegen die Todesstrafe.
Schwerpunkt ihrer Arbeit der vergangenen Jahre ist die Untersuchung des Gefängnis-Industrie-Komplexes, vor allem in den USA, die Verbindungen zwischen Unterdrückung aufgrund des Geschlechts, der Rasse und der Klasse nachzuweisen sucht.
Angela Davis setzt sich für die Freilassung von Mumia Abu-Jamal ein.
Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 und dem darauffolgenden israelischen Angriff auf den Gazastreifen gehörte Davis zu den mehr als 200 Unterzeichnern eines offenen Briefes, mit dem sich „eine Gruppe von Philosophieprofessoren in Nordamerika und Europa“ am 1. November 2023 „unmissverständlich … mit dem palästinensischen Volk“ solidarisierte und „das anhaltende Massaker, das Israel mit voller finanzieller, materieller und ideologischer Unterstützung unserer eigenen Regierungen gegen den Gazastreifen verübt“, verurteilte.
Anklage wegen „Terrorismus-Unterstützung“ und Freispruch
Dem bereits seit seinem achtzehnten Lebensjahr in Haft sitzenden George Jackson, der im Gefängnis Mitglied der Black Panther Party wurde, schlug Davis vor, ein Buch über seine Haftbedingungen zu schreiben, was er mit Soledad Brother auch tat. Im August 1970 lieferte sich Jacksons Bruder Jonathan bei einem missglückten Befreiungsversuch in einem Gerichtssaal eine Schießerei mit der Polizei, bei der vier Menschen getötet wurden. Davis wurde vorgeworfen, die Waffe für diesen Überfall besorgt zu haben, da diese auf ihren Namen gekauft worden war.
Das FBI setzte Angela Davis daraufhin auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA. Einige Wochen später wurde sie verhaftet. Ihr drohte wegen des Vorwurfs der „Unterstützung des Terrorismus“ die Todesstrafe. Gegen ihre Verhaftung entwickelte sich eine über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinausreichende Welle des öffentlichen Protests. Den von Georg Lukács verfassten Aufruf „Für Angela“ unterstützten u.a. Ernst Bloch, Robert Jungk, Heinrich Böll. Tausende Menschen aus der DDR schickten ihr unter dem Motto „Eine Million Rosen für Angela Davis“ Postkarten mit Rosen ins Gefängnis. Bei ihrer vorläufigen Entlassung aus dem Gefängnis in San Jose am 24. Februar 1972 nach Hinterlegung einer Kaution sprach sie mit dem Ost-Berliner Sonderberichterstatter Horst Schäfer, der sie persönlich auch im Namen vieler Menschen aus der DDR beglückwünschte. Nach zweijähriger Prozessdauer wurde Davis am 4. Juni 1972 in allen Punkten der Anklage freigesprochen. Anlässlich der entscheidenden Gerichtssitzung fand in Frankfurt am Main der Kongress „Am Beispiel Angela Davis“ statt.
Kritik
Der russische Dissident und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn kritisierte Davis’ Sympathie für die Sowjetunion und beschuldigte sie der Blindheit gegenüber der Misshandlung politischer Gefangener im Ostblock, unter anderem in seiner Rede vor dem AFL-CIO (dem US-Gewerkschaftsverband) vom 9. Juli 1975 in New York. Ihm zufolge hatte eine Gruppe tschechischer Dissidenten an sie appelliert. Davis habe sich geweigert, für diese einzutreten, und geantwortet: „Sie verdienen das, was sie bekommen. Lasst sie im Gefängnis bleiben.“ Angela Davis bestritt diese Aussage. Davis’ Doktorvater Herbert Marcuse kritisierte sie mit ähnlicher Stoßrichtung: Sie umarme autoritäre Regime in Osteuropa und ignoriere, dass dort zahlreiche politische Gefangene keine Chance auf faire Prozesse hätten.
Privates
Angela Davis war von 1980 bis 1983 mit Hilton Braithwaite, einem Fotografen, verheiratet. Sie lebt seit 1997 offen lesbisch. Sie erwähnte ihre Homosexualität 1997 im Gespräch mit der Zeitschrift Out.
In der Serie Finding Your Roots von PBS wurde Davis 2023 offenbart, dass ihr Vorfahre William Brewster, ein Kolonist und Passagier der Mayflower, und ihr Urgroßvater Stephen Darden Sklavenhalter waren.
Ehrungen
1971 widmete „The Prophet of Soul Larry Saunders“ der inhaftierten Angela Davis eine 7″-Maxi-Single, auf deren A- und B-Seite der insgesamt fast siebenminütige Titel Free Angela zu hören war (Label: Golden Triangle Records, wiederveröffentlicht 2003).
1971 erschien beim Plattenlabel pläne die Solidaritäts-Single Rettet Angela Davis (Musik: Peter Gutzeit/Text: Willy Sterna) der Folk-Gruppe „Die Liedermacher“.
1971 veröffentlichte die DDR-Rockband Panta Rhei ihr zu Ehren den Song Free Angela.
1972 erhielt Angela Davis während ihres ersten Besuches in der DDR als bisher einzige Frau die Ehrenbürgerwürde der Stadt Magdeburg.
Angela Y. Davis. Eine Autobiographie, aus dem Englischen von Simoné Goldschmidt-Lechner, Melody Makeda Ledwon und Mirjam Nuenning, Aki (Kampa Verlag), Zürich 2023, ISBN 978-3-311-35013-2
Women, Race & Class. 1981
Rassismus und Sexismus. Schwarze Frauen und Klassenkampf in den USA. Übersetzt von Erika Stöppler. Elefanten Press, Berlin 1982, ISBN 3-88520-093-7.
Violence Against Women and the Ongoing Challenge to Racism. 1985
Women, Culture and Politics. 1989
Blues Legacies and Black Feminism. Gertrude „Ma“ Rainey, Bessie Smith, and Billie Holiday. 1999
The Angela Y. Davis Reader. 1999
Are Prisons Obsolete? 2003
Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? Der gefängnisindustrielle Komplex der USA. Schwarzerfreitag 2004, ISBN 3-937623-32-9.
Abolition Democracy – Beyond Empire, Prisons, and Torture. 2005
mit Gina Dent, Erica R. Meiners, and Beth E. Richie: Abolition. Feminism. Now., Haymarket Books, Chicago 2022.
Abolitionismus. Feminismus. Jetzt. Eine intersektionale Intervention, aus dem US-amerikanischen Englisch übersetzt vom Jona Dieterson Kollektiv, Unrast, Münster 2023, ISBN 978-3-89771-358-1.
Literatur
Anita L. Allen: Angela Davis, in: Rebecca Buxton & Lisa Whiting (Hrsg.): Philosophinnen - Von Hypatia bis Angela Davis: Herausragende Frauen der Philosophiegeschichte, mairisch Verlag 2021, ISBN 978-3-948722-03-6; Taschenbuchausgabe im Reclam Verlag 2024, ISBN 978-3-15-011459-9.
Randi Becker: Zur Integration von Antisemitismus in aktuelle (queer-)feministische Theorien am Beispiel von Angela Davis und Jasbir Puar. In: Antisemitismus zwischen Kontinuität und Adaptivität. V&R unipress, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8471-1498-7, S. 137–156.
Gerry Beegan, Donna Gustafson (Hrsg.): Angela Davis. Seize the Time. Hirmer Verlag, München 2020, ISBN 978-3-7774-3574-9.
Detlev Claussen (Hrsg.): Am Beispiel Angela Davis. Der Kongreß in Frankfurt. Reden, Referate, Diskussionsprotokolle. Fischer, Frankfurt am Main 1972, ISBN 3-436-01603-9.
Sophie Lorenz: „Schwarze Schwester Angela“ – Die DDR und Angela Davis. Kalter Krieg, Rassismus und Black Power 1965–1975. transcript, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-8376-5031-0.
Johanna Meyer-Lenz, Nina Mackert: Angela Davis: Zur Konstruktion einer afroamerikanischen politischen Identität im Kontext der 68er-Bewegung. In: Burghardt Schmidt (Hrsg.): Menschenrechte und Menschenbilder von der Antike bis zur Gegenwart. DOBU Verlag, Hamburg 2006, ISBN 3-934632-10-6, S. 255–276.
Regina Nadelson: Who is Angela Davis? The biography of a revolutionary. Yaden, New York 1972.
Marc Olden: Angela Davis. An Objective Assessment. 1973.
Samira Spatzek: Grundlagentext einer transatlantischen Stilikone. Zu Angela Davis’ ‚Rassismus und Sexismus. Schwarze Frauen und Klassenkampf in den USA‘ (1982). In: Als die Geisteswissenschaften populär waren. Westdeutsche Schreibweisen, Lektürepraktiken, Verlagspolitiken um 1970. Hrsg. von Jörg Döring, Morten Paul. Harrassowitz, Wiesbaden 2025 (=Buchwissenschaftliche Beiträge 103), ISBN 978-3-447-12423-2, S.189–199.
Angela Davis, der Kampf geht weiter. (OT: Angela Davis, le combat continue.) Dokumentarfilm, USA, Frankreich, 2010, 40:10 Min., Buch und Regie: Shola Lynch, Produktion: De Films en Aiguille, REALside Productions, arte France, deutsche Erstsendung: 9. März 2014 bei arte, Inhaltsangabe von arte.
Angela Davis – Eine Legende lebt. Dokumentarfilm, Deutschland, 1998, 79 Min.
Angela Davis – Portrait of a Revolutionary. Dokumentarfilm, USA, 1972, 60 Min., Buch und Regie: Yolande Du Luart, Inhaltsangabe von NYT.
Für Angela.DEFA-Dokumentarfilm, DDR, 1972, 16 Min., Regie: Werner Kohlert
Davis-Report. DEFA-Dokumentarfilm, DDR, 1972, 21 Min., Regie: Johanna Kleberg
↑Jetzt erst recht solidarisch mit Angela. In: Neues Deutschland (ND) vom 25. Februar 1972; Nachricht (ADN, ND) über die vorläufige Haftentlassung von Angela Davis.
↑Aleksandr Solzhenitsyn: Warning to the West. Farrar, Straus and Giroux, New York 1976, ISBN 0-374-51334-1, S. 60–61.
↑Angela Davis, Q&A after a speech: Engaging Diversity on Campus: The Curriculum and the Faculty. East Stroudsburg University, Pennsylvania, 15. Oktober 2006.
↑Verzeichnis der Ehrenpromotionen.Archiv der Universität Leipzig,archiviertvomOriginal(nicht mehr online verfügbar)am19.Oktober 2020;abgerufen am 13.November 2020(Ordnung nach Graduierungsjahr).