Anne Reichert

Anne Reichert in einem ihrer Ateliers in Ettlingen (2016)

Anne Reichert (* 10. Juni 1935 in Königsberg in der Neumark; † 8. Mai 2022 in Ettlingen) war eine deutsche Experimentalarchäologin und Archäotechnikerin.

Leben

Als Kind erlebte sie die Vertreibung aus Pommern mit. Von 1968 bis 1972 lebte Anne Reichert mit ihrer Familie in Afghanistan und reiste in dieser Zeit und den folgenden Jahren viel. In Deutschland arbeitete sie zunächst als Schulbuchlektorin und Redakteurin für wissenschaftliche Publikationen, ab Ende der 1980er Jahre dann freiberuflich als Experimentalarchäologin.

Experimentalarchäologische Forschung

Anne Reicherts experimentalarchäologische Arbeit umfasste Versuche zur Herstellung und zum Brennen neolithischer, bronze- und eisenzeitlicher Keramik (darunter Experimente zur Rekonstruktion einer Schale mit eingefügten Eisenbändern nach Scherben aus einer Grabung in Schluderns-Ganglegg), zum Lehmofenbau und zur Gewinnung von Birkenpech sowie Experimente zur Gewinnung und Aufbereitung von „textilem“ Material wie Baumbast und -rinde (von Birke, Buche, Eiche, Fichte, Linde, Pappel, Wildkirsche und anderen Baumarten), Gräser, Seggen, Binsen und Faserpflanzen (zum Beispiel Brennnessel, Flachs und Hanf), Versuche zur Herstellungstechnik unterschiedlicher Geflechte aus Ufersiedlungen am Bodensee, Federsee und an den Schweizer Seen, Experimente zur sogenannten „Rheumasohle“ von Zug und zur Trageweise der Ötzi-Matte und seiner Schuhe. Reichert war Mitglied der Europäischen Vereinigung zur Förderung der Experimentellen Archäologie (EXAR) und des Vereins Experimentelle Archäologie Schweiz (AEAS).

Archäotechnische Arbeit und Wissensvermittlung

Ihre Tätigkeit als Archäotechnikerin umfasste Rekonstruktionen neolithischer Keramik und textiler Gegenstände (Hüte, Sandalen, Beutel, Netze, Körbe, Rindengefäße und weiteres) nach archäologischen Funden für Museen in Deutschland, England, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz, darunter die Rekonstruktion einer jungsteinzeitlichen Hirtenkleidung für das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Rekonstruktionen für das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen und Rekonstruktionen von Teilen der Ötzi-Ausrüstung (Schuhe, Dolchscheide, Gürteltasche, Matte, Netz). Sie hielt Vorträge zur Experimentellen Archäologie, Workshops und Fortbildungskurse zu den verschiedenen im Experiment erarbeiteten Techniken (unter anderem an den Universitäten in Berlin, Heidelberg, Frankfurt, Köln, Leiden, Wien und Zürich) und veranstaltete „steinzeitliche“ Projekte und Aktionen in Museen und Schulen in Deutschland, Holland, Italien, Österreich und der Schweiz sowie im Sagnlandet Lejre in Dänemark („Textile and Fabric Workshop“ 2007, 2008, 2009). Mit Führungen und Aktionen beteiligte sie sich an der GEO-Ötzi-Ausstellung 1997 in Bad Buchau, 1999 in Valchava/CH, 2000 in Offenburg, 2001 in Balingen, 2002 in Zug/CH und in Altkirch/F, 2004 in Freiberg a. N., Stettfeld und Merklingen, 2005 in Gräfenhausen, 2013 in Herxheim, Pfalz sowie zur Ausstellung Ötzi-cultour 2004 in Hannover. Für das SWR-Fernsehprojekt „Steinzeit – Das Experiment“ und für das Projekt „Pfahlbauer von Pfyn – Steinzeit Live!“ des Schweizer Fernsehens fertigte Anne Reichert Rekonstruktionen an. Außerdem war sie Projektpartnerin im Verbundprojekt THEFBO („Die kulturhistorische Bedeutung des Textilhandwerks der prähistorischen Feuchtbodensiedlungen am Bodensee und Oberschwaben ‒ im Kontext von Anforderungen an textile Objekte und ihre Wahrnehmung“).

Anne Reicherts Ausstellung „Bast, Binsen, Brennnessel – textiles Material der Steinzeit“ zeigte die Aufbereitung textiler Materialien und ihre Verarbeitung anhand von Rekonstruktionen nach archäologischen Funden. Die Ausstellung war 2007/08 im Museum für Archäologie und Ökologie Dithmarschen in Albersdorf zu sehen, 2008 im Keltenmuseum Heuneburg, 2009 im Museum für die Archäologie des Emslandes in Meppen und im ArcheoParc Schnals, Südtirol (italienischer Titel: „Raffie, ortiche e giuncacee – Materiale tessile dell'età della pietra“), 2010 im Museum in Weinheim/Bergstraße, 2010/11 im Franziskanermuseum in Villingen, 2011 im Museum Herxheim, 2012 im LDA in Esslingen und im Préhistosite de Ramioul, Flémalle/BE („Liber, jonc et ortie – Fibres textiles de l'âge de la pierre“ / „Bast, Biezen, Brandnetels – Textielmaterialen uit de steentijd“) und ab 2015 im Museum Burghalde Lenzburg.

Veröffentlichungen

Literatur

Commons: Anne Reichert – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Nachruf auf Anne Reichert (1935-2022) (Memento vom 19. November 2022 im Internet Archive).
  2. ↑ Vgl. Anne Reichert: Keramik und Eisen. In: AEAS Anzeiger 2002, S. 13–16, PDF.
  3. ↑ Vgl. Anne Reichert: Keine kalten Füße in der Steinzeit? Experimente zur „Rheumasohle“ von Zug. In: Experimentelle Archäologie in Europa. Bilanz 2002, S. 71–78.
  4. ↑ Vgl. Anne Reichert: Zur Rekonstruktion der Ötzi-Schuhe. In: Experimentelle Archäologie in Europa. Sonderband 1, 2005, S. 255–262, PDF (Memento vom 22. Juli 2012 im Internet Archive).
  5. ↑ Anne Reichert † EAS Mitglied von 1998-2022. Experimentelle Archäologie Schweiz, abgerufen am 30. Januar 2024.
  6. ↑ Workshop 2017: The Competition of Fibres. Textile Production in Western Asia and Europe (5000–2000 BC). Excellence Cluster Topoi. The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations, abgerufen am 30. Januar 2024.
  7. ↑ Margret Schepers: Das Steinzeit Experiment - Das Dorf. SWR, 27. August 2013, ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 30. Januar 2024 (mit Video). (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive)
  8. ↑ Copartners. THEFBO, abgerufen am 26. Januar 2024.
  9. ↑ Bast, Binsen, Brennnessel: textiles Material der Steinzeit. Alle Poster der Sonderausstellung mit archäologischen Rekonstruktionen von Anne Reichert (Memento vom 25. Dezember 2008 im Internet Archive).
  10. ↑ Tagungsprogramm: Rohstoff Baum. Eine neue Dimension im frühneolithischen Fundspektrum. (PDF) Landesamt für Archäologie Sachsen, abgerufen am 30. Januar 2024.
Personendaten
NAME Reichert, Anne
KURZBESCHREIBUNG deutsche Experimentalarchäologin und Archäotechnikerin
GEBURTSDATUM 10. Juni 1935
GEBURTSORT Königsberg in der Neumark
STERBEDATUM 8. Mai 2022
STERBEORT Ettlingen