Geograph von Ravenna

Als Geograph von Ravenna bezeichnet man den anonymen Verfasser einer frühmittelalterlichen Erdbeschreibung (siehe Kosmographie des anonymen Geographen von Ravenna), die heute überwiegend ins frühe 9. Jahrhundert datiert wird.

Ravenna nennt der Verfasser ausdrücklich seine Heimat (4,31); zudem erwähnt er die Stadt ungewöhnlich häufig (1,17; 4,31; 4,36; 5,1; 14) und der Periplus der Mittelmeerküsten beginnt und endet dort (5,1; 14), woraus geschlossen wird, dass Ravenna nicht nur seine Heimatstadt, sondern auch der Entstehungsort des Werkes war. Die theologischen Exkurse, vor allem im ersten Buch, deuten auf eine Zugehörigkeit des Ravennaten zum Klerus (cf. 1,6–7; 14). Er widmete das Werk einem sonst unbekannten Odo bzw. Odocarus (1,1,2; 13,4), der ihn zur Abfassung angeregt habe.

Wann der Ravennate sein Werk abfasste, war lange umstritten. Setzte die ältere Forschung die Entstehung der Cosmografia teils schon gegen Ende des 7. Jahrhunderts an, sprechen neuere Untersuchungen für eine Abfassung im frühen 9. Jahrhundert: Der Ravennate gebrauchte die fränkischen Reichsannalen und die Bemerkung, die Elbe bilde bereits seit längerem die Ostgrenze des Frankenreichs (1,11), setzt den Abschluss der Sachsenkriege Karls des Großen (772–804/5) voraus. Gegen eine Entstehung nach dem 9. Jahrhundert spricht zudem, dass zwar die Normannen erwähnt werden (1,11; 4,13), mit den Sarazenen und Ungarn die die das 10. Jahrhundert prägenden Hauptgegner der abendländischen Christenheit aber fehlen. Der Ravennate stützt sich auf zahlreiche kaiserzeitliche, spätantike und frühmittelalterliche Quellen, von denen er nur einen Teil ausdrücklich benennt; daneben führt er etliche nur bei ihm bezeugte, überwiegend fiktive Autoren an. Neuere Forschungen konnten zeigen, dass sich hinter diesen fiktiven Namen bekannte Autoren wie Plinius, Pomponius Mela, Orosius, Jordanes oder Isidor verbergen. Daneben verarbeitete er offenbar auch griechische und möglicherweise gotische Quellen. Die erste kritische, auf einer Kollation sämtlicher Handschriften beruhende Edition legten 1860 Moritz Pinder und Gustav Parthey vor; sie begründete die moderne Erforschung des Werkes.

Anmerkungen

  1. ↑ Zählung nach Schnetz.
  2. ↑ Franz Staab: Geograph von Ravenna. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 11, Berlin/New York 1998, S. 102–9, hier: S. 103f; Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen zur Kosmographie des anonymen Geographen von Ravenna. In: Klaus Geus/Michael Rathmann (Hrsg.): Vermessung der Oikumene, Berlin/Boston 2013, S. 287–310, hier: S. 290.
  3. ↑ So von Joseph Schnetz: Untersuchungen über die Quellen der Kosmographie des anonymen Geographen von Ravenna, München 1942.
  4. ↑ Franz Staab: Geograph von Ravenna. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 11, Berlin/New York 1998, S. 102–9, hier: S. 103f.; Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen zur Kosmographie des anonymen Geographen von Ravenna. In: Klaus Geus/Michael Rathmann (Hrsg.): Vermessung der Oikumene, Berlin/Boston 2013, S. 287–310, hier: S. 290. Eine Frühdatierung des Werks wird in der jüngeren Forschung von Richárd Szántó vertreten: Er setzt die Abfassung der Kosmographie in das späte 7. oder frühe 8. Jahrhundert und erklärt den überlieferten Textzustand als Ergebnis späterer Interpolationen des späten 8. oder frühen 9. Jahrhunderts; Richárd Szántó: Valeria Provincia in the Cosmography of Anonymous of Ravenna. In: Zbornik radova Filozofskog fakulteta u Splitu 14 (2021), S. 101–17.
  5. ↑ Louis Dillemann: La cosmographie du Ravennate, Brüssel 1997; Franz Staab: Geograph von Ravenna. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 11, Berlin/New York 1998, S. 102–9.
  6. ↑ Franz Staab: Ostrogothic Geographers at the Court of Theodoric the Great. A Study of Some Sources of the Anonymous Cosmographer of Ravenna. In: Viator 7/1 (1976), S. 27–64; Franz Staab: Geograph von Ravenna. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 11, Berlin/New York 1998, S. 102–9, hier: S. 105.
  7. ↑ Moritz Eduard Pinder/Gustav Parthey (Hrsg.): Ravennatis Anonymi Cosmographia et Guidonis Geographica, Berlin 1860.
  8. ↑ Franz Staab: Geograph von Ravenna. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 11, Berlin/New York 1998, S. 102–9, hier: S. 103; Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen zur Kosmographie des anonymen Geographen von Ravenna. In: Klaus Geus/Michael Rathmann (Hrsg.): Vermessung der Oikumene, Berlin/Boston 2013, S. 287–310, hier: S. 289.
Personendaten
NAME Geograph von Ravenna
KURZBESCHREIBUNG Verfasser eines frühmittelalterlichen geographischen Werks
GEBURTSDATUM unsicher: 8. Jahrhundert
STERBEDATUM unsicher: 9. Jahrhundert