Arnold Brecht

Arnold Brecht

Arnold Walter Rudolf Brecht (* 26. Januar 1884 in Lübeck; † 11. September 1977 in Eutin) war ein deutsch-amerikanischer Jurist und Politikwissenschaftler.

Als Ministerialdirektor war er in der Weimarer Republik politischer Beamter, zunächst im Reichsinnenministerium, dann bei der Preußischen Staatsregierung. Diese vertrat er von 1927 bis 1933 im Reichsrat. Er gehörte zu den wenigen demokratisch gesinnten Spitzenbeamten, die aktiv für die Bewahrung der Weimarer Republik eintraten.

Nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten 1933 wurde Brecht Professor für Politikwissenschaft an der New School for Social Research in New York.

Familie

Brechts Eltern waren Walther Brecht, Direktor der Lübeck-Büchener Eisenbahn und Mitglied der Lübecker Bürgerschaft, und dessen Ehefrau Regina Erdmuthe Marie (* 9. Juni 1856 in Weißenfels; † 8. März 1928 in Berlin), eine Tochter Theodor Weishaupts. Er hatte zwei Brüder, darunter Gustav Brecht, der in der Braunkohlewirtschaft tätig war, und zwei Schwestern: Editha (1878–1957) heiratete den Verwaltungsjuristen Martin Richter; Gertrud (geb. 1885) war mit dem jüdischen Violinisten Ossip Schnirlin verheiratet. Mit ihm nahm sie sich im Sommer 1939 das Leben.

Seit 1915 war Arnold Brecht mit Clara Berg (1876–1970) verheiratet. Beide erwarben 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Ausbildung und frühe Karriere

Nach dem Abitur am Katharineum zu Lübeck Ostern 1902 begann Brecht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Rechtswissenschaft zu studieren. Er wurde Mitglied der AMV Makaria Bonn, einer musikalischen Studentenverbindung im Sondershäuser Verband. Er wechselte an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, die Georg-August-Universität Göttingen und die Universität Leipzig. 1906 wurde er in Leipzig zum Dr. iur. promoviert. Nach dem Referendariat bestand er 1910 das Assessorexamen, wurde als Hilfsrichter in Lübeck eingesetzt, wechselte aber noch im selben Jahr als juristischer „Hilfsarbeiter“ ins Reichsjustizamt.

Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs wurde er im April 1918 als Regierungsrat ins Reichswirtschaftsamt versetzt, wo er sich mit Fragen des internationalen Kriegswirtschaftsrechts und eines künftigen Friedensvertrags befasste. Kurz vor Kriegsende, im Oktober 1918, holte ihn der Ministerialdirektor Walter Simons in die Reichskanzlei. Dort wurde im Zuge der Oktoberreformen eine Demokratisierung des Kaiserreichs vorbereitet, welche jedoch durch die Novemberrevolution und die Ausrufung der Republik überholt wurde.

Als Beamter der Reichskanzlei begleitete Brecht die Beratungen der Weimarer Nationalversammlung und die Ausarbeitung der republikanischen Verfassung. Zu Beginn des Kapp-Putsches, 13. bis 17. März 1920, sicherte er alle erreichbaren Dienststempel der Reichskanzlei und beurlaubte dort alle Telefonistinnen und leistete derart einen der ersten verwaltungsinternen Akte des Generalstreiks gegen die Putschisten, um diesen wirksame Mittel der Propaganda zu entziehen.

Politischer Beamter in der Weimarer Republik

Ende 1921 wurde Brecht Ministerialdirektor im Reichsministerium des Innern, wo er die Abteilung für Verfassung, Verwaltung und ab 1924 zusätzlich für Beamtentum leitete. In dieser Positionen war er für Verwaltungsreformen verantwortlich. Insbesondere ist die 1926 beschlossene Gemeinsame Geschäftsordnung der Reichsministerien. Allgemeiner Teil (GGO I) auf ihn zurückzuführen, die im Wesentlichen auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik fortgalt. Der neue Reichsinnenminister Walter von Keudell von der rechten DNVP berief Brecht im April 1927 aus politischen Motiven von seinem Posten ab und versetzte ihn in den einstweiligen Ruhestand.

Er nutzte die Freistellung für einen Auslandsaufenthalt in Frankreich und Großbritannien, um das dortige Verwaltungswesen zu studieren. Noch im selben Jahr trat er in den Dienst der nach wie vor von einer Weimarer Koalition gebildeten Regierung des Freistaats Preußen unter Ministerpräsident Otto Braun (SPD). Dort war Brecht Ministerialdirektor im Preußischen Staatsministerium und Finanzministerium. Zugleich war er als „hauptamtliches stellvertretendes Mitglied“ Stimmführer der Stimmen Preußens (des mit Abstand größten Gliedstaats) im Reichsrat.

In der Verfassungsklage Preußen contra Reich vertrat Brecht 1932 das Kabinett Braun III vor dem Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich. Nachdem durch das Urteil des Staatsgerichtshofs das Recht der Regierung Braun/Severing, Preußen weiterhin im Reichsrat zu vertreten, bestätigt worden war, nahm Brecht die Stimmführung der Stimmen des Preußischen Staatsministeriums wieder auf. In dieser Funktion antwortete er auf die Antrittsrede Adolf Hitlers im Reichsrat am 2. Februar 1933. Er forderte Hitler zur Achtung von Recht und Gesetz auf. Im Anschluss an die Rede verließ Hitler – offensichtlich ungehalten – die Sitzung. Der Vorgang führte zu einem wütenden Kommentar des NS-Parteiorgans Völkischer Beobachter. Bereits wenige Tage danach wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Die „Hoheitsregierung“ Braun/Severing, deren Belange Brecht im Reichsrat zu vertreten hatte, konnte dies nicht verhindern, da die Personalhoheit aufgrund des „Preußenschlags“ durch die von der Reichsregierung eingesetzte „Kommissariatsregierung“ ausgeübt wurde.

Politikwissenschaftler in den USA

Im November 1933 emigrierte Arnold Brecht in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er in New York an der Graduate Faculty der New School for Social Research bis zu seiner Emeritierung 1954 als Professor of Political Science, Jurisprudence, and Public Finance lehrte und forschte. 1946 wurde er auf dem 41. Annual Meeting der American Political Science Association (APSA) zu deren Third Vice President and Member of Research Committee gewählt.

Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges war Arnold Brecht ein gefragter Berater in der amerikanischen Außenpolitik und zu Beginn der 1950er Jahre Mitbegründer der Politikwissenschaft in Deutschland. Brecht wirkte beratend bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland mit. Er wurde 1953 rückwirkend zum Staatssekretär a. D. ernannt.

Ehrungen

1959 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Diese Ehrung wurde ihm mit Else Staudinger, ihrem Ehemann Hans Staudinger und Hans Simons zuteil; alle drei waren Exilierte in New York. 1964 wurde ihm der Stern zum Bundesverdienstkreuz verliehen.

An seinem letzten Elternhaus in der Moislinger Allee 22 zu Lübeck wurde am 18. Januar 2016 eine Gedenktafel für ihn enthüllt.

Arnold Brecht als Namensgeber

Das von ihm als Gesetz der progressiven Parallelität von Ausgaben und Bevölkerungsmassierung bezeichnete heute als Brechtsches Gesetz bekannte Gesetz besagt, dass im Finanzausgleich größere Gemeinden überproportional viel Geld im Verhältnis zur Bevölkerung erhalten. Dies bedeutet, dass mit steigender Bevölkerungsdichte die öffentlichen Pro-Kopf-Ausgaben steigen. Das Gesetz steht damit in engem Zusammenhang zum Begriff der veredelten Einwohnerzahl nach dem Stadtstaatenprivileg.

Schriften

Literatur

Commons: Arnold Brecht – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Karsten Blöcker: Vor achtzig Jahren: Arnold Brecht belehrt Hitler. In: Lübeckische Blätter, 2013, 178, S. 33; die-gemeinnuetzige.de (PDF; 4,0 MB).
  2. ↑ Hedwig Seebacher: Brecht, Walther. In: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 7. Wachholtz Verlag, Neumünster 1985, S. 32.
  3. ↑ Claus-Dieter Krohn, Corinna R. Unger (Hrsg.): Arnold Brecht, 1884–1977: demokratischer Beamter und politischer Wissenschaftler in Berlin und New York. 2006; books.google.de
  4. ↑ Hermann Genzken: Die Abiturienten des Katharineums zu Lübeck (Gymnasium und Realgymnasium) von Ostern 1807 bis 1907. Borchers, Lübeck 1907 (Beilage zum Schulprogramm 1907), Nr. 1164; urn:nbn:de:hbz:061:1-305545, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf.
  5. ↑ Harald Lönnecker: „… den Kern dieses ganzen Wesens hochzuhalten und … zu lieben“. Theodor Litt und die studentischen Verbindungen. In: Dieter Schulz, Heinz-Werner Wollersheim (Hrsg.): Theodor-Litt-Jahrbuch, 2005, Jg. 4, S. 189–263.
  6. ↑ Verband Alter SVer (VASV): Anschriftenbuch. Mitgliederverzeichnis sämtlicher Alten Herren. Stand vom 1. Oktober 1937. Hannover 1937, S. 26.
  7. 1 2 Arnold Brecht im Stadtarchiv Göttingen.
  8. ↑ Dissertation: Vom Verkauf einer fremden Sache.
  9. ↑ Geschichte in Dokumenten und Bildern. Band 6: Die Weimarer Republik 1918/19–1933. Arnold Brecht über den Kapp-Putsch 1920 (Rückblick 1966); ghi-dc.org (PDF).
  10. ↑ Pressemeldung. Stadt Lübeck.
  11. ↑ Urteil vom 25. Oktober 1932 – StGH 15, 16, 17 u. 19/32 – RGZ 138, Anh. S. 1.
  12. ↑ Heiko Holste: Zwischen Reichsreform und „Preußenschlag“. Ministerialbeamter im Dienst der Republik. In: Claus-Dieter Krohn, Corinna R. Unger (Hrsg.): Arnold Brecht 1884–1977. Demokratischer Beamter und politischer Wissenschaftler in Berlin und New York. Stuttgart 2006, S. 55–82, hier S. 79–80.
  13. ↑ Theodor Heuss ehrte diese Emigranten aus Anlass seines 75. Geburtstages. Siehe Wolfram Werner: Emigranten im Parlamentarischen Rat. In: Claus-Dieter Krohn, Martin Schumacher (Hrsg.): Exil und Neuordnung. Beiträge zur verfassungspolitischen Entwicklung in Deutschland nach 1945. S. 161–174, hier S. 173 f. (Dokumente und Texte. Hrsg.: Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Zusammenarbeit mit der Herbert-und-Elsbeth-Weichmann-Stiftung, Band 6).
Personendaten
NAME Brecht, Arnold
ALTERNATIVNAMEN Brecht, Arnold Walter Rudolf
KURZBESCHREIBUNG deutsch-amerikanischer Jurist und Politikwissenschaftler
GEBURTSDATUM 26. Januar 1884
GEBURTSORT Lübeck
STERBEDATUM 11. September 1977
STERBEORT Eutin