Asrael (Oper)

Operndaten
Titel: Asrael

Einband der Librettoausgabe von 1887

Form: Oper in vier Akten
Originalsprache: Italienisch
Musik: Alberto Franchetti
Libretto: Ferdinando Fontana
Literarische Vorlage: Samuel-Henri Berthoud: Légendes et traditions surnaturelles de Flandres
Uraufführung: 11. Februar 1888
Ort der Uraufführung: Teatro Municipale in Reggio nell’Emilia
Spieldauer: ca. 3 Stunden
Ort und Zeit der Handlung: in der Hölle, im Himmel, Flandern im 13. Jahrhundert
Personen
  • Asrael (Tenor)
  • Nefta (Schwester Clotilde) (Sopran)
  • Loretta (Mezzosopran)
  • Lidoria von Brabant (Alt)
  • der König von Brabant, ihr Vater (Bass)
  • Lucifero (Luzifer) (Bass)
  • ein Bauer (Bass)
  • ein Herold (Tenor)
  • Dämonen, Seelen Verdammter, Engel, Cherubim und Seraphim, himmlische Jungfrauen, Märtyrer, Patriarchen, Flusszigeuner, Vasallen von Brabant, Pagen, Ritter, Ehrenfräulein, Bauern und Bäuerinnen, Nonnen, Soldaten (Chor)

Asrael ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Leggenda“ – ‚Legende‘) in vier Akten von Alberto Franchetti (Musik) mit einem Libretto von Ferdinando Fontana nach einer Erzählung aus Samuel-Henri Berthouds Légendes et traditions surnaturelles de Flandres. Die Uraufführung war am 11. Februar 1888 im Teatro Municipale in Reggio nell’Emilia.

Handlung

Die Oper spielt im 13. Jahrhundert, der erste Akt erst in der Hölle, dann im Himmel, die übrigen Akte in Flandern.

Vorgeschichte („Vorwort“)

Die Engel Nefta und Asrael sind ein Liebespaar im Himmel. Als Luzifer (hier italienisch „Lucifero“ genannt) mit seinen Anhängern den Aufstand gegen Gott beginnt, schließt sich Asrael dem Kampf gegen die Rebellen an, wird jedoch von diesen gefangen genommen. Als seine Entführer feststellen, dass seine Gedanken weiterhin nur seiner Geliebten Nefta gelten, täuschen sie ihn mit einer Lüge: Sie behaupten, Nefta habe sich ihnen angeschlossen und lebe nun bei ihnen in der Unterwelt. Asrael glaubt ihnen und reist auf der Suche nach Nefta in die Hölle. Dort fällt er mitsamt den Aufrührern Gottes ewiger Verdammnis anheim. Nun bleibt ihm nur noch die Trauer um seine unerreichbare Geliebte – so wie auch sie im Himmel um ihn trauert. „Wer rührt den Himmel, trotzt Jehovah’s Worten, Wer zwingt die Hölle? – Nur der Liebe Macht!“

Kurzfassung

Erster Akt. Nach einem Bacchanal in der Hölle erhält der in einen Dämon verwandelte Asrael von Luzifer die Erlaubnis, für ein Jahr auf der Erde zu leben. Im Gegenzug will er bei seiner Rückkehr eine dem Himmel geraubte Seele mitbringen. Sollte ihm dies nicht gelingen, muss er für immer als Verdammter in der Hölle leben. Nefta erhält ihrerseits im Himmel die göttliche Genehmigung, auf die Erde hinabzusteigen, um Asrael zurückzugewinnen.

Zweiter Akt. Auf der Erde hat Asrael keine Erinnerung mehr an seine Vergangenheit. Er besteht eine Blickprobe mit Prinzessin Lidoria von Brabant, um sie als Gattin zu gewinnen – weist sie dann aber zurück und geht eine Beziehung mit Loretta, der Herrin der „Flusszigeuner“, ein. In Gestalt der Nonne Clotilde findet und erkennt Nefta ihren einstigen Geliebten.

Dritter Akt. Asrael und Loretta schwören sich ewige Liebe. Lidoria klärt ihre Rivalin über die Dämonen-Identität Asraels auf und gibt ihr ein Fläschchen mit Weihwasser. Als Loretta dieses auf ihn schüttet, schlagen Flammen aus seinem Körper, und er bleibt wie tot liegen. Clotilde bringt ihn in ihr Kloster.

Vierter Akt. Als sich Asrael nach sechs Monaten einigermaßen erholt hat, sorgt er sich um die Erfüllung seines Pakts mit Luzifer. Clotilde gelingt es nur mit Mühe, ihn zu einem erlösenden Gebet zu bewegen. Beide erlangen ihre Engelsgestalt wieder und können in den Himmel aufsteigen.

Erster Akt

Erster Teil. In der Hölle. Geräumige Grotte, von düsteren Lichtern durchblitzt

Erster Akt, erster Teil: In der Hölle

Rechts eine Treppe, roh in den Felsen gehauen; sie führt aufwärts zu einer Öffnung, durch welche man ein Stück Himmel erblickt. Grotten auf den Seiten und im Hintergrund.

Szene 1. Dämonen empfangen unter Hohngelächter die Seelen von frisch eingetroffenen Verdammten. Bacchantinnen erscheinen, woraufhin sich die Dämonen zurückziehen.

Szene 2. Asrael tritt aus dem Hintergrund hervor. Er denkt an seine verlorene Liebe. Die Sehnsucht nach Nefta ist für ihn die größte Qual der Hölle.

Szene 3. Höllentanz. Kaum hat sich Asrael entfernt, stürzen die Dämonen wieder auf die Bühne, und das Bacchanal beginnt erneut (Chor: „Pape Satan, Pape Satan, Aleppe!“).

Szene 4. Luzifer kommt von rechts auf einem von Ungeheuern gezogenen Wagen. Sein Gefolge verhöhnt die Verstorbenen, deren irdische Rangunterschiede hier keine Bedeutung haben (Chor: „Still verscharren sie die Leichen“).

Szene 5. Asrael bittet Luzifer um die Erlaubnis, ein Jahr auf der Erde leben zu dürfen. Als Gegenleistung verspricht er ihm eine dem Himmel geraubte Seele. Luzifer gestattet ihm dies. Sollte Asrael sein Versprechen jedoch nicht einhalten, ist seine Dämonen-Existenz verwirkt, und er muss als menschlicher Verdammter in ewiger Pein in der Hölle leben.

Szene 6. Zuversichtlich ersteigt Asrael die Treppe, die Augen auf den Himmelsstreifen gerichtet (Asrael: „Il cor palpita e trema“ – ‚Mein Herz fühl ich erbeben‘). Die Dämonen verlachen seine Torheit mit hämischem Spott.

Zweiter Teil. Im Himmel. Ein Amphitheater von Wolken in den zartesten Farben

Erster Akt, zweiter Teil: Im Himmel

Das Amphitheater wird in der Mitte von einer goldenen Treppe durchschnitten. Dieselbe führt zu einer Öffnung hinan, durch welche man auf dem blauen Grunde des Himmelsraumes die Sterne glänzen sieht. – Sanft perlendes Licht, das sich nach und nach verstärkt.

Einzige Szene. Engel, himmlische Jungfrauen, Heilige, Märtyrer, Patriarchen usw. sind im Himmel versammelt, um die Jungfrau Maria zu preisen (Chor: „L’ora soave di Maria“). Vier Seraphim musizieren auf silbernen Trompeten. Nefta ersteigt die goldene Treppe. Sie verteidigt ihren verlorenen Geliebten, der nie zu den Aufrührern gezählt und auch in der Hölle niemals an den Handlungen der Dämonen teilgenommen habe. Dann bittet sie darum, zu Asrael auf die Erde hinabsteigen zu dürfen (Nefta: „Deh tu la prece mia“ – ‚O, trage du mein Flehen‘). Sollte sich Asrael als unwürdig erweisen, will sie auf ihre Existenz als Engel verzichten und als Menschenfrau in das Paradies zurückkehren. Cherubim beschreiben, wie Maria zum göttlichen Thron aufsteigt, um Neftas Bitte vorzutragen. Ein heller Lichtstrahl verkündet Gottes Genehmigung. Der Chor der Engel verabschiedet sich mit Segenswünschen von ihr.

Zweiter Akt

Freier Platz im Wald

Zweiter Akt: Freier Platz im Wald

Die Türme einer Burg sind rechts hinter dem Laubwerk sichtbar. – Tagesanbruch. – Asrael allein, in einen Mantel gehüllt, als Edelmann, aber einfach gekleidet, schläft unter einer Baumgruppe auf dem grünen Moos.

Szene 1. Auf der Erde fühlt sich Asrael neu belebt. Als er in der Ferne einen Schlossturm erblickt, hofft er auf eine Begegnung mit der Schlossherrin.

Szene 2. Bauern und Bäuerinnen erscheinen, um einen Pavillon zu errichten und festlich mit Blumen zu schmücken.

Szene 3. Asrael stellt sich ihnen als verirrter Wanderer vor. Er erfährt, dass die Hochzeit der Prinzessin Lidoria von Brabant gefeiert werden solle, bisher aber noch kein Freier in Sicht sei. Die in schwarzer Magie bewanderte Lidoria verachte die Liebe. Sie habe geschworen, nur einen Ritter zu heiraten, der „ihrer Augen Blitzstrahl“ standhalten könne. Das sei in den letzten sieben Jahren noch keinem gelungen. Asrael beschließt, die Prüfung zu wagen, und tritt vorerst beiseite.

Szene 4. Die „Fischerkönigin“ Loretta trifft mit ihrem Gefolge aus „Flusszigeunern“ ein.

Szene 5. Loretta preist die Macht der Frauen über die Männer. Sie ist überzeugt, dass Lidoria keinen Sklaven suche, sondern einen Herrn.

Szene 6. Der König erscheint mit seiner Tochter und dem fürstlichen Gefolge. Er führt Lidoria zu einem Baldachin und lässt den Herold ein Signal geben. Ein Horn antwortet, und kurz darauf tritt der nun prächtig gekleidete Asrael auf. Loretta bewundert seine Erscheinung.

Szene 7. Asrael erklärt, die Probe bestehen zu wollen, und blickt Lidoria furchtlos in die Augen. Sie starrt zurück, kann seinem Blick aber nicht widerstehen. Der Herold überreicht Asrael daraufhin einen goldenen Ehering mit dem Wappen von Brabant. Asrael spottet jedoch nur darüber und wirft Lidoria den Ring vor die Füße. Zum Entsetzen der Anwesenden erklärt er, sie nicht heiraten zu wollen: „Wehe dem Weib, das ohne Liebe sich bindet!“ Zutiefst gekränkt befiehlt Lidoria, ihn festzunehmen. Asrael zieht sein Schwert. Da stellt sich Loretta auf seine Seite und ruft die Fischer auf, ihn zu verteidigen. Ein Kampf droht zu entbrennen, doch die Stimme der wohltätigen Nonne Clotilde, die sich auf einer Pilgerfahrt durch das Land befindet, lässt alle innehalten.

Szene 8. Schwester Clotilde (in Wirklichkeit Nefta in Menschengestalt) gebietet dem Kampf Einhalt. Als Asrael ihr gegenübertritt, erkennt sie ihn sofort an seiner Stimme („De’ suoi detti il suon mi parve“ – ‚Seiner Stimme Klang mir tönet‘). Asrael jedoch hat jede Erinnerung an sie verloren. Er schwärmt stattdessen von Loretta, die sich ebenfalls in ihn verliebt hat. Die verhöhnte Lidoria befiehlt ihren Kriegern erneut den Angriff, doch Asrael lässt deren Schwerter durch einen herbeigerufenen Blitzschlag zu Boden fallen. Er zieht mit Loretta und den Fischern von dannen. Clotilde bleibt zurück, ist sich aber sicher, ihren Geliebten gefunden zu haben. Sie schwört, ihn zu retten.

Dritter Akt

Am Ufer der Schelde

Dritter Akt: Am Ufer der Schelde

Barken der Flusszigeuner am Strand. – Rechts vorne eine Moosbank. Abenddämmerung. – Beim Aufgehen des Vorhangs beendigen die Fischer und Fischerinnen ihre Tagesarbeit. Im Kreis sitzend, flicken die einen Netze, andere spannen dieselben von Baum zu Baum. Loretta sinnend auf der Moosbank.

Szene 1. Die Fischer und Fischerinnen singen eine Ballade („C’era una volta un ricco cavalier“ – ‚Habt ihr die Mär von dem reichen Mann‘). Zwischendurch unterhalten sie sich über Lorettas Liebe zu dem schönen jungen Ritter.

Szene 2. Loretta wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Geliebten, dem sie Liebe geschworen hat, obwohl sie seinen Namen noch immer nicht kennt („Scesa è la notte“ – ‚Nacht sank hernieder‘).

Szene 3. Lidoria erscheint und wirft Loretta vor, den dreisten Ritter bei sich zu verstecken. Sie wolle ihn ihr jedoch nicht entreißen, sondern sie lediglich warnen: Der Fremde sei in Wahrheit ein Dämon namens Asrael, der ihr ewige Verdammnis bringen werde und bereits eine andere Frau liebe. Da Loretta ihr keinen Glauben schenkt, gibt Lidoria ihr einen Rat: Sie soll ihm im Schlaf auf die Wange küssen und ihre Hand auf sein Herz legen. Dadurch sei er gezwungen, die Wahrheit zu offenbaren. Sobald er ihr den Namen der Rivalin nennt, soll sie ihn mit Weihwasser besprengen. Lidoria reicht ihr ein Fläschchen und entfernt sich. Ein Gewitter zieht auf.

Szene 4. Als Asrael eintrifft, schwören sich die beiden erneut ihre Liebe. Sie setzen sich auf die Moosbank, und nach einer Weile schläft Asrael ein. Im Traum spricht er von seiner Liebe zu einem „freundlichen Stern des Himmels“, den er verloren habe. In Loretta keimen allmählich Zweifel auf. Sie befolgt Lidorias Anweisungen und erfährt nun den Namen seiner wahren Geliebten: „Nefta“. In eifersüchtiger Wut schüttet sie den Inhalt der Flasche über ihn und flieht. Begleitet von einem furchtbaren Blitz und Donner schlagen Flammen aus Asraels Körper. Er erwacht mit einem Schrei, krümmt sich vor Qualen und fällt wie tot zu Boden.

Szene 5. Hinter der Bühne streiten Dämonen und Engel um Asraels Seele (Chor: „Dio del cielo e della terra“ – ‚Herr des Himmels und der Zeiten‘). Der Sturm legt sich allmählich, und der Mond geht auf. Man hört die Glocke des Nonnenklosters. Clotilde und die Schwestern nähern sich. Als Clotilde den regungslosen Asrael auf der Erde erblickt, eilt sie besorgt auf ihn zu.

Vierter Akt

Erster Teil. Hof im Kloster der Schwester Clotilde

Vierter Akt, erster Teil: Hof im Kloster

Rechts das Krankenhaus des Klosters, im Hintergrund die Kirche, links allgemeines Ausgangstor. Rechts gegen das Proszenium, ganz isoliert, eine Statue der Madonna mit einem kleinen, reich mit Blumen geschmückten Altar. Morgendämmerung.

Szene 1. Die Nonnen beten in der Kirche für die Seelen der Sünder („Per tutti i dolori“ – ‚Wir flehen für Alle‘).

Szene 2. Schwester Clotilde sorgt sich um die Zukunft ihres Geliebten, den sie vor sechs Monaten schwer krank ins Kloster bringen ließ. Gott hat ihr verboten, sich ihm zu offenbaren. Sie weiß, dass Asrael nur durch ein selbst gesprochenes Gebet erlöst werden kann – doch er scheint das Beten verlernt zu haben.

Szene 3. Asrael nähert sich mit unsicheren Schritten. Es drängt ihn, das Kloster zu verlassen. Als Clotilde ihm den Weg versperrt, erklärt er, dass sie ihm in seinem Fiebertraum „wie ein Gesicht aus fernen Tagen“ erschienen sei. Sie fleht ihn an, ihr zuliebe endlich ein Gebet zu sprechen. Asrael sträubt sich jedoch. Er glaubt, auf ewig verdammt zu sein, wenn es ihm nicht gelingt, sie mit sich in die Hölle zu ziehen, um seinen Schwur gegenüber Luzifer einzulösen. Im Hintergrund erklingen widerstreitende Chöre von Dämonen und Engeln. Schließlich gelingt es Clotilde, ihn zum Altar zu führen und mit ihm gemeinsam das Ave Maria zu beten.

Zweiter Teil. Das Kloster stürzt zusammen, und es erscheint der Himmel wie im zweiten Teil des ersten Akts

Oben auf der goldenen Treppe vier Cherubim, welche die silberne Trompete blasen.

Einzige Szene. Schwester Clotilde verwandelt sich vor Asraels Augen zurück in Nefta und verkündet ihm die göttliche Vergebung. Auch Asrael erlangt seine Engelsgestalt zurück. Beide können wieder in den Himmel aufsteigen.

Die Statue und der Altar der Madonna erstrahlen plötzlich im hellsten Licht. Blumenregen. Apotheose.

Gestaltung

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper umfasst die folgenden Instrumente:

Libretto

Über die Quellen des Sujets gab es einige Spekulationen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten. Dazu gehören eine flämische Legende aus der Zeit um 1300 und Thomas Moores Versepos The Loves of the Angels von 1823. Die Handlung von Moores Werk unterscheidet sich jedoch grundlegend vom Libretto. Die Vermutung einer „flämischen Legende“ als direkte Vorlage dürfte auf eine missverständliche Lesung der Szenenangaben zurückzuführen sein. Jüngeren Untersuchungen zufolge war die eigentliche Vorlage stattdessen die Erzählung Asrael et Nephta aus den Légendes et traditions surnaturelles de Flandres von Samuel-Henri Berthoud, die ursprünglich 1831 bis 1834 in drei Bänden erschienen waren und 1862 in Paris neu herausgegeben wurden. Darin findet der Dämon Asrael in drei voneinander unabhängigen Episoden mit der Prinzessin Lydorie, der Balladensängerin Lorette und der wohltätigen Schwester Clotilde zurück zu Gott. Fontana verknüpfte die Episoden miteinander, passte die Figurenkonstellation an und ergänzte die im Himmel spielenden Szenen. Inspiration für Letztere dürfte das jüdisch-christliche Motiv des gefallenen Engels geliefert haben.

Bei der dramatischen Ausgestaltung griff Fontana auf eine Vielzahl damals beliebter Opernthemen zurück. Dazu zählen der „Prolog im Himmel“ aus Boitos Mefistofele (für den zweiten Teil des ersten Akts) und die Anfangsszene auf dem Venusberg in Richard Wagners Tannhäuser (für das Bacchanal am Anfang der Oper). Die Figur der Lidoria erinnert an Ortrud in Wagners Lohengrin, an den sich auch der zweite und dritte Akt des Asrael erkennbar anlehnen. Die Blick-Prüfung der Lidoria verweist auf den damals schon u. a. durch Carlo Gozzi oder Friedrich Schiller bekannten Turandot-Stoff. Die emanzipierte und grenzüberschreitende Frauenfigur der Loretta steht in der Tradition von Bizets Carmen.

Fontana galt als gutherziger und großzügiger Mensch, der durch seinen Einsatz für Giacomo Puccinis Opernerstling Le Villi erst dessen Weg zum Ruhm bereitete. Alan Mallach meinte in seinem Buch The Autumn of Italian Opera, dass dagegen seine Fähigkeiten als Librettist weniger ausgeprägt gewesen seien. Er habe eine Vorliebe für schwülstig-überladene Verse und wenig Gespür für die dramatische Handlung gehabt. Dies zeige sich sowohl an Asrael als auch an seinen beiden Libretti für Puccinis Le Villi und Edgar.

Musik

Wie Wagner machte auch Franchetti ausgiebigen Gebrauch von Leitmotiven. Einige von ihnen sind an Personen gebunden, andere an das jeweilige Ambiente, wobei sich letztere auf Orte oder auf Situationen beziehen können. Richard Erkens beschrieb die einzelnen Motive folgendermaßen:

  • Personengebundene Motive
    • Asrael mit dem „Dämon-Motiv“
    • Nefta/Clotilde
    • Lidoria mit zwei verschiedenen Motiven
    • Loretta
  • Räumlich-szenengebundene Motive der Hölle
    • „Tritonus-Fanfare“
    • „Höllen-Motiv“
    • „Höllenreigen“
  • Räumlich-szenengebundene Motive des Himmels
    • „Himmelsposaunen“
    • „Himmelsmotiv“
    • „Ave-Maria-Motiv“
  • Situativ-szenengebundenen Motive
    • „Cerchietto-Motiv“, als Asrael nach dem Blickduell mit Lidoria den Ring erhält und ablehnt
    • „Kloster-Motiv“ für den Ort und die gemeinsame Zeit von Asrael und Clotilde
    • „Liebesmotiv“
    • „Visionsmotiv“ für die himmlische Liebesbeziehung der beiden Engel
    • „Strafmotiv“ für die von Luzifer angedrohte Strafe, sollte Asrael seinen Pakt nicht einhalten
    • „Rettungsmotiv“ für die Rettung Lorettas vor dem Dämon Asrael durch Lidoria

Die musikdramatische Struktur der Oper orientiert sich mehr an Giacomo Meyerbeer oder Wagners früher Oper Rienzi als an dessen Vorstellung eines Musikdramas. Das Liebesduett im dritten Akt zeigt Franchettis genaue Kenntnis von Wagners Tristan und Isolde.

Alan Mallach meinte, dass man zwar die pure Energie des Werks bewundern müsse, seine Oper aber auch seine kompositorischen Schwächen offenlege. Den Melodien mangele es an Eigenständigkeit und der rhythmischen Gestaltung an Beweglichkeit. Insgesamt sei das Werk zu lang, um das Interesse daran aufrechtzuerhalten. Trotzdem sei die Architektur des Werks meisterhaft und viele der Ensemble- und Chorszenen seien bei einer Aufführung wahrscheinlich sehr viel effektiver als auf dem Papier.

Anselm Weber schrieb im Programmheft der Neuproduktion der Oper Bonn 2022, Franchettis Oper müsse „als eine der gelungensten Opern des italienischen Fin-de-siècle gelten und damit als Markstein in der Operngeschichte des späten 19. Jahrhunderts.“ Richard Erkens resümierte: „Die Aneignungsleistung Franchettis und sein kompositorisches Vermögen, diese opulenten Bilder adäquat in Musik zu setzen, sind bemerkenswert, für ein Debütwerk sogar außergewöhnlich. Die Partitur ist auf einer konsistenten Stilhöhe geschrieben, sie schwächelt nicht und bedurfte daher auch keiner grundlegenden Revision nach der Uraufführung – wie so manch andere Erstlinge von Kollegen.“

Werkgeschichte

Asrael ist die erste Oper des italienischen Komponisten Alberto Franchetti. Für das Libretto wollte er eigentlich Arrigo Boito gewinnen, dem Komponisten des Mefistofele. Dieser war jedoch mit der Arbeit an seiner Oper Nerone und dem Text für Giuseppe Verdis Otello ausgelastet. Arrigo Boito und sein Bruder Camillo halfen immerhin bei der Suche nach einem geeigneten Librettisten und empfahlen Ferdinando Fontana, den Textdichter von Giacomo Puccinis frühen Opern Le Villi und Edgar. Dieser war ebenso wie die Boito-Brüder Mitglied der Mailander Künstlergruppe „Scapigliatura“.

Über den Entstehungsprozess der Oper ist nur wenig bekannt, da der Briefwechsel zwischen Franchetti und Fontana nicht erhalten ist. Nur aus Franchettis Briefen an seinen Vater lassen sich Rückschlüsse ziehen. Der Libretto-Vertrag wurde nicht vor Oktober 1885 geschlossen. Fontana begann wohl direkt mit der Arbeit an dem Text, und auch Franchetti konnte bereits Ende 1885 mit der Komposition anfangen. Eine Probeaufführung des ersten Akts mit Klavier- und Harmoniumbegleitung gab es bereits am 7. Juni 1886 in Dresden im Rahmen einer privaten „musikalischen Soirée“. Franchetti stellte die Partitur im Herbst 1887 fertig.

Die Uraufführung war am 11. Februar 1888 im Teatro Municipale in Reggio nell’Emilia. Der Vater des Komponisten, Raimondo Franchetti, hatte dieses Haus in der Karneval-Spielzeit 1887/88 als Impresario übernommen und durch eine deutliche Vergrößerung von Orchester und Chor an den internationalen Standard angeglichen. Die musikalische Leitung hatte Alberto Franchetti selbst. Die Bühnenbilder stammten von Cavaliere Fontana (nicht verwandt mit dem Librettisten), die Kostüme von Alfredo Edel. Die Solisten waren Ladislao Mierzwinski (Asrael), Virginia Damerini (Nefta), Giulia Novelli (Loretta), Maria Pia (Lidoria), Lodovico Contini (König von Brabant und Lucifero), Francesco Carmignani (Bauer) und Ulisse Peroni (Herold). Die Aufführung machte mit ihrer riesigen Besetzung aus neunzig Orchestermusikern, einem hundertköpfigen Chor und zweiundzwanzig weiteren Trompetern und Musikern großen Eindruck und wurde enthusiastisch gefeiert. Einen ausführlichen Bericht über die Uraufführung veröffentlichte die lokale Wochenzeitung Interessi Locali am 20. Februar 1888. Er verzeichnet als „Bilanz des Abends […] 38 Hervorrufungen, 3 wiederholte Stücke und als Beilage nicht enden wollende Beifallsorgien.“

Unmittelbar nach der Uraufführung folgten bereits eine Reihe weiterer Produktionen:

Die Prager Produktion von 1890 ist durch ein Album mit fünfzehn Großfotos von Jan Tomáš dokumentiert, das damals wahrscheinlich Erzherzog Karl Ludwig oder Erzherzog Ludwig Viktor überreicht wurde:

Liebigs Fleischextrakt veröffentlichte zu der Oper eine Serie von Sammelbildern („Liebigbilder“):

Auch Giuseppe Verdi schätzte den Asrael, den er 1889 in Genua gesehen hatte. Als ihn die dortigen Stadtväter anlässlich des 400. Jahrestags der Entdeckung Amerikas nach einem Komponisten für eine Oper über Christoph Kolumbus fragten, empfahl er ihm Franchetti, der sofort mit der Arbeit an seinem Cristoforo Colombo begann.

Trotz des großen Erfolgs geriet das Werk nach 1926 in Vergessenheit. Wegen Franchettis jüdischer Abstammung verboten die Nationalsozialisten ab 1933 Aufführungen seiner Werke in Deutschland. Ab 1938 galt Entsprechendes auch in Italien. Eine Wiederentdeckung gab es erst fast hundert Jahre später, im Jahr 2022, durch eine Produktion der Oper Bonn unter der musikalischen Leitung von Hermes Helfricht in einer Inszenierung von Christopher Alden mit einem Bühnenbild von Charles Edwards und Kostümen von Sue Willmington.

Aufnahmen

Literatur

Digitalisate

Commons: Asrael (Franchetti) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Angabe im Libretto.
  2. ↑ Werkdetails auf der Website des Musikverlags Ricordi, abgerufen am 22. August 2026.
  3. Richard Erkens: Alberto Franchetti – Werkstudien zur italienischen Oper der langen Jahrhundertwende. Peter Lang, Frankfurt 2011, ISBN 978-3-631-61361-0.
    1. ↑ S. 61–64.
    2. ↑ S. 66.
    3. ↑ S. 70–72.
    4. ↑ S. 72 f.
    5. ↑ S. 75–93.
    6. ↑ S. 56.
    7. ↑ S. 53 und 58.
    8. ↑ S. 59.
    9. ↑ S. 54.
  4. 1 2 3 Richard Erkens: „Von der Hölle durch die Welt zum Himmel – Franchettis Gesellenstück ›de luxe‹ von 1888“. In: Programmheft der Oper Bonn, 2022. Wiedergegeben auf: (Die vergessene Oper 49.) Alberto Franchettis „Asrael“. In: Operalounge, abgerufen am 23. August 2026.
  5. Alan Mallach: The Autumn of Italian Opera. From Verismo to Modernism, 1890–1915. Northeastern University Press, Boston 2007, ISBN 978-1-55553-683-1.
    1. ↑ S. 59.
    2. ↑ S. 60 f.
    3. ↑ S. 60.
    4. 1 2 3 4 S. 60
    5. ↑ S. 61
  6. 1 2 Jürgen Maehder: Asrael. In: Grove Music Online (englisch; Abonnement erforderlich).
  7. ↑ Informationen zur Produktion des Theaters Bonn 2022, abgerufen am 22. August 2026.
  8. Helmut Krausser: Zwei ungleiche Rivalen – Puccini und Franchetti. Bertelsmann/Edition Elke Heidenreich, München 2010, ISBN 978-3-641-05195-2 (e-Book).
    1. ↑ Pos. 102
    2. ↑ Pos. 98
  9. ↑ 11. Februar 1888: „Asrael“. In: L’Almanacco di Gherardo Casaglia.
  10. 1 2 3 4 5 6 Asrael (Alberto Franchetti) im Corago-Informationssystem der Universität Bologna.
  11. 1 2 3 4 5 6 7 Alfred Loewenberg (Hrsg.): Annals of Opera 1597–1940. John Calder, London 1978, ISBN 0-7145-3657-1, Sp. 1131 (online im Internet Archive).
  12. 1 2 3 4 Asrael by Alberto Franchetti. Meldung des Musikverlags Ricordi. 20. Februar 2023, abgerufen am 22. August 2026.
  13. ↑ Informationen über die Spielzeit 1925/1926 in Genua auf pintacuda.it, abgerufen am 22. August 2026.
  14. ↑ Uwe Schweikert: Fahr’ mit mir zum Himmel, Liebling!. Rezension der Produktion in Bonn 2022. In: Opernwelt. Ausgabe Dezember 2022, S. 4 (eingeschränkte Vorschau; Abonnement für den vollständigen Text erforderlich).
  15. ↑ Deutschlandfunk Kultur: Programm vom 11. November 2025.