Atrax (Thessalien)

Karte des antiken Thessaliens

Atrax (altgriechisch Ἄτραξ Átrax) war eine am Fluss Peneios im Distrikt Pelasgiotis in Thessalien gelegene antike griechische Polis. Die Stadt befand sich etwa 20 Kilometer westlich der thessalischen Hauptstadt Larisa.

Geschichte

Münze von Atrax, 3./2. Jh. v. Chr.

Das Gebiet von Atrax war seit der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. zur Zeit der mykenischen Kultur besiedelt, wie Funde von Tonscherben belegen. Im 5. Jahrhundert v. Chr. wurden die Akropolis des Orts und der Hang des zugehörigen Burgbergs mit einer polygonalen Mauer umgeben. Seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. prägte die Stadt Silber- und Bronzemünzen. Zur Zeit der Regierung König Philipps II. kam sie 344 v. Chr. unter die Herrschaft Makedoniens. Während einer Nahrungsmittelkirse, der etwa von 330–326 v. Chr. in Thessalien herrschte, erhielt Atrax 10.000 Medimnoi Weizen aus dem nordafrikanischen Kyrene.

Der römische Konsul Titus Quinctius Flamininus bekämpfte ab 198 v. Chr. den Makedonenkönig Philipp V. und rückte im Sommer 198 v. Chr. in Thessalien ein. Dort belagerte er das mit einer makedonischen Besatzung versehene Atrax, das einen strategisch wichtigen Punkt darstellte, mit großer Umsicht. Er konnte zwar einen vorübergehenden Einbruch in die Siedlung erzielen, sie aber dennoch nicht einnehmen. Mit Bedacht auf die große Distanz von seiner Versorgungsbasis und auf die kaum mögliche Überwinterung in dieser kriegsgebeutelten Gegend brach er die Belagerung der Stadt ab und wählte als Standort seines Winterquartiers das Gebiet von Phokis. 191 v. Chr. vermochte der Seleukidenherrscher Antiochos III. Atrax, das nun eine römische Festung war, ebenfalls nicht zu erobern. Ab 196 v. Chr. stellte Atrax öfter Strategen im thessalischen Bund; auch dessen Kultgesandte in Delphi stammten mitunter aus dieser Stadt.

In byzantinischer Zeit wurden die Stadtbefestigungen mit einer aus Mörteln bestehenden Mauer bis zum Peneios erweitert, um die Wasserversorgung zu verbessern. Kaiser Justinian ließ die Befestigung der Oberstadt erneuern. Als Festung diente Atrax der Kontrolle des Übergangs zwischen der westlichen und östlichen thessalischen Ebene.

Begriff „atrakisch“

In der antiken Literatur, etwa bei römischen Dichtern wie Ovid und Properz, wurde die Bezeichnung „atrakisch“ oft synonym für „thessalisch“ verwendet. So wurde ein in römischer und byzantinischer Zeit vielbenützter grüner Marmor mit weißen Flecken als ambrakischer Marmor bezeichnet, obwohl seine Lagerstätte nicht in der Umgebung von Atrax, sondern etwa 15 km nordöstlich von Larisa lag. Unter anderem fand er bei der Herstellung der Säulen der Hagia Sophia in Konstantinopel Verwendung.

Lokalisierung; Überreste

Akropolis des antiken Atrax

Heutige Gelehrte lokalisieren die Stelle des antiken Atrax fast einhellig mit der Örtlichkeit Palaiokastro am rechten Ufer des Peneios beim heutigen Alfaka, etwa 23 km westlich von Larisa. Die Stadtmauer mit einem Umfang von etwa 3 km umschließt den 265 m hohen Hügel der antiken Akropolis und führt bis zur Flussebene hinunter, wo die Mauer einen schlechten Erhaltungszustand aufweist. Eine Quermauer trennte die Ober- von der Unterstadt. Die ursprüngliche, vielleicht bis auf die mykenische Zeit zurückgehende Steinmauer war drei bis vier Meter dick und wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. mit rechteckigen Blöcken ausgebessert. Die Mauer zwischen der Akropolis und dem Stadtgebiet wurde damals mit fünf Türmen versehen.

Die ursprünglich gut erhaltenen antiken und mittelalterlichen Ruinen von Atrax wurden in den 1960er Jahren von der lokalen Bevölkerung im Rahmen der Flurbereinigung größtenteils abgetragen, um das hierdurch freigelegte Land agrarisch nutzen zu können. Einige antike Sarkophage befinden sich nahe des Ufers des Peneios. Ein Marmorkopf des 6. Jahrhunderts v. Chr. und andere antike Objekte blieben erhalten. 6 km westlich von Atrax wurden bei der auf einer Anhöhe errichteten Kapelle des heiligen Nikolaus unweit des heutigen Dorfs Koutsochero Inschriften von Atrax entdeckt. Hier könnte einst ein Poseidon-Tempel gestanden sein.

Literatur

Anmerkungen

  1. 1 2 3 Herwig Kramolisch: Atrax. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 2, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01472-X, Sp. 221.
  2. ↑ Marcus N. Tod: A Selection of Greek Historical Inscriptions. Oxford 1933-48, Bd. 2, 196, 24.
  3. ↑ Titus Livius, Ab urbe condita 32, 15, 6 ff. und 32, 17, 4 ff.
  4. ↑ Livius, Ab urbe condita 32, 18, 3.
  5. ↑ Livius, Ab urbe condita 36, 10, 2 und 36, 13, 4.
  6. 1 2 Johannes Koder, Friedrich Hild: Tabula Imperii Byzantini. Band 1: Hellas und Thessalia. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1976, ISBN 978-3-7001-0182-6, S. 129.
  7. ↑ Eugen Oberhummer: Atrax 1. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band II,2, Stuttgart 1896, Sp. 2137.
  8. 1 2 Theodora Stillwell MacKay: Atrax, Thessaly, Greece. In: Richard Stillwell u. a. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Classical Sites. Princeton University Press, Princeton NJ 1976, ISBN 0-691-03542-3 (englisch, perseus.tufts.edu).