Attributionsfehler

Attributionsfehler (auch Korrespondenzverzerrung, nach dem engl. correspondence bias) ist ein Begriff der Sozialpsychologie. Er bezeichnet die Neigung, den Einfluss dispositionaler Faktoren, wie Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und Meinungen, auf das Verhalten anderer systematisch zu überschätzen und äußere Faktoren (situative Einflüsse) zu unterschätzen. Er ist so dominant, dass Lee Ross ihn 1977 sogar als „fundamentalen Attributionsfehler“ bezeichnete. Bei der Ursachenzuschreibung korrespondiert das Verhalten mit einer vermuteten Eigenschaft des Akteurs. Die erste Attributionstheorie, die diese Urteilsheuristik beschreibt, stammt von Fritz Heider (1958).

Erklärt man sich das Verhalten eines Menschen damit, dass er Mitglied einer sozialen Gruppe ist, spricht man seit Pettigrew (1979) vom „ultimativen Attributionsfehler“. Oft dient diese dispositionale Ursachenzuschreibung der Aufrechterhaltung von Vorurteilen („Er handelt so, weil er Ausländer ist“).

Untersuchungen

Die Versuchsgruppe mit den negativen Berichten beachtete diese Kritik kaum, nachdem man ihnen offenbart hatte, dass die Frau eine Konfidentin war. Ihre Einschätzung, wie sympathisch die Frau sie fände, war nicht signifikant negativer als die einer Kontrollgruppe mit ausgewogenen Berichten. Sie attribuierten somit eher extern, also auf die Situation.
Jene Versuchspersonen, über die der Bericht nur positive Eindrücke enthielt, meinten jedoch trotz der Information, dass der Bericht manipuliert war, sie wären der Frau sehr sympathisch. Sie attribuierten demnach trotz der Information eher intern.
Diese Ergebnisse sind Belege für den fundamentalen Attributionsfehler und spiegeln gleichzeitig die selbstwertdienliche Verzerrung wider: Die Versuchspersonen attribuieren Misserfolg (negative Kritik) eher extern und Erfolg (positive Kritik) eher intern („da ich der Frau sympathisch bin“).

Ursachen

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist eine beschränkte Ressource. Wenn wir die Ursache für das Verhalten eines Menschen ergründen wollen, richten wir die meiste Aufmerksamkeit auf diesen Menschen. Darum neigt man dazu, dispositionale, in der Person gelegene Ursachen zu überschätzen. Weiterhin sind die externen Ursachen zum Zeitpunkt des Verhaltens oft nicht mehr vorhanden oder nicht sichtbar, oder ihre Wirkung auf den Akteur ist schwer zu beurteilen.

Perzeptuelle Salienz

Taylor und Fiske (1975) zeigten, dass saliente, also auffällige Objekte einen großen Einfluss darauf haben, welche Ursachenzuschreibungen wir vornehmen. Sie platzierten Beobachter so um zwei diskutierende Akteure, dass sie entweder nur dem einen, nur dem anderen oder beiden gleich gut ins Gesicht sehen konnten. Wer nur einen Akteur sehen konnte, beschrieb ihn anschließend als denjenigen, der die Gesprächsthemen bestimmt und die Diskussion dominiert habe.

Zwei-Stufen-Prozess

Als Urteilsheuristik wird der Attributionsfehler schnell, unbewusst und automatisch begangen. Nur wer motiviert ist und freie Ressourcen (Zeit, Konzentration) hat, schaltet um auf bewusstes, kontrolliertes Denken und stellt die interne Attribution in Frage. Doch selbst dann unterliegen wir einer weiteren Urteilsverzerrung, nämlich der Ankerheuristik, die dazu führt, dass wir jetzt nicht objektiv urteilen, sondern lediglich die erste Fehleinschätzung etwas in Richtung externer Einflüsse verschieben – meist jedoch nicht weit genug.

Kultureinfluss

Menschen in eher kollektivistischen Kulturen, wie sie im asiatischen Raum zu finden sind, machen den Attributionsfehler seltener, falls situative Faktoren klar erkennbar sind. Wenn Menschen aus kollektivistischen Kulturen keine situativen Informationen erhalten, neigen auch sie zu einer internen Attribution, also einer Korrespondenzverzerrung.

Interventionen

Wenn man Personen, die gerade eine Korrespondenzverzerrung haben, bittet, sich mehr auf die Situation zu fokussieren, und dementsprechend weniger über die Person nachzudenken, kann dies dazu führen, dass Handlungen eher auf die Situation, als auf die Person attribuiert werden, wodurch ein „fundamentaler Attributionsfehler“ verhindert werden kann.

Akteur-Beobachter-Unterschied

Während situative Faktoren für Beobachter oft nicht erkennbar sind, sind sie dem Akteur sehr wohl bekannt. Auch ist die Aufmerksamkeit für gewöhnlich nach außen, auf die Situation gerichtet. Daher wird der Attributionsfehler nur bei der Erklärung des Verhaltens anderer gemacht.

Selbstwertdienliche Attributionen

Menschen sind stark motiviert, ihr Selbstwertgefühl gegen Bedrohungen zu verteidigen, daher neigen sie dazu, eigene Erfolge eher intern, Misserfolge eher extern zu attribuieren, insbesondere wenn keine Hoffnung auf Leistungsverbesserung besteht. Diese Art Attributionsfehler wird auch selbstwertdienliche Verzerrung genannt. Menschen wollen auf andere Menschen einen guten Eindruck machen. Wenn sie nach den Ursachen für einen Erfolg oder Misserfolg gefragt werden, antworten sie wie bei selbstwertdienlichen Attributionen. In diesem Sinne beschreibt Samira El Ouassil auch Rassismus als Attributionsfehler: „Weiße Menschen haben sich eine Geschichte gebaut, in der sie verdienen, dort zu sein wo sie sind; und in der andere selbst schuld daran sein müssen, dass sie sich in schlechteren Positionen befinden.“

Verschwörungstheorien

Nach dem amerikanischen Philosophen Steven Clarke ist der fundamentale Attributionsfehler die Ursache dafür, dass Anhänger von Verschwörungstheorien ihre Überzeugung, hinter einem bestimmten Ereignis stecke das böswillige, geheime Handeln einer Verschwörergruppe, auch dann nicht aufgeben, wenn sich diese These nur noch zu hohen sozialen oder intellektuellen Kosten aufrechterhalten lässt. Sie müssten dann zugeben, dass situative Faktoren wichtiger sind als dispositionale: Dass also zum Beispiel die Beharrlichkeit, mit der amerikanische Behörden sich weigern, den Absturz eines UFOs 1947 in Roswell, New Mexico zu diskutieren, nicht auf ihre Neigung zu verschwörerischem, paternalistischem Verhalten zurückzuführen ist, sondern auf den situativen Faktor, dass da gar kein UFO abgestürzt ist.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 108.
  2. ↑ Thomas Pettigrew (1979): The ultimate attribution error: Extending Allport’s cognitive analysis of prejudice. Personality and Social Psychology Bulletin 5, S. 461–476.
  3. ↑ E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie, S. 109.
  4. ↑ S. E. Taylor, S. T. Fiske (1975): Point of view and perceptions of causality. Journal of Personality and Social Psychology 32, S. 439–445.
  5. ↑ E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie, S. 122.
  6. ↑ I. Choi, R. E. Nesbitt (1998): Situational salience and cultural differences in the correspondence bias and in the actor-observer bias. Personality and Social Psychology Bulletin 24, S. 949–960.
  7. ↑ D. S. Krull et al. (1999): The fundamental correspondence bias in individualist and collectivist cultures. Personality and Social Psychology Bulletin 25, S. 1208–1219.
  8. ↑ Douglas S. Krull: Does the Grist Change the Mill? The Effect of the Perceiver’s Inferential Goal on the Process of Social Inference. In: Personality and Social Psychology Bulletin. Band 19, Nr. 3, Juni 1993, ISSN 0146-1672, S. 340–348, doi:10.1177/0146167293193011 (sagepub.com [abgerufen am 26. Oktober 2022]).
  9. ↑ E. E. Jones, R. E. Nisbett (1972): The actor and the observer: Divergent perceptions of the causes of behavior. In: E. E. Jones et al. (Hg.): Attribution: Perceiving the causes of behavior. General Learning Press, Morristown, New Jersey.
  10. ↑ C. S. Carver et al. (1980): Ego-defensive attribution among two categories of observers. Personality and Social Psychology Bulletin 6, S. 44–50.
  11. ↑ E. Goffman (1959): Presentation of self in everyday life. Anchor/Doubleday, Garden City, New Jersey.
  12. ↑ J. Greenberg et al. (1982): The self-serving attributional bias: Beyond self-presentation. Journal of Experimental Social Psychology 18, S. 56–67.
  13. ↑ El Ouassil, Samira; Karig, Friedemann (2021): Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen. Berlin: Ullstein. S. 258
  14. ↑ Steve Clarke: Conspiracy Theories and Conspiracy Theorizing. In: Philosophy of the Social Sciences 32/2 (2002), S. 144–147.