August Moritz

August Moritz (* 11. Februar 1913 in Hannover; † 17. März 2006 in Hamburg) war ein deutscher SS-Obersturmbannführer, Leiter der Abteilung IV (Gestapo) in Lyon. Er wurde am 30. Januar 1954 in Marseille und am 25. November 1954 in Lyon in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Später war er Agent des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS).

Biografie

Sein Vater war ein Postbeamter. Er absolvierte die Volksschule und ab 1924 die Oberrealschule. Moritz studierte zwischen 1933 und 1938 Kunstgeschichte an der Kunstgewerbeschule Hannover und war Mitglied im Jugendbund des Tannenbergbundes sowie des NS-Studentenbundes.

Zweiter Weltkrieg

Moritz trat zum 1. April 1938 der SS (SS-Nummer 310.163) und zum 1. Juli 1940 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 7.675.630). Er kam 1938 zum SD und genoss die Protektion Helmut Knochens, der ihn vom SD-Oberabschnitt Nordwest ins SD-Hauptamt nach Berlin holte. Dort war er unter Franz Six im Referat für Freimaurerei tätig, ehe er mit der Gründung des Reichssicherheitshauptamtes ins Amt VI (Auslandsnachrichtendienst) in das Frankreichreferat VI B 2 unter Heinrich Bernhard wechselte.

1940 gehörte Moritz dem SD-Kommando Knochens an, das in Paris zum Aufbau der Spionage im besetzten Frankreich sorgen sollte, bis Sommer 1942 gehörte er dann zur Abteilung VI des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Danach ging er als Stellvertreter des Kommandeurs der Sipo und des SD nach Orléans. Anschließend bekleidete er eine ähnliche Position in Marseille, er war stellvertretender Kommandeur des Sicherheitspolizei-SD-Einsatzkommandos IV B und Leiter der Abteilung IV (Gestapo). Während dieser Zeit war er aktiv an der Deportation von Juden beteiligt, dies geht aus einem Briefwechsel mit Heinz Röthke hervor. Die Transporte gingen in das Lager Drancy und von dort aus weiter in das Vernichtungslager Auschwitz.

Anfang Herbst 1943 wurde er nach Lyon versetzt, er war Stellvertreter von Werner Knab und als Leiter der Abteilung IV für Kollaborateure beim Einsatzkommando in Lyon zuständig war. Klaus Barbie war sein Arbeitskollege. In Lyon wurde Moritz Führungsoffizier des MNAT (Mouvement national antiterroriste) unter Francis André, das er mit Waffen und Dokumenten versorgte. Diese Organisation war ursprünglich von Jacques Doriot initiiert worden und führte für die Gestapo Verhaftungen und Gewalttaten gegen untergetauchte Juden und die Résistance aus. Moritz koordinierte hierfür die Annahme von Denunziationen und war an Folterungen in der Lyoner École de Santé Militaire beteiligt, in der die Gestapo ein Verhörzentrum für das MNAT eingerichtet hatte. 1944 war er an der Festnahme und Ermordung von Victor Basch durch die Milice française sowie Marc Bloch beteiligt.

Im Frühjahr 1944 wurde er zurück zum Amt VI des Reichssicherheitshauptamts versetzt und leitete ab Dezember die Agentenschule in Meersburg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Im Jahre 1945 geriet Moritz in Kriegsgefangenschaft, konnte aber drei Jahre später flüchten. Unter dem falschen Namen Rolf Müller lebte er in Hamburg und arbeitete unter dem Namen Kornbrenner für das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) der DDR. Er war Mitglied der Deutsche Bruderschaft, gegründet und geführt von Helmut Beck-Broichsitter. Zusammen mit Uwe Wehlen, Gustav Hanelt und Arnold de Lannoy wurde er als Ostagent enttarnt und 1953 vom Bundesgerichtshof verurteilt.

Nach seiner Haftentlassung war er in der Druckerei der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel sowie als technischer Zeichner beschäftigt. Er stand der Deutsche Friedens-Union nahe, hielt weiter Verbindungen in die DDR und spielte laut Henry Leide „in der linken Szene Hamburgs eine gewisse Rolle als Friedensaktivist“. Serge und Beate Klarsfeld machten sich in den 1970er Jahren auf die Suche nach ihm und 1973 gelang es ihnen, Moritz in Hamburg-Sankt Pauli ausfindig zu machen. Sie führten ein Interview mit ihm und seiner Frau, in dem er leugnete, Barbie oder Paul Tourvier zu kennen.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Sterberegister des Standesamtes Hamburg-Altona Nr 759/2006.
  2. 1 2 3 Helmut Müller-Enbergs, Nils Abraham, Thomas Wegener Friis, Mogens Rostgaard Nissen: Spionage im Grenzland: Nachrichtendienste in Schleswig-Holstein und Süddänemark. BeBra Wissenschaft Verlag, 2025, ISBN 978-3-95410-346-1, S. 138 f. (oapen.org [PDF; abgerufen am 24. März 2026]).
  3. ↑ Bundesarchiv R 9361-III/544101
  4. ↑ Henry Leide: NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR. Göttingen 2005, S. 278
  5. ↑ Élisabeth Meier: L'appareil d'occupation allemand à Lyon, 1942-1944. Composition, fonctionnement et politiques de répression, in: Francia 41 (2014), S. 301-319, hier S. 309.
  6. ↑ Peter Hammerschmidt: Deckname Adler – Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste. S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-10-029610-8. S. 99f.
  7. ↑ https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/neyron.html
  8. 1 2 Beate Baldow: Episode oder Gefahr?: Die Naumann-Affäre. 2013, S. 41 ff., doi:10.17169/refubium-13338 (fu-berlin.de [abgerufen am 7. Februar 2024]).
  9. ↑ NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Abgerufen am 7. Februar 2024.
  10. ↑ Helmut Müller-Enbergs: Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Teil 2: Anleitungen für die Arbeit mit Agenten, Kundschaftern und Spionen in der Bundesrepublik Deutschland. Hrsg.: Helmut Müller-Enbergs (= Analysen und Dokumente / Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Nr. 10). 3., durchges. Auflage. Links, Berlin 2011, ISBN 978-3-86153-145-6 (e-bookshelf.de [PDF; abgerufen am 7. Februar 2024]).
  11. ↑ Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges: die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes "Rote Kapelle". Ch. Links Verlag, 2016, ISBN 978-3-86153-921-6 (google.com [abgerufen am 7. Februar 2024]).
  12. ↑ Alamy Limited: Bundesdeutschlands Hochverrat 10.12.53. Der Prozess gegen vier Deutsche, die wegen Hochverrats angeklagt sind, wird vor dem Bundesgericht in Karlsruhe abgehalten. Den Männern wird vorgeworfen, vertrauliche Berichte und geheime Dokumente, darunter eine gefälschte Kopie des Generalvertrages, an die DDR-Regierung weitergegeben zu haben. I.N.P. Foto zeigt die vier Angeklagten in Zivilkleidung, von links nach rechts: Arnold de Lannoy, 41, Hamburger Exporthändler; Uwe Wehlen, 35, Hamburger Journalist; Gustav Hanelt, 39, Verwaltungsangestellter Kiel; August Moritz, 40, Kunsthistoriker Hamburg. 133/PJ/73202 International News Stockfotografie - Alamy. Abgerufen am 23. März 2026.
  13. ↑ Östlicher Agentenring wurde gesprengt. In: Südkurier. 30. August 1952, S. 2, abgerufen am 23. März 2026.
  14. ↑ Henry Leide: NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR. Göttingen 2005, S. 283
  15. ↑ WHEREVER THEY MAY BE. The Beate Klarsfeld Foundation, 1972, archiviert vom Original am 17. Juli 2011; abgerufen am 7. Februar 2024 (englisch).
Personendaten
NAME Moritz, August
ALTERNATIVNAMEN Müller, Rolf
KURZBESCHREIBUNG deutscher SS-Obersturmbannführer
GEBURTSDATUM 11. Februar 1913
GEBURTSORT Hannover
STERBEDATUM 17. März 2006
STERBEORT Hamburg