Aufdosierung und Abdosierung

Aufdosierung (Eindosieren, im medizinischen Jargon auch Einschleichen) bezeichnet in der Medizin das geplante anfängliche und schrittweise Erhöhen der Dosis eines Medikamentes bis zu einer Zieldosis. Ziel ist es, die oft nur zu Einnahmebeginn bestehenden unerwünschten Medikamentenwirkungen (Nebenwirkungen) zu vermeiden oder gering zu halten. Abdosieren (Ausschleichen) steht für das Gegenteil. Aufdosieren und Abdosieren ist keineswegs bei allen Medikamenten erforderlich.

Die Begriffe werden auch bei anderen therapeutischen Maßnahmen (z. B. Elektrotherapie) verwendet.

Zielsetzung

Durch die allmähliche Steigerung passt sich der Körper langsam an die neuen Gegebenheiten an. Durch die langsame Gewöhnung an höhere Dosierungen bzw. häufigere Anwendungen kann beobachtet werden, wie der Patient auf diese Umstellung reagiert. Das Einschleichen geschieht auf ärztliche Anordnung und idealerweise unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle. Meist wird dem Patienten eine schriftliche Anleitung mitgegeben.

Vorgehen

Aufdosierung ist bei manchen Medikamenten-Stoffklassen sinnvoll und üblich. Da während der Zeit der Aufdosierung die erwünschte Zieldosis noch nicht erreicht ist, kann die angestrebte Wirkung dann noch nicht eintreten. Bis zum Wirkungseintritt dauert es also länger. Bei bestimmten Medikamenten wie etwa Antiepileptika und Erkrankungen wie beispielsweise Panikstörungen sowie bei ängstlichen Patienten wird die Aufdosierung besonders vorsichtig, das heißt langsam, vorgenommen. Auch wird dann die Anfangsdosis besonders niedrig angesetzt. Hiermit soll auch der Nocebo-Effekt vermieden werden. Langsames Aufdosieren (start low and go slow) gilt auch in der Geriatrie (Altersmedizin).

Treten unvertretbare Nebenwirkungen auf, kann die Steigerung der Medikamentendosis bis zu deren Besserung oder Verschwinden pausiert, also nicht weiter erhöht werden. Ausgelassen (weggelassen) wird nur bei gefährlichen Nebenwirkungen. Bei Fehlen von unerwünschten Wirkungen kann die Aufdosierung dagegen zügig gestaltet werden. Die Dauer der Aufdosierung ist je nach Medikament sehr unterschiedlich. Insbesondere bei Auftreten stärkerer Nebenwirkungen und bei Fehlen der erwünschten Wirkung kann der Blutspiegel bestimmt werden (therapeutisches drug monitoring). Dies stärkt die Adhärenz der Patienten.

Die Wirkung eines Medikamentes zeigt sich oft erst mit der Zeit. Nach Aufdosierung, d. h. nach Erreichen der Zieldosis wird das Medikament in unveränderter Dosis weiter gegeben, bis zu den Entscheidungstagen, an denen die Wirkung beurteilt werden kann. Bei Eintritt der erwünschten Wirkung wird im Regelfall das Medikament weiter in der gleichen Dosis eingenommen, bei einer Teilwirkung oft ein zweites Arzneimittel kombiniert (Augmentation), bei fehlender Wirkung das Medikament abgesetzt, also weggelassen.

Bei nur kurzer Einnahmezeit kann gegebenenfalls auf das Abdosieren oder Ausschleichen verzichtet werden. Bei Medikamenten mit Suchtpotenz gelten besondere Regeln.

Beispiele

Beispiel für eine Aufdosierung über sieben Wochen mit zweimal täglicher Einnahme:

Zahl der Tabletten 1. Woche 2. Woche 3. Woche 4. Woche 5. Woche 6. Woche 7. Woche 8. Woche (Zieldosis)
Morgens - 1/4 1/4 1/2 1/2 3/4 3/4 1
Abends 1/4 1/4 1/2 1/2 3/4 3/4 1 1

Beispiel für eine Abdosierung über ca. ein Jahr mit einmal täglicher Gabe, Beginn mit 30 mg:

Zeitraum vor

Abdosierung

Woche

1–4

Wo

5–8

Wo

9–12

Wo

13–16

Wo

17–20

Wo

21–24

Wo

25–28

Wo

29–32

Wo

33–36

Wo

37–40

Wo

41–44

nach Abdosierung
Dosis in mg 30 20 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0

Beispiel für eine sehr langsame Aufdosierung mittels Tropfen einmal/Tag (Angst vor Nebenwirkungen beim Patienten, Anwendung in der Geriatrie u. a.) bis zur Zieldosis von 20 Tropfen:

Tag 1 2 3 4 usw. bis Zieldosis
Tropfen 1 2 3 4 20

Danach kann eventuell auf die einfacher handhabbare Einnahme von Tabletten in gleicher Dosis wie die Zieldosis umgestellt werden.

Anwendungsgebiete, in denen Auf- oder Abdosierungen erforderlich sein können, sind etwa psychische Erkrankungen oder Autoimmunerkrankungen.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Siegfried Kasper, Hans-Peter Volz: Psychiatrie und Psychotherapie compact. 3. Auflage. Thieme, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-13-125113-8, S. 320.
  2. ↑ Aufdosierung – Schritt für Schritt sicher zur richtigen Dosis. Simly onno, abgerufen am 3. September 2026.
  3. 1 2 Matthias J. Müller, Francesca Regen (Hrsg.): Benkert/Hippius Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. 15. Auflage. Springer, Berlin 2026, ISBN 978-3-662-72451-4, S. 105.
  4. ↑ Jan Dreher: Psychopharmakotherapie griffbereit. 5. Auflage. Thieme, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-13-245578-8, S. 266.