Partita in d-Moll für Solovioline von Bach

Anfang der Chaconne Handschrift von Johann Sebastian Bach

Die Partita in d-Moll für Solovioline, BWV 1004, von Johann Sebastian Bach entstand zwischen 1717 und 1720. Sie ist Teil seines Kompositionszyklus Sonaten und Partiten für Violine solo. Der bekannteste Teil des Werks ist die Chaconne (italienisch ciaccona).

Struktur

Allemanda
Ciaconna
I. Allemande
II. Courante
III. Sarabande
IV. Gigue
V. Chaconne

Mit Ausnahme der Ciaccona handelt es sich bei den Sätzen um Tanzformen jener Zeit, die häufig unter ihren französischen Bezeichnungen aufgeführt wurden: Allemande, Courante, Sarabande, Gigue und Chaconne. Der letzte Satz ist in Variationsform geschrieben und dauert etwa so lange wie die ersten vier Sätze zusammen.

Die Spieldauer der gesamten Partita schwankt zwischen 26 und 32 Minuten, je nach Herangehensweise und Stil des Interpreten.

Rezeption

Ciaccona

Professorin Helga Thoene vermutet, dass diese Partita und insbesondere ihr letzter Satz ein Tombeau zum Gedenken an Bachs erste Frau, Maria Barbara Bach (die 1720 starb), war, auch wenn diese Theorie umstritten ist.

Yehudi Menuhin bezeichnete die Chaconne als „das großartigste Werk für Solovioline, das es gibt“.

Der Violinist Joshua Bell sagte, die Chaconne sei „nicht nur eines der großartigsten Musikstücke, die je geschrieben wurden, sondern eine der größten Leistungen eines Menschen in der Geschichte. Es ist ein Stück von großer spiritueller und emotionaler Kraft und von perfekter Struktur.“ Er spielte das Stück als Straßenmusiker auf dem L’Enfant Plaza in Washington, D.C. für die Washington Post.

Johannes Brahms beschrieb das Stück in einem Brief an Clara Schumann wie folgt:

„Auf einer einzigen Notenzeile, für ein kleines Instrument, schreibt dieser Mann [Bach] eine ganze Welt der tiefsten Gedanken und stärksten Gefühle nieder. Hätte ich mir vorgestellt, ich hätte dieses Stück schaffen oder auch nur erdenken können, bin ich mir ganz sicher, dass mich die überwältigende Erregung und das erschütternde Erlebnis in den Wahnsinn getrieben hätten.“

– Johannes Brahms

Transkriptionen der Ciaccona

Brahms’ Transkription für Klavier (nur für die linke Hand) der Chaconne aus Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 2 für Solovioline, BWV 1004 (gespielt von Martha Goldstein).

Der Musikwissenschaftler Raymond Erickson (* 1941) hat etwa zweihundert Transkriptionen und Bearbeitungen von Bachs Ciaccona ermittelt.

Transkriptionen für Klavier

Orgelfassungen

Die früheste Fassung für Orgel stammt von William Thomas Best. Weitere Bearbeitungen stammen von John Cook (1918–1984), Wilhelm Middelschulte (1863–1943), Walter Henry Goss-Custard (1915–1955) und Henri Messerer (1838–1923).

Im Vorwort zu seiner Transkription von 1955 schrieb John Cook: „Die Chaconne ist in ihrer ursprünglichen Form von erhabener Schönheit, doch viele werden zustimmen, dass eine einzelne Violine die weitreichenden Implikationen eines Großteils dieser Musik nur andeuten kann … Es ist vielleicht nicht abwegig anzunehmen, dass Bach, hätte er die Chaconne selbst transkribiert, die Orgel als das Instrument gewählt hätte, das dem Ausmaß seiner Ideen am besten gerecht wird … Eine gute Darbietung auf der Violine kann als beste Orientierungshilfe für die Interpretation auf der Orgel angesehen werden – die beiden Instrumente weisen durchaus Gemeinsamkeiten auf, und beide lagen Bach sehr am Herzen.“

Transkription für Cembalo

Gustav Leonhardt hat die Partita für Cembalo solo bearbeitet. Auch Pieter-Jan Belder hat die Chaconne für Cembalo bearbeitet.

Klavierbearbeitungen

Zu den Transkriptionen für Klavier zählen unter anderem jene von Ferruccio Busoni, Alexander Siloti, Joachim Raff und Rudolf Lutz sowie für die linke Hand von Johannes Brahms, Paul Wittgenstein und Géza Zichy.

Felix Mendelssohn und Robert Schumann komponierten jeweils eine Klavierbegleitung für das Werk.

Carl Reinecke hat das Stück für Klavierduett bearbeitet.

Transkriptionen für Cello

Es gibt eine Transkription der Chaconne für Solo-Cello, die der Cellist Johann Sebastian Paetsch (* 1964) im Jahr 2015 angefertigt hat. Diese wurde vom Hofmeister Musikverlag in Leipzig veröffentlicht.

Gitarrenarrangements

Die Chaconne wird häufig auf der Gitarre gespielt. Marc Pincherle, Sekretär der „Französischen Gesellschaft für Musikwissenschaft“ (französisch Société française de musicologie (SfM)) in Paris, schrieb 1930: „Während sich die Meinungen hinsichtlich bestimmter schneller monodischer Passagen darüber teilen, ob die Violine oder die Gitarre das bessere Instrument ist, triumphiert die Gitarre stets in den polyphonen Passagen, das heißt fast im gesamten Werk. Der Klang der Gitarre erzeugt neue, emotionale Resonanzen und ungeahnte dynamische Abstufungen in jenen Passagen, die ursprünglich vielleicht ausschließlich für die Violine komponiert wurden; wie zum Beispiel die Variationen in den Arpeggien.“

Die bekannteste Transkription für Gitarre ist die Segovia-Transkription. Viele Gitarristen ziehen es heute vor, die Chaconne direkt nach der Violinpartitur zu spielen.

Orchesterbearbeitungen

Es gibt eine Reihe von Bearbeitungen der Chaconne für Orchester unterschiedlicher Besetzung, darunter Leopold Stokowskis Bearbeitung für ein volles Sinfonieorchester.

A.M. Herz’ Bearbeitung für Streichquartett lässt sich für die Aufführung durch ein Kammerorchester erweitern. Sie wurde 1927 (unter dem Namen Albert Maria Herz) veröffentlicht. Das Werk wurde 2023 vom Asasello-Quartett aufgenommen.

Weitere Transkriptionen

Anne Dudley hat Bachs Chaconne für Klaviertrio bearbeitet, und eine Aufnahme des Eroica Trios ist auf dessen Barock-Album zu finden.

Die Chaconne wurde von Christoph Poppen und dem Hilliard Ensemble für Violine und vier Stimmen bearbeitet. Die Chaconne wurde von Dewey Owens für Pedalharfe transkribiert und bei Lyra veröffentlicht, ebenso wie von Skaila Kanga (* 1946).

Die Chaconne wurde außerdem von José Miguel Moreno für Barocklaute transkribiert und sowohl als Solostück als auch in Begleitung einer Sopranistin und eines Countertenors aufgeführt.

Tanz

Bachs „Ciaccona“ für Violine wurde bereits fast fünfzig Mal choreografiert.

Publikationen

Literatur

Commons: Partita in d-Moll für Solovioline von Bach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Zwar hat die Chaconne ihren Ursprung im Tanz und wurde ursprünglich auch als Tanz verwendet, doch zu Bachs Zeiten in Deutschland hatten ihre „lebhaften Läufe und ihre kontrapunktische Dichte jegliches Tanzgefühl weitgehend ausgelöscht“.
  2. ↑ Alexander Silbiger: Chaconne (Fr., also chacony; It. ciaccona, ciacona; Sp. chacona). Oxford University Press, 20. Januar 2001 (englisch, oxfordmusiconline.com [abgerufen am 15. Juli 2026]). ISBN 978-1-56159-263-0
  3. ↑ Helga Thoene: Johann Sebastian Bach. Ciaconna—Tanz oder Tombeau. Verborgene Sprache eines berühmten Werkes". In Festschrift zum Leopoldfest; 15. Köthener Bachfesttage, 14–81. Cöthener Bach-Hefte 6, Veröffentlichungen des Historischen Museums Köthen/Anhalt XIX. Köthen.
  4. ↑ Helga Thoene: Johann Sebastian Bach, Ciaccona: Tanz oder Tombeau? Oschersleben 2001, ISBN 3-935358-60-1 (helga-thoene.de [abgerufen am 18. Juli 2026]).
  5. ↑ Helga Thoene: Verborgener Klang und verschlüsselte Sprache in den Werken für Violine solo von Johann Sebastian Bach (AnsBACHwoche, Almanach: 25. Juli bis 3. August 2003). 2003.
  6. ↑ Eric Lewin: Were Bach's Toccata and Fugue BWV565 and the Ciacconia from BWV1004 Lute Pieces? Nr. 1893. The Musical Times, 2005, S. 77–86 (englisch).
  7. ↑ Rick Anderson: Johann Sebastian Bach: Morimur. Hilliard Ensemble; Christoph Poppen. ECM 289 461 895-2, 2001." Notes, second series, 59, No. 1 (September): 145. 2002 (englisch).
  8. ↑ Raymond Erickson: Secret Codes, Dance and Bach's Great 'Ciaccona'. Early Music America 8, no. 2:. 2002, S. 34–43 (englisch).
  9. ↑ David Humphreys: Esoteric Bach. Early Music 30, no. 2 (May): 307. 2002 (englisch).
  10. ↑ Alan Rich: Morimur: Is There Sex after Bach? In his So I've Heard: Notes of a Migratory Music Critic. Amadeus, Milwaukee 2006, ISBN 1-57467-133-2, S. 66–67 (englisch, google.de [abgerufen am 18. Juli 2026]).
  11. ↑ Alexander Silbiger: Bach and the Chaconne. In: The Journal of Musicology. 1999, S. 358–385 (englisch).
  12. ↑ Yehudi Menuhin: Unfinished Journey, new edition. Pimlico, London 2001, ISBN 0-7126-6809-8 (englisch).
  13. ↑ Gene Weingarten: Pearls Before Breakfast. In: washingtonpost.com. 8. April 2007, abgerufen am 18. Juli 2026 (englisch).
  14. ↑ Harold C. Schonberg: The Lives of the Great Composers. W. W. Norton Company, 1970, S. 297 (englisch, goodreads.com [abgerufen am 19. Juli 2026]).
  15. ↑ Gustav Leonhardt: Bach: Suites, Partitas, Sonatas. Bärenreiter, Dezember 2018 (barenreiter.us [abgerufen am 19. Juli 2026]). ISMN 979-0-0065-6260-2
  16. ↑ Valerie Woodring Goertzen (Editor), Markus Bellheim (Piano): Chaconne from Partita no. 2 d minor, Arrangement for Piano, left Hand. G. Henle Verlag, 2. August 2018, S. 24 (englisch, henle.de [abgerufen am 19. Juli 2026]). ISMN 979-0-2018-1187-1
  17. ↑ Johann Sebastian Paetsch (Editor/Arranger): Bach, J. S.: 3 Stücke aus BWV 506 / 903 / 1004. In: Delights for Strings. FH 3021. Friedrich Hofmeister Musikverlag, 2015 (paganino.de [abgerufen am 19. Juli 2026]). ISMN 979-0-2034-3021-6
  18. ↑ Bach's Chaconne and the Guitar Translation of a 1930 articly by Marc Pincherle, Secretary of the French Society of Musicology in Paris (Memento vom 26. Januar 2015 im Internet Archive)
  19. ↑ Bach, Busoni, Segovia, and the Chaconne, Christopher Berg's Blog 2009 (Memento vom 22. Februar 2018 im Internet Archive)
  20. ↑ The Mystery of Leopold Stokowski, von William Ander Smith, Rutherford, Madison, Teaneck, 1990 Fairleigh Dickinson University Press; London and Toronto: Associated University Presses S. 243 ISBN 0-8386-3362-5
  21. ↑ Sterne steigen dort – Stars rise afar… Portrait of the Composer Albert Maria Herz. In: genuinclassics.com. 7. Juli 2023, abgerufen am 19. Juli 2026.
  22. ↑ Skaila Kanga: Chaconne from Partita no. 2. Harp Cloumn Music, S. 21 (englisch, harpcolumn.com [abgerufen am 19. Juli 2026]).
  23. ↑ De Occulta Philosophia (Memento vom 15. August 2020 im Internet Archive)
  24. ↑ J.S. Bach: Bach De occulta philosophia. In: biberfan. 31. Dezember 2016, abgerufen am 19. Juli 2026 (englisch).
  25. ↑ Raymond Erickson: Bach at the Barre: An Annotated List of Choreographies Using J.S. Bach's Violin Ciaccona (Chaconne). In: Bach: Journal of the Riemenschneider Bach Institute. Band 55, Nr. 1, 2024, S. 1–43, doi:10.1353/bach.2024.a924427 (englisch).
  26. ↑ Chaconne The Novel von Joseph C. Mastroianni (Memento vom 15. Juni 2019 im Internet Archive)
  27. ↑ Melissa Block: 'Violin Dreams': Chasing Bach's Elusive Chaconne. In: NPR Music. 18. Januar 2007, abgerufen am 19. Juli 2026 (englisch).
  28. ↑ Deutsch: Auszüge aus der Ewigkeit – Die Läuterung von Zeit und Charakter, die Erfüllung der Liebe und die Zusammenarbeit mit dem himmlischen Willen in Johann Sebastian Bachs Ciaccona für Violine
  29. ↑ Excerpts from Eternity: The Purification of Time and Character, the Fulfilment of Love, Cooperation with the Celestial Will in Johann Sebastian Bach's Ciaccona for Violin, von Barnabás Dukay, Márta Ábrahám, BioBach, 2017 148 Seiten