Bach schrieb die Kantate 1725 in seinem dritten Kantatenzyklus für den 2. Weihnachtstag, der in diesem Jahr als Fest des MärtyrersStephanus begangen wurde. Die vorgeschriebenen Lesungen waren Apg 6,8–7,22LUT, Apg 7,51–59LUT, die Steinigung des Stephanus, und Mt 23,34–39LUT, die Klage über Jerusalem. Der Kantatendichter Georg Christian Lehms bezog alle Lesungen ein und erweiterte sie durch weitere biblische Bezüge. Der erste Satz beruht auf Jak 1,12LUT, die darin erwähnte Krone heißt griechisch stephanos. Lehms schrieb den Text als Dialog zwischen „Jesus“ und „Anima“ (Seele). Er sah als Schlusschoral eine Strophe aus Johann HeermannsGott Lob, die Stund ist kommen vor, doch Bach wählte stattdessen die 6.Strophe von Ahasverus FritschsHast du denn, Jesus, dein Angesicht gänzlich verborgen, genannt „Seelengespäch mit Christus“, um so den Dialog fortzusetzen.
Besetzung und Aufbau
Die Kantate ist kammermusikalisch besetzt mit zwei Solisten (Sopran und Bass), zwei Oboen, zwei Violinen, Viola und Basso continuo. Ein vierstimmiger Chor wird nur im Schlusschoral benötigt. Die Oboen spielen in den Rahmensätzen mit den Streichern.
Aria (Bass): Selig ist der Mann
Recitativo (Sopran): Ach! dieser süße Trost
Aria (Sopran): Ich wünschte mir den Tod, den Tod
Recitativo (Sopran, Bass): Ich reiche dir die Hand
Aria (Bass): Ja, ja, ich kann die Feinde schlagen
Recitativo (Sopran, Bass): In meinem Schoß liegt Ruh und Leben
Aria (Sopran): Ich ende behende mein irdisches Leben
Choral: Richte dich, Liebste, nach meinem Gefallen und gläube
Musik
Die Musik des Dialogs ist dramatischer als in den meisten Kirchenkantaten Bachs. Die meisten Rezitative sind secco und treiben die Handlung voran. In der ersten Arie dominieren über mehrere Takte ausgehaltene Töne zu den Worten selig und bewähret, die ewige Dauer veranschaulichen. Die zweite Arie gestaltet musikalisch eine als irreal verneinte Empfindung: die verzweifelte Sehnsucht der Seele nach dem Tod (nicht als Vollendung, sondern als Vernichtung), die ihr allein übrig bliebe ohne die (tatsächlich geschenkte) Liebe Jesu. Die gegensätzlichen Affekte zeichnet Bach durch eine aufwärts führende Linie, die in einem jähen Sprung um eine None abwärts endet, sowie durch eine Wendung in lichtes Dur bei der Zeile „wenn du, mein Jesu, mich nicht liebtest“.
Die dritte Arie zeigt Jesus als Sieger, durch Fanfaren in gebrochenen Dreiklängen. Die Figur der Solo-Violine in der letzten Arie kann gedeutet werden als das „stürmische Sichfallenlassen in die Arme Jesu“ (Alfred Dürr). Nachdem im zweiten Teil dieser Arie eine mystische Verbindung erreicht ist, „Mein Heiland, ich sterbe mit höchster Begier“, ist kein da capo möglich; die Aria endet mit der Frage „was schenkest du mir?“, die durch den Choral beantwortet wird.
Bach-Kantaten No. 6. BWV 57, 73, 140. Rudolf Lutz, Chor und Orchester der J. S. Bach-Stiftung, Julia Neumann, Antonia Frey, Nicolas Savoy, Ekkehard Abele. (BWV 57). Susanne Frei, Makoto Sakurada, Markus Volpert. (BWV 73). Nuria Rial, Bernhard Berchtold, Markus Volpert. (BWV 140). Gallus Media, 2012.
Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet. Kantate BWV 57. Rudolf Lutz, Chor und Orchester der J. S. Bach-Stiftung, Julia Neumann, Antonia Frey, Nicolas Savoy, Ekkehard Abele, Samt Einführungsworkshop sowie Reflexion von Annemarie Pieper. Gallus Media, St. Gallen 2011.
Literatur
Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach: Die Kantaten. Bärenreiter, Kassel 1999, ISBN 3-7618-1476-3.
Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Kantaten: Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs. Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig / Carus-Verlag, Stuttgart 2006 (Edition Bach-Archiv Leipzig) ISBN 3-374-02390-8 (Evang. Verlags-Anstalt), ISBN 3-89948-073-2 (Carus-Verlag).
Christoph Wolff, Ton Koopman: Die Welt der Bach-Kantaten. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2006, ISBN 3-476-02127-0.
↑Das war in Leipzig zu Bachs Zeit in jedem zweiten Jahr der Fall; in den dazwischen liegenden Jahren wurde der 26. Dezember als Zweiter Weihnachtsfeiertag begangen. Günther Stiller, Johann Sebastian Bach und das Leipziger gottesdienstliche Leben seiner Zeit. Bärenreiter, Kassel 1970, S. 46.