Balneologie

Die Balneologie (über lateinisch balneum, „Bad“, von griechisch βαλανεῖον (balaneion) „Bad, Badeanstalt“, und -logie) oder Bäderheilkunde ist die Lehre von der therapeutischen Anwendung natürlicher Heilquellen, Heilgase und Peloide in Form von Bädern, Trinkkuren und Inhalationen. Zur Balneologie gehören die Balneotherapie (Bädertherapie, Badekuren), die Balneotechnik, die Balneochemie (Hydrochemie) und die Balneophysik. Die Lehre von den Heilquellen wurde Pegologie genannt.

Geschichte

In der Antike erschienen Beschreibungen der Bädertherapie und Heilquellen immer wieder besonders am Rande medizinischer und naturphilosophischer Literatur, wie bei Plinius dem Älteren im ersten nachchristlichen Jahrhundert. Bereits der griechische, in Rom wirkende Arzt Asklepiades von Prusa trat im 1. Jahrhundert v. Chr. für Wasseranwendungen mit kaltem bzw. warmem Wasser zur vorbeugenden und therapeutischen Behandlung verschiedener Erkrankungen ein. Ihnen folgten einige Beschreibungen bei klassisch-islamischen Ärzten, besonders Avicenna im 11. Jahrhundert.

Nach dem ersten balneologischen Spezialtraktat der Weltliteratur Buch von alten Schäden aus der Mitte des 15. Jahrhunderts erschienen systematisierte balneologische Heilquellen- und Therapiebeschreibungen zum Bäderwesen ab dem 16. Jahrhundert in Europa. Diese Spezialliteratur begann mit der Einzelbeschreibung einer Heilquelle Von des Bades Pfäfers Tugenden von Paracelsus aus dem Jahr 1535. Die erste systematisierte Kurzbeschreibung von Wassertypen und Heilquellen der ungarisch-(heute slowakisch-)polnischen Region Zips verfasste 1547 der Humanist und Statthalter Georg Wernher, gefolgt von einer ausführlicheren Beschreibung 1549 für das gesamte Königreich Ungarn. Ihr folgte eine weitere posthum von Paracelsus veröffentlichte systematisierte Schrift (Baderbuechlin. Sechs koestliche Tractat […] Peter Schmid, Mülhausen 1562). Der nächste mitteleuropäische Autor war der Landessyndikus (d. h. etwa oberster Amtsarzt) der Markgrafschaft Mähren, Thomas Jordan von Klausenburg mit einer Beschreibung mährischer Heilquellen 1575 (De aquis medicatis Moraviae Commentariolus. Johann Wechel, Frankfurt am Main 1575). Besonders prägte der rheinische Arzt und Botaniker Tabernaemontanus die Balneologie mit seinem umfangreichen Werk Neuw Wasserschatz (Frankfurt am Main 1581). In Italien begann die balneologischen Literatur mit einer enzyklopädischen Zusammenstellung balneologischer Randangaben griechischer, römischer, arabischer und humanistischer Mediziner durch den venezianischen Drucker Tomasso Giunta (T. Giunta: De Balneis. Venetia 1553). Ihr folgte der venezianische Arzt und Philosoph Andrea Bacci (1524–1600, A. Baccius: De Thermis. Venetia 1571), gefolgt von dem Veroneser Arzt Ventura Minardo (1594). Als Begründer der Balneologie in Schlesien gilt der auch als Botaniker bedeutende Caspar Schwenckfeld (1563–1609).

Als Begründer der modernen wissenschaftlichen Balneologie gilt Emil Osann. In Österreich war Johann von Oppolzer einer der ersten führenden Vertreter dieser Lehre.

Balneotherapie

Die Balneotherapie (Anwendung von Badekuren) beschäftigt sich mit der therapeutischen Behandlungsform von Wasser aus Heilquellen insbesondere mit höherem Gehalt von gelösten Stoffen, z. B. an Mineralstoffen wie Kohlendioxid, Kohlensäure, Schwefelwasserstoff und radioaktiven Stoffen. Der Unterschied zu Anwendungen mit Leitungswasser wie z. B. bei Kneippkuren und generell der Hydrotherapie liegt im höheren Gehalt der im juvenilen Wasser gelösten Stoffe. Neben medizinischen Bädern gehören zur Balneotherapie auch innere Anwendungen wie Trinkkuren und Inhalationen.
Heilwässer müssen gelöste Stoffe (anorganische Stoffe und deren Ionen) in einer Konzentration von mindestens 1 g/kg enthalten.

Eine spezielle Form der Balneotherapie ist die Thalasso-Therapie.

Bei den Bädern unterscheidet man das Wasserbad (Voll-, Sitz- und Teilbäder) sowie das Inhalationsbad (Dampfbad). Es gibt fünf Temperaturstufen: kalte, halbkalte, lauwarme, warme und heiße Bäder. Die Maximaltemperatur beträgt 40 Grad Celsius. Das Heilwasser wirkt bei warmen und heißen Bädern durch Wärme, durch physikalische und chemische Einflüsse der Zusätze aus dem Heilmittelbereich.

Ein Nutzen der Bäder: Der Auftrieb durch das Wasser soll Muskeln und Gelenke erheblich entlasten, so dass Bewegungen wieder durchgeführt werden können, die dem Patienten auf dem Trockenen auf Grund von Körpergewicht und Schmerzen nahezu unmöglich sind. Außerdem wirkt warmes Wasser generell positiv auf das vegetative Nervensystem und dadurch auch schmerzlindernd bei verschiedenen Symptomen. Thermische Reize werden auch eingesetzt, um Stoffwechsel und Immunsystem anzuregen.

Eine Alternative zu Bädern sind Schlammpackungen (etwa Fango und Parafango in der Peloidtherapie).

Bei den zu den Brunnenkuren gezählten Badekuren können angewendet werden:

Medizinische Bäder werden vor allem in Kureinrichtungen der Kurorte angeboten. Sie gehören jedoch auch zu den Behandlungen der Physiotherapie. In der Regel werden diese Bäder ärztlich verordnet und sind Teil eines umfassenden Behandlungsplanes, zum Beispiel während einer Kur. Besonders häufig werden sie bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt.

Zu den Methoden der medizinischen Bäder gehören das Kräuterbad, das künstliche Moorbad, die Anwendung von Badezusätzen (unter anderem Abkochungen von Fichten- oder Kiefernnadeln, gerbstoffhaltige Bäder, Kleienbäder und Kohlensäurebad), Mutterlaugen- und Solbäder sowie Salzbäder.

Die heute wichtigsten medizinischen Bäder sind:

Balneotechnik

Die Balneotechnik ist die Lehre von der sachgerechten technischen Behandlung (Lagerung, Leitung, Speicherung, Temperierung) der balneologischen Heilmittel. Die Balneotechnik umfasst auch die technische Gestaltung von Badewannen, Gasbädern, Trinkheilwasserausgabeeinrichtungen sowie die Inhalationstechnik (Inhalationsbehandlung) und die Herstellung von Peloidpackungen.

Balneochemie

Die Balneochemie (Bäderchemie) beschäftigt sich mit der chemischen Zusammensetzung von Heilwässern und deren Wirkung auf den Organismus. Als Übersichtsdarstellung der Wirkung der Mineralwässer wurden im, von der Vereinigung der Bäder- und Klimakunde herausgegebenen, Deutschen Bäderbuch die chemischen Charakteristiken der Mineralwässer der Mineralbäder gegen die Anwendungen in den Mineralbädern aufgelistet.

Forschung

Zur wissenschaftlichen Erforschung des Bäder- und Kurwesens, für klinische Tests und Studien und zur Beratung für Kureinrichtungen unterhielt der Freistaat Sachsen bis Ende 2006 in Bad Elster im Vogtland das einzige staatliche Forschungsinstitut für Balneologie in der Bundesrepublik. In dem Institut, das dem sächsischen Ministerium für Soziales in Dresden zugeordnet war, arbeiteten Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Ökonomen und Sozialberufe fachübergreifend.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde u. a. auch an der Universität Gießen ein Lehrstuhl für Balneologie vorgehalten, auf welchen 1943 Arthur Weber berufen wurde. Nachfolger waren Victor Rudolf Ott und Klaus Louis Schmidt.

Die Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau hielt ebenfalls einen Lehrstuhl für Balneologie vor, auf den 1935 der Neurologe Heinricht Vogt berufen wurde.

An der TU München gibt es seit 1951 ein Institut für Wasserchemie und Chemische Balneologie. Daneben gibt es einige (vorwiegend kommunal finanzierte) kleine Institute in Kurorten, so in Bad Wildungen und Bad Füssing.

Ärztliche Qualifikation

Balneologie und Medizinische Klimatologie ist mit der Muster-Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer von 2018 als Zusatzbezeichnung für Ärzte anerkannt worden. Unter Umständen darf die Bezeichnung Badearzt oder Kurarzt geführt werden. Die Umsetzung der Weiterbildungsordnung liegt bei den Landesärztekammern.

Literatur

Historische Quellen

Wiktionary: Badekur – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ GEMOLL: Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch.
  2. 1 2 Balneologie Definition (Memento vom 21. September 2010 im Internet Archive) nach Institut für Balneologie und Medizinische Klimatologie, Christoph Gutenbrunner.
  3. ↑ Bernhard Maximilian Lersch: Geschichte der Balneologie, Hydroposie und Pegologie, oder Der Gebrauch des Wassers zu religiösen, diätetischen und medicinischen Zwecken. Ein Beitrag zur Geschichte des Cultus und der Medicin. Würzburg 1863.
  4. ↑ Irmtraud Sahmland: Balneologie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 135.
  5. ↑ Hans-Joachim Peters (Hrsg.): Das „Buch von alten Schäden“. Teil I: Text. Medizinische Dissertation, Bonn 1973 (in Kommission bei Königshausen & Neumann, Würzburg); und Ingrid Rohland: Das „Buch von alten Schäden“. Teil II: Kommentar und Wörterverzeichnis. (Medizinische Dissertation Würzburg) Pattensen bei Hannover (jetzt: Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg) 1982 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 23).
  6. ↑ Gundolf Keil: Balneotherapie im ‘Buch von alten Schäden’, der ältesten balneologischen Spezialschrift des Abendlands. In: Eduard Hlawitschka: Forschungsbeiträge der Geisteswissenschaftlichen Klasse (= Schriften der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste. Band 32). München 2012, S. 97–101.
  7. ↑ Frank Fürbeth: Bibliographie der deutschen oder im deutschen Raum erschienenen Bäderschriften des 15. und 16. Jahrhunderts. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 217–252.
  8. ↑ Alena Masarovičová, Ján Lidaj, Ondrej Žilínek: História balneoterapie – stredovek. (slowakisch: Geschichte der Balneotherapie - Mittelalter.) In: Dermatológia pre prax. (Dermatologisches Fachjournal des Slowakischen Medizinischen Akademischen Fachverlages Solen.Medical Education.) 14, 8(4), S. 150–152, hier S. 151–152.
  9. ↑ Norbert Conrads: Anna Würster, die erste privilegierte Medizinerin Schlesiens (1657). In: Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil zum 65. Geburtstag. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000 (= Texte und Wissen. Band 3), ISBN 3-8260-1851-6, S. 1–15, hier: S. 1.
  10. ↑ Gert Michel: Naturwissenschaftliche Begriffsbestimmungen natürlicher ortgebundener Heilmittel. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 41–44.
  11. ↑ Angela Schuh: Thalassotherapie. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 111–113.
  12. ↑ Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 483 (wasserpad: Bad, bei dem der Körper vor allem mit dem Wasser, weniger mit dem Dampf in Berührung kommt; etwa als Kräuterbad).
  13. ↑ Bernd Hartmann, Margarete Hartmann: Das Thermalbad: Faktoren, Wirkungen, Wirksamkeit. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 84–91.
  14. ↑ Karl Schantz (Hrsg.): Praktischer Lehrkurs der Gesundheitspflege. Ein Wegweiser in gesunden und kranken Tagen. 2 Bände. Brauer & Mönnich, Bremen ohne Jahr. Band 1, S. 45–46.
  15. ↑ Albrecht Falkenbach: Physikalische Therapie am Kurort. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 30–33.
  16. ↑ Karl Schantz (Hrsg.): Praktischer Lehrkurs der Gesundheitspflege. Ein Wegweiser in gesunden und kranken Tagen. 2 Bände. Brauer & Mönnich, Bremen ohne Jahr. Band 1, S. 49–51.
  17. ↑ Bernd Hartmann, Margarete Hartmann: Pharmakologische Wirkungen des Badens in Heilwässern. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 92–95.
  18. ↑ Gerd Lüttig: Was sind Peloide? In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 160–173.
  19. ↑ Gert Michel: Balneogeologie. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 21–22.
  20. ↑ Balneotechnik. In: Medizinlexikon. Elsevier, München; abgerufen am 17. Juli 2011.
  21. ↑ Werner Käß: Analytik, Dokumentation und Beschaffenheitsdarstellung von Heilwässern. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 52–54.
  22. ↑ Lorenz Eichinger, Gesine Lorenz: Isotopenmethoden zur Charakterisierung von Heilwässern. In: Werner Käß und Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 61–67.
  23. ↑ Remigius E. Fresenius, Werner Käß: Spurenelemente. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 55–60.
  24. ↑ Vereinigung für Bäder und Klimakunde e. V.: Deutsches Bäderbuch, ISBN 978-3-510-65241-9.
  25. ↑ Personalnachrichten. Ernennungen. 1943. Forschungen und Fortschritte. Band 19, 23/24, S. 252.
  26. ↑ TU München – Lehrstuhl für Analytische Chemie (englisch) (Memento vom 10. Juli 2010 im Internet Archive).
  27. ↑ Jahresbericht 1999 (Memento vom 19. September 2011 im Internet Archive) (PDF; 863 kB) des Institut für Wasserchemie und Chemische Balneologie der TU München – Lehrstuhl für Hydrogeologie, Hydrochemie und Umweltanalytik, PDF, 4 Seiten.
  28. ↑ (Muster-)Weiterbildungsordnung 2018 (Memento vom 7. Februar 2019 im Internet Archive) November 2018, Abschnitt C, Zusatz-Weiterbildung Balneologie und Medizinische Klimatologie, S. 304; Dokumentenserver der Bundesärztekammer. Abgerufen am 2. Dezember 2019.
  29. ↑ Gerhard Hüfner: Die wissenschaftlichen Vereinigungen im deutschen Heilbäderwesen 1878–1994. Flöttmann Verlag, Gütersloh 1994, ISBN 3-87231-063-1, S. 294.