Bell-Polynom

Im mathematischen Teilgebiet der Kombinatorik bezeichnen die Bell-Polynome, benannt nach Eric Temple Bell, folgende dreieckige Anordnung von Polynomen

Bn,k(x1,x2,…,xn−k+1)=∑n!j1!j2!⋯jn−k+1!(x11!)j1(x22!)j2⋯(xn−k+1(n−k+1)!)jn−k+1 ,

wobei die Summe über alle Sequenzen j1,j2,…,jn−k+1 von nicht-negativen ganzen Zahlen ji gebildet wird, so dass

j1+j2+j3+⋯=k       und       1j1+2j2+3j3+⋯=n .

Das Bell-Polynom Bn,k(x1,x2,…,xn−k+1) ist ein Polynom in den Variablen x1,x2,…,xn−k+1. Seine Koeffizienten sind ganze Zahlen.

Vollständige Bell-Polynome

Die Summe

Bn(x1,…,xn)=∑k=1nBn,k(x1,x2,…,xn−k+1)

wird manchmal als ntes vollständiges Bell-Polynom bezeichnet. Zur besseren Abgrenzung gegenüber den vollständigen Bell-Polynomen, werden die oben definierten Polynome Bn,k auch manchmal als unvollständige oder partielle Bell-Polynome bezeichnet.

Die vollständigen Bell-Polynome genügen folgender Gleichung

Bn(x1,…,xn)=det⁡[x1(n−11)x2(n−12)x3(n−13)x4(n−14)x5⋯xn−1x1(n−21)x2(n−22)x3(n−23)x4⋯xn−10−1x1(n−31)x2(n−32)x3⋯xn−200−1x1(n−41)x2⋯xn−3000−1x1⋯xn−4⋮⋮⋮⋮⋱⋱⋮0000⋯−1x1]

Beispiele

Die ersten vollständigen Bell-Polynome lauten:

B0=1,B1(x1)=x1,B2(x1,x2)=x12+x2,B3(x1,x2,x3)=x13+3x1x2+x3,B4(x1,x2,x3,x4)=x14+6x12x2+4x1x3+3x22+x4,B5(x1,x2,x3,x4,x5)=x15+10x13x2+15x1x22+10x12x3+10x2x3+5x1x4+x5B6(x1,x2,x3,x4,x5,x6)=x16+15x14x2+20x13x3+45x12x22+15x23+60x1x2x3+15x12x4+10x32+15x2x4+6x1x5+x6,B7(x1,x2,x3,x4,x5,x6,x7)=x17+21x15x2+35x14x3+105x13x22+35x13x4+210x12x2x3+105x1x23+21x12x5+105x1x2x4+70x1x32+105x22x3+7x1x6+21x2x5+35x3x4+x7.

Rekursive Darstellungen

Eine rekursive Definition der Bell-Polynome ist:

B0,0()=1 ,
Bn,0(x1,…,xn+1)=0fürn≥1 ,
Bn,k(x1,…,xn−k+1)=0fürn≥0,k>n

und

Bn,k(x1,…,xn−k+1)=∑i=1n−k+1(n−1i−1)Bn−i,k−1(x1,…,xn−i−k+2)xifürn≥1,k≤n .

Die vollständigen Bell-Polynome können folgendermaßen rekursiv definiert werden

B0(x1,…,xn+1)=1

und

Bn+1(x1,…,xn+1)=∑i=0n(ni)Bn−i(x1,…,xn−i)xi+1für n≥0 .

Sie erfüllen auch die folgende rekursive Differentialformel:

Bn(x1,…,xn)=1n−1[∑i=2n∑j=1i−1(i−1)(i−2j−1)xjxi−j∂Bn−1(x1,…,xn−1)∂xi−1+∑i=2n∑j=1i−1xi+1(ij)∂2Bn−1(x1,…,xn−1)∂xj∂xi−j+∑i=2nxi∂Bn−1(x1,…,xn−1)∂xi−1].

Kombinatorische Bedeutung

Gegeben sei eine nicht-negative ganze Zahl n∈ℕ0 als Elementeanzahl der zu partitionierenden Menge.

Wird die ganze Zahl (= eine Menge der Größe) n in eine Summe von k Summanden (= Partitionen) zerlegt, in der der Summand (= die Partitionsgröße) 1 j1 mal, die 2 j2 mal und der Summand i ji mal vorkommt, dann entspricht die Anzahl der möglichen Partitionierungen, die mit einer n-elementigen Menge gebildet werden können, dem den k Partitionsgrößen (1,2,…,k) zuzuordnenden Koeffizienten des Monoms x1j1⋯xkjk im Bell-Polynom. Bn,k ist dann das Polynom aus allen Monomen mit dem Totalgrad k=j1+j2+j3+⋯=k und der Mengengröße n=1j1+2j2+3j3+⋯.

Die Namen (eigentlich: die Nummern) der Unbestimmtenx1,x2,…,xn−k+1
fungieren dabei nur als Pfosten zum Anheften der Anzahlj1,j2,…,jn−k+1
der Partitionen in der Partitionierung, die genauSummand ∈{1,2,…,n−k+1}  Elemente haben sollen,
als Exponent der Potenz xiji.

Ein Exponent 1 wird normalerweise nicht notiert. Ist der Exponent 0, dann wird die ganze Potenz xi0 unterdrückt. Die größte Partitionsgröße bei k Partitionen ist n−k+1, welche Partitionsgröße dann genau jn−k+1=1 mal vorkommt. Die kleinste Partitionsgröße (= 1) kommt dann in dieser Partitionierung genau j1=k−1 mal vor.

Die bevorzugte Reihenfolge der Monome im Bell-Polynom ist die lexikographisch aufsteigende mit niedrigstem Rang für x1, also x12x2=x1x1x2 kommt vor x1x2 kommt vor x2.

Beispiele
B6,2(x1,x2,x3,x4,x5)=6x1x5+15x2x4+10x32 ,
da es
(Monom 6x1x5⟶) 6 Möglichkeiten gibt, eine Menge mit n=6 Elementen zu k=2 Partitionen mit 1 und 5 Elementen zu partitionieren,
(Monom 15x2x4⟶) 15 Möglichkeiten gibt, eine Menge mit n=6 Elementen zu k=2 Partitionen mit 2 und 4 Elementen zu partitionieren, und es
(Monom 10x32⟶) 10 Möglichkeiten gibt, eine Menge mit n=6 Elementen zu k=2 Partitionen mit 3 und 3 Elementen zu partitionieren.
B6,3(x1,x2,x3,x4)=15x12x4+60x1x2x3+15x23
da es
(Monom 15x12x4⟶) 15 Möglichkeiten gibt, eine Menge mit n=6 Elementen zu k=3 Partitionen mit jeweils 1, 1 und 4 Elementen zu partitionieren,
(Monom 60x1x2x3⟶) 60 Möglichkeiten gibt, eine Menge mit n=6 Elementen zu k=3 Partitionen mit jeweils 1, 2 und 3 Elementen zu partitionieren, und es
(Monom 15x23⟶) 15 Möglichkeiten gibt, eine Menge mit n=6 Elementen zu k=3 Partitionen mit jeweils 2, 2 und 2 Elementen zu partitionieren.

Eigenschaften

Bell-Polynome und Stirling-Zahlen

Der Wert des Bell-Polynoms Bn,k(x1,x2,…), wenn alle xi gleich 1 sind, ist eine Stirling-Zahl zweiter Art

Bn,k(1,1,…)=S(n,k)={nk} .

Die Summe

∑k=1nBn,k(1,1,1,…)=∑k=1n{nk}

entspricht der nten Bellzahl, welche die Anzahl der möglichen Partitionen einer Menge mit n Elementen beschreibt.

Faltungsidentität

Für Folgen (xn)n=1,2,… und (yn)n=1,2,… lässt sich eine Art Faltung definieren:

(x⋄y)n=∑j=1n−1(nj)xjyn−j ,

wobei die Grenzen der Summe 1 und n−1 anstelle von 0 und n sind.

Sei xnk⋄ der nte Term der Folge

x⋄⋯⋄x⏟k Faktoren ,

dann gilt:

Bn,k(x1,…,xn−k+1)=xnk⋄k! .

Die Faltungsidentität kann benutzt werden um einzelne Bell-Polynome zu berechnen. Die Berechnung von B4,3(x1,x2) ergibt sich mit

x=(x1 , x2 , x3 , x4 ,…)
x⋄x=(0, 2x12 , 6x1x2 , 8x1x3+6x22 ,…)
x⋄x⋄x=(0 , 0 , 6x13 , 36x12x2 ,…)

und dementsprechend,

B4,3(x1,x2)=(x⋄x⋄x)43!=6x12x2.

Anwendungen

Formel von Faà di Bruno

Die Formel von Faà di Bruno kann mithilfe der Bell-Polynome wie folgt ausdrückt werden:

dndxnf(g(x))=∑k=0nf(k)(g(x))Bn,k(g′(x),g″(x),…,g(n−k+1)(x)).

Auf ähnliche Art und Weise lässt sich eine Potenzreihen-Version der Formel von Faà di Bruno aufstellen. Angenommen f(x0)=y0 und x0 ist der Entwicklungspunkt von f bzw. y0 ist der Entwicklungspunkt von g.

f(x)=∑n=1∞ann!(x−x0)nundg(y)=∑n=1∞bnn!(y−y0)n.

Dann

g(f(x))=∑n=1∞∑k=1nbkBn,k(a1,…,an−k+1)n!(x−x0)n.

Die vollständigen Bell-Polynome tauchen in der Exponentialfunktion einer formalen Potenzreihe auf:

exp⁡(∑n=1∞ann!xn)=∑n=0∞Bn(a1,…,an)n!xn .

Momente und Kumulanten

Die Summe

Bn(κ1,…,κn)=∑k=1nBn,k(κ1,…,κn−k+1)

ist das nte Moment einer Wahrscheinlichkeitsverteilung, deren erste n Kumulanten κ1,…,κn sind. Anders ausgedrückt ist das nte Moment das nte vollständige Bell-Polynom ausgewertet an den n ersten Kumulanten.

Darstellung von Polynomfolgen mit binomialer Eigenschaft

Für eine beliebige (skalare) Folge :a1,a2,a3,… sei

pn(x)=∑k=1nBn,k(a1,…,an−k+1)xk .

Diese Polynomfolge erfüllt die binomiale Eigenschaft, d. h.

pn(x+y)=∑k=0n(nk)pk(x)pn−k(y)

für n≥0. Es gilt, dass alle Polynomfolgen, welche die binomiale Eigenschaft erfüllen, von dieser Form sind.

Für die Inverse h−1 der Komposition der formalen Potenzreihe

h(x)=∑n=1∞ann!xn

ergibt sich für alle n

h−1(pn′(x))=npn−1(x)

mit den obigen Polynomen pn(x) mit Koeffizienten in a1,…,an−k+1 .

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Nikita Alexeev, Anna Pologova, Max A. Alekseyev: Generalized Hultman Numbers and Cycle Structures of Breakpoint Graphs. In: Journal of Computational Biology. 24. Jahrgang, Nr. 2, 2017, S. 93–105, doi:10.1089/cmb.2016.0190, arxiv:1503.05285 (englisch)., sect. 4.2