Berlage Institute war eine von 1990 bis 2012 bestehende unabhängige postgraduale Ausbildungs- und Forschungseinrichtung für Architektur und Städtebau in den Niederlanden. Sie wurde zunächst in Amsterdam eingerichtet und später nach Rotterdam verlegt. Benannt war das Institut nach dem niederländischen Architekten Hendrik Petrus Berlage. Nach dem Ende der staatlichen Förderung wurde die Ausbildung 2012 an der Technischen Universität Delft als The Berlage Center for Advanced Studies in Architecture and Urban Design fortgeführt.
Das Institut verband architektonischen Entwurf mit theoretischer und städtebaulicher Forschung und entwickelte sich insbesondere seit den 1990er Jahren zu einem international wahrgenommenen Zentrum der Architekturausbildung und -forschung.
Das Berlage Institute wurde 1990 in Amsterdam gegründet. Erster Dekan war der niederländische Architekt Herman Hertzberger. Das Institut war zunächst im ehemaligen städtischen Waisenhaus von Aldo van Eyck untergebracht. Hertzberger entwickelte das Institut als postgraduale Architekturschule, die bereits ausgebildeten Architekten eine weiterführende Auseinandersetzung mit Entwurf und Architekturtheorie ermöglichen sollte. Zur Lehre wurden internationale Architekten und Theoretiker zu Vorträgen, Seminaren und Masterclasses eingeladen. 1995 übernahm Wiel Arets die Leitung des Instituts. Während seiner Amtszeit von 1995 bis 2002 wurde das Berlage Institute von Amsterdam nach Rotterdam verlegt. Arets profilierte die Einrichtung stärker als Forschungsplattform, in der Entwurfsstudios, Forschungsprogramme, Vorträge, Exkursionen und Publikationen miteinander verbunden wurden. Auf Arets folgte 2002 der spanische Architekt Alejandro Zaera-Polo als Dekan. Das Institut setzte seine international ausgerichtete postgraduale Ausbildung und Forschung in Rotterdam anschließend unter wechselnden Leitungen fort.
Das Berlage Institute verstand sich weniger als konventionelle Architekturfakultät denn als postgraduales Forschungs- und Entwurfslabor. Im Mittelpunkt standen entwurfsbasierte Untersuchungen zu Architektur, Stadtentwicklung und gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Die Ausbildung verband Entwurfsstudios mit theoretischen Seminaren, öffentlichen Vorträgen, Forschungsreisen und Publikationen.
Während der Leitung von Wiel Arets wurden Forschungsprogramme verstärkt über übergreifende Jahresthemen organisiert. Arets bezeichnete das Institut in diesem Zusammenhang als „Laboratory for Architecture“, in dem Forschung, Lehre und Publikation miteinander verbunden werden sollten.
Das internationale Profil beruhte auch auf der Einbindung zahlreicher Architekten und Architekturtheoretiker. Bereits während der Amtszeit Hertzbergers nahmen unter anderem Zaha Hadid, Renzo Piano und Jean Nouvel an Veranstaltungen und Masterclasses des Instituts teil. Auch Kenneth Frampton war in den frühen 1990er Jahren an Lehrveranstaltungen des Berlage Institute beteiligt; entsprechende Unterlagen befinden sich heute im Archiv des Canadian Centre for Architecture.
Ein wesentliches Instrument des wissenschaftlichen und architektonischen Diskurses waren die Publikationen des Instituts. Dazu gehörte insbesondere die Zeitschrift HUNCH, die während der Amtszeit von Wiel Arets begründet und zunächst von Jennifer Sigler redaktionell betreut wurde. Sie veröffentlichte Forschungs- und Entwurfsarbeiten des Instituts sowie Beiträge von Gastdozenten und externen Autoren. Darüber hinaus veröffentlichte das Institut Bücher, Forschungsberichte und projektbezogene Publikationen zu Architektur und Städtebau.
Im Zuge umfassender Kürzungen der niederländischen Kulturförderung beschloss die Regierung, die staatliche Finanzierung postakademischer Einrichtungen einzustellen. Für das Berlage Institute bedeutete dies den Verlust von rund einer Million Euro jährlich und damit etwa die Hälfte seines Budgets. Das unabhängige Institut stellte deshalb zum 1. August 2012 seine Tätigkeit ein. Gleichzeitig wurde mit der TU Delft vereinbart, die postgraduale Ausbildung unter dem Namen The Berlage – Center for Advanced Studies in Architecture and Urban Design an der Fakultät für Architektur und gebaute Umwelt fortzuführen. Die kulturpolitischen Einschnitte, die unter anderem das Berlage Institute betrafen, wurden auch in der internationalen Architekturpresse als tiefgreifende Veränderung der niederländischen Architektur- und Forschungslandschaft wahrgenommen.
Der Architekturtheoretiker Amir Djalali ordnete das Berlage Institute rückblickend zu den international renommierten niederländischen Einrichtungen für Architekturforschung, deren institutionelle Grundlage infolge der Kürzungen nach 2011 entfiel.
Das seit 2012 an der TU Delft angesiedelte Berlage Center for Advanced Studies in Architecture and Urban Design, kurz The Berlage, versteht sich als institutioneller Nachfolger des Berlage Institute. Es gehört zur Faculty of Architecture and the Built Environment der TU Delft. Das Zentrum bietet heute ein englischsprachiges, dreisemestriges Post-Master-Programm in Architektur und Städtebau an. Die Ausbildung umfasst entwurfsbasierte Forschungsprojekte, Seminare, Feldstudien und Masterclasses sowie ein öffentliches Vortrags- und Veranstaltungsprogramm.
Das Berlage Institute nahm innerhalb der niederländischen Architektur- und Forschungslandschaft eine besondere Stellung zwischen Hochschule, Forschungsinstitut und kultureller Einrichtung ein. Seine Bedeutung lag insbesondere in der internationalen Ausrichtung der postgradualen Ausbildung und der Verbindung von Entwurf, Forschung und öffentlichem Architekturdiskurs. Die wissenschaftliche Untersuchung der niederländischen Architekturforschung von Amir Djalali führt das Berlage Institute als Beispiel einer international renommierten, öffentlich geförderten Forschungsinstitution an. Bei der Überführung an die TU Delft wurde ausdrücklich auf den internationalen Ruf und die internationalen Netzwerke des bisherigen Instituts verwiesen.