Bertha Tarnay

Bertha Tarnay (* 23. Juli 1891 in Wien; † 1973 in New York) war eine österreichische Malerin, Grafikerin, Zeichnerin und Bühnenbildnerin.

Werdegang

Bertha Tarnay wurde in Wien in Österreich-Ungarn in eine jüdisch-protestantische Familie geboren. Von 1909 bis 1911 studierte sie an der Universität Wien Kunstgeschichte und setzte von 1911 bis 1913 ihr Kunststudium in Florenz fort. 1913 verließ sie ihre jüdische Religionsgemeinschaft und heiratete 1914 den Physiker Richard Strauss. Im Jahr 1915 wurde sie von ihrem Liebhaber Philip Weiss schwanger, und in Folge erschoss ihr Ehemann den Nebenbuhler. Sie verließ ihren Mann und brachte am 26. November ihre Tochter Helga Franziska „Cis“ (1915–2004) zur Welt.

Im Jahr 1918 trat Bertha Tarnay der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei und verheiratete sich 1920 in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Franz Höllering. 1921 zog die Familie in die Tschechoslowakei nach Brünn, wo Bertha Tarnay als Bühnenbildnerin an dem von ihrem Mann geleiteten Schauspiel am Brünner Stadttheater arbeitete. 1923 ließ das Ehepaar sich in Teplitz nieder, das mit dem deutschsprachigen Stadttheater Teplitz über das zweitgrößte Schauspielhaus in der Tschechoslowakei verfügte. 1926 wurde die Ehe geschieden und Bertha Tarnay ging nach Berlin. Sie bewegte sich in der Kunstszene der Weimarer Republik, unterhielt Kontakte zu Käthe Kollwitz und Heinrich Zille, kehrte aber wegen des ausbleibenden Erfolgs nach Wien zurück.

Von Berlin aus ging Bertha Tarnay 1927 nach Paris und nach zwei Jahren siedelte sie 1929 nach London über und erwarb bald darauf die britische Staatsbürgerschaft. 1934 heiratete sie Ernest Burgess. 1936 trat sie der Communist Party of Great Britain (C.P.G.B.) bei. In London machte sie die Bekanntschaft des ebenfalls aus Österreich emigrierten Kunsthistorikerehepaares Erica Tietze-Conrat und Hans Tietze. Beide kümmerten sich um Bertha Tarnay und ab 1938 auch um deren Tochter Franziska, die aus Wien nach London emigriert war.

Im Jahr 1965 folgte Bertha Tarnay ihrer bereits 1941 ausgewanderten Tochter, die mit ihrem Mann Peter Havas und ihren Kindern in den Vereinigten Staaten lebte und Professorin für Mikrobiologie und Krebsforscherin an der Temple University war. Bertha Tarnay starb 1973 in New York.

Künstlerisches Schaffen

Maßgeblichen Einfluss auf das Schaffen von Bertha Tarnay und ihre künstlerische Entwicklung hatten ihre Berliner Zeit und die Werke von Käthe Kollwitz, Heinrich Zille und George Grosz, während der darauffolgende Umzug nach London den Beginn ihrer produktivsten künstlerischen Phase einläutete, in der sie in der Bloomsbury Gallery und der Wertheim Gallery ausstellte.

In ihrem Œuvre finden sich nur wenige Gemälde, die meisten davon Stillleben. Der Hauptteil ihres Werkes besteht aus Kohlezeichnungen und Lithografien. „Ihr Werk greift auf die Bildsprache des Expressionismus zurück, erkennbar an überzeichneten, emotionalen Formen und starken Kontrasten“.

In ihren sozialkritischen und satirischen Zeichnungen und Lithografien stellte Bertha Tarnay häufig gesellschaftliche Randgruppen in den Mittelpunkt. Sie thematisierte das soziale Ungleichgewicht und die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich, wie etwa in den Lithografien „Vernissage“ aus dem Jahr 1931 und „Armut“. Weitere Themen waren das Leben der Frau und das Zusammenleben als Paar, festgehalten in „Alte Londonerin“ und der Lithografie „Paar bei der Toilette“. Den Alltag der einfachen Arbeiterinnen und Arbeiter zeigte sie etwa in der Kohlezeichnung „Fuhrleute“ und das Londoner Straßenleben bildete sie in der Tuschefederzeichnung „Nächtliche Impression aus London“ aus dem Jahr 1930 ab.

„Ihre Figuren wirken oft müde und niedergeschlagen und verkörpern so den Kampf der Arbeiterklasse und der Ausgegrenzten. […] Düstere Wirtshausszenen, schwermütige Töne, ein Gefühl der Verzweiflung und Ausweglosigkeit, Altern, Armut, die harte Realität und unterdrückte Gestalten“ sind typisch für ihre Arbeiten. „Ob ein gutbürgerliches Musikkonzert, eine mondäne Vernissage, Werftarbeiter oder das traurige Bild einer ärmlichen Essensausgabe – in ihren schwarz-weißen Werken skizziert sie fast ein ganzes Jahrhundert“.

Ausstellungen (Auswahl)

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 Eberhard Kasten: Tarnay, Bertha. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL)
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Bertha Tarnay artist. In: Ben Uri Research Unit. Abgerufen am 14. August 2026
  3. ↑ Werner Röder, Herbert A. Strauss, Dieter Marc Schneider, Louise Forsyth, Jan Foitzik: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 = International biographical dictionary of Central European émigrés, 1933-1945. Band 2, Institut für Zeitgeschichte, München und von der Research foundation for Jewish immigration, New York (Hrsg.); unter der Gesamtleitung von Werner Röder und Herbert A. Strauss, Verlag K.G. Saur, München/New York/Paris 1980, ISBN 978-3-598-10087-1, S. 469–470
  4. 1 2 Sabine B. Vogel: Art Austria: Eine Messe voller Heimat. In: Die Presse vom 12. März 2016. Abgerufen am 14. August 2026
Personendaten
NAME Tarnay, Bertha
ALTERNATIVNAMEN Burgess, Bertha; Archer, Barbara; Hollering, Bertha; Höllering, Bertha
KURZBESCHREIBUNG österreichische Grafikerin, Malerin und Bühnenbildnerin
GEBURTSDATUM 23. Juli 1891
GEBURTSORT Wien
STERBEDATUM 1973
STERBEORT New York City