Bestiarium

Folio 7r aus dem Rochester-Bestiarium (13. Jahrhundert, British Library, Royal MS 12 F XIII)

Ein Bestiarium (Neutrum von lateinisch bestiarius ‚die Tiere betreffend, Tier-‘; von lateinisch bestia ‚[wildes] Tier‘) ist eine mittelalterliche Tierdichtung, die moralisierend tatsächliche oder vermutete Eigenschaften von Tieren, auch Fabelwesen, allegorisch mit der christlichen Heilslehre verbindet. Die Beschreibung von Geschöpfen wie zum Beispiel des Drachen, des Einhorns, des Basilisken und des Caladrius finden sich in den oft reich illustrierten Bestiarien zwischen den Darstellungen von Bären, Löwen und Elefanten.

Geschichte

Vorläufer der Bestiarien war der Physiologus aus dem 2. Jahrhundert, der im 12. und 13. Jahrhundert z. B. durch die Bestiarien Philippe de Thaons, des Guillaume le Clerc de Normandie und Gervaise de Fontenays wieder populär wurde.

Otto Mazal schrieb 1978: „Die Tierallegorien, die allmählich Gemeingut des Volkes wurden, erfreuten sich im Mittelalter großer Beliebtheit. Der lateinische Prosatext wurde die Grundlage für die Bearbeitung des mittelalterlichen Bestiariums. Früheste Handschriften sind aus dem 8. bis 10. Jahrhundert erhalten. Sie stellen verschiedene Rezensionen dar. Kein Bindeglied existiert zu den Bestiarien des 12. Jahrhunderts, deren plötzliches Auftreten ein geistesgeschichtlich interessantes Phänomen darstellt. Die Bücher mochten als Teil der enzyklopädischen Tradition des 12. und 13. Jahrhunderts gelten, wobei das neu erwachende Interesse an der Natur spezielle Berücksichtigung fand.“

In China repräsentiert das Buch Shanhaijing („Klassiker der Berge und Meere“) ein bekanntes Bestiarium.

Wirkungen

Mit dem vom Kleriker Richard de Fournival in Prosa verfassten Bestiaire d’amour, das die Liebe Fournivals zu einer Dame allegorisch schildert, entstand ein erstes weltlich geprägtes Bestiarium.

Im 19. Jahrhundert wurde von Aloys Zötl, einem Färbermeister der Donaumonarchie aus Oberösterreich, ein reich gestaltetes Bestiarium geschaffen, das in wunderlich-seltsamen Aquarellen wissenschaftliche Genauigkeit und freie künstlerische Fantasie zu vereinen sucht.

Im 20. Jahrhundert wurde die Form des Bestiariums erneut frei aufgegriffen, u. a. von Guillaume Apollinaire mit Le bestiaire ou le cortège d’Orphée (1911) und Franz Blei mit dem großen Bestiarium der modernen Literatur (1924). Heutzutage entwerfen viele Künstler ihre eigenen Bestiarien, mit detailliert gestalteten, oft phantastischen Tierzeichnungen.

Populärkultur

In Pen-&-Paper-Rollenspielen werden Bücher über die in diesem Spiel auftretenden Kreaturen als Bestiarien bezeichnet.

Bestiarien

Literatur

Commons: Bestiarien – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Bestiarium – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. 8., verbesserte und vermehrte Auflage. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1918 (zeno.org [abgerufen am 27. November 2019]).
  2. ↑ Richard Barber: BESTIARY, S. 7.
  3. ↑ Otto Mazal: Buchkunst der Romanik. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1978, ISBN 978-3-201-01056-6, S. 91.
  4. ↑ Ps.-Hugo von St-Victor: De bestiis et aliis rebus. In: Deutsche Nationalbibliothek. Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 27. November 2019.
  5. ↑ Franz Unterkircher (Hrsg.): Bestiarium – Oxford Ashmole 1511 (Faksimile), Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1986, ISBN 3-201-01310-2.
  6. ↑ Richard Barber (Hrsg.): BESTIARY being an English version of the Bodleian Library, Oxford M. S. Bodley 764 with all the original miniatures reproduced in facsimile. Boydell Press, Woodbridge 1993, ISBN 0-85115-329-1.
  7. ↑ Ana Roldán: Bestiary Chapter III, 2013, abgerufen am 4. Februar 2016