Die Binge-Eating-Störung (BES) (englischbinge eating disorder, kurz BED, von engl. binge „Gelage“) ist eine Essstörung, die sich durch wiederholte Episoden von subjektiv unkontrollierbarem und übermäßigem Essen, dem sog. Binge-Eating, auszeichnet. Im Gegensatz zur Bulimia nervosa werden anschließend keine Gegenmaßnahmen unternommen, sodass langfristig meist Übergewicht oder sogar Adipositas die Folge ist.
Die Binge-Eating-Störung ist die am häufigsten auftretende Essstörung.
Diagnostik
Historie und Anerkennung als Krankheitsbild
Das Störungsbild wurde bereits 1959 von Albert Stunkard erstmals beschrieben.
1994 wurden für das DSM-IV erstmals Forschungskriterien für die BES formuliert, mit Veröffentlichung des DSM-5 kam die BES als neue eigenständige Diagnose hinzu. In der ICD-10 konnte die BES unspezifisch unter „Nicht näher bezeichnete Essstörung“ (F50.9) oder unter „Essattacken bei sonstigen psychischen Störungen“ (F50.4) klassifiziert werden. Die Definition dieser Essstörung war längere Zeit umstritten, die Kriterien werden von Ernährungswissenschaftlern und Medizinern jedoch zunehmend akzeptiert; die Behandlungsbedürftigkeit dieser Störung wird auch in Europa mittlerweile überwiegend anerkannt. Die Behandlungskonzepte entsprechen in der Regel denen der Bulimie.
Mit Inkrafttreten der ICD-11 im Jahr 2022 wurde die Binge-Eating-Störung in diese aufgenommen.
DSM-5
Im 2013 erschienen DSM-5 wurde die „Binge-Eating-Störung“ erstmals als eigenständige Störung definiert. Die Symptome der Binge-Eating-Störung umfassen demnach:
Mindestens eine Binge-Eating-Episode pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten. Eine Episode von Binge-Eating ist durch die beiden folgenden Merkmale gekennzeichnet:
Essen einer Nahrungsmenge innerhalb eines bestimmten Zeitraums, die deutlich größer ist als das, was die meisten Menschen unter ähnlichen Umständen in einem vergleichbaren Zeitraum zu sich nehmen würden.
Gefühl, während dieser Episode keine Kontrolle über das Essen zu haben.
Deutlicher Leidensdruck infolge des Binge-Eatings.
Keine kompensatorischen Maßnahmen.
Zusätzlich müssen mindestens drei der folgenden Symptome während einer Binge-Eating-Episode auftreten:
Wesentlich schneller essen als normal,
Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl,
Essen großer Nahrungsmengen ohne körperlichen Hunger,
Ekel über sich selbst, Schuldgefühle und/oder Deprimiertheit nach dem Binge-Eating.
ICD-11
Binge-Eating-Störung
Mit dem Inkrafttreten der ICD-11 im Jahr 2022 wurde die „Binge-Eating-Störung“ (Binge eating disorder) als eigenständige psychische Störung unter „Fütter- oder Essstörungen“ aufgenommen. Um die Störung zu diagnostizieren, müssen mindestens folgende Kriterien auftreten:
„Häufige, wiederkehrende Episoden von Binge-Eating (z.B. einmal pro Woche oder öfter über einen Zeitraum von drei Monaten). Binge-Eating ist definiert als ein diskreter Zeitraum (z.B. 2 Stunden), in dem der Betroffene subjektiv die Kontrolle über sein Essverhalten verliert und deutlich mehr oder anders isst als sonst. Der Kontrollverlust über das Essen kann von den Betroffenen so beschrieben werden, dass sie das Gefühl haben, nicht aufhören zu können oder die Menge oder die Art der verzehrten Lebensmittel nicht einschränken zu können; dass sie Schwierigkeiten haben, mit dem Essen aufzuhören, wenn sie einmal angefangen haben; oder dass sie sogar den Versuch aufgeben, ihr Essen zu kontrollieren, weil sie wissen, dass sie am Ende zu viel essen werden.
Die Binge-Eating-Episoden werden nicht regelmäßig von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen begleitet, die eine Gewichtszunahme verhindern sollen.
Die Symptome und Verhaltensweisen lassen sich nicht besser durch eine andere medizinische Erkrankung (z.B. Prader-Willi-Syndrom) oder eine psychische Störung (z.B. eine depressive Störung) erklären und sind nicht auf die Auswirkungen einer Substanz oder eines Medikaments auf das zentrale Nervensystem, einschließlich Entzugserscheinungen, zurückzuführen.
Es besteht ein ausgeprägter Leidensdruck aufgrund des Essverhaltens oder eine erhebliche Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.“
Binge-Eating
Das Hauptsymptom der BES ist das „Binge-Eating“. Nach ICD-11 wird es als eigenständige Diagnose als „Symptom oder Zeichen mit Beteiligung des Essens und verwandtem Verhalten“ wie folgt definiert:
„Eine Phase, in der eine Person deutlich mehr als gewöhnlich isst und das Gefühl hat, dass sie nicht in der Lage ist, aufzuhören oder die Menge oder Art der verzehrten Nahrung einzuschränken.“
Mögliche Zusatzsymptome
Bei unkontrollierten Essanfällen werden meistens fettreiche und süße Lebensmittel gegessen, die einen hohen physiologischen Brennwert aufweisen.
Wie Bulimiker verschweigen Binge-Eater in der Regel ihr gestörtes Essverhalten, dies auch gegenüber Freunden oder Familienangehörigen. Befragungen von Betroffenen legen den Schluss nahe, dass die Essanfälle ausschließlich psychisch bedingt sind und überwiegend durch negative Gefühle, Stress oder Langeweile ausgelöst werden. Psychologen gehen davon aus, dass unangenehme Empfindungen während des Essvorgangs unterdrückt werden. Demnach handelte es sich beim Binge-Eating um eine Form von Vermeidungsverhalten. Wie auch bei anderen Essstörungen gibt es zur Entstehung und Funktion dieses Essverhaltens unterschiedliche Theorien. In der Ernährungspsychologie gibt es die Erklärung, dass so genanntes „gezügeltes Essverhalten“ ein Risikofaktor für das Entstehen von Essstörungen ist, vor allem für Bulimie und Binge-Eating-Störung.
Differentialdiagnose
Im Gegensatz zu Bulimikern oder Magersüchtigen ergreifen Binge-Eater nach dem Essen keine Kompensationsmaßnahmen wie Erbrechen, exzessives sportliches Training oder Substanzmissbrauch.
Damit die Essstörung diagnostiziert werden kann, muss eine körperliche Ursache ausgeschlossen werden und die Symptome dürfen nicht vollständig durch eine andere Essstörung oder eine andere psychische Störung erklärt werden.
Epidemiologie
Die Binge-Eating-Störung betrifft etwa 2% der Bevölkerung. Damit gilt sie als die häufigste Essstörung. Unter den Betroffenen befinden sich mehr Frauen als Männer und die Häufigkeit der Essstörung nimmt mit steigendem Alter zu. Ein großer Teil der Binge-Eater ist übergewichtig – allerdings leidet umgekehrt nur etwa ein Drittel der Adipositas-Patienten in Programmen, die dem Abnehmen dienen, an Essanfällen.
In der Therapie wird eine Normalisierung des Essverhaltens angestrebt, wobei auch die auslösenden psychischen Probleme behandelt werden. Die Psychotherapie der Binge-Eating-Störung basiert weitestgehend auf Konzepten, die ursprünglich zur Behandlung von Bulimie entwickelt wurden. Eine Behandlung mit entspannungs- und achtsamkeitsbasierten Verfahren wie MBSR kann ebenfalls zu einer Besserung führen.
Für SSRI (besonders Sertralin) gibt es gute Hinweise zur Wirksamkeit. Wie auch bei Zwangsstörungen liegt die erforderliche Dosis bei BES im oberen Normbereich. Neben der Wirkung auf die Impulskontrolle gibt es Effekte auf komorbide (gleichzeitig bestehende) Ängste und Depression. SSRI sind also besonders zu überlegen, wenn das Krankheitsbild nicht nur BES umfasst.
Das AmphetaminderivatLisdexamfetamin konnte in mehreren randomisierten Studien die Zahl der Essanfälle senken. Es waren Medikamentendosen im höheren Bereich erforderlich. Innerhalb von 11 Wochen nahmen die Patienten 5 kg ab. In den USA und weiteren Ländern, nicht in Deutschland ist der Wirkstoff zur Behandlung der BES zugelassen. Die Arznei ist seit 2013 jedoch zur Behandlung von ADHS in Deutschland zugelassen. In einer kontrollierten Studie zur Rückfallvorbeugung lag der Anteil der Patienten, die einen Rückfall erlitten, unter Lisdexamphetamin bei 3%, gegenüber 32,1% unter Placebo.
Auch Topiramat scheint bei der Behandlung der Attacken und für die Gewichtsreduktion wirksam zu sein. Es liegen 4 RCT vor.
Eine medikamentöse Therapie kommt auch in Frage, wenn Psychotherapie abgelehnt wird, nicht zur Verfügung steht oder nicht zum Erfolg führt.
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