Kapitell

Korinthisches Kapitell des Olympieion in Athen (um 170 v. Chr.)

Ein Kapitell [kapiˈtɛl] (auf der letzten Silbe zu betonen, von lat. capitellum „Köpfchen“ zu caput „Kopf“), früher auch (Säulen-)Knauf, ist der obere Abschluss einer Säule, einer Ante, eines Pfeilers oder eines Pilasters.

Das Kapitell ist plastisch meist deutlich ausgeformt. Es ist ein wichtiges ornamentales Element und oft floral, mit Voluten oder figurativ ausgeführt. Die Überleitung vom Rund der Säule zur quadratischen Deckplatte ist das formale Grundthema des Säulenkapitells. Im Laufe der Geschichte haben sich vielfältige Arten von Kapitellen ausgebildet.

In der Architektur der Antike und von der Renaissance bis zum Historismus wurden vor allem die fünf klassischen Kapitellformen verwendet: toskanisch, dorisch, ionisch, korinthisch und komposit. In den dazu korrespondierenden Säulenordnungen waren sie in ein System von formalen Regeln über Proportionen und Form der darunter befindlichen Säulen und des darüber liegenden Gebälks eingebunden.

Kapitelle der Säulenordnungen

In der griechischen Architektur werden die Kapitelle in drei Haupttypen unterteilt, die in der Säulenordnung festgelegt sind: das dorische, das ionische und das korinthische Kapitell. Erst in der römischen Zeit kamen das toskanische und das komposite Kapitell hinzu. In der Renaissance wurden diese fünf Formen kodifiziert, erstmals bei Sebastiano Serlio. Das dorische Kapitell hat – wie seine Ordnung – eine griechische und eine römische Ausprägung.

Alle klassischen Kapitelle bestehen aus dem Abakus, der oberen Deckplatte, und dem Echinus, der je nach Kapitellart, unterschiedlich gestaltet ist.

Kapitelle außerhalb der Säulenordnungen

Ägypten

Die ägyptische Architektur hat die ersten bekannten Steinkapitelle hervorgebracht. Im Wesentlichen werden hier fünf Formen unterschieden:

  1. Offenes Papyroskapitell
  2. Geschlossenes Papyroskapitell
  3. Lotoskapitell
  4. Palmenkapitell
  5. Das Hathorkapitell bekrönt die trommelförmige Hathorsäule, ist würfelförmig und zeigt an zwei gegenüberliegenden oder allen vier Seiten das Gesicht der Göttin Hathor unter einem blockförmigen Aufsatz (Sistrum).

Romanik

Florale Kapitellverzierung an der Ringkirche in Wiesbaden
Figürliches Kapitell der Kirche St. Nikolaus in Pulheim-Brauweiler

In der Romanik waren besonders Figurenkapitelle beliebt.

Indien

In der persisch beeinflussten indischen Kunst gibt es – mit Ausnahme der einzeln stehenden Edikt-Säulen des Kaisers Ashoka – kaum echte Säulen; die meisten freitragenden Stützelemente sind eher als Pfeiler zu bezeichnen, bei anderen finden sich säulenähnliche Einschübe. Entsprechend finden sich hier – abgesehen von einigen wenigen Lotoskapitellen – überwiegend kämpferähnliche Abschlüsse.

Mittelamerika

Die mittelamerikanische Architektur kennt zwar in Ansätzen monolithische oder gemauerte bzw. aus Trommeln zusammengesetzte Rundstützen, diese haben jedoch weder ausgeformte Basen noch Kapitelle.

Liste von Kapitellarten

A

B

Blattkapitell von Conrad Wilhelm Hase am Empfangsgebäude vom Bahnhof Nordstemmen

D

F

Figurenkapitell

H

I

J

K

Kompositkapitell
Köpfekapitell
Lotoskapitell mit Löwen, Sarnath, Indien

L

M

N

O

P

Persisches Kapitell

R

Rankenkapitell

S

T

Toskanisches Kapitell

V

W

Würfelkapitell
(mit Doppelschild)

Z

Galerie

Heraldik

In der Heraldik ist das Kapitell eine seltene gemeine Wappenfigur im Wappen. Gezeigt wird der mit Kapitell bezeichnete Säulenkopf. Die im Wappen gezeigte Form ist in der Wappenbeschreibung näher zu erklären: Zum Beispiel römisches oder griechisches Kapitell oder ähnlich. Alle heraldischen Tinkturen sind möglich. Als Teil der Wappenfigur Säule kann das Kapitell mit einer Flamme oder einer Figur noch reichhaltiger geschmückt sein

Siehe auch

Commons: Kapitell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Commons: Kapitell in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Kapitell – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Knauf. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Band 11: Kimpolung–Kyzĭkos. Bibliographisches Institut, Leipzig / Wien 1907, S. 168 (zeno.org).
  2. ↑ Werner Müller und Gunther Vogel: dtv-Atlas zur Baukunst. Band 1: Allgemeiner Teil. Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1974. ISBN 3-423-03020-8, S. 104f.
  3. ↑ Karl Nothnagel: Adlerkapitell, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Bd. 1, Stuttgart 1933, Sp. 180–188
  4. ↑ Hans Weigert: Blattkapitell. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. II, 1941, Sp. 855–867. (Abschrift auf rdklabor.de, abgerufen am 23. Dezember 2024)
  5. ↑ Fritz Viktor Arens: Bosse, Bossenkapitell. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. II, 1942, Sp. 1062–1066. (Abschrift auf rdklabor.de, abgerufen am 23. Dezember 2024)
  6. ↑ Chapter VI: The Architecture. In: William Matthew Flinders Petrie: The arts & crafts of ancient Egypt. Edinburgh and London 1909, S. 66–67.
  7. 1 2 Typus: Hohlblattkapitell (’Pfeifenkapitell‘). Arachne-Bilddatenbank des DAI.
  8. ↑ Monika-Marie Knoche: Das Pilzkapitell. In: Aachener Kunstblätter. Bd. 41, 1971, S. 201–210 (PDF).
  9. ↑ D. v. W. (= Dethard von Winterfeld): Würfelkapitell. In: Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1993, Band 2, Hrsg. Michael Brandt, Arne Eggebrecht. Bernward-Verlag Hildesheim und von Zabern Verlag, Mainz 1993, ISBN 3-87065-736-7, S. 536–537, hier S. 536.
  10. ↑ D. v. W. (= Dethard von Winterfeld): Würfelkapitell. In: Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1993, Band 2, Hrsg. Michael Brandt, Arne Eggebrecht. Bernward-Verlag Hildesheim und von Zabern Verlag, Mainz 1993, ISBN 3-87065-736-7, S. 536–537, hier S. 536 f.
  11. ↑ Walter Leonhard: Das große Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung. Lizenzausgabe. Bechtermünz, Augsburg 2001, ISBN 3-8289-0768-7, S. 251, Abb. 264 Abb. 7.