Bnei Baruch (hebräisch בני ברוך, „Söhne Baruchs“; in Israel auch als Kabbala La'am – „Kabbala für das Volk“ – bekannt) ist eine 1991 von Michael Laitman gegründete Organisation mit Sitz in Petach Tikwa, die die Kabbala in der Auslegung der Kabbalisten Yehuda Ashlag und Baruch Ashlag lehrt und verbreitet. Sie richtet sich ausdrücklich an ein jüdisches wie nichtjüdisches Publikum und versteht ihre Lehre nicht als Religion, sondern als Methode.
Der Name verweist auf Baruch Ashlag, dessen Schüler und persönlicher Assistent Laitman von 1979 bis zu Ashlags Tod 1991 war. Die Religionswissenschaft ordnet Bnei Baruch als Hauptvertreter einer „pragmatischen“ Kabbala-Auslegung ein. In Israel ist die Organisation Gegenstand anhaltender Kontroversen.
Yehuda Ashlag (1885–1954), nach seinem Sulam-Kommentar zum Sohar auch Baal HaSulam genannt, kam 1921 aus Polen nach Palästina und entwickelte eine Auslegung der lurianischen Kabbala, die auch gesellschaftliche Fragen einbezog. Nach seinem Tod zersplitterte der Schülerkreis in mehrere Richtungen; aus einer davon ging später das Kabbalah Centre hervor. Ashlags ältester Sohn Baruch Ashlag (1907–1991), genannt Rabash, führte die Arbeit des Vaters fort und entwickelte die Vorstellung, die Kabbala werde am besten in einer Gruppe von Studierenden erlernt und praktiziert.
Nach dem Tod Baruch Ashlags im September 1991 zerfiel auch dessen Schülerkreis. Michael Laitmans Anspruch, dessen Nachfolger zu sein, wurde nach Darstellung Introvignes von Ashlags Witwe Feiga und von Teilen der älteren Schülerschaft gestützt, von anderen Gruppen jedoch bestritten. Noch 1991 gründete Laitman in seiner Wohnung in Bnei Berak die Studiengruppe Bnei Baruch.
Den Durchbruch brachte ab 1997 die Verbreitung über das Internet und über Radiosendungen. 2001 verlegte die Organisation ihren Sitz aus dem ultraorthodox geprägten Bnei Berak in das säkularere Petach Tikwa. 2007 begannen eigene Fernsehsendungen, 2008 übernahm Bnei Baruch mit Kanal 66 einen eigenen israelischen Fernsehkanal. Seit 2014 nutzt die Organisation ein eigenes Gebäude in Petach Tikwa.
Bnei Baruch versteht die Kabbala als eine Methode zur Veränderung der menschlichen Wahrnehmung und nicht als Religion; eigene Riten kennt die Organisation nach eigener Darstellung nicht, zentrale Praxis ist das gemeinsame Studium.
Zentrale Begriffe sind Korrektur – der Übergang vom Egoismus zum Altruismus – und Verbindung: Der Egoismus lasse sich nicht beseitigen, wohl aber könnten Menschen sich „oberhalb“ seiner verbinden; in dieser Verbindung werde die „obere Kraft“ erfahrbar. Aufbauend auf Yehuda Ashlag unterscheidet die Lehre fünf Stufen des menschlichen Verlangens, von körperlichen Bedürfnissen bis zum spirituellen Verlangen; erst mit dem massenhaften Auftreten der fünften Stufe sei die Zeit für eine allgemeine Verbreitung der Kabbala gekommen.
Anders als Teile der Ashlag-Nachfolge vertritt Bnei Baruch die Auffassung, die Kabbala solle allen Menschen einschließlich Nichtjuden zugänglich sein. Die Bezeichnungen „Israel“ und „Jude“ werden dabei nicht ethnisch, sondern als Ausdruck einer geistigen Haltung verstanden. Abraham gilt der Lehre als Babylonier, der die Methode der Verbindung angesichts eines erstmaligen Ausbruchs des Egoismus entdeckt habe.
Ausführlicher ist die Lehre im Artikel zu Michael Laitman dargestellt.
Bnei Baruch ist in Israel als gemeinnütziger Verein unter dem Namen Bnei Baruch – Kabbala La'am eingetragen. Introvigne nennt für die Mitte der 2010er Jahre rund 100 hauptamtliche Mitarbeiter in Petach Tikwa, Studiengruppen in etwa 107 Ländern sowie rund 50.000 regelmäßige Teilnehmer in Israel und etwa 150.000 weltweit; die häufig genannte Zahl von zwei Millionen beziehe sich auf Website-Besucher. Ein jährlicher Kongress in Israel versammelt mehrere Tausend Teilnehmer.
Der Unterricht findet üblicherweise in den frühen Morgenstunden ab 3 Uhr statt und wird live übertragen. Er wird simultan in mehrere Sprachen gedolmetscht; nach Angaben der Organisation sind dies acht Sprachen, darunter neben Englisch, Spanisch, Hebräisch, Italienisch, Russisch, Französisch und Türkisch auch Deutsch. Weitere Sprachen werden in Aufzeichnungen nachträglich übersetzt. Bei den täglichen Lektionen sind Männer und Frauen getrennt, bei den Einführungskursen nicht.
Für den deutschsprachigen Raum unterhält Bnei Baruch eigene Auftritte, darunter eine deutschsprachige Fassung des Hauptportals kabbalah.info und den in deutscher Übersetzung geführten Blog laitman.de. Die Bnei Baruch Kabbala Akademie bietet unter einer eigenen deutschsprachigen Oberfläche Kurse, Videos, Artikel sowie eine Textbibliothek an, die Schriften von Baal HaSulam, Rabash, Michael Laitman, Isaak Luria und Raschbi in deutscher Übersetzung erschließt. Mehrere Bücher Michael Laitmans erschienen zwischen 2002 und 2014 in deutscher Übersetzung, unter anderem bei Allegria (Ullstein) und in der Edition Laitman im J. Kamphausen Verlag.
2011 entstand mit Arvut („gegenseitige Bürgschaft“) ein sozialer Aktivismuszweig. Bei den Kommunalwahlen 2013 in Petach Tikwa erhielt die von Studierenden gegründete Liste Beyachad die meisten Stimmen und stellte vier Mandatsträger im Stadtrat.
Zur Infrastruktur gehören die Portale kabbalah.info und kabbalahmedia.info, der Fernsehkanal Kanal 66, die Produktionsfirma ARI Productions sowie der Verlag Laitman Kabbalah Publishers, in dem Laitmans Bücher sowie Ausgaben der Schriften Yehuda und Baruch Ashlags erscheinen. Die Unterrichtsmaterialien sind nach Angaben der Organisation kostenlos zugänglich; als Haupteinnahmequelle nennt Introvigne freiwillige Beiträge der Mitglieder.
Massimo Introvigne ordnet Bnei Baruch als Hauptvertreter einer „pragmatischen“ Kabbala-Auslegung ein, die er von akademischen, religiös-orthodoxen und okkultistisch-esoterischen Lesarten unterscheidet; die israelische Auseinandersetzung um die Gruppe sei wesentlich ein Konflikt um die Deutungshoheit über die Kabbala. Boaz Huss verweist darauf, dass die praxisorientierte, diesseitsbezogene Kabbala Ashlagscher Prägung sich grundlegend von den Rekonstruktionen Gershom Scholems und Moshe Idels unterscheide. Jody Myers untersucht die Gruppe vergleichend mit anderen Lehrern, die Kabbala an Nichtjuden vermitteln. Tomer Persico verortet sie im Kontext der israelischen Neo-Kabbala, Shai Ben Tal behandelt sie als neue religiöse Bewegung.
Kritik kommt aus drei Richtungen. Akademische Kabbala-Forscher in der Tradition Scholems halten die Auslegung für philologisch nicht haltbar. Orthodoxe Kreise beanstanden die Weitergabe kabbalistischer Inhalte an Nichtjuden. Vertreter der israelischen Anti-Sekten-Bewegung erheben Sektenvorwürfe; die Tageszeitung Haaretz veröffentlichte 2012 eine Recherche zu Finanzierung und Studienpraxis, der die Organisation in einer Stellungnahme widersprach.
Introvigne, der die Gruppe über mehrere Jahre in verschiedenen Ländern untersucht hat, hält die meisten dieser Vorwürfe für Übernahmen aus dem Standardrepertoire der Anti-Sekten-Bewegung und weist sie im Einzelnen zurück; er verweist unter anderem auf die kostenlose Zugänglichkeit der Materialien. Marianna Ruah-Midbar und Adam Klin-Oron weisen darauf hin, dass in Israel ultraorthodoxe und dezidiert säkulare Akteure in der Anti-Sekten-Bewegung zusammenwirken, weshalb sich religiös und säkular motivierte Kritik dort schwer trennen lasse.