Borosilikatglas

Ein Becherglas mit einem Reagenzglas aus Borosilikatglas

Borosilikatglas, auch Borosilicatglas, Borsilikatglas oder kurz Borglas ist ein sehr chemikalien- und temperaturbeständiges Glas, das vor allem für Glasgeräte im Labor, der chemischen Verfahrenstechnik und im Haushalt eingesetzt wird. Die gute chemische Beständigkeit gegenüber Wasser, vielen Chemikalien und pharmazeutischen Produkten (hydrolytische Klasse 1) erklärt sich durch den Bor-Gehalt der Gläser. Die Unempfindlichkeit gegen plötzliche Temperaturschwankungen ist eine Folge des geringen Wärmeausdehnungskoeffizienten von etwa 3,3 · 10−6 K−1. Zum Vergleich: Der Wärmeausdehnungskoeffizient von Kalk-Natron-Glas, das häufig zur Fertigung von Flaschen, Lebensmittelverpackungen, Trinkgläsern und Flachglas verwendet wird, ist etwa 9 · 10−6 K−1.

Erstmals hergestellt wurde Borosilikatglas als Normalthermometerglas 1886/1887 von dem deutschen Chemiker und Glastechniker Otto Schott.

Zusammensetzung

Kulturen in Erlenmeyerkolben

Borosilikatglas besteht – rechnerisch – aus

Der Name der Glasgruppe ist aus den beiden Komponenten mit den größten Anteilen abgeleitet.

Eigenschaften

Die mechanischen, optischen und chemischen Eigenschaften von Borosilikatgläsern ähneln sich. Hier sind beispielhaft die Eigenschaften von Duran angegeben.

EigenschaftWertAnmerkung
Brechungsindex für oranges Licht (587 nm)Deutlich niedriger als Flintglas
Abbe-ZahlDamit handelt es sich um ein typisches Kronglas
DichteEtwa um 10 % leichter als Fensterglas.
E-Modul
Relative DielektrizitätszahlFür f = 1 MHz bei T = 25 °C
WärmeausdehnungskoeffizientEtwa 30 % des Wertes von Fensterglas
WärmeleitfähigkeitÄhnlich wie Zement
Spezifische Wärmekapazität
Maximale Arbeitstemperatur
Glasübergangstemperatur
Erweichungspunkt

Borosilikatglas verhält sich gegenüber den meisten Chemikalien nahezu inert. Der Abtrag des Glases ist sehr gering, aber nicht null. Es gibt Prüfverfahren nach: ISO 720 (Hydrolytische Beständigkeit), ISO 695 (Laugenbeständigkeit) und DIN 12116 (Säurebeständigkeit). Es wird bei dauerhafter Einwirkung von Flusssäure, konzentrierter, heißer Phosphorsäure und konzentrierten Laugen wie Natronlauge angegriffen.

Verwandte Gläser

Aus Gründen der Klassifizierung kann Borosilikatglas entsprechend seiner Oxidzusammensetzung (in Massenanteilen) grob in die folgenden Gruppen eingeordnet werden. Charakteristisch für Borosilikatgläser sind erhebliche Mengen an Siliziumdioxid (SiO2) und Boroxid (ab 8 % B2O3), die als Glasbildner fungieren. Die Menge an Boroxid beeinflusst die Glaseigenschaften in einer bestimmten Weise. Neben den hochresistenten Sorten (B2O3 bis maximal 13 %) gibt es noch Weitere, die aufgrund der unterschiedlichen Strukturierung des Boroxids im Strukturnetzwerk nur eine geringe Chemikalienbeständigkeit aufweisen (B2O3-Gehalt über 15 %). Daher unterscheidet man zwischen den folgenden Subtypen.

Erdalkalifreie Borosilikatgläser (Borosilikatglas 3.3)

Der B2O3-Gehalt bei Borosilikatglas liegt üblicherweise zwischen 12…13 % und der SiO2-Gehalt bei über 80 %. Die hohe Chemikalienbeständigkeit und geringe Wärmeausdehnung von 3,3 · 10−6 K−1 – die niedrigste Ausdehnung aller handelsüblichen Gläser für umfassende technische Anwendungen – machen es zu einem vielseitig einsetzbaren Glasmaterial. Hochwertige Borosilikat-Flachgläser werden in einer Großzahl von Industriezweigen eingesetzt, hauptsächlich für technische Anwendungen, die entweder eine gute Wärmebeständigkeit, eine ausgezeichnete chemische Beständigkeit oder eine hohe Lichtdurchlässigkeit in Kombination mit einer makellosen Oberflächenqualität fordern. Andere typische Anwendungsbereiche für verschiedene Formen von Borosilikatglas sind Glasröhrchen, Glasrohrleitungen, Glasbehälter usw., die insbesondere in der chemischen Industrie zum Einsatz kommen.

Erdalkalihaltige Borosilikatgläser

Zusätzlich zu einem SiO2-Gehalt von ungefähr 75 % und 8…12 % B2O3, enthalten diese Gläser einen Anteil von bis zu 5 % an Erdalkalien und Aluminiumoxid (Al2O3). Dies ist ein Subtyp von etwas weicheren Gläsern (vergleichbar mit nicht-erdalkalihaltigen Borosilikatglas), der thermische Ausdehnungen im Bereich 4…5 · 10−6 K−1 aufweist.

Hochborsäurehaltige Borosilikatgläser

Gläser, die zusätzlich B2O3 und 65…70 % SiO2 enthalten sowie geringe Mengen an Alkalien und Al2O3, weisen niedrigere Erweichungspunkte und eine geringe Wärmeausdehnung auf. Verschmelzanpassung an Wolfram-Molybdän-Legierungen sowie eine hohe elektrische Isolation sind die wichtigsten Eigenschaften dieser Gläser. Der erhöhte B2O3-Gehalt verringert die chemische Beständigkeit; In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Borosilikatgläser weitgehend von erdalkalifreien und erdalkalihaltigen Borosilikatgläsern. Zu den hochborsäurehaltigen Gläsern gehören auch Borosilikatgläser, die für UV-Strahlung durchlässig sind und dabei die besten Eigenschaften von Borosilikat- und Quarzglas kombinieren.

Anwendungsbereiche

Borosilikatglas wird vielfach als Behälterglas in der Chemie der Industrie sowie in der Forschung verwendet, wo Gefäße wie Erlenmeyerkolben, Bechergläser und Reagenzgläser verwendet werden.

Borosilikatglas nach DIN 7080 wird in Schauglasarmaturen eingesetzt, welche oft in Behälterschaugläsern und Durchflussschaugläsern verwendet werden.

Borosilikatglas nach DIN 7081 wird in Längsschauglasarmaturen verwendet.

Borosilikatglas wird auch als Flachglas hergestellt. Ein Herstellungsverfahren hierfür ist unter dem Namen Borofloat (Zusammenziehung der Worte Borosilikatglas und Floatglasverfahren) bekannt.

Borosilikatglas ist die Trägersubstanz zur inerten Lagerung radioaktiver Abfälle. Im Schmelzverfahren werden Glasmasse und radioaktive Substanz gemischt und abgefüllt (beispielsweise bei Eurochemic in Mol (Belgien) bis 1974, Verglasungseinrichtung Karlsruhe (Deutschland) bis 1990, Atelier Vitrification Marcoule in der Nuklearanlage Marcoule (Frankreich) bis 1999, Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in La Hague (Frankreich) bis heute, Sellafield bei Seascale (UK) bis heute).

Borosilikatglas findet ebenfalls als dünne Deckschicht bei Hitzeschutzkacheln Verwendung, welche zum Beispiel bei Space Shuttles zum Einsatz kamen.

Daneben besteht ein Proof of Concept zur Tauglichkeit von Borosilikatglas als Langzeitspeichermedium.

Handelsnamen

Borosilikatglas wird in leicht unterschiedlichen Zusammensetzungen unter verschiedenen Handelsnamen angeboten:

Wiktionary: Borosilikatglas – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Borosilikatglas – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 46.
  2. ↑ DURAN-Eigenschaften.html, Datenblatt für Duran.
  3. ↑ Technische Gläser: Physikalische und chemische Eigenschaften
  4. ↑ Behälterschauglas. ACI Industriearmaturen, abgerufen am 31. Januar 2020.
  5. ↑ Durchflussschauglas Typ 530. ACI Industriearmaturen, abgerufen am 31. Januar 2020.
  6. ↑ Längsschauglas Typ 330. ACI Industriearmaturen, abgerufen am 31. Januar 2020.
  7. ↑ Microsoft Research Project Silica Team, James Allison, Patrick Anderson, Erika Aranas, Youssef Assaf, Richard Black, Marco Caballero, Burcu Canakci, John Antony Chattaway, Andromachi Chatzieleftheriou, James Clegg, Daniel Cletheroe, Bridgette Cooper, Tim Deegan, Austin Donnelly, Rokas Drevinskas, Zhonghe Feng, Christos Gkantsidis, Ariel Gomez Diaz, Istvan Haller, Freddie Hong, Teodora Ilieva, Russell Joyce, Valentin Kapitany, Mint Kunkel, David Lara, Takashi Lawson, Sergey Legtchenko, Fanglin Liu, Xiaoqi Liu, Bruno Magalhaes, Sebastian Nowozin, Hiske Overweg, Antony Rowstron, Masaaki Sakakura, Nina Schreiner, Adam Smith, Oliver Snowdon, Ioan Stefanovici, David Sweeney, Govert Verkes, Phil Wainman, Charles Whittaker, Pablo Wilke Berenguer, Hugh Williams, Thomas Winkler, Stefan Winzeck: Laser writing in glass for dense, fast and efficient archival data storage. In: Nature. Band 650, Nr. 8102, 19. Februar 2026, ISSN 0028-0836, S. 606–612, doi:10.1038/s41586-025-10042-w, PMID 41709004, PMC 12916313 (freier Volltext).
  8. ↑ Simax Borosilicate Glass 3.3 bei pegasus-glass.com.
  9. ↑ Simax glass mass: Technical Information (Memento vom 25. Oktober 2015 im Internet Archive) bei simax.com.