British Irish Ice Sheet

Der British Irish Ice Sheet war ein Eisschild, der gegen Ende der letzten Kaltzeit des Devensians die Britischen Inseln bedeckte.

Bezeichnung

Der Agassiz Rock im Blackford Glen südlich von Edinburgh. Hier erkannte Agassiz Gletscherschliffe und Gletscherschrammen und konnte somit die Vereisung des Terrans nachweisen.

Der British Irish Ice Sheet (abgekürzt als BIIS), Deutsch „Britisch-Irischer-Eisschild“ trägt auch noch andere Bezeichnungen. Oft wird der Begriff zu British Ice Sheet (oder abgekürzt BIS) verkürzt. Gelegentlich tauchen auch noch die Bezeichnungen British Isles Ice Sheet und Celtic Ice Sheet auf.

Geschichtliches

Der British Irish Ice Sheet wird jetzt seit nahezu 200 Jahren wissenschaftlich untersucht. Es war Louis Agassiz, der im Jahr 1840 den glazialen Charakter der Ablagerungen in Schottland erkannte. Er hatte beispielsweise neben vielen anderen Phänomenen die „Parallelstraßen“ im Glen Roy richtig als Uferlinien eines Gletscherstausees gedeutet. Seitdem wurde der Eisschild von einer Plethora von Forschern untersucht, darunter auch William Buckland, James Geikie, Joseph Prestwich, Charles Lyell und Charles Darwin.

Geographie

Der British Irish Ice Sheet ist nicht isoliert zu sehen, sondern bildete während des Letzteiszeitlichen Maximums Teil des Eurasischen Eisschildes. Dieser besteht aus dem zentralen Fennoskandischen Eisschild, dem BIIS im Südwesten und dem Svalbard-Barents-Kola-Eisschild im Nordosten. Letzterer reichte bis an die Taimyrhalbinsel. Die Färöer und Island trugen ihren eigenen Eisschild.

Die Entwicklung im Eurasischen Eisschild und seinen drei Teilschilden verlief nicht homogen, sondern konnte innerhalb der jeweiligen Eisschilde zum Teil auch sehr unterschiedlich erfolgen. So lag das Maximum der Schildentwicklung beim BIIS um 23.000 Jahre vor heute, beim dreimal so großen Svalbard-Barents-Kola-Eisschild bei rund 21.000 Jahren vor heute und beim fünfmal so großen Fenoskandischen Eisschild erst bei 19.000 Jahren vor heute. Auch innerhalb der einzelnen Eisschilde gab es teils sehr starke lokale Eigenentwicklungen und Abweichungen vom generellen Trend. Eine Erklärung hierfür liefern die unterschiedlichen Anteile von Festland, Schelf und Hochsee in den einzelnen Eisschilden. Am schnellsten auf klimatische Erwärmung reagiert Schelfeis, gefolgt von Grundeis und Eisströmen. Am beharrlichsten sind eindeutig kontinentale Eismassen.

Präludium

Die großen Eisschilde auf der Nordhalbkugel während des Letzteiszeitlichen Maximums vor ca. 20.000 Jahren. Der British Irish Ice Sheet ist in dieser Rekonstruktion mit dem Fennoskandischen Eisschild verbunden.

Der British Irish Ice Sheet nahm seinen Ausgang im nördlichen Hochland Schottlands. Eine Reihe von Vorstoßaltern zwischen 38.000 und 31.000 Jahren legt aber nahe, dass die Eisbedeckung in Schottland zu dieser Zeit noch recht gering war. Diese nahezu eisfreie Periode in Teilen Schottlands deckt sich mit numerischen Modellen, die andeuten, dass die Britischen Inseln zu diesem Zeitpunkt für eine weitflächige Vereisung noch keine Voraussetzungen lieferten.

Laut Chris Clark und Kollegen (2022) wuchs der BIIS jedoch ab 31.000 Jahren vor heute recht rasch und stetig an. Sein Maximalvolumen mit 717 112 Kubikkilometer Eis wurde 23.000 Jahre vor heute erreicht. Dieses Volumen entspricht bei Abschmelzen einem weltweiten Meeresspiegelanstieg von 1,8 Meter.

Wie aber Tom Bradwell und Kollegen (2021) ausführen, war dieser Hauptphase von 31.000 bis 15.000 Jahren vor heute aber sehr wohl ein Präludium vorangegangen. Die Autoren zeigen, dass im Skjonghelleren Stadial von 45.000 bis 38.000 Jahren vor heute (im MIS-3, d. h. im Zeitraum GS-12 bis GS-9) ein Eisschild am Nordwestrand Schottlands während des mittleren Devensians bestand. Dies wird durch auf 41.000 bis 39.000 Jahre vor heute datierte Tiefwasserbohrkerne bestätigt. Ferner sind nördlich von North Rona auf dem kontinentalen Schelf mehrere Eisrandstadien erhalten, die sogar bis auf zirka 60.000 Jahre vor heute zurückreichen. Ferner wird angenommen, dass auch der Minch-Eisstrom zu diesem Zeitpunkt bereits existierte. Während GS-10 bis GS-9 kam es zu einem Eisvorstoß bis zum nordwestlichen Lewis und darüber hinaus bis zur kontinentalen Schelfkante. Zwischen 44.000 und 38.000 Jahren erfolgte in der Nähe von Nordwest-Lewis eine mehrfache Fluktuierung des Eisrandes und es wurden entlang der heutigen Küstenlinie in Eisstauseen oder Lagunen Eisrandsedimente abgelagert.

Ab 38.000 bis 32.000 Jahren vor heute herrschte (während des GI-8 bis GI-5 inklusive) das Tolsta-Interstadial. Der Schottische Eisschild war jetzt stark eingeschränkt und stellenweise wohl auch nicht mehr vorhanden. Zwischen 38.000 und 35.000 Jahren dürften Lewis und der nördliche Minch ohne Eisbedeckung gewesen sein. Wie stark die Eismassen während dieses gemäßigten bis kühlen Interstadials zurückgegangen waren, kann nicht abgeschätzt werden. Überlebende Eisreste hatten sich wahrscheinlich während des frühen Tolsta-Interstadials (im GI-8) auf das schottische Hochland zurückgezogen. Wie aber marine Bohrkerne nahelegen, waren kurz nach 35.000 Jahren vor heute (im GS-7 und im GS-6) unter dem Einfluss von Gezeiten stehende Fjorde bereits wieder vereist.

Zeitliche Entwicklung des Hauptstadiums

Die zeitliche, kinematische Entwicklung des eigentlichen BIIS kann in vier Stadien unterteilt werden:

Aufbaustadium

Findling des Devensians bei Applecross in Schottland. Dieser Brocken wurde beim Zurückschmelzen der Eismassen abgesetzt.
Geschiebemergel des British Irish Ice Sheet, abgelagert an der Küste südlich von Barrow-in-Furness

Das Aufbaustadium des Eisschildes (während des ausgehenden MIS-3 bzw. GS-5, GI-4 und GI-3) erfolgte ausgehend von dem bereits vergletscherten Schottischen Hochland. Die Eismassen drangen im Zeitraum des Aufbaustadiums bis an die Nordküste Cornwalls vor und bedeckten ganz Irland. Im Westen und Nordwesten folgten sie in etwa der Schelfkante. Gemäß dieser Rekonstruktion berührte der BIIS im Osten schließlich auch den Fennoskandischen Eisschild in der zentralen Nordsee.

Maximum bei gleichzeitiger Asymmetrie

Rekonstruktionsversuch des Letzteiszeitlichen Maximums. Trifft jedoch die Gegebenheiten des BIIS nur schlecht, da Irland beispielsweise zu diesem Zeitpunkt voll vereist war.

Die Asymmetrie bestand darin, dass die Eismassen im Nordseeraum ein enormes Wachstum erlebten, wohingegen der westliche Sektor bereits einige kleinere Rückzieher hinnehmen musste. Das Maximum situiert sich in MIS-2 bzw. in GS-3 und GI-2.

Kollaps und beginnender Zerfall

Zerfall des Eisschildes

Die „Parallelstraßen“ des Glen Roys sind ehemalige Uferlinien eines früheren, vom Eis aufgestauten Sees. Ihre Höhenlagen von 350, 325 und 260 Meter zeichnen den Eisverlust nach.

Kurz nach 15.000 Jahre vor heute setzte eine sehr starke Erwärmung ein – das GI-1.

Loch Lomond Readvance

Erhöhter Strand an der Bracken Bay südwestlich von Ayr. Durch das Abschmelzen des Eisschildes kam es zur isostatischen Heraushebung des Festlandes.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ C. D. Clark und Kollegen: Map and GIS database of glacial landforms and features related to the last British Ice Sheet. In: Boreas. Band 33, 2004, S. 359–375.
  2. ↑ Geoffrey Boulton und Magnus Hagdorn: Glaciology of the British Isles Ice Sheet during the last glacial cycle: form, flow, streams and lobes. In: Quaternary Science Reviews. Band 25, 2006, S. 3359–3390, doi:10.1016/j.quascirev.2006.10.013.
  3. 1 2 Chris D. Clark und Kollegen: Growth and retreat of the last British–Irish Ice Sheet, 31 000 to 15 000 years ago: the BRITICE-CHRONO reconstruction. In: Boreas. Vol. 51, 2022, S. 699–758, doi:10.1111/bor.12594.
  4. ↑ Tom Bradwell und Kollegen: Pattern, style and timing of British–Irish Ice Sheet advance and retreat over the last 45 000 years: evidence from NW Scotland and the adjacent continental shelf. In: Journal of Quaternary Science. Band 36(5), 2021, S. 871–933, doi:10.1002/jqs.3296.
  5. ↑ Katrine K. Andersen und Kollegen: The Greenland Ice Core Chronology 2005, 15-42 ka. Part 1: constructing the time scale. In: Quaternary Science Reviews. Band 25, 2006, S. 3246–3257.
  6. ↑ H. L. Bickerdike, D. J. A. Evans, C. R. Stokes und C. Ó Cofaigh: The glacial geomorphology of the Loch Lomond (Younger Dryas) Stadial in Britain: a review. In: Journal of Quaternary Science. Band 33, 2018, S. 1–54.
  7. ↑ D. Small und D. Fabel: Was Scotland deglaciated during the Younger Dryas? In: Quaternary Science Review. Band 145, 2016, S. 259–263.