COLTRIMS

COLTRIMS-Messaufbau

Die COLTRIMS-Methode (englisch Cold Target Recoil Ion Momentum Spectroscopy) ist eine bildgebende, experimentelle Methode der Atom-, Molekül- und Attosekundenphysik. Mithilfe dieser Methode können die Impulse und kinetischen Energien aller bei einer atomaren oder molekularen Reaktion entstehenden geladenen Fragmente, wie Elektronen und Kerne, vollständig vermessen und die Korrelationen der Teilchen untereinander vollständig erfasst werden. COLTRIMS wird deshalb häufig auch als Reaktionsmikroskop bezeichnet. Die Technik wurde in den 1990er Jahren insbesondere von der Frankfurter Arbeitsgruppe um Horst Schmidt-Böcking, Joachim Ullrich, Reinhard Dörner und Mitarbeitern entwickelt.

Mithilfe von COLTRIMS ist eine kinematisch vollständige Rekonstruktion von Stoß-, Ionisations- und Fragmentationsprozessen möglich. Dazu werden die dreidimensionalen Impulse von Elektronen und Ionen in Koinzidenz gemessen. Aus den gemessenen Flugzeiten und Auftreffpositionen auf ortsauflösenden Detektoren lassen sich die Endzustände eines quantenmechanischen Prozesses komplett bestimmen.

Prinzip

Würde man in einem Gedankenexperiment die Coulomb-Wechselwirkung augenblicklich abschalten, bewegten sich Elektronen und Atomkerne mit ihren momentanen Impulsen geradlinig weiter bis in den makroskopischen Nachweisapparat. Jedes Fragment könnte mit einem orts- und zeitauflösenden Detektor registriert werden, sodass sich seine ursprüngliche Impulsverteilung nahezu unverfälscht rekonstruieren ließe.

Diesem Gedankenexperiment kommt eine schnelle Anregung durch Absorption eines Photons sehr nahe. Reelle Photonen können eine große Energie übertragen, besitzen aufgrund ihres Impulses

jedoch nur einen vergleichsweise kleinen Rückstoßimpuls. Ein Elektron mit einer kinetischen Energie von 200 eV hat einen rund 70-mal höheren Impuls als ein Photon mit derselben Energie. Erfolgt die Anregung auf einer Zeitskala, die kurz gegenüber der inneren Dynamik des Atoms oder Moleküls ist, bleiben die momentanen Bewegungszustände der Elektronen und Kerne während des Übergangs praktisch unverändert. Das anschließend ionisierte oder hoch angeregte System zerfällt in geladene Fragmente. Aus deren gemessenen Endimpulsen lassen sich die ursprünglichen mikroskopischen Bewegungszustände rekonstruieren.

Das Target besteht aus einem kalten, stark verdünnten Gasstrahl aus Atomen oder Molekülen. In dem betrachteten Zeitfenster soll nur ein Projektil auf ein Gasteilchen treffen. Durch die Wechselwirkung mit gepulsten Photonen-, Elektronen- oder Ionenstrahlen entstehen geladene Fragmente, deren Bewegung in schwachen elektrischen und magnetischen Feldern auf zwei gegenüberliegende, orts- und zeitauflösende Detektoren abgebildet wird. Aus den Flugzeiten und Auftreffpositionen werden die vollständigen dreidimensionalen Flugbahnen der Fragmente bestimmt.

Gemessen werden

Aus diesen Größen erhält man die Impuls, kinetische Energie und Drehimpuls aller nachgewiesenen Teilchen. Auftreffposition und Flugzeit erlauben die Rekonstruktion der dreidimensionalen Anfangsgeschwindigkeit bzw. des Anfangsimpulses. Aufgrund der Impuls- und Energieerhaltung können anschließend die Kinematik, Bindungszustände, Korrelationen und Dynamik des ursprünglichen Prozesses rekonstruiert werden.

Reaktionsmikroskop

Das Herzstück eines COLTRIMS-Experiments ist das sogenannte Reaktionsmikroskop. Es besteht aus

Da Elektronen und Ionen in Koinzidenz registriert werden, können selbst komplexe Vielteilchenprozesse vollständig analysiert werden.

Anwendungen

COLTRIMS wird heute in zahlreichen Bereichen der modernen Quantenphysik eingesetzt:

Besonders wichtig ist die Methode für die Untersuchung korrelierter Elektronenbewegungen, da die Impulse aller beteiligten Teilchen gleichzeitig bestimmt werden können.

Auswahl an Ergebnissen

Bedeutung für die Attosekundenphysik

In der Attosekundenphysik dient COLTRIMS als eines der wichtigsten Nachweisverfahren. Da die Impulse der emittierten Elektronen mit hoher Präzision bestimmt werden können, lassen sich zeitaufgelöste Prozesse wie

experimentell untersuchen. In Kombination mit Attosekunden-Lichtpulsen erlaubt COLTRIMS die Rekonstruktion elektronischer Bewegungen auf Zeitskalen von wenigen .

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Horst Schmidt-Böcking: Die „Blasenkammer“ der Atomphysik. In: Physik Journal 9 (2010) Nr. 8/9. Wiley-VCH Verlag, 2010, abgerufen am 12. Juni 2026.
  2. ↑ Thorsten Naeser: Ultraschneller Tauchgang in die Atome : Attosekunden-Blitze erkunden den Quantenkosmos. 1. Auflage. WILEY-VCH, Weinheim 2014, ISBN 978-3-527-41125-2, S. 67.
  3. ↑ Universität Frankfurt: Der Beobachter im Doppelspalt. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2007, abgerufen am 2. Juli 2026.
  4. ↑ Universität Frankfurt: Moleküle mit „Haut und Knochen“. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2008, abgerufen am 2. Juli 2026.
  5. ↑ Universität Frankfurt: Blitzschnell durch den Tunnel. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2008, abgerufen am 2. Juli 2026.
  6. ↑ Jan Oliver Löfken: Tunneleffekte in Salzsäure. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2009, abgerufen am 2. Juli 2026.
  7. ↑ U. Frankfurt / PH: Tod eines Moleküls auf Film. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2013, abgerufen am 2. Juli 2026.
  8. ↑ GU / OD: He3 – linear oder dreieckig? In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2014, abgerufen am 2. Juli 2026.
  9. ↑ GU / OD: Efimov-Zustand in Helium-Trimer nachgewiesen. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2015, abgerufen am 2. Juli 2026.
  10. ↑ Universität Frankfurt: Verbindung auf Rekorddistanz. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2016, abgerufen am 2. Juli 2026.
  11. ↑ Universität Frankfurt: Rätsel um Photonen-Impuls gelöst. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2019, abgerufen am 2. Juli 2026.
  12. ↑ Universität Frankfurt: Der richtige Dreh. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2019, abgerufen am 2. Juli 2026.
  13. ↑ Universität Frankfurt: Neuer Weltrekord bei Kurzzeit-Messungen. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2020, abgerufen am 2. Juli 2026.
  14. ↑ Universität Frankfurt: Wenn das Elektron entschwindet. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2020, abgerufen am 2. Juli 2026.
  15. ↑ GUF / RK: Momentaufnahmen von explodierendem Sauerstoff. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2020, abgerufen am 2. Juli 2026.
  16. ↑ Universität Frankfurt: Compton-Effekt unter der Lupe. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2020, abgerufen am 2. Juli 2026.
  17. ↑ DESY / RK: Röntgenlaser zeigt Entstehung von Strahlungsschäden. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2021, abgerufen am 2. Juli 2026.
  18. ↑ Universität Frankfurt: Stoppuhr für den photoelektrischen Effekt. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2022, abgerufen am 2. Juli 2026.
  19. ↑ European XFEL / RK: Molekül-Schnappschuss durch Explosion. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2022, abgerufen am 2. Juli 2026.
  20. ↑ GU Frankfurt / RK: Quanten-Effekte bei Elektronenwellen. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2024, abgerufen am 2. Juli 2026.
  21. ↑ Erstmals Quantenfluktuationen in komplexen Molekülen sichtbar gemacht. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2025, abgerufen am 2. Juli 2026.
  22. ↑ Wie Atome vor dem Zerfall umherwandern. In: Physik Journal. Wiley-VCH Verlag, 2026, abgerufen am 2. Juli 2026.