Carl Gebhardt

Carl Gebhardt (* 8. April 1881 in Frankfurt am Main; † 25. Juli 1934 ebenda) war ein deutscher Philologe und Philosoph. Bekannt ist er als Wegbereiter der modernen Spinoza-Forschung.

Leben

Carl Gebhardt, Totenmaske (1934)

Gebhardt studierte ab 1899 an der Universität Heidelberg Rechtswissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie. Seine wichtigsten Lehrer waren Kuno Fischer und Wilhelm Windelband. 1905 wurde er mit einer Arbeit über Spinozas „Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes“ zum Dr. phil. promoviert. Kurze Zeit später begann er mit der Neuausgabe und Übersetzung der Werke Spinozas.

Gebhardt nahm an diversen reformpädagogischen Bestrebungen teil. 1925 gründete er, zusammen mit Theodor Bäuerle, den Deutschen Bund für Volksbildung. Des Weiteren engagierte er sich im Rahmen des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung mit Vorträgen (sogenannten „Volksvorlesungen“). Als Publizist und Zeitungskritiker kommentierte er das lokale Kulturleben, insbesondere im Bildungs- und Theaterbereich. Er war viele Jahre Leiter des Archivs der Schopenhauer-Gesellschaft in Frankfurt am Main.

1933 erkrankte Gebhardt schwer, setzte aber die Arbeit bis kurz vor seinem Tod im Juli 1934 fort.

Seine Ehefrau Lilly Gebhardt (geb. Hellmann), die Schwester der Literaturwissenschaftlerin Hanna Hellmann, war jüdischer Herkunft und wurde 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und überlebte. Der gemeinsame Sohn Hans Bernt Gebhardt (1915–1995) emigrierte 1939 nach Frankreich, wo er die deutsche Besatzung mit falschen Papieren überstand. In den fünfziger Jahren nach Frankfurt zurückgekehrt, machte er sich dort einen Namen als Grafiker und Bildhauer.

Wirken

Im Mittelpunkt seines Lebens standen die Gestalt und das Denken des niederländisch-sephardischen Philosophen Baruch Spinoza. Die von Gebhardt bearbeiteten Spinoza-Bände erschienen innerhalb der Philosophischen Bibliothek des Dürr- bzw. Meiner-Verlages. 1908 gab er eine erneuerte Ausgabe des „Theologisch-politischen Traktats“ heraus. 1914 edierte er die Briefe und im selben Jahr die „Lebensbeschreibungen und Gespräche“. 1922 schloss er die Werkeausgabe mit der „Kurzen Abhandlung von Gott, dem Menschen und seinem Glück“ ab. Von diesen Editionen aus erarbeitete er die erste textkritische Spinoza-Ausgabe. Gefördert von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, erschienen die „Opera“ 1925 in vier Bänden (bei Carl Winter in Heidelberg). Der von Gebhardt noch weitgehend fertiggestellte Abschlussband wurde erst 1987 publiziert.

Gebhardt war 1920 Mitbegründer der internationalen Societas Spinozana; dieser Gesellschaft gelang es 1926, das Sterbehaus Spinozas in Den Haag zu erwerben. Auch gehörte er zum Gründer- und Herausgeberkreis der Zeitschrift Chronicon Spinozanum sowie der Schriftenreihe Bibliotheca Spinozana.

Gebhardt ist im Bereich der Spinoza-Forschung nicht nur als Herausgeber, Textkritiker und Organisator von Bedeutung, sondern auch als Interpret und Philosophiehistoriker. Einzelne Abhandlungen – zum Beispiel über „Spinoza und der Platonismus“ (1921), „Rembrandt und Spinoza“ (1927), „Der Spinozismus Goethes“ (1927), „Spinozas Religion“ (1932) oder zur Frage „Was ist Spinozismus?“ (1925) – sind grundlegende Beiträge. Die Forschungen zur Lebensgeschichte Spinozas brachte er (auf der Grundlage der Arbeiten von Jakob Freudenthal) wesentlich voran.

Weitere Arbeitsgebiete waren die Barock-Forschung und die Geistesgeschichte des Judentums. Gebhardt hat die Werke von Uriel da Costa und Jehuda Abravanel (Leone Ebreo) übersetzt und herausgegeben. Auch widmete er sich der Geschichte der Marranen, jener zwangsgetauften iberischen Juden, die insgeheim an jüdischen Glaubenssätzen und Riten festhielten. Das „moderne Bewusstsein“ sei aus der „Verdoppelung des marranischen Bewusstseins hervorgegangen“. Vielfach akzeptiert ist Gebhardts Auffassung, wonach die marranische Erfahrung eine zentrale Quelle von Spinozas Denken war. Als Schopenhauer-Forscher ist er vor allem mit dem von ihm bearbeiteten ersten Band des Briefwechsels des Philosophen hervorgetreten.

Verschiedene Schriften, die zwischen 1919 und 1921 mit den Verfasserangaben Spinoza Redivivus und Augustinus Redivivus erschienen, werden Gebhardt zwar üblicherweise zugeschrieben, doch sicherlich nicht zu Recht.

Monographien

Aufsätze und kleinere Texte

Spinoza-Editionen

Weitere Editionen

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Die jahrzehntelange Druckgeschichte dieses fünften Bandes schildert Judith N. Klein: Ein Buch lehrt, Farbe zu bekennen. Die Geschichte einer beispiellosen verlegerischen Odyssee, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 265, S. N5 vom 14. November 2007, N5.
  2. ↑ Zitiert nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. November 2005.
  3. ↑ Die Verfasserfrage ist bisher nicht völlig geklärt. In Spinoza nach dreihundert Jahren (Berlin: Verlag Dümmler, 1932) verweist Stanislaus von Dunin-Borkowski auf einen „Notar Glatzel“ (S. 177). Wohl von hier übernimmt Manfred Walther in seiner Ausgabe von Spinozas Briefwechsel (Hamburg: Felix Meiner, 1986) den Hinweis auf Glatzel.