FFV Carl Gustaf

Carl Gustav M3

Die FFV Carl Gustaf ist eine rückstoßfreie Panzerabwehrhandwaffe mit Kaliber 84 mm. Entwickelt wurde sie von der Ordnance-Abteilung des staatlichen schwedischen Waffenherstellers Försvarets Fabriksverk (FFV, ehemals Carl Gustafs stads gevärsfaktori) in Eskilstuna, die in der Saab Dynamics, ehemals Saab Bofors Dynamics aufgegangen ist. Sie wird im englischen Sprachraum auch als Gustaf Bazooka bezeichnet.

Entwicklungsgeschichte

Carl Gustav m/42
Panzerabwehrwaffe Carl Gustaf (frühe Version)
Ungarischer Soldat feuert die Carl Gustaf M4, September 2019
Eine Howa 84RR, eine in Lizenz hergestellte FFV Carl Gustav, bei einer Schießübung der Bodenselbstverteidigungsstreitkräfte (Japan)

Der schwedische Konstrukteur Abramson entwickelte 1940 eine tragbare Panzerabwehrwaffe Carl Gustaf pvg m/42. 1946 wurde die Waffe auf das Kaliber 84 mm vergrößert und mehrfach verbessert, bis sie in den 1950er Jahren vom schwedischen Militär als FFV Carl Gustaf eingeführt wurde. Ab 1972 war dann das Modell M 2-550 in Verwendung.

Die Waffe soll in rund 40 Länder, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, die Niederlande, Großbritannien und Israel, exportiert worden sein. In Indien wurde sie seit 1976 in Lizenz produziert.

Bezeichnung in anderen Ländern:

Technik

Mündungsfeuer bei Nacht

Die Waffe wird durch zwei Personen (Richtschütze und Ladeschütze) transportiert. Dabei stehen als Munition Spreng-, Panzerspreng-, Leucht-, Nebel- und Übungsgranaten zur Verfügung. Für das Schießen im Liegen stehen ein T-förmiger Fuß oder ein Dreibein zur Verfügung, das an der Schulterstütze angebracht wird.

Die Waffe besteht aus einem Rohr, an dessen hinterem Ende ein Verschluss mit einer Lavaldüse angebracht ist. Der Verschluss ist um einen Bolzen schwenkbar angebracht und wird mittels einer Klaue verriegelt.

In den vorderen Teil des Rohres sind 24 Züge eingearbeitet, der hintere Teil ist als Patronenlager glatt ausgeführt.

Die Schulterstütze ist – bezogen auf die Gesamtlänge – mittig angebracht. Davor befinden sich zwei Pistolengriffe. Der Griff in der Nähe der Mündung dient zum Stabilisieren der Waffe, der andere ist mit der Abzugsgruppe kombiniert. Auf der Höhe dieses Pistolengriffs befindet sich auch die Visiereinrichtung auf der linken Waffenseite. Das Modell M 3 verfügt zudem noch über einen Tragegriff auf der Oberseite.

Parallel zur Rohrachse liegt seitlich des Rohres ein Führungsrohr mit Abfeuergestänge. Am hinteren Teil des Rohres ist senkrecht zur Rohrachse ein Schlagbolzen in eine Führungsbuchse mit Deckel eingesetzt. Der Schlagbolzen besteht aus einer Spitze und einem Schaft. Durch den Schaft des Schlagbolzens verläuft quer ein Durchbruch mit Steuerfläche. In diesem Durchbruch sitzt das hintere Ende des Abfeuergestänges. Auf dem vorderen Ende des Abfeuergestänges sitzt eine Druckfeder.

Zum Laden wird der Verschluss mit dem Abgasrohr nach links geschwenkt und die Patrone von hinten eingeführt. Anschließend wird der Verschluss geschlossen und verriegelt. Eine interne Sicherung verhindert eine Schussauslösung bei nicht verriegelter Waffe. Um den Abzug zu spannen, muss der Hebel hinter der Abzugsgruppe nach vorn in Schussrichtung geschoben werden. Dabei wird das Abfeuergestänge gegen den Druck der Druckfeder nach vorn geschoben, bis der Abzughebel an einem Sperrstück einrastet und das Abfeuergestänge festlegt. Zum Abfeuern kann die Waffe entsichert und der Abzug betätigt werden. Dieser dreht den Abzughebel, welcher das gespannte Abfeuergestänge freigibt. Das Abfeuergestänge schnellt nach hinten und drückt mit einer Rampe den Schlagbolzen in das Zündhütchen der Patrone. Daraufhin entflammt das Zündhütchen und zündet eine Pulvertreibladung, die das Geschoss nach vorn aus dem Rohr treibt. Gleichzeitig strömen aus der Düse am Verschluss Pulvergase, die eine Rückstoßkraft nach vorne bewirken. Dadurch wird der Rückstoß der Hohlladungsgranate nahezu aufgehoben. Nachdem die Granate das Rohr mit einem gewissen Drall verlassen hat, zündet in sicherer Entfernung zum Schützen ein Raketenmotor und beschleunigt die Granate auf eine höhere Geschwindigkeit.

Die Waffe kann gegen Ziele bis zu einer Entfernung von 700 m eingesetzt werden. Mit zweifach vergrößerndem Zielfernrohr soll die Maximalreichweite gegen Objekte bei 2000 m liegen. Die Version M 2-550 hat ein dreifach vergrößerndes Zielfernrohr FFV 550. Beide Zielfernrohre wiegen je rund ein Kilogramm.

Bezeichnung Kaliber Länge Gewicht Granate Feuergeschwindigkeit Effektive Reichweite
Carl Gustaf M 2 (M/48) 84 mm, progressiver Rechtsdrall, 24 Züge und Felder 1130 mm 14,2 kg, mit Zubehör und Packbrett ca. 30 kg 2,6 kg oder 1,7 kg HEAT 310 m/s 6 Schuss/min 450 m
Carl Gustaf M 2-550 84 mm 1130 mm 15 kg 3 kg 260 m/s 4 Schuss/min 550–600 m
Carl Gustaf M 3 (M/86) 84 mm 1065 mm 9,5 kg 700–1000 m
Carl Gustaf M 4 84 mm unter 1000 mm 6,6 kg
Carl Gustaf M 3 (2015)
Carl Gustaf M 4 (2015)

Die Granaten haben eine Durchschlagsleistung von 400 mm RHA. Dabei haben die in der Version M 2-550 verwendeten Granaten vom Typ FFV 551 zwar eine niedrigere Mündungsgeschwindigkeit (), beschleunigen während des Fluges jedoch weiter auf 350 m/s.

Die Modelle M 2 und M 2-550 bestehen aus Metall. Die 1991 präsentierte Version M 3 wurden mit dünnem Stahl, verstärkt durch eine Außenhülse aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff produziert. Die externen Stahlteile wurden auch durch Teile aus Kunststoff oder Aluminiumlegierungen ersetzt.

Im November 2011 bestellten die US-Streitkräfte die M3 MAAWS (Multi-Role Anti-Armor Anti-Personnel Weapon System) für den Afghanistan-Einsatz. Diese Version wiegt nur noch 8,5 kg. Es sollen auch Granaten vom Typ FFv 597 im Kaliber 135 mm zur Verfügung stehen.

2014 wurde eine neue, mit 6,6 kg noch leichtere Version, die M 4 vorgestellt. Im Februar 2019 unterzeichnete die US Army einen Vertrag zur Beschaffung der M 4 (in den USA als M3E1 bezeichnet), die mit digitalem Visier mit Entfernungsmesser ausgestattet sind.

Munition

FFV Carl Gustaf verschießt patronierte Munition im Kaliber 84 mm. Diese besteht aus einer Granate mit einer aufgesteckten Patronenhülse. Der Patronenboden hat eine Berstscheibe. Bei der Zündung treibt ein Teil der Treibladungsgase das Geschoss aus dem Geschützrohr. Der Großteil der Treibladungsgase entweicht über die Berstscheibe in die Lavaldüse, wo sie mit Überschallgeschwindigkeit rückwärts aus dem Geschützrohr austreten, was den Rückstoß kompensiert. Die Geschosse und deren Gefechtsköpfe wurden laufend an neue Bedrohungslagen angepasst und modernisiert.

Nutzerstaaten

Folgende Staaten nutzen die FFV Carl Gustav:

Gesundheitsgefahr

In den USA gibt es Untersuchungsergebnisse, welche belegen, dass die Waffe beim Abfeuern Gehirnerschütterungen auslöst. Auf die Forderung, etwas gegen diese gesundheitlichen Gefahren zu unternehmen, hat das US-Militär bisher nicht reagiert. Aus dem Ukrainekrieg wird berichtet, dass sich das wiederholte Abfeuern der Panzerfaust negativ auf die Gesundheit des Schützen auswirken kann.

Literatur

Commons: FFV Carl Gustaf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 Terry J. Gander & Charles Q. Cutshaw: Jane’s Infantry Weapons 2002–2003. Jane’s Information Group, Vereinigtes Königreich, 2002, ISBN 978-0-7106-2434-5, S. 4326–4329.
  2. ↑ Carl-Gustaf system. In: Saab.com. Abgerufen am 1. Januar 2025 (englisch).
  3. ↑ Man-portable, laser-guided weapon system. In: Raytheon.com. Archiviert vom Original; abgerufen am 1. Januar 2025 (englisch).
  4. ↑ CARL GUSTAF M4 M3E1 CGM4 SAAB. In: Armyrecognition.com. Archiviert vom Original; abgerufen am 1. Januar 2025 (englisch).
  5. ↑ Defenceredefined.com.cy: SAAB | Full range of anti-tank systems at EUROSATORY 2022 that might interest the National Guard – Photos
  6. ↑ Calibredefence.co.uk: Saab launches HEAT 758: a new round to defeat Russian reactive armour
  7. ↑ The International Institute for Strategic Studies: The Military Balance 2022. 1. Auflage. Routledge, London 2022, ISBN 978-1-032-27900-8 (englisch, Stand: Januar 2022).
  8. 1 2 3 4 5 6 The International Institute for Strategic Studies (Hrsg.): The Military Balance 2024. 1. Auflage. Band 122, Nr. 1. Routledge, London 2024, Asia, doi:10.1080/04597222.2024.2298593 (englisch).
  9. 1 2 3 4 5 6 7 The International Institute for Strategic Studies (Hrsg.): The Military Balance 2024. 1. Auflage. Band 122, Nr. 1. Routledge, London 2024, Latin America and the Caribbean, doi:10.1080/04597222.2024.2298595 (englisch).
  10. 1 2 3 4 5 6 7 The International Institute for Strategic Studies (Hrsg.): The Military Balance 2024. 1. Auflage. Band 122, Nr. 1. Routledge, London 2024, Sub-Saharan Africa, doi:10.1080/04597222.2024.2298597 (englisch).
  11. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 The International Institute for Strategic Studies (Hrsg.): The Military Balance 2022. 1. Auflage. Band 122, Nr. 1. Routledge, London 2022, ISBN 978-1-032-27900-8, Europe, doi:10.1080/04597222.2022.2022929 (englisch).
  12. 1 2 3 Clara Lipkowski: Diese Waffe macht Soldaten krank. 27. November 2023, abgerufen am 14. Oktober 2024.
  13. 1 2 The International Institute for Strategic Studies (Hrsg.): The Military Balance 2024. 1. Auflage. Band 122, Nr. 1. Routledge, London 2024, North America, doi:10.1080/04597222.2024.2298590 (englisch).
  14. 1 2 3 4 5 The International Institute for Strategic Studies (Hrsg.): The Military Balance 2024. 1. Auflage. Band 122, Nr. 1. Routledge, London 2024, Middle East and North Africa, doi:10.1080/04597222.2024.2298594 (englisch).
  15. ↑ Slovenian Armed Forces places order for Carl-Gustaf M4 weapon system. The Slovenian Armed Forces has placed a new order for the delivery of Saab’s latest Carl-Gustaf M4 multi-role weapon system. 26. November 2018, abgerufen am 8. August 2022 (englisch).
  16. ↑ Lauren Fish, Paul Scharre: Protecting Warfighters from Blast Injury. 28. April 2018, abgerufen am 1. Januar 2025 (englisch).
  17. ↑ Tobias Utz: Mit bis zu 800 km/h: Geschosse machen Soldaten im Ukraine-Krieg krank. In: Merkur. 7. Dezember 2023, abgerufen am 14. Oktober 2024.