Carsten Niemitz

Carsten Niemitz (* 29. September 1945 in Dessau) ist ein deutscher Biologe und Anthropologe. Er arbeitet und forscht als Anatom, Verhaltensforscher, Umweltschützer, Human- und Evolutionsbiologe.

Leben und Wirken

Ausbildung und Universitätslaufbahn

Carsten Niemitz, geboren 1945 als Sohn von Ruth Niemitz, geborener Voigt, und des Verlegers und Buchdruckermeisters Johannes Niemitz im Freistaat Anhalt ist evangelisch, studierte Biologie und Anthropologie, Mathematik und Medizin sowie Kunstgeschichte an den Universitäten Gießen, Freiburg, Göttingen und an der Freien Universität Berlin. Im Jahr 1970 schloss er sein Diplomstudium ab und 1971 erhielt er sein Diplom. 1981 habilitierte er sich.

Von 1968 bis 1971 war Niemitz Mitarbeiter am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Er nahm an Expeditionen nach Sulawesi und Malaysia teil. 1971 bis 1973 verbrachte er im Urwald von Sarawak auf Borneo. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er 1974 im Fach Biologie zum Dr. rer. nat. promoviert. 1975 erhielt er die Lehrbefugnis für Anatomie und war bis 1978 Wissenschaftlicher Assistent am Anatomischen Institut der Universität Göttingen.

Im Alter von 32 Jahren wurde er 1978 auf eine Professur für Biologie und Anthropologie an der Freien Universität Berlin berufen, die er als Leiter der Abteilung Humanbiologie bis zu seiner Emeritierung 2010 innehatte. 1993 erhielt er außerdem einen Ruf auf eine Professur für das Fach Zoologie an die Universität Essen und war Gastprofessor für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Potsdam.

Forschungen

Neben vielen Untersuchungen auf den Gebieten der Freilandforschung an Primaten und der Biomechanik, bildete die Evolution von Sprache und Schrift des Menschen mit Untersuchungen zur Kommunikation der Menschenaffen einen seiner Forschungsschwerpunkte. So gehörte er zu jenen, welche die Theorie von Mimik und Gestik als Vorläufer menschlicher Schriftkompetenz schon früh vertraten. Seine These lautete verkürzt, dass die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben biologisch älter ist als jene der Sprache, weil solche visuelle Kommunikation erst später von vokal-akustischen Signalen ergänzt wurde.

Im Jahr 2000 präsentierte Niemitz seine Amphibische Generalistentheorie der Evolution der aufrechten menschlichen Haltung und des aufrechten Gangs, wonach „es in einer Periode unserer Evolution gerade das Waten und die Ufernutzung waren, die den heutigen Menschen nachhaltig und wesentlich mitgestaltet haben“. Die sehr viel weiter gehende Wasseraffen-Theorie der Hominisation lehnt Niemitz entschieden ab. Seine praktischen Erfahrungen dafür rühren neben der anatomischen Arbeit und den Freilanduntersuchungen vor allem von Forschungsreisen, zum Beispiel zum Amazonas- und Kongobecken. Die Evolutionstheorie wurde 2011 verfilmt.

Durch vergleichende Untersuchungen von über 20 Primatentaxa wies Niemitz nach, welche mechanischen Beanspruchungen der Haut zu bestimmten Mustern der Papillarleisten von Primaten geführt haben. Dies schließt auch die Evolution von Hautmustern an Händen und Füßen des Menschen ein.

Während einer Forschungsreise 1991 in Sulawesi entdeckte Niemitz die Primatenart Tarsius dianae.

Experimentell konnte Niemitz nachweisen, dass es Käferlarven gibt, die hören können. Da sie sich an Lauten der Altkäfer orientieren, wurde damit auch die akustische Kommunikation zwischen Eltern und Nachkommen demonstriert.

Sonstiges

In den späten achtziger und den neunziger Jahren gehörte Niemitz zu den eindringlichen Warnern vor dem Raubbau an tropischen Regenwäldern. 1987 wurde Niemitz Berater der IUCN durch Aufnahme in die Species Survival Commission. 1996 brachte er in der Anthropologischen Gesellschaft eine Initiative zum Verzicht auf den Gebrauch des Begriffs der Rasse ein, der später offiziell von der Gesellschaft beschlossen wurde. Insbesondere seit 2010 trat Niemitz auch mit forensischen Publikationen hervor. Seit 2017 ist er hauptsächlich als Umweltschützer tätig. Auf Einladung des Bibliographischen Instituts (Mannheim-Leipzig) verfasste Niemitz alle anthropologischen Artikel in der letzten Ausgabe der Brockhaus Enzyklopädie für alle 30 Bände. 2014 stellte Niemitz eine neue forensische Methode vor, die Singularität einer tatverdächtigen Person zu beweisen. Seit 2017 ist er hauptsächlich als Umweltschützer tätig. Seine Publikationsliste umfasst weit über 400 Titel mit einer ganzen Reihe von Büchern. Daneben ist er auch als Lehrbuchübersetzer sowie als Radio-, Film- und Fernsehautor aktiv geworden. Seit 2025 lebt Niemitz in der Schweiz.

Mitgliedschaften

Niemitz ist Mitglied vieler Fachgesellschaften. Ab 1992 war er Stellvertretender Vorsitzender, von 1994 bis 1998 Vorsitzender der Anthropologischen Gesellschaft und 2008–2010 Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU). In den Jahren 1992–2014 war er stellvertretender Vorsitzender der Urania Kulturgemeinschaft in Berlin, einem Zentrum für den Austausch von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Außerdem wurde ihm im Dezember 1992 eine Fellowship International vom Explorer's Club New York verliehen. Er richtete gemeinsam mit Nils Seethaler und Benjamin P. Lange 2010 die 11. MVE-Jahrestagung in Berlin aus. Er ist seit 2013 Schirmherr des Fördervereins der Julius-Riemer-Sammlung im Museum der städtischen Sammlungen im Zeughaus in Lutherstadt Wittenberg und seit 2024 im Vorstand des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg. Außerdem ist Niemitz Mitglied des Exekutivkomitees des World Cultural Council zur Verleihung des Albert Einstein World Award of Science. Er ist Gründungsmitglied des Interdisziplinären Zentrums für Historische Anthropologie an der Freien Universität Berlin.

Ehrungen

Dedikationsname

2019 wurde die Koboldmaki-Art Tarsius niemitzi von den Togianinseln nach Carsten Niemitz benannt.

Preise

Im Jahr 2000 erreichte Niemitz den 2. Platz bei der Verleihung des Communicator-Preises der Deutschen Wissenschaft durch die DFG und die Studienstiftung der Deutschen Wissenschaft.

Im August 2023 erhielt Niemitz den zweijährig verliehenen Blunck-Umweltpreis der Stiftung Herzogtum Lauenburg.

Werkauswahl

Naturwissenschaftliche Filme (Auswahl)

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Niemitz, Carsten.In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 897.
  2. ↑ fh-bingen.de (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive).
  3. ↑ Carsten Niemitz: A theory on the evolution of human bipedalism. Die Amphibische Generalistentheorie. In: U. Zeller (Hrsg.): Origin and evolutionary transformations in mammals. MfN – Humboldt University, Berlin 2000, S. 46–48, und Niemitz 2004, S. 1–256.
  4. ↑ Niemitz 2004, S. 198–210.
  5. ↑ Ingo Knopf, Jo Siegler: Das Geheimnis des aufrechten Gangs. (Memento vom 26. Dezember 2012 im Internet Archive) Dokumentarfilm, 2011, 43 Min., WDR, arte https://www.youtube.com/watch?v=R0qOpuVxSGU und:
    Pressemitteilung: Der Mensch ist ein „Ufertier“, FU Berlin, 15. März 2012.
  6. ↑ Carsten Niemitz: The Evolution of Primate Skin Structures in Relation to Gravity and Locomotor Patterns. In: F.K. Jouffroy, M.H. Stack, C. Niemitz (Hrsg.): gravity, posture and locomotion in primates. 1. Auflage. Editrice Il Sedicesimo, Florenz 1990, S. 129 - 156.
  7. ↑ Carsten Niemitz & Anke Krampe: Gehörsinn bei polyphagen Käfern nachgewiesen. Die Naturwissenschaften 58 (7) 368 - 369 (1971).
  8. ↑ Niemitz, Carsten: 2011: Identifikation von Personen anhand von Lichtbildern - ein Beitrag zur Methodendiskussion im Lichte der aktuellen Rechtsprechung. Niemitz 2018: Altersschätzung von Kindern einer außereuropäischen Ethnie anhand von Bildmaterial. Kriminalistik, 72. Jg., S. 157-161. Hrsg.: DAR Deutsches Autorecht. Extra 81. Jg. S. 768–771.
  9. ↑ Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden (plus optionaler Multimedia-DVD/Audiothek). Bibliographisches Institut, Mannheim-Leipzig 2005–2006. ISBN 3-7653-4140-1
  10. ↑ Niemitz C (2014): Identifikation eines Täters durch Streckfaltenmuster – Ein Fallbericht. Kriminalistik 68. Jahrg: H. 5/2014: 307-311. ISSN 0023-4699.
  11. ↑ 11. Jährliche Tagung der MVE-Liste – Menschliches Verhalten in …, abgerufen am 11. Januar 2019
  12. ↑ MVE-Tagung 2010 in Berlin: Programm – MVE Liste (Memento des Originals vom 30. Dezember 2018 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., abgerufen am 11. Januar 2019
  13. ↑ Myron Shekelle, Colin P. Groves, Ibnu Maryanto, Russell A. Mittermeier, Agus Salim and Mark S. Springer: A New Tarsier Species from the Togean Islands of Central Sulawesi, Indonesia, with References to Wallacea and Conservation on Sulawesi. Primate Conservation 2019 (33) 2019, S. 1–9
  14. ↑ Carsten Niemitz mit dem Blunck-Umweltpreis ausgezeichnet – Stiftung Herzogtum Lauenburg. Abgerufen am 13. Oktober 2023 (deutsch).
Personendaten
NAME Niemitz, Carsten
KURZBESCHREIBUNG deutscher Anatom, Verhaltensforscher, Human- und Evolutionsbiologe
GEBURTSDATUM 29. September 1945
GEBURTSORT Dessau