Der Erdmannlistein in Wohlen, dem auch die Rolle eines Chindlisteins zukamChindlistein bei HüttikonDer Langenstein in Tiengen ist nach einer Sage auch ein Chindlistein
Als Chindlistein (auch Kindlistein geschrieben), Poppelistein oder Tittistein werden im alemannischen Sprachgebrauch Felsblöcke bezeichnet, die entweder als Herkunftsort der Kinder gelten oder mit denen ein Fruchtbarkeitskult verbunden wird (oft sogenannte Rutschsteine). Die Sache ist auch aus Frankreich bekannt. Meist handelt es sich dabei um Findlinge. Der mit den Steinen verbundene Glaube und Brauch wird in der Populärliteratur gerne auf die Kelten beziehungsweise in der älteren Literatur auf die Megalithkultur zurückgeführt.
Chindlisteine gibt es in vielen Gegenden der Schweiz. So hiess es vielerorts: «Hier holt die Hebamme die Neugeborenen her», eine Erklärung, die als Ersatz für die sexuelle Aufklärung diente, analog zu der Legende, dass der Storch die Säuglinge bringe. Mit Fruchtbarkeitsritualen von Frauen werden beispielsweise die Chindlisteine von Heiden und Hüttikon verbunden. So sollen etwa Frauen «mit entblösstem Hinterteil den Chindlistein hinunterrutschen, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern und den erhofften Kinderwunsch in Erfüllung gehen zu lassen». Vom Chindlistein von Heiden wird auch überliefert, «dass während Hungersnöten und in Kriegszeiten Kinder beim Stein versteckt worden seien».
Folgt man allerdings belastbaren Informationsquellen, so entmystifizieren sich solche Erzählungen meist rasch. So geht etwa der Chindlistein von Heiden auf einen Steinbruch zurück.
Zell im Wiesental, Ortsteil Adelsberg, als Teil der Adelsberger Wasserfälle im Wald Richtung Zell
Weiteres
Zum Chindlistein von Heiden führt ein Wanderweg mit dem Namen Chindlistein-Weg
Literatur
L. Rütimeyer: Über Schalen- und Gleitsteine im Kanton Wallis und anderwärts und ihre Bedeutung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 28, 1928, S.145–192, besonders S.180–186.
Karl Ludwig Schmalz: Namensteine und Schalensteine im Kanton Bern. Haupt, Bern/Stuttgart 1988, ISBN 3-258-03936-4, S.9–14 (Kapitel Namensteine).
Yves Schumacher: Steinkultbuch Schweiz. Ein Führer zu den Kultsteinen und Steinkulten. edition amalia, Bern 1998, ISBN 3-905581-06-X, S.125–154 (Kapitel Liebes- und Kindersteine).
↑L. Rütimeyer: Über Schalen- und Gleitsteine im Kanton Wallis und anderwärts und ihre Bedeutung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 28, 1928, S.145–192, hier S.181.
↑So etwa Yves Schumacher: Steinkultbuch Schweiz. Ein Führer zu den Kultsteinen und Steinkulten. edition amalia, Bern 1998, ISBN 3-905581-06-X, S.134–136.
↑So etwa L. Rütimeyer: Über Schalen- und Gleitsteine im Kanton Wallis und anderwärts und ihre Bedeutung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 28, 1928, S.145–192, hier S.181.
↑Beispiele siehe im Schweizerischen Idiotikon unter den Stichwörtern Chind und Chindlistein sowie etwa in Karl Ludwig Schmalz: Namensteine und Schalensteine im Kanton Bern. Haupt, Bern/Stuttgart 1988, ISBN 3-258-03936-4, S.9–14. Das Schweizerische Idiotikon nennt in Band III Spalte 338f. zahlreiche Orte, woher die Kinder stammen sollen, so von Felsen, von unter Steinen, aus Höhlen, von oder aus Bergen, von Bäumen und aus hohlen Baumstrünken, aus Brunnenstuben, aus dem Kindligraben, von gewissen (teils fingierten) Orten, vom Zurzacher Markt usw.
↑Yves Schumacher: Steinkultbuch Schweiz. Ein Führer zu den Kultsteinen und Steinkulten. edition amalia, Bern 1998, ISBN 3-905581-06-X, S.134–136, hier S.135.