Chinesenaktion

Gedenktafel an das Hamburger Chinesenviertel und die Chinesenaktion; Schmuckstraße, Ecke Talstraße (2020)

Als Chinesenaktion wird eine am 13. Mai 1944 unter Leitung der Gestapo im Hamburger Chinesenviertel in St. Pauli durchgeführte Razzia und Verhaftungswelle gegen dort lebende chinesische Staatsbürger, Migranten und asiatisch aussehende Menschen sowie mit ihnen befreundete Frauen bezeichnet.

Ablauf

Bei der Aktion am 13. Mai 1944 wurden insbesondere im Quartier rund um die Schmuckstraße die Straßenzüge von mit Maschinenpistolen bewaffneter Kriminal- und Ordnungspolizei vollständig abgesperrt. Etwa 200 eingesetzte Beamte unter der Leitung der Gestapo verhafteten die kleine ethnische Gruppe von etwa 130 Chinesen, brachten die Menschen zunächst in die Davidwache und von dort in das Untersuchungsgefängnis an der Holstenglacis. Dort wurden ihnen Pässe, Wertsachen und Geld abgenommen. Anschließend brachte man sie mit einem LKW in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, wo die meisten von ihnen mehrere Monate einsaßen. Nach Zeugenaussagen wurden viele von ihnen dort schwer misshandelt und gefoltert, einige überlebten die Torturen nicht.

Der Befehl für die Chinesenaktion wurde von Albert Schwelm, Leiter des Gestaporeferates IV 1c, gegeben; die Durchführung oblag dem Gestapobeamten Erich Hanisch. Im September 1944 wurden 60 bis 80 inhaftierte Chinesen in das Arbeitserziehungslager Langer Morgen verschleppt, von wo aus sie in den umliegenden Hafen- und Industriegebieten Zwangsarbeit leisten mussten. Sie blieben damit gewollt im Einflussbereich der Gestapo, anders als diejenigen, die nach einer Überstellung in das KZ Neuengamme der SS ausgesetzt waren. Siebzehn Chinesen überlebten das Lager nachweislich nicht, ihre Namen standen auf einer später verloren gegangenen Liste. Die Zahl der Opfer insgesamt wird um Einiges höher angenommen.

Von der Chinesenaktion betroffen waren zudem Frauen, die mit den verhafteten Chinesen befreundet waren, in Partnerschaft lebten oder in den chinesischen Gaststätten arbeiteten. Sie wurden ebenfalls festgenommen, verhört, teilweise in "Schutzhaft" genommen oder in Anstalten und Konzentrationslager deportiert.

Einige Überlebende kämpften nach dem Krieg vergeblich um eine Entschädigung. Wiedergutmachungsbehörden behaupteten, die Verfolgung sei nicht rassistisch motiviert gewesen. Die angerufenen Gerichte bestätigten diese Auffassung und urteilten, die Chinesenaktion sei ein gewöhnlicher polizeilicher Vorgang gewesen.

Einzelschicksale

Stolperstein für Woo Lie Kien

Gedenken

Alte Erinnerungstafel vor dem Bolzplatz Schmuckstraße (2011)

1996 installierten die Künstler Gerd Stange und Michael Batz in der Schmuckstraße eine Erinnerungstafel, die auf das Chinesenviertel und dessen Ende durch die Chinesenaktion hinwies. Im September 2012 ersetzte das St. Pauli-Archiv das über die Jahre marode gewordene Schild durch eine Tafel am Grünstreifen der Schmuckstraße Ecke Talstraße.

Gunter Demnig verlegte für 16 Opfer der Chinesenaktion Stolpersteine in der Schmuckstraße und am Hamburger Berg. Mit dem Dokumentarfilm Fremde Heimat thematisierten vier Studenten die Geschichte des Hamburger Chinesenviertels, der Chinesenaktion und das Leben von Chong Tin Lam, dem Gründer der Hongkong-Bar. An der Hongkong-Bar befindet sich eine Gedenktafel für Chong Tin Lam.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Lars Amenda: „Chinesenaktion“: Zur Rassenpolitik und Verfolgung im nationalsozialistischen Hamburg. Hamburg 2005, S. 119 ff.
  2. ↑ Lars Amenda: „Chinesenaktion“: Zur Rassenpolitik und Verfolgung im nationalsozialistischen Hamburg. Hamburg 2005, S. 124.
  3. ↑ Renate Hücking, Ekkehard Launer: Chinatown – Keine große Freiheit. In: Renate Hücking, Ekkehard Launer: Tuten & Blasen. Hamburger Hafenrundfahrten durch acht Jahrhunderte. Galgenberg Verlag, Hamburg 1989, ISBN 3-925387-42-0, S. 67–72, hier S. 72.
  4. ↑ Lars Amenda: Fremde, Hafen, Stadt: chinesische Migration und ihre Wahrnehmung in Hamburg 1897–1972. S. 124.
  5. ↑ Lars Amenda: „Chinesenaktion“: Zur Rassenpolitik und Verfolgung im nationalsozialistischen Hamburg. Hamburg 2005, S. 131.
  6. ↑ 1945 sterben müssen – Hamburger Einzelschicksale, abgerufen am 8. Mai 2014.
  7. ↑ Renate Hücking, Ekkehard Launer: Chinatown – Keine große Freiheit. S. 71.
  8. ↑ Hanna Huhtasaari: Opium und Pils vom Fass – Hamburgs vergessene Chinatown, Spiegel online, 6. September 2011; Ein Stück China auf St. Pauli, Hamburger Abendblatt vom 26. Januar 2012
  9. ↑ Mitten in Hamburg – eine Zeitreise nach Chinatown, Hamburger Abendblatt vom 26. Juli 2008
  10. ↑ 1945 sterben müssen – Hamburger Einzelschicksale, abgerufen am 8. Mai 2014.
  11. ↑ stolpersteine-hamburg.de: Woo Lie Kien
  12. ↑ St. Pauli-Archiv: Gedenktafel an das Chinesenviertel in St. Pauli (Memento vom 6. Dezember 2013 im Internet Archive) (PDF; 389 kB), abgerufen am 8. Mai 2014.
  13. ↑ Fremde Heimat. Ein Dokumentarfilm