Christoph Engemann (* 1972 in Paderborn) ist ein deutscher Medienwissenschaftler. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medientheorie und Mediengeschichte der Digitalität, Künstliche Intelligenz, Medien der Staatlichkeit sowie die Genealogie der Transaktion. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich (SFB) 1567 „Virtuelle Lebenswelten“ an der Ruhr-Universität Bochum.
Engemann studierte Psychologie an der Universität Bremen. 2015 promovierte er in Medienkulturwissenschaft mit der Dissertation Der Wille ein Selbst zu Schreiben – Gouvernemedialität der Digitalen Identität.
Von 2003 bis 2006 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS) und hielt in denselben Jahren Non-Residential Fellowships an der Law School der Stanford University (Center for Internet and Society). Von 2007 bis 2008 lehrte er am Science, Technology and Society Program der University of Texas at Austin. Von 2009 bis 2013 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM) der Bauhaus-Universität Weimar, anschließend bis 2016 an der DFG-Kollegforschergruppe „Medienkulturen der Computersimulation“ der Leuphana Universität Lüneburg. 2018 war er Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte der Leuphana Universität Lüneburg, 2019–2020 Postdoc Digitalisierung und Gesellschaft an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar. 2021 hatte er eine Gastprofessur für Medienwissenschaft an der School of International Studies der Zhejiang University in Hangzhou inne. Seit Juli 2022 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 1567 „Virtuelle Lebenswelten“ an der Ruhr-Universität Bochum.
Engemanns zentrales theoretisches Konzept ist die Gouvernemedialität (englisch: Governmediality), das er gemeinsam mit Boris Traue entwickelte und seit 2006 auf der Website governmediality.net ausarbeitet. Es bezeichnet die strukturelle Verschränkung von Medien und Regieren: Medien sind demnach nicht bloß Werkzeuge staatlicher Kommunikation, sondern die konstitutive Infrastruktur staatlichen Handelns selbst. Jede Transaktion – jeder Vertrag, jeder Verwaltungsakt – setzt staatlich kontrollierte Referenzmedien voraus: amtliche Zeit, amtliche Raumordnung (Kataster, Grundbuch), amtliche Identifikation (Personenstandsregister, Biometrie, Passmedien) und amtliche Wertreferenz (Währungsmonopol). Der Staat ist in dieser Perspektive nicht Rahmen oder Garant von Transaktionen, sondern deren konstitutive Infrastruktur.
Engemanns frühe Forschung gilt den Medien staatlicher Identifikation und ihrer Transformation durch die Digitalisierung. In seiner Monographie Electronic Government – Vom User zum Bürger (2003) analysiert er, wie E-Government-Systeme versuchen, den anonymen Internetnutzer in den rechtlich adressierbaren, haftbaren Staatsbürger zu überführen. In späteren Arbeiten entwickelt Engemann das Konzept der vier Expropriationen moderner Staatlichkeit: Neben Marx' Expropriation der Arbeitsmittel, Webers Expropriation der Gewaltmittel und Torpeys Expropriation der Bewegungsfreiheit beschreibt er als vierte Expropriation die staatliche Aneignung der Referenzmedien für Raum, Zeit, Identität und ökonomischen Wert – die Grundlage jeder modernen Transaktion.
Mit dem Konzept der Transaktionalität erweitert Engemann den klassischen Transaktionsbegriff grundlegend. In seinem Aufsatz You cannot not transact (2014) zeigt er in Analogie zu Watzlawicks Kommunikationsaxiom: Unter digitalen Bedingungen ist jede Handlung – auch das scheinbar private Surfen, das Nicht-Kaufen, das Verlassen einer Seite – eine Transaktion, die Datenspuren erzeugt. Nach den Snowden-Enthüllungen unterscheidet Engemann zwischen deklarativer Identität (was eine Person in Formularen über sich angibt) und relationaler Identität (was aus der Verknüpfung von Datenpunkten über sie inferiert wird, ohne ihr Zutun).
In seinen KI-bezogenen Arbeiten verbindet Engemann Peirceanische Zeichentheorie mit Medientheorie im Anschluss an Kittler. Machine-Learning-Trainingsdatensätze begreift er als Indexikalitätsarbeit: Sie sind Korpora von Körperspuren – Bilder, Töne, Texte –, die als Indizes funktionieren. Das Modell lernt Körper zu erkennen, indem es Muster in diesen Spuren abstrahiert. Daraus folgt: Welche Körper als normal gelten, welche Kategorien als binär oder kontinuierlich konzipiert sind, wird durch die Komposition der Trainingsdaten vorentschieden, nicht erst durch den Algorithmus. Gemeinsam mit Andreas Sudmann gab er dazu den Sammelband Machine Learning. Medien, Infrastrukturen und Technologien der Künstlichen Intelligenz (2018) heraus.
Neben seinen Kernthemen hat Engemann sich mit Computersimulation und Klimawissenschaft, mit Augmented Reality und SLAM-Algorithmen, mit der Mediengeschichte sozialer Graphen sowie mit militärischer Anthropologie beschäftigt. In seiner 2025 erschienenen Monographie Die Zukunft des Lesens (Matthes & Seitz) wendet er seine medientheoretischen Instrumente auf die Transformation der Lese- und Schreibkulturen durch Künstliche Intelligenz an.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Engemann, Christoph |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Medienwissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 1972 |
| GEBURTSORT | Paderborn |