Christopher Caudwell

Christopher Caudwell (eigentlich: Christopher St. John Sprigg; * 20. Oktober 1907 in Putney bei London; † 12. Februar 1937 am Jarama, Spanien) war ein englischer Autor und marxistischer Theoretiker.

Leben

1907 in Putney bei London geboren, brach er, sechzehnjährig, seine Schullaufbahn an der Benediktiner-Schule von Ealing ab und arbeitete zunächst drei Jahre als Reporter am „Yorkshire Observer“. Nach der journalistischen Tätigkeit in einer Provinzzeitung trat Caudwell in einen Londoner Verlag für Luftfahrtwesen ein, zunächst als Redakteur, aber bald schon wurde er dessen Direktor. Neben seiner Tätigkeit als Luftfahrtingenieur und Herausgeber von Fachbüchern und der Zeitschrift „Aircraft Engineer“ schrieb er sieben Kriminalromane, Kurzgeschichten und Gedichte. Im Mai 1935 erschien unter dem Pseudonym „Caudwell“ der Roman „This my hand“.

Seit dem Sommer 1935 beschäftigte sich Caudwell (in Cornwall) eingehend mit den Schriften von Marx, Engels und Lenin. Im gleichen Jahr begann er, in London, mit der Arbeit an seinem Werk „Illusion and Reality - A Study of the Sources of Poetry“ und trat der Kommunistischen Partei Großbritanniens bei.

Nach einer Reise nach Paris und Berührungen mit der linken „Volksfrontbewegung“ in Frankreich, kehrte er nach London zurück, überarbeitete „Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit“ und begann mit den Arbeiten an „The Crisis in the Physics“. Caudwell war ein disziplinierter Schriftsteller, der sich seinen Arbeitstag minutiös einteilte; daneben agitierte er für die kommunistische Partei.

Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges fuhr er nach Spanien und trat am 11. Dezember 1936 in das Britische Bataillon der Internationalen Brigaden ein. Am 12. Februar 1937 starb Christopher Caudwell in der Schlacht am Jarama.

Rezeption

Christopher Caudwell war zeitlebens ein Außenseiter, der sowohl im englischen Literaturbetrieb wie auch in der Parteihierarchie der kommunistischen Partei keine wesentliche Rolle eingenommen hat. So geriet er nach seinem Tod zunehmend in Vergessenheit. Erst in den fünfziger Jahren begann die kommunistische Partei, seine Positionen zu diskutieren.

In England und Deutschland ist die Beschäftigung mit seinen Schriften nach wie vor eher marginal; in den USA bezeichneten ihn René Wellek und Peter Demetz jedoch als „einzig ernstzunehmenden Erben Mehrings und Plechanows“. Sie „betrachteten seinen Versuch, „Marxismus und Anthropologie“ zu einer neuen Theorie von den Ursprüngen der Dichtung zu vereinen, als absolut gelungen.“ Die bisher gründlichste Studie über Caudwell publizierte Samuel Hynes.

Der deutsche Komponist Helmut Lachenmann schrieb 1977 sein Stück Salut für Caudwell, in dem zwei Gitarristen u. a. einen Text von Caudwell rezitieren.

Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit

Das Werk „Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit“ unternimmt den Versuch, die Entstehung der Poesie, ihren Begründungszusammenhang aus den ökonomischen Gegebenheiten der jeweiligen Gesellschaften und ihre geschichtliche Entwicklung aus dem Blickfeld einer materialistischen Ästhetik zu interpretieren.

Thesen

„Der nicht vorhandene wirkliche Gegenstand erscheint als phantastisches Objekt in der Vorstellungswelt. Der Mensch wird durch die Heftigkeit des Tanzes, den Lärm der Musik und den hypnotischen Rhythmus der Verse aus der gegenwärtigen Wirklichkeit, in der es noch keine Ernte gibt, in eine Phantasiewelt versetzt, in der diese Dinge phantastisch existieren.“
Diese Imagination, so Caudwell, liefere den Mitgliedern des Stammes die Energie, für die Gestaltung ihrer Wirklichkeit tätig zu werden.
„Die Poesie färbt die Welt der Wirklichkeit mit affektiven Tönungen. Die affektiven Tönungen sind nicht ‚hübsch‘, denn es handelt sich um die wirkliche Welt der Notwendigkeit und große Poesie verhüllt die Blöße der äußeren Notwendigkeit nicht, nur um sie mit dem Glanz des Interessanten zu umgeben.“
Poesie ist durch ihre gesellschaftliche Bedeutung, im Gegensatz zum Traum, schöpferische Arbeit.
„Die große Masse der Menschen liest die Poesie nicht mehr, empfindet sie nicht mehr als Notwendigkeit, versteht sie nicht mehr, weil sich die Poesie mit der Entwicklung ihrer Technik vom konkreten Leben abgewendet hat; dabei bildet diese Entwicklung nur das Gegenstück eines ähnlichen Vorgangs in der Gesellschaft insgesamt.“
Er endet mit der Vision einer kommunistischen Poesie, die sich wieder bewusst und kollektiv der Gestaltung der Wirklichkeit zuwendet:
„Die kommunistische Poesie wird vollständig sein, weil sich der Mensch seiner eigenen Notwendigkeit ebenso bewußt wird wie der äußeren Wirklichkeit.(...) So ist die Kunst eine der Voraussetzungen für die Selbstverwirklichung des Menschen und zugleich eine seiner Wirklichkeiten.“

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Vgl. Christopher Caudwell: Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, Frankfurt a. M. u. a. 1975 (s. Literatur), Nachwort von Peter Hamm, S. 305.
  2. 1 2 3 Vgl. Christopher Caudwell, Nachwort von Peter Hamm, S. 306.
  3. ↑ Vgl. Christopher Caudwell, Nachwort von Peter Hamm, S. 307.
  4. 1 2 3 4 Vgl. Christopher Caudwell, Nachwort von Peter Hamm, S. 308.
  5. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 25.
  6. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 40–42.
  7. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 57
  8. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 118–123.
  9. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 201–274.
  10. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 221.
  11. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 222.
  12. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 275–304.
  13. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 298.
  14. ↑ Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, S. 303.
Personendaten
NAME Caudwell, Christopher
ALTERNATIVNAMEN Sprigg, Christopher St. John (wirklicher Name)
KURZBESCHREIBUNG englischer Autor und marxistischer Theoretiker
GEBURTSDATUM 20. Oktober 1907
GEBURTSORT Putney bei London
STERBEDATUM 12. Februar 1937
STERBEORT am Jarama, Spanien