Čitalnica

Čitalnica (Lesesaal) im Volkshaus (Ljudski dom) Šentvid bei Ljubljana 1912

Der Begriff Čitalnica (slowenisch [t͡ʃiˈtaːlnit͡sa], Mehrzahl: Čitalnice, slowenisch für Lesesaal/Lesehalle - auch Leseverein oder Lesegesellschaft) bezeichnete im 19. Jahrhundert eine spezifische Form des Kulturvereins, der im slowenischen Sprachbereich eine bedeutende Rolle zukam bei den Bemühungen um kulturelle Identität und Förderung sowie um politische Gleichberechtigung im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn.

Geschichte

Die Blütezeit der Čitalnice lag zwischen 1861 und dem Ende der 1860er Jahre. Die erste slowenischsprachige Čitalnica wurde 1861 in Triest gegründet, gefolgt von Gründungen in Marburg an der Drau und Laibach im selben Jahr. Die Bewegung verbreitete sich schnell über das gesamte slowenische Sprachgebiet innerhalb der Habsburgermonarchie: 1869 existierten bereits 57 slowenische Lesevereinigungen mit 4000 Mitgliedern, vor allem aus der Mittelschicht im Kronland Krain, dem Österreichischen Küstenland (in den Gebieten Triest, Istrien, Görz) und dem Herzogtum Steiermark.

Bezeichnung

Die slowenischen Lesevereine waren zur Zeit ihrer Existenz unter der Bezeichnung Narodna čitalnica (wörtlich: Nationale Lesehalle / Nationaler Lesesaal) bekannt (Beispiel: Narodna čitalnica v Celju). Im historischen Kontext des 19. und frühen 20. Jahrhunderts existierten in den Ländern der Habsburgermonarchie (Krain, Steiermark, Küstenland) drei gängige deutsche Übersetzungen. Da es sich bei diesen Institutionen meist um organisierte Vereine mit eigenen Räumlichkeiten handelte, variiert die Übersetzung, je nachdem, ob der Vereinscharakter oder das Gebäude im Vordergrund stand:

  • (Slowenischer/Slawischer) Leseverein ist die historisch in amtlichen Dokumenten, Zeitungen und Protokollen der Donaumonarchie am häufigsten verwendete Übersetzung.
  • Nationaler Lesesaal. Diese Übersetzung betont den konkreten Ort des Geschehens und wird auch in der modernen Geschichtswissenschaft sehr häufig genutzt. Beispiel: In zeitgenössischen Berichten über die lokale Infrastruktur hieß es oft, man habe einen „nationalen Lesesaal“ (oder schlicht „slowenischen Lesesaal“) eingerichtet.
  • Nationale Lesehalle. Das Wort Halle (analog zu „Turnhalle“ oder „Tonhalle“) wurde im 19. Jahrhundert im Deutschen sehr gerne für größere, repräsentative Vereins- und Versammlungsstätten genutzt. Beispiel: Für größere Institutionen in Städten wie Ljubljana (Laibach), Triest oder Maribor (Marburg an der Drau) findet man in alten deutschen Texten oft den Begriff „Nationale Lesehalle“.

Hintergrund zum Begriff „Narodna“: In der Zeit der Habsburgermonarchie wurde das Wort narodna (national) von den deutschsprachigen Behörden oder der deutsch-freiheitlichen Konkurrenz oft durch das konkrete Ethnonym ersetzt, um Unklarheiten zu vermeiden. Aus einer Narodna čitalnica wurde im deutschen Sprachgebrauch daher meistens direkt ein „Slowenischer Leseverein“.

Ziele

Die Lesevereine sollten vorrangig dazu beitragen, die slowenische Sprache zu fördern, sie im öffentlichen Raum zu verbreiten und dadurch das Nationalbewusstsein der Slowenen im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn zu stärken.

Den Verantwortlichen war es wichtig, neben dem Bildungsauftrag die Vereinsangebote und Räumlichkeiten zu gesellschaftlicher Kontaktpflege und für Veranstaltungen in slowenischer Sprache zu nutzen, und zwar exklusiv für die Vereinsmitglieder.

Aktivitäten

Die Čitalnica war ein Ort, an dem Menschen zusammenkamen, sich bildeten und ihre Meinungen austauschten. Charakteristisch für die Vereine waren Kulturabende mit Reden, Musik- und Theateraufführungen, die man als „bésede“ („Wörter“ auf Slowenisch) bezeichnete. Sie wurden anlässlich von Feierlichkeiten, Feiertagen und für wohltätige Zwecke durchgeführt. Bésede wurden zu Keimzellen des öffentlichen musikalischen Lebens im slowenischen Sprachgebiet. In diesem Rahmen entwickelte sich der Wunsch nach Bildung zentraler Einrichtungen zur Förderung der allseitigen Entwicklung der Musik. Als die erste und wichtigste solcher Einrichtungen entstand 1872 die Laibacher Musikvereinigung Glasbena matica.

Ab 1867 organisierten die Vereinsmitglieder vermehrt öffentliche Veranstaltungen. Möglich wurde dies durch die von der österreichischen Dezemberverfassung genehmigten Versammlungsfreiheit. Anlässe waren zunächst Ehrungen von Personen, die sich um die slowenische Kultur verdient gemacht hatten, später wurden auch politische Themen vorgetragen. Diese Aktionen werden als Vorläufer für die kurz darauf einsetzende Tabor-Bewegung angesehen.

Standorte (Auswahl)

Celje: Narodna čitalnica v Celju, gegründet 1861 oder 1862, Cerkno 1869, Kranj 1863, Ljubljana 1861, Maribor 1861, Novo mesto 1865, Šentvid nad Ljubljano, heute Distrikt Šentvid 1866.

Wichtige Personen

Die treibenden Kräfte hinter der slowenischen Lesevereine-Bewegung waren Intellektuelle, Politiker, Geistliche und Literaten

Politische und organisatorische Vordenker

Hierzu werden gezählt:

Literaten und Kulturträger der Bewegung

Die Lesevereine brauchten Inhalte – Lieder, Theaterstücke und Gedichte auf Slowenisch. Mehrere bedeutende Autoren prägten die Abende der Vereine:

Pioniere in den Regionen

Die Bewegung startete außerhalb des heutigen slowenischen Kernlandes.

Ende der Bewegung

Nach der turbulenten Phase in den 1860er Jahren flaute das Interesse bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich ab. Andere Organisationen (politische Parteien, Sportvereine wie Sokol) übernahmen die kulturellen und politischen Aktivitäten der Lesevereine. Da die Lesegewohnheiten zunehmend individualisierter wurden, kam es zunehmend zur Gründung von Volksbibliotheken (Ljudska knjižnica), wie in Postojna für 1905 als Initiative der örtlichen Čitalnica 1905 dokumentiert.

Gesellschaftliche Bedeutung und Erbe

Die Čitalnice werden vielfach als Vorläufer moderner Kulturinstitutionen in Slowenien genannt und als bedeutender Beitrag für die Entwicklung der kulturellen Identität und des slowenischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert (siehe Programm Vereintes Slowenien). In direkter Nachfolge standen die Massenveranstaltungen der Tabor-Bewegung.

Tabor-Bewegung

Die „Tabore“ genannten Freiluft-Volksfeste und Kundgebungen wurden von der slowenischen Nationalbewegung in den gemischtsprachigen Gebieten der Untersteiermark und Krain organisiert. Zehntausende Menschen forderten die Gleichberechtigung der slowenischen Sprache, die kulturelle und politische Einheit der Slowenen.

Literatur

Siehe auch

Commons: Slovene reading societies – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Neues lausitzisches Magazin: unter Mitwirkung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Die Gesellschaft, 1874 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. ↑ Daniela Simon: Die bedrohte Ordnung der Vielfalt. Kulturelle Hybridität in Istrien, 1870-1914. transcript Verlag, Bielefeld 2024, ISBN 978-3-8394-7154-8, S. 93 ff. (transcript-verlag.de [PDF]).
  3. ↑ Branko Marušič: Vereine, Verbände und Parteien in den Adrialändern A. Die Vereinstätigkeit im österreichischen Küstenland (Triest, Görz-Gradisca, Istrien). In: Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Band VIII/1. Vereine, Parteien und Interessenverbände als Träger der politischen Partizipation. Band VIII: Politische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft Teil 1: Vereine, Parteien und Interessenverbände als Träger der politischen Partizipation. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2006, S. 541–585 (austriaca.at [PDF]).
  4. ↑ Matthias Krüger, Isabella Woldt: Im Dienst der Nation: Identitätsstiftungen und Identitätsbrüche in Werken der bildenden Kunst. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2015, ISBN 978-3-05-008981-2 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. ↑ Maruša Mlakar: Vpliv čitalnic na izobraževanje odraslih na Slovenskem : metode izobraževanja v čitalnicah in primer Narodne čitalnice v Ljubljan (Der Einfluss von Lesesälen auf die Erwachsenenbildung in Slowenien). In: Univ. v Ljubljani, Filozofska fak., Oddelek za pedagogiko in andragogiko (Hrsg.): Diplomarbeiten, Universität Ljubljana. Ljubljana 2010, S. 141 (cobiss.net).
  6. ↑ Urška Perenič: Empirično-sistemsko raziskovanje literature : konceptualne podlage, teoretski modeli in uporabni primeri (Empirisch-systematische Literaturforschung. Konzeptionelle Grundlagen, theoretische Modelle und Anwendungsbeispiele). Slavistična knjižnica, Slavistično društvo Slovenije, Ljubljana 2010, ISBN 978-961-6715-07-2 (zdsds.si [PDF]).
  7. ↑ Ivan Klemenčič: Slowenische Musik zwischen dem Europäischen und dem Originellen. In: France Bernik, Reinhard Lauer (Hrsg.): Die Grundlagen der slowenischen Kultur. Bericht über die Konferenz der Kommission für interdisziplinäre Südosteuropa-Forschung im September 2002 in Göttingen. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2010, ISBN 978-3-11-022077-3, S. 284 (adw-goe.de [PDF]).
  8. ↑ Nataša Cigoj Krstulović: Uvod v glasbeno delo čitalnic na Slovenskem. In: Muzikološki zbornik (Musicological Annual) XXXII. Univerza v Ljubljani, Filozofska fakulteta, Oddelek za muzikologijo, 1996, abgerufen am 17. Mai 2026 (slowenisch).
  9. ↑ Gemeinde-Zeitung: unabhängiges politisches Journal (Hrsg.): Vodnik-Feiern durch slowenische Leseverine. Band 13. Wien 5. Februar 1874 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. ↑ Balduin Saria: Die ersten slowenischen Tabore zu Luttenberg und Sachsenfeld im Jahre 1868. Ein Beitrag zum steirischen Anteil an der Nationswerdung der Slowenen. In: Historischer Verein für Steiermark (Hrsg.): Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark. Band 60. Graz 1969, S. 85–105 (historischerverein-stmk.at [PDF]).
  11. ↑ Narodna čitalnica v Celju (1862–1927). Abgerufen am 17. Mai 2026 (slowenisch).
  12. ↑ DNB, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Abgerufen am 17. Mai 2026.
  13. ↑ 150 let Narodne čitalnice v Kranju. Abgerufen am 17. Mai 2026 (slowenisch).
  14. ↑ Institut für kunst-und musikhistorische Forschungen: Laibach (deutsch für slowenisch Ljubljana). 2002, abgerufen am 17. Mai 2026.
  15. ↑ 150 let čitalništva in šolstva v Šentvidu nad Ljubljano. Abgerufen am 17. Mai 2026 (slowenisch).
  16. ↑ Zgodovina – Mestna knjižnica Postojna. Abgerufen am 17. Mai 2026.
  17. ↑ Martin Moll: Politische Organisationen und öffentlicher Raum in der Steiermark. In: Helmut Rumpler, Peter Urbanitsch (Hrsg.): Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Band VIII: Politische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft, 1. Teilband: Vereine, Parteien und Interessenverbände als Träger der politischen Partizipation. Wien 2006, S. 397–449 (austriaca.at [PDF]).