Innenstadtmaut

„Electronic Road Pricing“ in Singapur

Als Innenstadtmaut (auch Citymaut) wird die Erhebung von Gebühren in Form einer Maut für die Nutzung innerstädtischer Verkehrsinfrastruktur bezeichnet. In Deutschland wird derzeit das Modell der Umweltzonen bevorzugt.

Allgemeines

In der Schweiz wird hauptsächlich der aus dem Englischen stammende Begriff Road-Pricing (Straßenbenutzungsgebühr) oder Mobility-Pricing (Gebühr für Straße und ÖV) verwendet. Im englischsprachigen Raum selbst hingegen wird die Innenstadtmaut Londons mit dem Begriff Congestion Charge („Staugebühr“) bezeichnet, Die erste Citymaut weltweit wurde 1975 in Singapur eingerichtet.

Es gibt verschiedene Innenstadtmaut-Modelle, die sich hinsichtlich Bemessung und Zahlung der Preise bzw. Gebühren, der räumlichen Implementation und Technik der Gebührenerhebung unterscheiden. Bisher realisierte Vorhaben haben häufig ein Kordonsystem implementiert, das heißt die Einfahrt in einen bestimmten innerstädtischen Bereich (sogenannten „Gebührenring“) wird mit einer Gebühr belegt. Die Erhebung der Gebühren kann beispielsweise via Vignette, Mautstation (bemannt oder unbemannt), fahrzeugintern (englisch on-board unit) oder fahrzeugextern (englisch Post-pay-Verfahren) erfolgen.

Ziele

Mit der Einführung von städtischen Straßenbenutzungsgebühren sind vor allem folgende praktische Ziele verbunden:

Ökonomische Theorie

Aus Sicht der neoklassischen Volkswirtschaftslehre sind Straßen öffentliche Güter, die sich von privaten Gütern durch Nicht-Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität unterscheiden. Dies bedeutet, dass das Gut durch Benutzung nicht „konsumiert“ wird und Einzelne gewöhnlich nicht von der Nutzung ausgeschlossen werden. Aus diesem Grunde müssen Straßen zumeist vom Staat gebaut werden, denn der Markt selbst stellt sie nicht in ausreichendem Maße bereit.

Auf einer stark ausgelasteten Straße behindern sich jedoch die Nutzer gegenseitig, wodurch eine gewisse Rivalität entsteht. Wenn nun ein individueller Benutzer diese Straße benutzt, beeinträchtigt er damit andere, bezieht dies jedoch nicht in sein Kalkül ein. Ein externer Effekt entsteht, der ohne Eingriff eine wohlfahrtsoptimierte Entscheidung verhindert und zu Marktversagen führt. Eine Innenstadtmaut kann diesen Mangel beheben. Um dies zu erreichen, sollte sie genau so hoch sein wie die durch den Benutzer verursachte Behinderung Dritter; indirekt bezieht der Nutzer dies so in sein Kalkül ein.

Im Idealfall sollte sich die Gebühr deshalb an die aktuelle Auslastung der Straße anpassen. So sollte sie beispielsweise während der Hauptverkehrszeiten deutlich höher sein als in der verkehrsarmen Nacht. Eine Maut mit fester Gebühr wie etwa die Londoner Congestion-Charge erreicht dieses Ziel nur teilweise, da sie tagsüber nicht variiert und auch das Ausmaß der Behinderung Dritter (beispielsweise die Dauer der Fahrt) nicht in Betracht gezogen wird.

Im Zusammenhang mit dem Individualverkehr gibt es noch weitere externe Effekte wie etwa Umweltbelastungen mit überregionaler Auswirkung (z. B. Kohlenstoffdioxid-Emissionen), welche jedoch auch durch eine allgemeine Mineralölsteuer abgefangen werden kann.

Aus Sicht der orthodoxen (neoklassischen) Ökonomie ist es also generell sinnvoll, für die Nutzung überlasteter Straßen eine Maut zu erheben.

Lage in verschiedenen Regionen

In 14 europäischen Städten gibt es derzeit (Stand Januar 2023) eine Citymaut.

Deutscher Sprachraum

Norwegen

Großbritannien

Zone der Innenstadtmaut in London bis zum 18. Februar 2007

Italien

Schweden

Schild „Trängselskatt“ in Stockholm.

Stockholm

Der große Versuch 2006
2006 lief in der schwedischen Hauptstadt Stockholm der erste praktische Versuch, Straßenbenutzungsgebühren in der Innenstadt einzuführen. 1997 scheiterte ein Vorschlag zur Einführung von Gebühren (die sogenannte Dennis-Vereinbarung). Dazu beschloss die sozialdemokratische Führung der Stadt unter großem Druck von der sozialdemokratischen Regierung 2003, Straßenbenutzungsgebühren vorläufig im Rahmen eines Versuchs einzuführen, die sogenannte Trängselskatt, frei übersetzt Stausteuer. Dieser begann am 3. Januar 2006 und lief bis zum 31. Juli 2006.
Im Detail sah der Versuch vor:
  • Um die Innenstadt wird ein Mautcordon gezogen. Jeder Übertritt über diese imaginäre Grenze ist mit der Entrichtung einer Stausteuer verbunden. Ein Pendler zahlt also sowohl für die Einfahrt nach Stockholm, als auch für die Ausfahrt.
  • Je nach Tageszeit zwischen 1,10 und 2,20 Euro Stausteuer für die Ein- und/oder Ausfahrt in die Innenstadt.
  • Gebühren werden fällig werktags von 06:30 bis 18:29 Uhr. Maximal müssen 60 Kronen (ca. 5,38 Euro) pro Tag und Fahrzeug bezahlt werden
  • die Zielvorgaben, den Verkehr um 10–20 Prozent zu verringern und die Durchschnittsgeschwindigkeit deutlich zu erhöhen
  • die Gesundheitsbelastung der Einwohner durch Schadstoffe, Rußpartikel und Kohlenstoffmonoxid zu verringern.
Ergebnisse
Nach einem halben Jahr Probelauf zeigten sich folgende Ergebnisse: 23 % weniger Cordonübertritte (15,5 % weniger gefahrene Kilometer innerhalb des Cordons), 13 % weniger Feinstaubemissionen in der Innenstadt. Die Immissionslage blieb aber relativ unverändert. Die Rückgänge betrugen je nach Messpunkt bis zu 2 Mikrogramm je Kubikmeter Luft.
Im Anschluss an die Probephase fand am 17. September 2006 in der Stadt Stockholm gemeinsam mit allgemeinen Wahlen ein Referendum (Bürgerentscheid) über die dauerhafte Einführung von Straßenbenutzungsgebühren statt. Die Mehrheit, 53,1 % der abgegebenen Stimmen, sprach sich für die Einführung aus. Die Bewohner der Vorortsgemeinden waren von der Abstimmung ausgeschlossen. Es wurden aber in der Region mehrere lokale Abstimmungen durchgeführt, die durchgehend gegen die Einführung waren. Inzwischen findet sich aber auch in der Region eine deutliche Mehrheit für die Beibehaltung der Maut.
Akzeptanz
Das ganze Projekt war aus mehreren Gründen umstritten. Es wurde entgegen ausdrücklicher Versprechen der lokalen Sozialdemokraten unter Druck von der sozialdemokratischen Regierung eingeführt, um eine Reichstagsmehrheit für die Sozialdemokraten zu sichern (auf die Stimmen des Miljöpartiet de Gröna bauend). Das Referendum wurde auf die Stadt Stockholm begrenzt, obwohl die Kosten des Versuchs hauptsächlich von den Bewohnern der weiteren Region getragen wurde. Bei Stockholmern war das Projekt hinsichtlich der praktischen Handhabung umstritten, was auch in den Wahlen 2006 zum großen sozialdemokratischen Stimmenverlust auf lokaler und nationaler Ebene beitrug. 2010 unterstützten etwa 70 % der Stockholmer die Stausteuer.
Endgültige Einführung 2007
Nach den Wahlen 2006 war es unklar, ob die Innenstadtmaut zurückkommen würde. Innerhalb eines Monats entschloss sich aber die neue bürgerliche Mehrheit dafür, ab August 2007 das permanente System zu starten. Die Einnahmen sollen vorrangig in die Erhaltung des Straßennetzes fließen. Ausländische Autos, Einsatzfahrzeuge, öffentliche Busse und Autos von Schwerbehinderten waren bis zum 31. Dezember 2014 von der Maut befreit, seit dem 1. Januar 2015 werden auch sie erfasst. Die Ausnahmen für Autos mit alternativen Antrieben und Taxis wurden mittlerweile abgeschafft.

Göteborg

Eine Stausteuer nach Stockholmer Vorbild wurde am 1. Januar 2013 in Schwedens zweitgrößter Stadt Göteborg eingeführt.

Weitere

Abwandlungen der Innenstadtmaut

Zum Unterschied von der flächenhaften City-Maut gibt es verschiedene andere Varianten einer Maut in Städten, die meist an bestimmte Strecken (nicht Flächen) gebunden ist. Beispiele:

Diskurs

Politische Ebene

Nicht nur auf politischer Seite bestehen große Vorbehalte gegenüber einer Innenstadtmaut. Zum einen haben viele Politiker Bedenken, aufgrund der geringen öffentlichen Akzeptanz nicht wiedergewählt zu werden, wenn sie solche Maßnahmen einführen. Andererseits zeigt die Abstimmung in Stockholm (s. o.) und die Wahlkampagne des Londoner Bürgermeisters Ken Livingstone, dass die Akzeptanz steigt und inzwischen sogar politische Mehrheiten möglich sind.

Ökonomische Theorie

Ein allgemeiner Einwand gegen Straßenbenutzungsgebühren ist, dass sie die reichen Autofahrer bevorzugen und die armen Autofahrer benachteiligen würden. Denn ein Nutzungsentgelt von z. B. zwei Euro je Fahrt hat für eine Person mit einem niedrigen Einkommen einen anderen Wert als für eine Person mit einem hohen Einkommen (abnehmender Grenznutzen des Geldes). Daher ist es wichtig, dass die Einnahmen aus einer City-Maut nicht in den allgemeinen Haushalt einer Stadt fließen, sondern zielgenau in die Verbesserung des Öffentlichen Nahverkehrs investiert werden, so dass sie als Nahverkehrsabgabe einzustufen sind. So können diejenigen, die wegen der Maut auf das Autofahren verzichten, kompensiert werden. Zum anderen profitieren auch alle Bürger, die gar kein Auto besitzen, von den besseren ÖPNV-Verbindungen. Dies muss in der sozialen Gesamtbewertung einer Maut berücksichtigt werden.

Literatur

Wiktionary: Innenstadtmaut – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Siehe auch

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ «Es ist falsch, das Auto zu verteufeln» tagesanzeiger.ch, Artikel vom 4. Juli 2016
  2. ↑ Mobility- statt Road-Pricing nzz.ch, Artikel vom 13. Februar 2014
  3. ↑ Overview of Urban Road Tolls (Memento des Originals vom 17. November 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  4. ↑ A. Knie, W. Canzler, R. Tech, H.G. Prodoehl, S. Bustamante, M. Abel: City-Maut Berlin 2021. Verkehrswendebüro, 26. Juni 2020, abgerufen am 21. Januar 2021.
  5. ↑ Gutachten für Hamburg über die Einführung einer Citymaut, 2011 (261 S.; PDF; 6,6 MB)
  6. ↑ Kommunen sollen City-Maut testen dürfen. Der Spiegel, 25. April 2019, abgerufen am 21. Januar 2021.
  7. ↑ Endergebnis der Stadtwahlbehörde der Volksbefragung 2010 auf der Website der Stadt Wien
  8. ↑ Vassilakou will Citymaut für Einpendler (abgerufen am 28. Mai 2018)
  9. ↑ Durham Road User Charge Zone. In: durham.gov.uk. Durham County Council, 2025, archiviert vom Original am 4. August 2025; abgerufen am 11. September 2025 (englisch).
  10. ↑ Übersichtskarte London mit dem aktuellen mautpflichtigen Stadtgebiet BBC
  11. ↑ Oxford traffic filters: How they will work. In: oxfordshire.gov.uk. Oxfordshire County Council, archiviert vom Original am 17. Juli 2025; abgerufen am 11. September 2025 (englisch).
  12. ↑ Oxford temporary congestion charge. In: oxfordshire.gov.uk. Oxfordshire County Council, September 2025, archiviert vom Original am 11. September 2025; abgerufen am 11. September 2025 (englisch).
  13. ↑ Bericht der Stadt Stockholm über den Stockholmfösöket (PDF; 1,8 MB)
  14. ↑ Staffan Kihlström: Klart ja i hela länet till trängselskatt. In: Dagens Nyheter, 15. September 2006
  15. ↑ Congestion charges which save lives. (Memento vom 7. Mai 2016 im Internet Archive) Königlich Technische Hochschule, 22. Januar 2010
  16. ↑ Stockholm und Göteborg: Citymaut jetzt auch für Pkw aus dem Ausland. Website des Magazins reisen EXCLUSIV, abgerufen am 27. Januar 2015.
  17. ↑ Matthias Breitinger: Citymaut: „Die Deutschen gehen die Sache falsch an“. In: Die Zeit. 18. März 2013 (Interview mit Jonas Eliasson, Direktor des Zentrums für Verkehrsstudien an der Königlich Technischen Hochschule)
  18. ↑ Stockholm congestion tax in der englischsprachigen Wikipedia
  19. ↑ Gothenburg congestion tax in der englischsprachigen Wikipedia
  20. ↑ Autofahrer in Ungarn sollen Schulden des öffentlichen Nahverkehrs zahlen im Pester Lloyd vom 30. Januar 2012, abgerufen am 12. Februar 2012.
  21. ↑ Singapore Area Licensing Scheme in der englischsprachigen Wikipedia
  22. ↑ Karl-Hans Hartwig: City Toll: an Efficient Policy Strategy for Hanoi? (PDF; 4,4 MB) In: Hans-Heinrich Bass, Hans-Martin Niemeier (eds.): Institute for Transport and Development, Annual Report 2011/2012. Hochschule Bremen, Bremen, S. 26–34
  23. ↑ Ginia Bellafante: Congestion Pricing Is Coming. It Doesn’t Have to Be Painful. In: The New York Times. 8. September 2023, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 20. September 2023]).
  24. ↑ Putting Commuters First, Keeping Costs Down: Governor Hochul Unveils Plans for Future of Transit and Traffic in New York City, Including a 40 Percent Reduction in Congestion Pricing Tolls. In: governor.ny.gov. 14. November 2024, abgerufen am 17. November 2024 (englisch).
  25. 1 2 3 Tolling. In: Congestion Pricing Program in New York. Metropolitan Transportation Authority, 2025, abgerufen am 27. Februar 2025 (englisch).
  26. ↑ Dana Rubinstein, Grace Ashford: Hochul Pushes for Congestion Pricing Delay in Last-Minute Reversal. In: The New York Times. 5. Juni 2024 (englisch, nytimes.com [abgerufen am 5. Juni 2024]).
  27. ↑ Malta: Valletta - Charging Scheme
  28. ↑ MTA Bridges and Tunnels. In: mta.info. Metropolitan Transportation Authority, abgerufen am 5. Juni 2024 (englisch).
  29. ↑ Bridges and Tunnels Map. In: mta.info. Metropolitan Transportation Authority, abgerufen am 5. Juni 2024 (englisch).
  30. ↑ Toll rates for all Port Authority bridges & tunnels. In: panynj.gov. Port Authority of New York and New Jersey, abgerufen am 5. Juni 2024 (englisch).
  31. ↑ A. Knie, W. Canzler: Die Citymaut. Oekom, München 2020, ISBN 978-3-96238-268-1, S. 94 f.