Johan II. de Witt

Johan de Witt

Johan de Witt (auch Jan de Witt; * 27. Mai 1662 in Den Haag; † 24. Januar 1701 in Dordrecht) war der älteste Sohn des niederländischen Staatsmanns und Ratspensionärs Johan de Witt. Als Erbe seines Vaters trug er die Titel eines Heeren von Zuid- und Noord-Linschoten, Snelrewaard, Hekendorp und Ijsselveere. De Witt war Gelehrter, Sammler, Reisender als auch Sekretär von Dordrecht.

Leben

Seine Ehegattin Wilhelmina de Witt
Dessen jüngerer Sohn Cornelis de Witt (1696–1769)

Johan de Witt entstammte dem Dordrechter Geschlecht De Witt, einer der ältesten Patrizierfamilien Hollands; er wuchs in Den Haag auf, der Residenzstadt seines Vaters Johan de Witt. Nach dem frühen Tod seiner Mutter Wendela Bicker kümmerten sich auch seine Verwandten, Gerard Bicker (I) van Swieten und Catherina van Sijpesteijn, die im selben Haus wohnten um deren Neffen und Nichten. Seine beiden weiteren Onkeln Jean Deutz und Pieter de Graeff wurden Vormunden, und für die Abwicklung des mütterlichen Nachlasses zuständig. Nach der Ermordung seines Vaters und seines Onkels Cornelis de Witt 1672 wurde er mitsamt seinen vier Geschwistern und ihrem Großvater Jacob de Witt auf Schloss Ilpenstein in Sicherheit gebracht. Bis zu seiner Volljährigkeit befanden sich die jungen Geschwister De Witt in Obhut von Pieter de Graeff, eines weiteren Onkels.

Johan de Witt studierte Rechte an der Universität Leiden. Nach dem Studium bereiste er Deutschland, die Schweiz, Italien und Griechenland. 1688 wurde er zum Sekretär (Greffier) der Heimatstadt seines Geschlechts benannt. Aufgrund seiner Abstammung konnte er in der oranisch bestimmten Zeit der 1680/1690er Jahre jedoch keine wichtigen Ämter ausüben.

Am 25. März 1692 heiratete De Witt seine Cousine Wilhelmina de Witt (* 3. Juli 1671; † 7. Februar 1701), die jüngste Tochter seines Onkels Cornelis de Witt. Dieser Ehe entstammten die Söhne Johan und Cornelis (1696–1769) sowie die Tochter Wendela Maria (1693–1709). Die Bildnisse des Ehepaares De Witt befinden sich heute im Huis ten Bosch und im Gemeentemuseum in Den Haag.

De Witt als Gelehrter und Sammler

De Witt war ein anerkannter Gelehrter seiner Zeit, wenn er auch, wie ein Zeitgenosse bemerkte, aufgrund seines familiären Hintergrundes weniger in seiner Heimat, als in der gelehrten Welt des Auslandes in hohem Ansehen stand. Durch Reisen, so nach Frankreich und Italien 1685/1686 und durch seine Korrespondenz – unter anderem mit Claude Nicaise und mit Pierre Bayle – nahm er am wissenschaftlichen Austausch teil.

Besondere Verdienste erwarb er sich durch das Sammeln von Büchern und Handschriften. Schon sein Vater, nicht nur ein einflussreicher holländischer Politiker seiner Zeit, sondern auch ein vielseitiger Gelehrter und namhafter Mathematiker, hatte eine bedeutende Sammlung von Büchern, Manuskripten, Zeichnungen und Antiquitäten angelegt, die dann auch einem politischen Gegner den Anlass bot zu einer unter dem Namen seines Freunds und Ratskollegen Nicolaas Vivien publizierten Schmähschrift, welche sich als Auktionskatalog dieser Bibliothek ausgab. Der Sohn Johan de Witt setzte als Erbe der väterlichen Bibliothek dessen Sammeltätigkeit durch eigene Erwerbungen fort und kaufte unter anderem in Neapel eine der für die Forschung noch heute textgeschichtlich wichtigsten Lukian-Handschriften, die später in den Besitz von Robert Harley gelangte und heute als Codex Harleianus 5694 im British Museum aufbewahrt wird. Noch zu seinen Lebzeiten, im September 1696, wurden diese Sammlung oder Bestände daraus in Dordrecht zum Verkauf angeboten, mit einem Katalog, der die Sammlung als „collecta a Jano Albino J. V. D.“ („gesammelt von Janus Albinus, Doktor beider Rechte“) bezeichnet. Das Pseudonym Janus Albinus ist unschwer als Latinisierung des Namens „J(oh)an“ und „de Witt“ zu erkennen (nl. wit und lat. albinus sind Bezeichnungen der Farbe „Weiß“). In der Forschung ist allerdings strittig, ob dieses Pseudonym auf den Sohn Johan de Witt oder aber auf den Vater zu beziehen ist, der auch unter dem lateinischen Namen „Janus de Witt“ bekannt war. Unstrittig ist jedoch, dass der Sohn die väterliche Sammlung durch eigene Erwerbungen zumindest erweitert hat und auch an der Redaktion des Kataloges von 1696 beteiligt war.

Als Johan de Witt am 24. Januar 1701 und zwei Wochen später auch seine Ehefrau starb, kam der verbliebene Bestand seiner Bibliothek zur Sicherung des Unterhalts ihrer minderjährigen Kinder im Oktober und November desselben Jahres zum Verkauf. Der Katalog, von Johann Georg Graevius mit einer Einleitung und Würdigung seiner Verdienste versehen, verzeichnete 7878 Stücke, darunter 269 Manuskripte.

Kataloge der Bibliotheca Wittiana

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Greets genealogie. Gezinskaart van Gerard Bicker van Swieten (1632–1716)
  2. ↑ Saskia Kuus: De verkoop van een aantal van Wendela’s juwelen door Jacoba Bicker 24. Oktober 2020 johandewitt.nl .
  3. ↑ Graeff (Pieter de). In: Karel Johan Reinier van Harderwijk, Gilles Dionysius Jacobus Schotel (Hrsg.): Biographisch woordenboek der Nederlanden. Teil 7: G – Gijzels. J. J. van Brederode, Haarlem 1862, S. 350–351 (niederländisch, digitale-sammlungen.de,  dbnl.org).
  4. ↑ Van Sypesteyn, De geslachten de Witt (1886), S. 183.
  5. ↑ Die Memoiren eines anonymen französischen Zeitgenossen, hrsg. von Frederik Jan Louis Krämer, Mémoires de Monsieur de B. ou anecdotes, tant de la cour du prince d’Orange Guillaume III, que des principaux seigneurs de la république de ce temps. in: Bijdragen en Mededelingen van het Historisch Genootschap. Band 19, 1898, S. 62–124, beschreiben ihn als « un homme d’un mérite connu parmi tout ce qu'il y avait de gens savans dans l'Europe… admiré à Rome et en France, et négligé dans sa propre patrie par le malheur de sa famille » (deutsch: „ein Mann, dessen Verdienst in der gesamten gelehrten Welt Europas bekannt war … bewundert in Rom und in Frankreich, und vernachlässigt in seinem eigenen Vaterland infolge des Unglücks seiner Familie“) (S. 120).
  6. ↑ Anna Frank-van Westrienen: De groote tour. Tekening van de educatiereis der Nederlanders in de zeventiende eeuw. DBNL, 2006, online, S. 120, Anm. 94, behandelt sein französisches Visum für Italien und gibt die Beschreibung Johan de Witts an: „groot postuur, zwarte pruik“.
  7. ↑ Ein Brief Bayles an Graevius vom 17. Januar 1686 erwähnt einen persönlichen Besuch de Witts, Richard G. Maber: Publishing in the Republic of Letters: The Ménage–Grævius–Wetstein Correspondence 1679–1692, Rodopi, Amsterdam/New York 2005, ISBN 90-420-1685-X, S. 93f., S. 94 Anm. 1 books.google.com
  8. ↑ Ein Brief Bayles an Nicaise vom 26. Februar 1699 erwähnt einen Brief des letzteren, den Bayle durch de Witt erhalten hatte: Léon-G. Pélissier, Lettres de divers écrivains français, in: Bulletin du bibliophile et du bibliothécaire 1906, S. 114–132, hier S. 121ff., S. 122 Anm. 1 Online-Version
  9. ↑ Theo Verbeek, Erik-Jan Bos, Jeroen van de Ven (Hrsg.): The Correspondence of Rene Descartes 1643, Zeno Institute for Philosophy – The Leiden–Utrecht Research Institute, 2003, ISBN 90-393-3583-0, S. xxvi, online (Memento vom 21. Februar 2011 im Internet Archive)
  10. ↑ Catalogus van boecken in de byblioteque van Mr. Jan de Witt und Appendix van t Catalogus van de boecken van Mr. Jan de Wit, 1672
  11. ↑ Gruys, The library of „Janus Albinus“ at auction (1985)
  12. ↑ Van den Bergh, Two letters of Cornelis van Bijnkershoek (1984), gefolgt von Roethlisberger, Vente de Johan de Witt, Dordrecht 1696 (1996); in kritischer Auseinandersetzung mit Gruys auch wieder Van den Bergh, What became of the library of grand pensionary Johan de Witt (1625–1672)? (1998)
  13. ↑ So z. B. bei Pieter Vlaming (Petrus Vlamingius) im Vorwort zur postumen Ausgabe der Poëmata David van Hoogstratens, Amsterdam 1728, S. IX: "Janus de Witt, Judicum Praeses & Senator" (Online-Version)
  14. ↑ Kurzbeschreibung des Katalogs (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.) (engl.) auf vialibri.net
Personendaten
NAME Witt, Johan de
ALTERNATIVNAMEN Witt, Jan de; Witt, Jean de; Witt, Joannes de; Witt, Johannes de; Witt, Joanne de (lateinisch)
KURZBESCHREIBUNG niederländischer Patrizier und Bibliophiler
GEBURTSDATUM 27. Mai 1662
GEBURTSORT Den Haag, Holland, Republik der Sieben Vereinigten Provinzen
STERBEDATUM 24. Januar 1701
STERBEORT Dordrecht, Holland, Republik der Sieben Vereinigten Provinzen