Copihuito

Film
Titel Copihuito
Produktionsland DDR
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 1977
Länge 14 Minuten
Produktions­unternehmen DEFA
Stab
Regie Günter Jordan
Drehbuch
Kamera
Schnitt Ursula Walter

Copihuito ist ein Dokumentarfilm des DEFA-Studios für Dokumentarfilme von Günter Jordan aus dem Jahr 1977. Darin fertigen chilenische Kinder im DDR-Exil eine „Pionierzeitung“ an. Trickfilmelemente zeichnen die Eroberung Chiles durch die spanischen Konquistadoren nach.

Handlung

In Berlin treffen sich 1977 junge chilenische Pioniere, die sich mit ihren Eltern oder Verwandten wegen des Militärputsches in Chile 1973 im Asyl in der DDR befinden. Sie gestalten eine „Pionierzeitung“ mit dem Titel Copihuito für alle chilenischen Kinder, die in der DDR wohnen. Sie machen diese Zeitung, weil viele dieser Kinder Sehnsucht nach der Heimat haben, damit sie etwas zu ihrer Geschichte zu lesen bekommen und die spanische Sprache nicht verlernen.

Die Kinder erzählen, wie sie auf den Namen der Zeitung gekommen sind: Copihuito ist der Diminutiv von Copihue, die Nationalblume Chiles, sie ist wie das Blut, das vom chilenischen Volk vergossen wurde. Diese Blume ist bereits ein Symbol, seit die Indianer zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert gegen die Spanier gekämpft haben. Sie hat eine besondere Bedeutung für die Kämpfer, die die Unabhängigkeit erreicht haben, und für das Volk, das durch das Pinochet-Regime unterdrückt ist, denn die Blume bedeutet den Sieg für das Volk.

Während ein chilenischer Pionier einen Text auf einer alten mechanischen Schreibmaschine tippt, zeigen andere Jungen ihre Zeichnungen mit Männchen hoch. Eine Gruppe von Kindern beschäftigt sich mit dem Vervielfältigungsgerät, welches Probleme bereitet, die aber bewältigt werden.

Immer wieder gibt es Einblendungen verschiedener Zeichnungen im indianischen Stil aus der Geschichte Chiles von César Olhagaray, unterlegt mit Zitaten aus Pablo Nerudas Gedicht Der Große Gesang (Canto General). Darin wird die Geschichte des Kampfes von Lautaro gegen die Invasion von Pedro de Valdivia thematisiert. Darin wächst aus dem Blut Lautaros die Blume Copihuito.

Es werden aber noch andere Aktivitäten der chilenischen Pioniere gezeigt. So empfängt eine jubelnde Gruppe den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles Luis Corvalán mit seiner Frau, als diese von Erich Honecker auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld empfangen werden. Gegen Ende malen die chilenischen Kinder ein Wandgemälde im Stile von Olhagaray.

Produktion

Es ist unklar, wann die Aufnahmen für den Film entstanden. Die Ankunft Corvaláns in Berlin fand am 28. Januar 1977 statt und wurde im Dokumentarfilm Wir werden siegen durch die Solidarität – Venceremos con la solidaridad von Joachim Hadaschik verfilmt. Daraus stammt auch die Szene in Copihuito.

Regie führte Günter Jordan, der beim DEFA-Studio für Dokumentarfilme angestellt war und bereits andere Kurzfilme für ein junges Publikum gedreht hatte. Die gezeichneten Szenen stammten vom chilenischen Maler César Olhagaray. Er hatte in Chile Architektur studiert und floh in die DDR, wo er in Dresden ab 1973 Malerei studierte. Die filmische Umsetzung des Trickfilms stammt von Thomas Rosié und Hans Moser mit ihrer Produktionsfirma Moser + Rosié Film. Die Dramaturgie lag in den Händen von Gerda Stecher.

Die Uraufführung des auf ORWO-Color gedrehten Films fand am 23. September 1977 statt.

Filmanalyse

Text

Der Film setzt immer wieder Texttafeln für weitere Informationen. Zunächst wird das produzierende Studio, dann die beteiligten Personen und der Titel gezeigt. Dazu kommt ein Zitat von Luis Corvalán: „Die grauen Tage, die endlos erscheinen, werden wie alle Tage vergehen. Wir schauen mit berechtigtem Optimismus in die Zukunft. Es ist Pinochet, der sich vor dem Morgen fürchten muss. Venceremos.“ Die letzten beiden Sätze werden gegen Ende des Films wiederholt. Das Zitat nimmt Bezug auf das Lied Venceremos, das als Motto für den erhofften Sieg der Opposition gegen Augusto Pinochet steht.

Ton

Die Szenen im Klassenzimmer der Kinder enthalten den Originalton und die Stimmen der Kinder. Bei den ersten Szenen im Klassenzimmer sprechen die Kinder Spanisch und eine Sprecherin übersetzt zumindest einzelne Stimmen. Auch die Ankunft Corvaláns in Berlin ist im Originalton.

Musik

Anfang und Ende des Films werden vom chilenischen Lied Run Run se fue pa’l Norte bestimmt. Das Lied stammt von Violeta Parra und entstand in den 1970er Jahren. Darin besingt die Sprecherin ihren Mann „Run Run“, der nach Norden aufbricht und nicht zurückkehrt. Das Lied steht im Film symbolisch für den Verlust der Heimat durch die Exilchilenen.

Rezeption

Der Film wurde bei der ersten Ausgabe des Goldenen Spatzen 1979 gezeigt und Jordan erhielt ein Ehrendiplom. Im selben Jahr verwendete die exilchilenische Zeitung Araucaria de Chile einzelne gezeichnete Szenen von Olhagaray für ihr Deckblatt.

Der Film wurde 2008 in einer Retrospektive des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm und 2010 im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums in der Reihe „Migrantische Selbstbilder im deutschen und französischen Film“ gezeigt.

Im Jahr 2013 organisierte die Filmwissenschaftlerin Claudia Sandberg in Santiago de Chile eine Veranstaltung, bei der sie erstmalig DDR-Filme über Exil-Chilenen zeigte. Darunter war auch Copihuito. Insgesamt zeigte sich das Publikum überrascht von den Aufnahmen. In ihrer Geschichtsvorstellung wurde das Exil in der DDR immer als glückliche Epoche beschrieben.

Sandberg drehte außerdem 2016 mit Alejandro Areal Vélez einen Dokumentarfilm über verschiedene DEFA-Filme mit chilenischen Darstellern und ihre Vorführungen in Chile. Darin kommen auch zwei der damaligen Kinder zu Wort, die den Film schon wieder vergessen hatten. Sie sagen, dass sie von der Zeit in der DDR geprägt wurden, aber dass der Film nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus ihrem damaligen Leben zeigt. Aufgrund der ganzen Situation sei ihnen bewusst gewesen, dass sie anders sind als die anderen Kinder.

Copihuito wurde 2023 und 2025 in Chile erneut aufgeführt.

Auszeichnungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Marcy Campos Pérez: La campaña por la liberación de Luis Corvalán. El crepúsculo de una solidaridad antifascista con Chile a través de la pantalla (1973–1977). In: Papeles de trabajo. Band 18, Nr. 34. Universidad Nacional de San Martín, 2024, ISSN 1851-2577, S. 146 (spanisch, unirioja.es [PDF]).
  2. ↑ Renate Biehl: Biographien und Filmographien. In: Günter Jordan, Ralf Schenk (Red.): Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946–92. Berlin 1996, S. 407.
  3. ↑ Copihuito | DEFA Film Library. Abgerufen am 26. August 2026.
  4. ↑ Dietmar Eisold (Hrsg.): Lexikon der Künstler der DDR. Neues Leben, Berlin 2010, ISBN 978-3-355-01761-9, S. 680 f.
  5. ↑ Copihuito. In: archive.progress.film. Abgerufen am 8. September 2026 (englisch).
  6. ↑ Zeitstempel für Tafeln: Defa-Studio 0:24 bis 0:27; Filmstab 0:35 bis 0:46; Filmtitel 1:00 bis 1:04; Langzitat 1:26 bis 1:39; Kurzzitat 14:11 bis 14:22.
  7. ↑ Felipe Retamal: “Venceremos”: el emocionante himno para Allende que tuvo una segunda vida. In: latercera.com. 4. November 2020, abgerufen am 8. September 2026 (spanisch).
  8. ↑ Sonia Montecino: Runrunes y albertíos/madres y jardineras. Apuntes para una lectura de los imaginarios de género en algunos escritos de Violeta Parra - Sonia Montecino. In: Observatorio Cultural. 31. Mai 2021, abgerufen am 8. September 2026 (spanisch).
  9. ↑ Impressum: Araucaria de Chile, Nr. 5 (1979), S. 2. (Digitalisat)
  10. ↑ Programm Retrospektive 2008. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, abgerufen am 23. September 2026.
  11. ↑ Filmprogramm zu „Migrantische Selbstbilder im deutschen und französischen Film“. (PDF) Deutsches Historisches Museum, 2010, S. 22 f., abgerufen am 23. September 2026.
  12. ↑ Isabel Mardones Rosa: Claudia Sandberg: „Die DEFA-Filme haben in Chile ein zweites Leben erhalten“. Goethe-Institut Chile, September 2016, abgerufen am 23. September 2026 (spanisch).
  13. ↑ Claudia Sandberg, Alejandro Areal Vélez: Hidden Treasures, Hidden Films. In: screenworks.org.uk. Juli 2018, abgerufen am 23. September 2026.
  14. ↑ Claudia Sandberg, Alejandro Areal Vélez: Peliculas Escondidas/Hidden Films. Deutschland, Chile 2016, 33:14 bis 39:10.
  15. ↑ Cortos documentales DEFA - (estreno versiones restauradas). Centro Cultural La Moneda, 5. November 2023, abgerufen am 23. September 2026 (spanisch).
  16. ↑ Archivos Documentales Goethe-Institut Chile. Museo de la Moneda y los derechos humanos, 15. Oktober 2025, abgerufen am 23. September 2026 (spanisch).