Cord Benecke

Cord Benecke (* 22. März 1965; † 30. Dezember 2025) war ein deutscher Emotions- und Psychotherapieforscher, Psychoanalytiker und Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie.

Werdegang

Benecke wuchs auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide auf und reiste vor Beginn seines Studiums fast ein Jahr lang durch Afrika. Anschließend studierte er von 1987 bis 1994 Psychologie an der Universität des Saarlandes und war bereits in seiner Diplomarbeit mit Fragen zur Psychotherapieforschung beschäftigt, die später zu einem Schwerpunkt seiner Tätigkeit wurde. Nach dem Studium war er bis zu seiner Promotion im Jahr 2001 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich klinische Psychologie bei dem Affektforscher Rainer Krause tätig. Seine Dissertation wurde 2002 unter dem Titel Mimischer Affektausdruck und Sprachinhalt im psychotherapeutischen Prozeß veröffentlicht. Sie wurde mit dem Prädikat summa cum laude bewertet.

Von 1995 bis 2002 absolvierte Benecke eine psychoanalytische Weiterbildung am Saarländischen Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie, einer der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) angeschlossenen Weiterbildungseinrichtung. Im Jahr seines Examens erhielt er die Approbation als Psychologischer Psychotherapeut mit der Fachkunde für Analytische Psychotherapie sowie für Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Im Jahr 2002 erhielt er am Hanse-Wissenschaftskolleg ein Stipendium für den Bereich kognitive Neurowissenschaften. Von 2002 bis 2003 war Benecke am Institut für Theoretische und Angewandte Psychoanalyse der Universität Bremen bei Ellen Reinke wissenschaftlicher Mitarbeiter. Danach war er bis 2006 bei Eva Bänninger-Huber am psychologischen Institut der Universität Innsbruck tätig, wo er 2004 habilitiert wurde. Seine Habilitationsschrift Affekt, Repräsentanz, Interaktion und Symptombelastung bei Panikstörungen wurde 2006 veröffentlicht. Im selben Jahr erhielt er für zwei Jahre eine Universitätsprofessur an der Innsbrucker Universität. Danach war er bis 2010 stellvertretender Leiter des dortigen Instituts für Psychologie.

Im Jahr 2010 erhielt Benecke einen Ruf an die Universität Kassel, hatte seitdem die dortige Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie inne und bot unter anderem ein empirisches Projektseminar Klinische Psychotherapie-Prozessforschung an. Im Jahr 2024 war er der einzige Inhaber eines psychologischen Lehrstuhls an einer staatlichen Hochschule in Deutschland, der eine Ausbildung als Psychoanalytiker absolviert hatte.

Cord Benecke war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er starb im Alter von 60 Jahren am 30. Dezember 2025 nach schwerer Krankheit. Nach seinem Tod wurden zahlreiche Nachrufe verfasst, in denen neben seinen menschlichen Qualitäten seine Berufsarbeit in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern gewürdigt wurde, zu denen die Wirksamkeitsforschung, Nachwuchsförderung, Qualitätssicherung in Ausbildung und Praxis, Fortbildung und Berufspolitik gehörten. Nachrufe wurden unter anderem verfasst von der Universität Kassel, von der International Psychoanalytic University, von Eva-Lotta Brakemeier und Dietrich Munz im Psychotherapeutenjournal, von Stephan Doering, Miriam Henkel und Eva-Lotta Brakemeier im Deutschen Ärzteblatt. und vom Arbeitskreis Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD).

Wirken

Beneckes Forschungsschwerpunkte waren die klinische Emotionsforschung und die Psychotherapieforschung. Er beteiligte sich an der Ausbildung von Psychotherapeuten, engagierte sich berufspolitisch, war an verschiedenen Arbeits- oder Koordinierungsgruppen beteiligt, war Sprecher der Arbeitsgruppe Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) und Mitherausgeber verschiedener Fachzeitschriften.

Aufgaben- und Verantwortungsbereiche

Von 2003 bis 2021 gehörte Benecke der Forschungskommission der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) an, deren Leitung er zwischen 2009 und 2017 innehatte. Auf ihren Jahrestagungen stellt die DPG im Rahmen eines sogenannten Forschungsforums den Tagungsteilnehmern regelmäßig psychoanalytisch orientierte Forschungsprojekte und ihre Ergebnisse vor, an denen Mitglieder, Weiterbildungskandidaten und Gäste arbeiten. An den Präsentationen war Benecke mehrfach mit Beiträgen beteiligt.

Von 2009 bis 2020 war Benecke Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Lindauer Psychotherapiewochen und gehörte seit 2020 neben Peter Henningsen und Dorothea Huber der wissenschaftlichen Leitung an. Als Mitglied im Psychotherapie-Beirat Österreich arbeitete Benecke zwischen 2008 und 2010 in der Arbeitsgruppe zur Erstellung von Leitlinien zur Behandlung von Angststörungen mit und war an der Erarbeitung der AWMF-Leitlinie S3 beteiligt. Zwischen 2012 und 2018 war er für den Bereich Approbation Psychologische Psychotherapie Sachverständiger für das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP).

Benecke gehörte der Arbeitsgruppe Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) an, veröffentlichte darüber – beispielsweise schrieb er auf deren Website eine Einführung in das Verfahren – und war ab 2016 Sprecher der Arbeitsgruppe. Überdies organisierte er zu dieser psychodiagnostischen Methode Symposien, wie 2023 aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums der OPD und des zeitgleichen Erscheinens seiner dritten Version, wobei Benecke gemeinsam mit Heidi Möller zum Thema OPD und Management referierte.

Am Lou Andreas Salomé Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie beteiligte er sich an der Ausbildung und war unter anderem Supervisor für tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapien. Überdies war er Mitherausgeber von Fachzeitschriften, beispielsweise der Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, dem Organ der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM). Gemeinsam mit Lilli Gast, Marianne Leuzinger-Bohleber und Wolfgang Mertens gab er die bei Kohlhammer erscheinende Reihe Psychoanalyse im 21. Jahrhundert heraus.

Berufspolitische Arbeit

Mit der Psychotherapeutenausbildung war Benecke auch berufspolitisch befasst. Am 1. September 2020 trat 100 Jahre nach dem Tod von Wilhelm Wundt das neue Gesetz zur Reform der Psychotherapieausbildung in Kraft. Es stelle „die akademische Psychologie an den Hochschulen vor eine der größten Veränderungen ihrer Geschichte“, wie Ingo Jungclaussen in Report Psychologie – der Verbandszeitschrift des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) – schrieb. Benecke äußerte sich im Gespräch mit Jungclaussen unter anderem zu der Frage, ob wegen der Überbetonung der klinischen Psychologie Anlass zur Sorge bestehe, „es sei das Ende der Psychologie gekommen“. Das seien laut Benecke „Katastrophenszenarien“. Er glaube nicht, dass es „die seit Kurzem viel beschworene Einheit des Faches überhaupt je gegeben“ habe. Insgesamt sah Benecke in dem neuen Gesetz mehr Chancen als Risiken und meinte, manches sei „derzeit noch nicht vorstellbar, wahrscheinlich weil noch arg viele Klischees herumgeistern“.

Bei der Bundespsychotherapeutenkammer war Benecke Mitglied der Koordinierungsgruppe des Projekts „Transition“ zur Novellierung des Psychotherapeutengesetzes.

Rezeption

Unter dem Titel Freud lebt! befasste sich Fanny Jiménez 2016 in der Tageszeitung Die Welt mit einem Teil der Geschichte der Psychoanalyse im Vergleich mit der Verhaltenstherapie und sprach dabei unter anderem mit Cord Benecke. Er sei „einer der wenigen“ gewesen, „die schon vor Jahren versuchten, der Psychoanalyse einen empirischen Unterbau zu geben“. Die Psychoanalyse habe, so Benecke mit Blick auf die Psychotherapieforschung, „die letzten 30 Jahre verschlafen“ und es sei beschwerlich gewesen, die Kollegenschaft dafür zu gewinnen, sich an Wirksamkeitsstudien zu beteiligen. Dieser Schlaf sei laut Benecke „verhängnisvoll gewesen“, denn solche Studien benötigen insgesamt „etwa 15 Jahre“, was „kaum in eine normale Forscherbiografie“ passe. Inzwischen erscheine jedoch eine Langzeitstudie nach der anderen und belege die Wirksamkeit des Verfahrens.

Mitgliedschaften

Schriften (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. 1 2 Kopf der Woche: Cord Benecke. In: Universität Innsbruck. 1. August 2005, abgerufen am 4. April 2023.
  2. 1 2 3 4 5 6 Prof. Dr. Cord Benecke. In: Universität Kassel. Abgerufen am 22. März 2023.
  3. ↑ Jochen Metzger: Er ist wieder da – zumindest ein bisschen. Sigmund Freud starb vor 85 Jahren. Zuletzt haben seine Lehren an Bedeutung verloren. Doch jetzt steht die Psychoanalyse in Deutschland womöglich vor einem Comeback. In: Psychologie Heute. Nr. 7, 2024, S. 74–78, 76.
  4. ↑ Prof. Dr. Cord Benecke. In: Bestattung Stephan Sarg. Abgerufen am 1. Januar 2026 (deutsch).
  5. ↑ Miriam Henkel, Johannes Zimmermann: Nachruf. Zum Tod unseres Kollegen, Chefs und Freundes Prof. Dr. Cord Benecke. In: uni-kassel.de. Abgerufen am 4. April 2026.
  6. ↑ Nachruf auf Prof. Dr. Cord Benecke. In: ipu-berlin.de. International Psychoanalytic University Berlin, 2026, abgerufen am 4. April 2026.
  7. ↑ Eva-Lotta Brakemeier, Dietrich Munz: Zum Tod von Cord Benecke (1965–2025). In: psychotherapeutenjournal.de. 18. März 2026, abgerufen am 4. April 2026.
  8. ↑ Stephan Doering, Miriam Henkel, Eva-Lotta Brakemeier: Cord Benecke (22. März 1965 bis 30. Dezember 2025): Für Dialog und Verfahrensvielfalt. In: Deutsches Ärzteblatt Ausgabe 2/2026. Abgerufen am 4. April 2026.
  9. ↑ Arbeitskreis Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik: Prof. Dr. phil. Cord Benecke (22.03.1965 – 30.12.2025). In: opd-online.net. Abgerufen am 4. April 2026.
  10. ↑ Forschungsforum. In: Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft. Abgerufen am 26. März 2023.
  11. ↑ Wissenschaftliche Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen. In: Lindauer Psychotherapiewochen. Abgerufen am 26. März 2023.
  12. ↑ Cord Benecke: OPD eine Einführung. In: Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik. Abgerufen am 25. März 2023.
  13. ↑ Einladungsflyer steht als PDF zum Download bereit. Siehe Universität Kassel: Prof. Dr. Cord Benecke (Abgerufen am 19. Juni 2023)
  14. ↑ Lehranalytikerinnen und Lehranalytiker, Supervisorinnen und Supervisoren. In: Lou Andreas Salomé Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 4. April 2023; abgerufen am 25. März 2023.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  15. ↑ Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Klinische Erfahrung, Theorie, Forschung, Anwendungen. In: Kohlhammer. Abgerufen am 4. April 2023.
  16. ↑ Grundlagen der psychotherapeutischen Berufspolitik. In: Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten. Abgerufen am 4. April 2023.
  17. 1 2 Ingo Jungclaussen: »Es gibt jetzt eine Chance« Prof. Dr. Cord Benecke zur Reform der Psychotherapieausbildung. In: Report Psychologie. Band 45, Nr. 4, 2020, S. 28–30 (psy-dak.de [PDF; 769 kB; abgerufen am 25. März 2023]).
  18. 1 2 Fanny Jiménez: Freud lebt! In: welt.de. 28. Februar 2016, abgerufen am 23. März 2023.
  19. ↑ Herzlich willkommen im Lou Andreas-Salomé Institut! In: Lou Andreas Salomé Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie. Abgerufen am 25. März 2023.
  20. ↑ International Society for Facial Expression (ISFE). In: Union of International Associations. Abgerufen am 25. März 2023 (englisch).


Personendaten
NAME Benecke, Cord
KURZBESCHREIBUNG deutscher Psychologe, Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Psychotherapieforscher
GEBURTSDATUM 22. März 1965
STERBEDATUM 30. Dezember 2025