Craftbeer

US-amerikanischer Craft-Brauer beim Abwiegen des Hopfens

Craftbeer (auch Craftbier, von englisch craft „Handwerk“) ist eine Sammelbezeichnung für Biere, die nicht großindustriell, sondern handwerklich gebraut werden. Mitunter zeichnen sie sich durch unkonventionelle Mischungen verschiedener Hopfensorten aus. Häufig werden alte oder regionsuntypische Bierstile aufgegriffen und neu interpretiert.

Geschichte und Begriffsherkunft

Die Craft-Beer-Bewegung entstand Ende der 1970er Jahre in den Vereinigten Staaten als Reaktion auf den oligopolistischen, von Großbrauereien geprägten Biermarkt. 1978 erreichten die zehn größten Brauereien der USA erstmals einen gemeinsamen Marktanteil von über 90 Prozent.

Diese verzerrte Marktsituation war direkte Folge der Prohibition von 1920 bis 1933. Von bundesweit etwa 1300 lokal agierenden Brauereien mit angeschlossener Ausschank konnten nur Großbetriebe wie Miller oder Anheuser-Busch die Produktion nachhaltig auf alkoholarmes Near Beer, Root Beer oder Ginger Ale umstellen. Wenige Betriebe konnten weiters im großen Stil investieren und somit Flaschenabfüllung und den überregionalen Vertrieb durch eigene LKW-Transportflotten forcieren. Die Produktpalette wurde in den Folgejahren der Prohibition bewusst verknappt und war schließlich von charakterarmen, süffigen Lagerbieren geprägt.

Craftbrewing und Craftbier etablierten sich Ende der 1970er Jahre als Gegenbewegung zu den Großbrauereien mit ihren „Industriebieren“. Als wichtige Impulsgeber gelten mehrere Ereignisse:

Craftbrewer waren schließlich kleine, unabhängige Brauereien, die ihre Produkte in bewusster Konkurrenz und Abgrenzung zu den etablierten Großbrauereien als besonders hochwertig bewarben und Biere auf der Basis traditioneller europäischer Stile brauten. Die Zahl der Brauereien und Biermarken in den USA stieg daraufhin massiv an.

Definition der Brewers Association

Der US-Brauerverband Brewers Association unterscheidet drei Kategorien, von denen es 2015 mehr als 4000 Brauereien in den USA gab:

Der US-Craft-Bier-Verband Brewers Association klassifiziert Craft Brewer wie folgt:

Gemäß dieser Definition war 2015 etwas mehr als jedes zehnte in den Vereinigten Staaten gezapfte Bier ein Craftbeer. Dies entspricht 14 Prozent des Gesamtbierumsatzes in den USA.

Ein entsprechender Markt entwickelte sich auch in Großbritannien als Folge der Kampagne für traditionelle Ales. Die Anzahl der Brauereien in Großbritannien überstieg 2015 erstmals die Anzahl der Brauereien in Deutschland. Der weltweite Marktanteil der Craftbiere liegt bei ca. 2,5 % der jährlich gebrauten 2.000.000.000 hl, verbraucht aber 20 % der globalen Hopfenernte.

Für Craft- und Mikrobrauereien gibt es in den USA, Großbritannien, Deutschland und Italien Brauereianlagenhersteller, die einfache und kostengünstige Anlagen herstellen. Diese Anlagen sind speziell den geringeren Mengen und kleineren Chargengrößen angepasst.

Craftbier in Deutschland

Ein India Pale Ale
Craft-Bier-Stand auf dem Internationalen Berliner Bierfestival, 2013

Eine klare und präzise Definition für Craftbier gibt es in Deutschland nicht, da sich der Begriff nicht als Wortmarke schützen lässt. Zum Craft-Bier-Anbieter wird eine Brauerei nicht durch ein einzelnes Bier, sondern durch die gesamte Philosophie der Brauerei. Anfang 2017 gründete sich aus der deutschen Craft-Szene der Verband Deutscher Kreativbrauer e. V. Durch die größere Auswahl an Bieren entstanden neue Fachhändler, die mit Vinotheken zu vergleichen sind.

Traditionell waren konzernunabhängige Brauereien bereits weit verbreitet, wie Gasthofbrauereien, Hausbrauereien oder Brauhäuser. Seit Beginn der 2010er Jahre zeichnet sich in einigen Regionen der Trend zu Craftbrauereien ab. Bei einer Jahreserzeugung von weniger als 200.000 Hektolitern werden Brauereien in Deutschland durch eine geringere Biersteuer begünstigt, was auf rund 95 % der Brauereien in Deutschland zutrifft.

Fritz Wülfing führte 2010 als Erster in Deutschland den Begriff Craftbeer mit seinen „Fritz-ales“ ein. Den Namen seiner Biermarke musste er allerdings in AleMania ändern, da sich die Nordmann-Gruppe (Ratsherrn, Störtebeker, Fritz-Getränke-Vertrieb) den Namen „Fritz“ für alle Getränke gesichert hat. Dieser Getränkekonzern versuchte allerdings erfolglos, sich die Markenrechte für die Begriffe „Craft“ und „Craftbier“ schützen zu lassen.

Der Markt der Craft-Biere wurde auch von Großbrauereien erkannt. So hat die Bitburger Braugruppe die Marke Craft-Werk geschaffen. Die Radeberger Gruppe gründete als Zweig Die Internationale Brau-Manufacturen GmbH, die 14 Eigenkreationen und 25 Produkte von Partnern anbietet. Die Gestaltung von im Geschmack individuellen Bieren sowie die Werbung dafür gewinnt weiter an Bedeutung. Es werden Wettbewerbe im nationalen und internationalen Rahmen veranstaltet. Es gab im Sommer 2018 „jede Menge Craft-Beer-Festivals“ in Deutschland, so in Bremen, Berlin, München, in Köln, Düsseldorf oder Karlsruhe. Dabei setzt sich die Verbreitung in regionalen Bereichen fort.

Der Diplom-Braumeister und Biersommelier Oliver Wesseloh akzeptiert zwar, dass sich der Begriff „Craftbeer“ mittlerweile in Deutschland etabliert habe, vertritt aber die Ansicht, dass dieser nicht geeignet sei. Die Situation in Deutschland sei stets anders als in den Vereinigten Staaten gewesen. Der (neue) Begriff beziehe sich in Europa vor allem auf Kreativbier und auf Kreativbrauer. Von letzteren werden alte Bierstile wie Grutbier, Gose oder Berliner Weisse wiederentdeckt und neu interpretiert. Das Gleiche gilt so für weitere Stile wie India Pale Ale, Belgisch Wit oder Stout. So werden neue Biere auf der Basis zahlreicher verschiedener Hopfen- und Malzsorten entwickelt. Es werden speziell Aromahopfen und kreative Techniken wie das Hopfenstopfen (Kalthopfung) oder die Lagerung in Whisky-, Wein- oder Rumfässern genutzt.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Craftbeer. In: Duden, abgerufen am 3. August 2022.
  2. 1 2 Benedikt Ernst: Craft Beer. In: essen-und-trinken.de, abgerufen am 18. April 2017.
  3. ↑ Oliver Wesseloh, Julia Wesseloh: Bier leben: Die neue Braukultur. Rowohlt, 2015, S. 67.
  4. ↑ Craft Beer – Revolution des Biergeschmacks. (Memento vom 24. Oktober 2018 im Internet Archive) In: W wie Wissen, ARD, 17. September 2016.
  5. 1 2 Martin H. Stack: A Concise History of America's Brewing Industry. Hrsg.: EH.net – Encyclopedia of Economic and Business History. 2003.
  6. ↑ Oliver Wesseloh, Julia Wesseloh: Bier leben: Die neue Braukultur. Rowohlt, 2015, S. 48.
  7. 1 2 Eric Boehm: RIP Anchor Steam, the San Francisco Brew That Saved Craft Beer in America. In: Reason Foundation. 15. Juli 2023, abgerufen am 21. November 2024.
  8. ↑ Jeff Siegel: Tracing the History of Craft Beer. In: GuildSomm. 21. November 2023, abgerufen am 21. November 2024.
  9. ↑ Oliver Garrett: Jackson, Michael. In: Craft Beer And Brewing. Abgerufen am 21. November 2024.
  10. ↑ The Long Journey to Homebrew Legalization. In: American Homebrewers Association. Abgerufen am 21. November 2024.
  11. ↑ Sylvia Kopp: Das Craft-Bier Buch. Die neue Braukultur. Verlag Gestalten, Berlin 2014, S. 49.
  12. ↑ Oliver Wesseloh, Julia Wesseloh: Bier leben: Die neue Braukultur. Rowohlt 2015, Seite 48
  13. ↑ Garrett Oliver: The Oxford Companion to Beer. Oxford University Press, New York 2011, ISBN 978-0-19-536713-3, S. 270–271: Eintrag zu Craft brewing (englisch).
  14. ↑ Number of Breweries. Daten und Zahlen zu Brauereien in den USA bei der Brewers Association, abgerufen am 23. Mai 2014 (englisch).
  15. ↑ Craft Brewer Definition. Brewers Association, abgerufen am 24. August 2018.
  16. ↑ Inlandsabsatz der führenden deutschen Biermarken 2017 | Statistik. Abgerufen am 29. Mai 2019.
  17. 1 2 Nina-Anika Klotz: Craft Beer: Aus Schaum geboren. In: Zeit Online, 28. Oktober 2015, abgerufen am 18. April 2017.
  18. ↑ 2015 gab es im Vereinigten Königreich 1424 Brauereien , in Deutschland gemäß Statistischem Bundesamt 1388.
  19. ↑ Carsten Dierig: In der Hallertau dreht sich alles um den Hopfenanbau. In: welt.de. 18. Mai 2018, abgerufen am 7. Oktober 2018.
  20. 1 2 Konkurrenz in der Bier-Szene belebt den Geschmack. In: VDI nachrichten, 6. November 2015, Nr. 45, S. 12 f.
  21. ↑ Der Verein
  22. ↑ Mikro-Brauereien machen den „Großen“ Konkurrenz. (Memento des Originals vom 19. April 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. NDR, 16. März 2015.
  23. ↑ Höhe der Biersteuer. (Memento vom 19. Januar 2016 im Internet Archive) Website der Generalzolldirektion, abgerufen am 15. April 2017: „Kleinere Brauereien, deren Gesamtjahreserzeugung weniger als 200.000 Hektoliter beträgt, können ermäßigte Biersteuersätze in Anspruch nehmen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass sie rechtlich und wirtschaftlich von anderen Brauereien unabhängig sind. Der durch diese Ermäßigung ausgestaltete Schutz kleinerer Brauereien dient als strukturförderndes Element.“
  24. ↑ Statistisches Bundesamt, zitiert nach: Statistik Braustätten in Deutschland 2015. (Memento vom 5. Juli 2016 im Internet Archive) Deutscher Brauer-Bund.
  25. ↑ Stefan Kreuzberger: Craft Beer aus Bonn. Der deutsche Hopfenrebell. In: Slow Food Magazin 1/2017, S. 33ff
  26. ↑ 26 Biere mit Platin geehrt, Brauhaus Riegele und Brauerei Hertog Jan sind die Craft Brauer des Jahres 2018
  27. ↑ Die besten Craft-Beer-Festivals im Sommer 2018 (Memento des Originals vom 10. Januar 2019 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  28. ↑ Oliver Wesseloh, Julia Wesseloh: Bier leben: Die neue Braukultur. Rowohlt 2015, Seite 67
  29. ↑ Oliver Wesseloh, Julia Wesseloh: Bier leben: Die neue Braukultur. Rowohlt, 2015, Seite 69